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DIYFashionReportage 111

Toyota Oekaki: Anne rettet Hose

Dies ist die Geschichte einer übersetzenden Französin, einer grünen Nähmaschine und einer ausgerissenen Gürtelschlaufe an einem heissen Mittag in Zürich. Ein Lehrstück dafür, warum es sich lohnt, nach wie vor eine Nähmaschine zu besitzen.

«Eigentlich bin ich nicht so überzeugt von der Maschine», sagt Translator Anne Chapuis. Was viele, sowohl in der Firma wie ausserhalb, nicht wissen, ist, dass Anne eine Ausbildung zur Schneiderin macht und unter dem Label Swanne ihre eigene kleine Kollektion vertreibt.

  • Oekaki50LG (Nähen, Sticken)
  • Oekaki50LG (Nähen, Sticken)
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Toyota Oekaki50LG (Nähen, Sticken)
Diese Nähmaschine ist spezialisiert auf Freihandsticken und beinhaltet eine variable Stichbreitenregulierung, die perfekt für das Erstellen von herausragenden, kaligraphischen Designs ist und eine SuperJeans-Funktion, die dich unbeschwert über 12 Lagen Stoff nähen lässt.

Verfügbarkeit

  • Aktuell nicht lieferbar und kein Liefertermin vorhanden.

Alle Angaben ohne Gewähr.

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Vor Anne auf dem Chaos-Tisch des Marketingbüros steht die Toyota Oekaki. Die kleine grüne Nähmaschine gefällt Anne deshalb nicht, da sie in Hochglanzplastik daherkommt. Das sehe immer etwas billig aus, auch wenn sie schon viel Gutes über die Maschine gelesen hat. Trotzdem: Die Schneiderin muss die Maschine jetzt benutzen, denn sie hat sich da selbst reingeredet und es gibt nur einen Weg aus der Situation.

Anne die Arbeit

Spulen wir zurück. Etwa zehn Minuten. Anne sieht mich durchs Büro gehen. Ich bin gerade auf dem Weg vom Kühlschrank, wo ich meine jüngste Flasche Cola zur Vernichtung aufbewahrt habe, zu meinem Arbeitsplatz. Was ich nicht weiss, Anne aber sofort auffällt: An meiner Hose ist eine Gürtelschlaufe ausgerissen. Das ist mir weitgehend egal, denn die Carhartts sind meine Arbeitshosen und müssen eh in die Wäsche. Eine kleine Auflistung der Features der Hose:

  • War mal schwarz, hat jetzt kupferfarbene Patina
  • Rechtes Knie ist abgenutzt, da ich beim Fotografieren immer auf dieses Knie runtergehe
  • Gürtelschlaufen sind alle recht abgenutzt, eine davon ausgerissen

Das stört mich nicht weiter. Die Hose soll dereinst mal so eine richtig schön zerfetzte Hose werden, mit leicht postapokalyptischem Charme. Einfach ohne den Geruch. Anne aber stört sich an der Gürtelschlaufe, nicht aber am Konzept der Hose.

«Soll ich dir das schnell reparieren», fragt sie. Die Frage klingt mehr nach Feststellung, weswegen ich ihr meine Hose übergebe. Die Ersatzhose ist einfach ein neueres Modell der selben Hose. Die ist noch so neu, dass sie noch eng anliegt und alles. Kommt schon gut mit der Zeit. Warum sind eigentlich immer die Hosen die Bequemsten, die am abgefucktesten aussehen?

Mit Stich und Faden

Anne wählt bewusst einen weissen Faden für den Fix an einer schwarzen Hose.

«Das macht einen recht guten, wild wirkenden Kontrast», sagt sie.

Ich nicke, da kein Plan von Näherei. Sie steckt einen schwarzen Aufsetzer auf die Maschine, auf dem alle Stiche der Maschine aufgelistet werden. Das sind über 50 Stiche, von langen Stichen über kurze Stiche via Kreuzstichen bis hin zu filigranen Stickstichen. Sie sucht aber einen stabilen, einfachen Stich. So, als ob ich das selbst repariert hätte. Nur halten muss es und etwas kaputt aussehen.

Anne macht das mit der Freihand-Stick-Funktion, denn damit macht Toyota Werbung. Die Oekaki – der japanische Begriff «お絵描き» bedeutet übersetzt so viel wie «Der Akt des Zeichnen eines Bildes» – soll genau für solche Dinge gut sein: Verzierungen und Muster. Anne stellt die Geschwindigkeit der Nadel auf die 1, was bei einer ruhigen Hand satte, lange Stiche produziert.

Der eigentliche Fix der Hose dauert weniger als eine Minute.

Bevor sie sich an meine Hose wagt, macht sie aber noch einen Test auf einem zufälligen Stück Stoff mit Hausfliegen-Print. Die Stiche auf der Hose sollen ja sitzen. Denn wenn die kaputt aussehen sollende Hose schlechte Stiche drauf hat, dann kann ich sie kübeln. Oder sowas in der Art. Ich hätte die kaputte Schlaufe ja kaputte Schlaufe sein lassen.

Nach weniger als einer Minute ist die Schlaufe wieder befestigt.

«Keine Ahnung, wie gut das hält», sagt sie, «oder ob du die Schlaufe wieder mit einem Gürtel brauchen kannst.»

Sie macht kurz Pause, seufzt.

«Aber das ist dir glaub ich eh egal», fügt sie an.

Stimmt.

Der Spieltrieb setzt ein

Da dies aber ein hochwissenschaftlicher Test einer kleinen, neongrünen Nähmaschine ist – höchst hochwissenschaftlich, sogar – frage ich Anne nach dem Fazit.

«Eigentlich ist die Maschine total okay», sagt sie.

Mehr scheint sie nicht zu sagen zu haben, schnappt sich aber den Fetzen mit dem Hausfliegen-Print und fragt, welchen Stich ich ausprobieren würde. Bevor ich antworten kann, drückt sie auf den Plus-Knopf beim Display und wählt die Nummer 25 aus. Ein Kreismuster. Sie spannt einen roten Faden oben und einen weissen unten ein.

Die Armatur der Oekaki.

Das mittlerweile vertraute Tack-Tack-Tack der Maschine erfüllt das Marketingbüro unseres Millionenunternehmens und auf dem Fliegenstofffetzen entsteht ein Kreis.

«Hmmm...», brummt sie.

Ich senke meine Sony a7s ii, mit der ich den ganzen Prozess fotografiert habe, und blicke sie fragend an. Sie hegt mittlerweile, glaube ich, den Verdacht, dass ich keine Ahnung von Nähmaschinen und dergleichen habe.

«Siehst du die weissen Punkte an der oberen Naht? Das bedeutet, dass ich die Fadenspannung nicht richtig eingestellt habe.»

Der Unterschied zwischen falscher Fadenspannung (links) und der richtigen.

Sie dreht am Rad, das die Fadenspannung reguliert und versucht das nochmal. Funktioniert. Dann Stich Nummer 46, eine Art Bergkette. Anne spielt. Offensichtlich macht ihr die Maschine, die laut ihr «ganz okay» ist, wesentlich mehr Spass als bisher angenommen.

«Weisst du», sagt die nähende Übersetzerin, «die Maschine macht eigentlich schon bitzli Freude.»

Perfekt.

Doch viel länger kann sie nicht mit der kleinen Grünen rumhantieren, denn Texte warten darauf, von ihr übersetzt zu werden. Ich schau mir meine Hosen mit den weissen Stichen an, finde sie gut und genau so, wie sie aussehen sollten, setze mich hin und schreibe die Geschichte über eine Französin, deren Nähkünste meine Hose verbessern.

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Dominik Bärlocher, Zürich

  • Senior Editor
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

1 Kommentar

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User Schmidt65

Zum Glück konnte die Hose geflickt werden, da eine neue schwarze Hose um die 2 Monate Lieferfrist hat :)

06.08.2018