Hintergrund

10 Fragen an Dragqueen «La Rica»

Dragqueens sind facettenreiche Verwandlungskünstlerinnen. «La Rica» ist eine von ihnen. Ein Blitzinterview.

Wie bist du zu deinem Künstlernamen gekommen?
La Rica: Rica, oder La Rica (sie/ihr) ist eine simple Ableitung meines bürgerlichen Namens Rico, mit dem ich vor allem in der argentinischen Ballroom-Community unterwegs bin. Eigentlich hat er sich einfach ergeben. Es war an meinem letzten Geburtstag, als ich am Voguen war. Meine Freund*innen haben mich mit «dale Rica, dalo todo» angefeuert, also «los Rica, gib alles». Seither verwende ich diesen Namen. Er ist nicht besonders kreativ, aber ich mag das Spiel mit meinem bürgerlichen Namen.

Wie sieht Ricos Alltag aus?
Aktuell arbeite ich als Glacé-Verkäufer*in während des Sommers in Zürich, im September bin ich zurück in Buenos Aires, wo ich seit eineinhalb Jahren lebe. Ich schreibe als Freelance-Journalist*in über LGBTIQA+-Anliegen, unter anderem fürs Display-Magazin und für das deutsche Medium queer.de. Ansonsten gebe ich Workshops zum Thema «Gender» und berate Firmen, wie sie sich intern so aufstellen können, dass sie sensibel für das Thema sind, ohne einfach nur nach aussen Pinkwashing zu betreiben.

Was unterscheidet deinen Drag-Charakter von deiner Person?
Ich frage mich manchmal, was der wirkliche Drag-Charakter ist. Ich glaube, dass meine längste Drag-Performance eigentlich die des PR-Beraters war. Mit mir persönlich hatte das schon auch zu tun, aber vieles war einfach erlernt. Mensch studiert das Wording, die Konzepte, die sozialen Codes, die es zur Ausübung eines Marketing-Jobs braucht und dann spielt mensch alles einfach ab: Customer Journey, Mehrwert generieren etc. Ich würde jetzt nicht sagen, dass mich all das nie interessiert hat. Ich fand die PR-Werbewelt spannend, aber diese Wichtigkeit, die Lohnarbeit gerade in der Schweiz für die eigene Identität einnimmt, ist ziemlich krass. Es ist ja auch meist die erste Frage beim Small Talk. Mein Drag-Charakter ist davon aber auch inspiriert. Ich spiele oft mit dem Image einer Boss Bitch, die eigentlich den Neoliberalismus kritisch sieht, das Spielchen aber trotzdem perfekt beherrscht und das Beste draus macht. Sich nimmt, was sie will.

In drei Worten: Meine Drag-Looks sind …
... nie eine Verkleidung.

Wie bist du zu dieser Kunstform gekommen?
Durch die Ballroom-Kultur. In Buenos Aires bin ich ziemlich aktiv in dieser Szene unterwegs. Das heisst, ich gehe an Bälle und laufe dort in unterschiedlichen Kategorien. Dort lasse ich mich auch gerne inspirieren. An meinem ersten Ball vor rund eineinhalb Jahren liess ich mich noch von jemand anderem schminken. Das Ergebnis war super, nur wusste ich, dass auch ich mir solche Make-up-Skills aneignen wollte. Dann habe ich die «Escuela Drag» entdeckt, eine Drag-Schule in Buenos Aires. Dort habe ich mich angemeldet und mehrere Kurse besucht. Plötzlich war ich völlig angefressen von Drag als Kunstform. Mitunter, weil es eben auch sehr politisch ist.

Was gibt die Travestiekunst dir?
Der Begriff «Travestie» ist lustig, irgendwie sehr altmodisch, aber ich mag ihn noch. In Argentinien bedeutet «travestí» trans. Viele argentinische trans Frauen verwenden den einst abwertend benutzen Begriff für sich selbst. Auf Deutsch ist das natürlich eine andere Geschichte. Zur Frage: Die Travestiekunst gibt mir sehr viel Gendereuphorie. Also eine überschwängliche Freude, mich selbst und meine Non-Binarität zu entdecken. Ich mag es, mein Geschlecht zu verqueeren. Es ist eine Reise, die für mich erst gerade begonnen hat.

Vor einem Auftritt …
... bin ich nervös und unsicher. Vor allem, wenn ich all die anderen unglaublich talentierten Menschen um mich herum sehe.

Auf den Bällen fühle ich mich …
... wie im Rausch.

Foto: Ezequiel Spadaro
Foto: Ezequiel Spadaro

Womit schminkst du dich am liebsten?
Mit den Farben der argentinischen Marke «Holzer».

Was bedeutet Schönheit für dich?
Schönheit ist wie die Geschlechterbinarität auch ein soziales Konstrukt, dem ich mich leider nicht entziehen kann. Ich versuche aber, mich nicht zu sehr von der verzerrten Instagram-Filter-Ästhetik beeinflussen zu lassen. Als ich mit Drag begann, dachte ich: Uiii nein, warum sehe ich denn noch die Struktur meiner Haut unter dem Make-up, und das, obwohl ich mir vier Stunden lang einen Look geschminkt habe? Ganz einfach, weil die Haut eben eine Struktur hat. Die darf man ruhig sehen. Das ist menschlich.

Im Kurzformat «10 Fragen an …» interviewe ich spannende Persönlichkeiten. Mal zu ihrer Expertise, mal zu ihrer Leidenschaft oder ihrem Lebensstil. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Themen.

Bilder: Rico / La Rica

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Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich. 


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