Hinter den Kulissen

20 Eiffeltürme Kleider pro Jahr: Verein will Textil-Kreislauf schliessen

Galaxus ist neu Mitglied bei Fabric Loop. Der Verein will ein freiwilliges Textil-Recycling-System in der Schweiz aufbauen. Dazu nimmt er auch die Politik in die Pflicht.

Kleider machen Leute, schrieb Gottfried Keller. Diese Geschichte hier handelt vom Umgekehrten. Sie handelt von den Leuten, die Kleider machen wollen. Kleider aus Kleidern, die niemand mehr will.

200'000 Tonnen Kleider – und niemand weiss, wo die Hälfte bleibt

Fabric Loop heisst der neue Verein, der in der Schweiz ein freiwilliges Textil-Recycling-System aufbauen will. Auch Galaxus ist Mitglied. Geschäftsführerin Simone Alabor rechnet vor: «Jedes Jahr werden 200'000 Tonnen Textilien in die Schweiz importiert.» Das ist ungefähr das Gewicht von 20 Eiffeltürmen. In Jeans, T-Shirts, Socken und Bettwäsche.

Führt den Verein Fabric Loop: Simone Alabor.
Führt den Verein Fabric Loop: Simone Alabor.
Quelle: Fabric Loop

Ein Teil dieser Berge lässt sich zurückverfolgen. «60'000 Tonnen landen in der Textil-Sammlung und 40'000 Tonnen im Abfallsack», sagt Alabor. Bleiben 100'000 Tonnen übrig. Ein Teil hänge vermutlich in Kleiderschränken, ein anderer Teil werde zurückgeschickt und allenfalls komme ein Teil über den Gewerbeabfall in die Kehrichtverbrennungsanlage. Fakt ist: «Wir wissen es nicht genau», sagt Alabor.

Unbekannt ist auch, wie viele der Textilien, die in der Schweiz entsorgt werden, eigentlich verwertbar wären. Diese Datenlücke will Fabric Loop schliessen. Das Ziel der Branchenorganisation ist eine Sammelquote von 80 Prozent aller jährlich entsorgten Textilien.

In Dintikon prüft Galaxus die retournierten Textilien, ein Teil der noch brauchbaren Kleider wird gespendet.
In Dintikon prüft Galaxus die retournierten Textilien, ein Teil der noch brauchbaren Kleider wird gespendet.
Quelle: Manuel Wenk

Tendenz: mehr

Die 200'000 Tonnen dürften künftig noch weiter anwachsen. «Wir gehen davon aus, dass das Volumen tendenziell steigt», sagt Alabor. Mehr Bevölkerung heisst mehr Kleiderkäufe. Hinzu kommt Ultra-Fast-Fashion.

Das Problem hat ein globales Ausmass. Laut Angaben der EU gelangen immer mehr Textilien nach Europa, insbesondere aus Asien. Die Masse hat einen Rekordstand erreicht.

Immer mehr dieser Textilien werden aber nicht in der EU entsorgt, sondern in Asien und Afrika. Sie landen dort auf Müllbergen und verseuchen das Land. Oder werden auf lokalen Kleidermärkten zu Dumpingpreisen verkauft.

Vom Handelssystem zum Kreislauf

Hier kommt Fabric Loop ins Spiel. «Das heutige System ist faktisch ein Handelssystem», erklärt Alabor. Es funktioniere so, dass vor allem Bekleidung gesammelt werde. Ein Teil dieser Kleidung kann gewinnbringend verkauft werden. Daraus wird das System finanziert.

Was sich nicht verkaufen lässt, ist ein Kostenfaktor. Und genau das kippt laut Alabor gerade. Die Mengen nehmen zu, die Qualität ab, und die Absatzmärkte im Ausland haben sich zuungunsten der Sammler verändert. «Heute werden erste Container abgebaut und Gemeinden müssen vermehrt Zuzahlungen leisten. Die Zukunft der Textil-Sammlung steht auf dem Spiel.»

Fabric Loop will deshalb ein Kreislaufsystem aufbauen: Sammeln für Reuse und gleichzeitig Recycling fördern. Gesammelt werden soll künftig nicht nur Bekleidung inklusive Schuhe, sondern auch Heimtextilien und Arbeitskleidung.

«Bei diesem Ansatz kann auch ein löchriger Matratzenbezug plötzlich eine Ressource werden, denn darin sind wertvolle Fasern enthalten.» Finanziert werden soll das Ganze über einen vorgezogenen Beitrag. So wie beim Elektroschrott oder PET.

Fabric Loop sammelt, sortiert und bereitet dabei Textilien so auf, wie es für Recycling-Anlagen passt. Das wiederum gibt Recycling-Unternehmen Sicherheit, so dass sie stärker investieren und neue Fabriken bauen können.

Politik soll gegen Trittbrettfahrer-Problem helfen

Wie auch beim Elektro-Recycling zeichnet sich beim Textil-Recycling ein grundsätzliches Problem ab. «Wenn alle mitmachen, dann profitieren alle. Wenn Einzelne nicht mitmachen, dann verlieren alle», erklärt Alabor. Gemeint ist Trittbrettfahrerei.

Sobald das System steht, werden es Kundinnen und Kunden nutzen. Unabhängig davon, ob sich die jeweiligen Textil-Produzenten oder -Händler daran beteiligen. Der Effekt ist doppelt schädlich: Der Trittbrettfahrer spart den vorgezogenen Beitrag, und für alle anderen steigen die Kosten, weil sie seine Textilien mitbezahlen. «Trittbrettfahrer können ein ganzes System zum Kollaps bringen oder in unserem Fall dazu führen, dass es nie aufgebaut wird.» Über 30 Prozent der Marktmenge im Schweizer Textilhandel stammen von ausländischen Online-Plattformen. «Dass die freiwillig in einer Branchenlösung mitmachen, ist nicht realistisch.»

Deshalb hofft Alabor auf die Politik. Eine Motion der Zürcher Nationalrätin Regine Sauter fordert, dass sich Textilproduzenten und -händler um die Wiederverwertung kümmern müssen – Online-Plattformen inklusive. «Ohne diese Motion wird es erheblich schwieriger, eine Branchenlösung aufzubauen.»

Was ist für dich drin?

Für die Schweizer Gesellschaft bringt ein funktionierendes System zahlreiche Vorteile. Eine Sammlung, die nicht kollabiert und nicht laufend mit Steuergeld gestützt werden muss. Tiefere Abfallsackgebühren, weil künftig auch Heimtextilien in die Sammlung dürfen. Und ganz wichtig: Sortierung in der Schweiz statt im Ausland. «Wir möchten die regionale Wertschöpfung erhöhen.» Dazu kommt ein Secondhand-Markt, dem Alabor spürbares Entwicklungspotenzial zutraut.

Die Putzlumpen-Frage

Was ist eigentlich aus den zig Organisationen geworden, die früher aus alten Kleidern einfach Putzlumpen geschnitten haben? «Das gibt es noch heute», sagt Alabor. Putzlumpen und Dämmmaterial werden weiterhin produziert – nur grösstenteils nicht hier. 98 Prozent der in der Schweiz gesammelten Textilien werden exportiert, und auch die Verwertung findet zum grössten Teil im Ausland statt.

«Was fehlt, ist ein Faser-zu-Faser-Recycling, also ein Einsatz der recycelten Fasern im Textilmarkt.»

Aus dem alten T-Shirt wird also ein Putzlumpen. Aber noch kein neues T-Shirt. Genau das soll sich ändern. Leute machen wieder Kleider.

Wer auf dem neuesten Stand zum Schweizer Textil-Recycling bleiben will, kann sich auf der Website von Fabric Loop für den Newsletter anmelden.

11 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar

Beschäftige mich für Digitec Galaxus mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Abgesehen davon kauf ich gern Bücher und staple sie daheim. Tsundoku.


Politik
Folge Themen und erhalte Updates zu deinen Interessen

Mode
Folge Themen und erhalte Updates zu deinen Interessen

Hinter den Kulissen

Neuigkeiten zu Features im Shop, Infos aus dem Marketing oder der Logistik und vieles mehr.

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

Alle anzeigen

Weitere Beiträge aus dem Magazin

3 Kommentare

Avatar
later