

«007 First Light»: das beste James-Bond-Game seit «Goldeneye»
«Goldeneye» darf nach 30 Jahren in den Ruhestand. Mit «007 First Light» liefert IO Interactive – die Meister hinter «Hitman» – das ultimative Bond-Erlebnis, auf das Fans seit dem N64-Klassiker gewartet haben.
«Bond, James Bond.» Wenn nach knapp zehn Stunden Spielzeit dieser Kultspruch fällt, grinse ich so zufrieden wie ein Bösewicht in seinem Vulkandomizil. Lange musste ich warten, bis ein Spiel dieser Franchise endlich wieder gerecht wird.
Nach einer Durststrecke mit Flops wie «007 Legends» gelingt dem dänischen Studio IO Interactive ein echtes Kunststück. Das Spiel fängt den Geist der Filme perfekt ein: von der Nostalgie der Klassiker bis zum modernen Action-Kino, verpackt in ein packendes Agenten-Abenteuer.
Bond vs. Quantencomputer
Das Cover verrät es bereits: In «007 First Light» schlüpfe ich in die massgeschneiderte Haut eines jüngeren James Bond. Zu Beginn ist er noch kein Doppel-Null-Agent. Erst nachdem er sich auf einer Mission in klassischer Bond-Manier den Anweisungen widersetzt und Gefangene vor dem sicheren Tod bewahrt, wird der MI6 auf das Naturtalent aufmerksam. Dass er dabei ein wertvolles Artefakt in Schutt und Asche legt? Ein Kollateralschaden für Königin und Vaterland.
Zurück in London erfährt Bond von M, dass der Geheimdienst auf die digitale Unterstützung des Quantencomputer Theia setzt. Der hat Bonds ruchlosem Vorgehen eine winzige Erfolgswahrscheinlichkeit von einem Prozent attestiert. M ist daher überzeugt, dass es weiterhin das menschliche Element braucht. Sie schickt ihn nach Malta, wo er sich sechs weiteren angehenden Agenten in der Ausbildung anschliessen soll.

Der Malta-Abschnitt fungiert als Tutorial, zieht sich jedoch zäh wie ein Verhör durch Spectre. Das Spiel hätte mir Bonds Fähigkeiten auch während den Missionen beibringen können. Immerhin lerne ich meine Kameraden kennen. Das Trio, das sich um den angehenden Agenten bildet, liefert sich einen charmanten Schlagabtausch – sprachlich und körperlich.
Der irische Schauspieler Patrick Gibson verkörpert den jungen Draufgänger mit Bravour. Besonders sein verschmitztes Grinsen fängt das Wesen der Figur ein. Wie erwartet, hat dieser Bond für jede brenzlige Situation den passenden Spruch parat. Erreicht er anfangs noch nicht ganz den stoischen Charme eines Craigs oder den trockenen Witz eines Moores, wird er im Verlauf des Spiels immer stilsicherer.
Spielplatz für Spione
Als die angehenden Agenten im Ausgang ihren ersten Auftrag erhalten, nimmt das Spiel langsam Fahrt auf. Statt auf ihren freien Abend anzustossen, müssen sie zusammenarbeiten und eine Person ausfindig machen. Ich kann mich dabei frei durch den Club bewegen.

Als Erstes gilt es, den VIP-Bereich zu infiltrieren. Hier glänzt die «Hitman»-Expertise von IO Interactive. Es gibt unzählige Wege zum Ziel. Viele Informationen erhalte ich durch klassische Spionage: Ich belausche Gäste und Personal, erfahre Codewörter oder finde heraus, wo das Stempelkissen für den Zutritt versteckt ist.
Ich entscheide mich für den diskreten Weg. Hier kommen Qs Gadgets zum Einsatz. Mit meiner Uhr könnte ich der Kassiererin ein Gift injizieren, das für schnelle Ablenkung sorgt. Da sie jedoch charmant ist, manipuliere ich lieber die Lautsprecheranlage. Ein kurzer Moment der Verwirrung reicht aus, und ich bin drin – ohne dass jemand etwas bemerkt hat.
Im VIP-Bereich ist die Zielperson schnell lokalisiert. Per Smartphone-Hack extrahiere ich die Daten. Dafür darf sie nie mehr als ein paar Meter entfernt sein. Kurz bevor der Hack komplett ist, entwischt die Person in einen noch exklusiveren Bereich. Also setze ich auf Bonds grösste Waffe: seine Überzeugungskraft. Mit gesammelten Fokus-Punkten schwindle ich mich seelenruhig am Wachpersonal vorbei. Alternativ hätte ich mich auch als Kellner tarnen oder durch den Lagereingang schleichen können – die Missionen bieten viel spielerische Freiheit.
Lasst die Spiele beginnen
Das erste echte Highlight von «007 First Light» ist die Mission, die ich an der Gamescom zu sehen bekam. Es ist der erste Ernsteinsatz der Agententruppe. 009 hat die Seiten gewechselt. An einem extravaganten Schachturnier in einem slowakischen Schloss sollen wir seine Pläne kreuzen. Dafür kurve ich, getarnt als Chauffeur, durch ein lauschiges Wäldchen und lade meine Kollegen am Eingang ab. Die Position auf dem Parkplatz wird Bond aber schnell langweilig. Als er einen Pagen sieht, der äusserst verdächtig einen Koffer über das Geländer wirft, wird er aktiv.

Die Lokalität umfasst ein riesiges Anwesen mit mehreren Stockwerken, Garten und Keller. Bei der Verfolgung des Pagen verschaffe ich mir zuerst Zutritt zum Event. Als Chauffeur lässt man mich nicht rein. Die direkteste Methode wäre es, der Security einen Giftpfeil anzuschiessen und mich an ihr vorbeizuschleichen – langweilig. Ausserdem müsste ich danach wieder Chemikalien sammeln, um die Fähigkeit aufzuladen.
Stattdessen angle ich mich an einem Geländer entlang, schleiche an den rauchenden Wachen vorbei und werfe ein Feuerzeug in einen Eimer voller Laub. Das anschliessende Feuer nutze ich, um gelassen durch den Eingang zu spazieren.
Besonders erfrischend: Fehler führen nicht sofort zum Game Over. Nachdem ich in der Waschküche mit einem Staubsauger eine Wache ablenke und mich an ihr vorbeischleiche, laufe ich direkt ihrem Kollegen in die Hände. Bevor mir einfällt, dass ich mich verbal hätte retten können, fliegen schon die Fäuste. Statt mich an einen Checkpoint zurückzusetzen, macht das Spiel einfach weiter. Gegner können zwar Verstärkung rufen und irgendwann werde ich meistens überwältigt, die Mission läuft aber fürs Erste weiter.

Geschüttelt, nicht gerührt: die Action
Die Kämpfe sind angenehm flüssig und ich kann schnell auf spezielle Angriffe reagieren. Auch wenn ich den Prügelknopf hämmere, kann ich im allerletzten Moment einen Schlag parieren oder ausweichen. Die Schlägereien stehen denen der Filme in nichts nach. Ich nutze die Umgebung, um Köpfe in Schrankscheiben zu schlagen. Werfe ein Bügeleisen auf einen heranstürmenden Gegner und setze einen anderen mit meiner Laser-Uhr ausser Gefecht.
Bei den erfreulich gezielt gesäten Schiessgefechten, in denen Bond die Lizenz zum Töten erhält, bin ich noch mehr gefordert. Gegner kreisen mich ein, zerschiessen meine Deckung und werfen Granaten nach mir. Sie machen mir ordentlich Druck. Die klassische Rumsitzen-und-warten-bis-sie-den-Kopf-rausstrecken-Taktik funktioniert nicht. Auch hier nutze ich die Umgebung zu meinem Vorteil. Mit den Q-Gadgets verwandle ich Feuerlöscher oder Schaltschränke in tödliche Fallen. Oder ich schiesse auf die zahlreichen roten Fässer und Kanister, die auch bei den Bond-Schergen Hochkonjunktur haben. Wer kann es ihnen verübeln?

Ist der Raum gesäubert, geht es weiter, ohne dass sofort das gesamte Schloss in Alarmbereitschaft versetzt wird. Das ist zwar nicht immer logisch, hält aber den Spielfluss hoch. Die KI ist allerdings nicht immer die Hellste und Gegner zucken teilweise nicht mit der Wimper, wenn fünf Meter neben ihnen ein Kollege über das Geländer fällt. Soll sich die Suva drum kümmern.
Britischer Humor und Gadgets nach Mass
Der Humor kommt Franchise-typisch nicht zu kurz. Bond ist meist über ein Funkgerät im Austausch mit seinen Mitagenten oder Moneypenny, die ihn von der Zentrale aus unterstützt. Fast jede Situation wird mit einem Spruch kommentiert, gelegentlich ein flacher, meist aber ein witziger. So sagt Bond zu Moneypenny, als er gerade eine attraktive Genetikerin kennenlernt:
- Bond: Ich mag Frauen, die experimentieren.
- Moneypenny: Jesus, James!
- Bond: Weil sie eine Wissenschaftlerin ist.
Genau mein Niveau. Vor den Missionen mache ich einen Abstecher ins Labor von Q. Der Cheftüftler von MI6 stellt mir seine neuesten Erfindungen vor. Bond-typisch kann ich es nicht unterlassen, bei den anderen Stationen vorbeizuschauen und alles anzufassen. Da löse ich einen Schleudersitz aus, dort crashe ich eine multi millionen teure Drohne und einen Kollegen erblindet fast, weil ich seine Schreibtischlampe einschalte, die keine normale Lampe, sondern eine Blendgranate ist. Warum genau, wurde ich noch nicht entlassen?

Für jede Mission wähle ich drei, später vier Q-Gadgets aus. Meine Favoriten sind das Dart Phone, um Gegnern Übelkeit zu bescheren, der Laser-Aufsatz, um Schlösser zu knacken und der Raketen-Stift, der eine Rakete abfeuert.
Damit ausgestattet, geht es von der Slowakei, die mit einer spektakulären Flugzeugverfolgungsjagd endet, weiter auf einem Schwarzmarkt in Mauretanien. Die Hinfahrt mit dem Jeep durch rote Dünen erinnert mich an die Bildgewalt von «Uncharted». Inklusive beeindruckendem Moment, wenn wir über einen Hügel fahren und sich vor uns ein riesiger Schiffsfriedhof enthüllt, der von Waffenschmugglern, Drogendealern und sonstigen Gestalten zum Umschlagplatz umfunktioniert wurde.
Auch in dieser Mission bewege ich mich frei durch eine riesige Menschenansammlung. Um uns Zutritt zu einer exklusiven Auktion zu verschaffen, brauchen wir nicht nur eine Einladung, sondern auch Cash. Letzteres soll ich organisieren. Dabei stehen mir verschiedene Möglichkeiten offen, von einfachen Schiess- oder Prügelwettkämpfen bis zu mehrstufigen Kryptodiebstählen.

Das Spieltempo ist perfekt dosiert und mischt ruhige, offene Missionen, die grösstenteils ohne Action auskommen, mit hektischen Verfolgungsjagden über Häuserdächer. Überhaupt eskaliert die Story, die nicht so vorhersehbar ist, wie ich zuerst dachte, immer mehr.
Für zusätzliche Herausforderungen sorgen die Tactical Challenges, in denen man Missionen unter erschwerten Bedingungen wiederholen kann. Hier lassen sich neue Anzüge – vom klassischen Smoking bis zum Halloween-Kostüm – und Waffen-Skins freischalten. Ein Leaderboard für den globalen Agenten-Wettstreit ist ebenfalls mit an Bord.

Technisch präsentiert sich die von mir getestete PC-Version in Bestform. Abgesehen von minimalen Bugs, wie Leichen, die dort auftauchen, wo sie nicht hingehören, läuft das Spiel butterweich. Visuell zieht IO Interactive alle Register: Die Schauplätze sind so opulent und detailreich, dass ich stundenlang dort verweilen könnte.

«007 First Light» ist ab dem 27. Mai erhältlich für PC, PS5 und Xbox Series X/S. Eine Version für die Switch 2 folgt im Sommer. Ich habe die PC-Version getestet, die mir IO Interactive zur Verfügung gestellt hat.
Fazit
Liebesgrüsse aus Dänemark
«007 First Light» bietet alles, was ein gutes James-Bond-Game braucht: überzeichnete Bösewichte, jede Menge spektakuläre Locations, Humor, Gadgets und wilde Verfolgungsjagden. Das Wichtigste ist jedoch, dass ich mir wirklich wie der berühmteste Geheimagent der Welt vorkomme. Die Action steht nicht im Vordergrund, sondern dient als Dessert, um das wohlverdiente Ende einer Mission zu versüssen. Davor darf ich mich als echten Spion fühlen.
In den weitläufigen Missionen zeigt IO Interactive, dass sie das Erbe von «Hitman» perfekt mit der Bond-DNA gekreuzt haben. Die Spielwelten sind lebendige Sandkästen, in denen ich meine Ziele mit Stil und Verstand erreiche – immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen.
Auch die Abwechslung stimmt: Vom Hightech-Einbruch bis zum Entspannen am vietnamesischen Strand oder einer wilden Verfolgungsjagd in London mit einem Müllfahrzeug ist alles dabei. Abgesehen vom langatmigen Malta-Abschnitt ist IO Interactive die perfekte Bond-Adaption gelungen – und ich bin überzeugt, es wird nicht die letzte sein.
Pro
- abwechslungsreiche Missionen
- viele spielerische Freiheiten
- fängt James-Bond-Gefühl perfekt ein
- viel Witz
Contra
- Tutorial-Mission etwas fade

Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken.
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