«Wir müssen die Art und Weise, wie wir Dinge konsumieren, ändern.»

«Wir müssen die Art und Weise, wie wir Dinge konsumieren, ändern.»

Vanessa Kim
Zürich, am 11.06.2020
Bilder: Thomas Kunz
Die finnische Designerin Anna Ruohonen steht für nachhaltige Mode. Mit ihren Kreationen setzt sie auch in ihrer Wahlheimat Paris, wo Slow Fashion noch kein Thema ist, ein Zeichen.

Mitten im pulsierenden Pariser Stadtteil Marais versteckt sich hinter einer massiven Holztür das Atelier der Modemacherin Anna Ruohonen. Das schwere Tor lässt sich nur auf Knopfdruck öffnen. Dahinter verbirgt sich ein von Pflastersteinen geebneter Weg, der zum eigentlichen Eingang führt. Es hat etwas Geheimnisvolles. «Das macht den Charme des Ladenlokals aus» sagt die Finnin. «Es ist allgemein bekannt, dass Französinnen geheimnisvoll sind und gute Tipps ungern weitergeben. Frag eine Französin niemals nach ihrem Parfüm. Sie beisst sich lieber auf die Zunge, als es dir zur verraten», sagt die auf Damenmode spezialisierte Designerin lachend. Dabei würde sie es schätzen, wenn Kundinnen für sie die Werbetrommel rühren.

Das lichtdurchflutete Studio dient Anna seit eineinhalb Jahren als Ladenlokal und Nähatelier. Alles ist fein säuberlich aufgeräumt. Der Wand entlang reiht sich eine Kleiderstange an die nächste. Die nach Farben geordneten Kreationen der Designerin hängen in Reih und Glied auf weissen Holzkleiderbügeln. Annas Entwürfe folgen der nordischen Design-Tradition: Die Schnitte sind durchdacht und die Einfachheit beabsichtigt. «Ich folge keinen Trends. Meine Kleidungsstücke sind weder in noch out.»

Das Ladenlokal ist schlauchförmig angelegt. Hier empfängt Anna ihre Kundschaft. Hinter dem weissen Paravent befindet sich ein kleines Büro.
Das Ladenlokal ist schlauchförmig angelegt. Hier empfängt Anna ihre Kundschaft. Hinter dem weissen Paravent befindet sich ein kleines Büro.

Anna setzt auf Nachhaltigkeit – sowohl geschäftlich als auch privat. Darum produziert sie Bestellungen seit über zehn Jahren erst nach Bestelleingang. So vermeidet sie überschüssige oder nicht verkaufte Ware sowie unnötige Vorräte oder Prototypen, wenn die Saison zu Ende ist. «Warum soll ich Kleidungsstücke produzieren, auf denen ich womöglich sitzen bleibe?» Die Kreative ist sich bewusst, dass sie auf die Geduld ihrer Kundinnen angewiesen ist. Da ihnen die Umwelt am Herzen liegt, wissen die es meistens zu schätzen. «Wenn ich sämtliche Materialien an Lager habe, kann eine Bestellung im Notfall am nächsten Tag abholbereit sein.» Dies sei besonders für Touristen praktisch, die nur einige Tage in Paris verbringen. Von Einheimischen wird dieser Service nur selten gebraucht. Da die Kreative in Helsinki ein zweites Ladenlokal führt und die Kleidungsstücke in Paris produziert werden, müssen sich Finninnen rund drei bis vier Wochen auf ihre Bestellung gedulden.

Annas Studium brachte sie Ende der Neunziger von ihrer Heimat Helsinki nach Paris. Als Austauschstudentin besuchte sie das L'Institut Français de la Mode. Bevor die Finnin 1999 ihr eigenes, gleichnamiges Label gründete, arbeitete sie für renommierte Modemacher wie Martin Margiela. Daneben hat sie für unabhängige Design-Projekte gearbeitet sowie Stoffe und Drucke für diverse finnische Textilunternehmen sowie Kostüme für französische Film- und Theaterprojekte entworfen. Aus den ursprünglich geplanten sechs Monaten Aufenthalt sind mittlerweile fast 25 Jahre geworden. «An Paris faszinieren mich die Menschen und die verschiedenen Kulturen, die mich täglich aufs Neue inspirieren.» Ausserdem gehen ihre Kinder hier zur Schule.

Anna beim Sichten von Stoffmustern und Entwürfen.
Anna beim Sichten von Stoffmustern und Entwürfen.

Obwohl die Kreative neben den zwei physischen Läden auch einen Onlineshop führt, besteht sie auf beide Ladenlokale. So können Kundinnen ihre Mode vor Ort anprobieren und die Stoffe berühren. Schliesslich zahlen sie pro Kleid zwischen 180 und 950 Euro. Dafür wird das bestellte Kleidungsstück bei Abholung von einer Schneiderin angepasst, falls es nicht sitzt. Weil Anna für ihren Geschmack zu schlecht näht, arbeiten zwei Schneiderinnen in ihrem Atelier.

Ein weiterer Vorteil ihrer Läden ist der Kundenkontakt. So könne sie auf die Wünsche ihrer Kundinnen eingehen und diese bei einem neuen Entwurf umsetzen. «Ab einem gewissen Alter mögen viele Frauen ihre Arme nicht mehr. Ich eingeschlossen. Darum entwerfe ich viele langärmelige Stücke», sagt sie schmunzelnd. Zudem müsse sie sich ab und zu auch wegen ihrer Preise rechtfertigen, da sie nur hochwertige und natürliche Materialien wie Seide, Wolle, Mohair und Kaschmir verwendet. «Qualität hat ihren Preis, das verstehen viele nicht. Meine Stücke sehen auch nach mehrmaligem Tragen wie neu aus.» Die Kundin soll langfristig Freude daran haben. Ihr Ziel sei es, Lieblingsstücke zu entwerfen, die später nicht entsorgt, sondern an die Tochter weitergegeben werden. Auch mit Secondhand-Mode leiste man einen wichtigen Beitrag an die Umwelt.

Eine einfache Rechnung

Anna erklärt, warum sie sich für Made-to-Order und gegen die Massenproduktion entschieden hat. Der Vorteil einer grossen Produktion ist, dass die Produktionskosten günstiger als bei einer kleinen sind. Dafür bleibt am Ende der Saison oft Ware liegen – selbst nach einem Ausverkauf. Dann ist ein Verkäufer gezwungen, seine Ware zu verscherbeln. «So verlierst du nicht nur einen hohen Teil deiner Marge, sondern musst den Überschuss verbrennen, was glücklicherweise zusätzlich kostet.» Es sei hirnrissig, einwandfreie Ware so zu entsorgen. «Weltweit werden etwa doppelt so viele Klamotten produziert, wie wir tragen können.

In ihrem Nähatelier türmen sich Prototypen und Schnittmuster. Im Hintergrund ist eine Industrienähmaschine zu sehen.
In ihrem Nähatelier türmen sich Prototypen und Schnittmuster. Im Hintergrund ist eine Industrienähmaschine zu sehen.

Zudem müssten wir endlich rechnen lernen. «Wenn du ein billiges Shirt à zehn Franken kaufst und es nur zweimal trägst, ist es mit fünf Franken pro Tag teurer als ein Fairtrade-Shirt für 100 Franken, das du in den nächsten Jahren über hundertmal trägst.» Ein Billig-Shirt würde so viele Waschgänge nicht überstehen. «Wir sind darauf trainiert, aufs Preisschild zu achten statt auf Qualität», Anna kommt in Rage und schüttelt ihren blonden Lockenkopf.

«Aus diesem Grund entwerfe ich nicht wie andere Designer mehrere Kollektionen pro Jahr.» Slow Fashion lautet das Zauberwort. Oft wechselt sie die Farbe oder überarbeitet den Schnitt eines bereits bestehenden Modells. Es sind kleine Dinge, die den Unterschied machen. «Warum sollte ich ein Kleid, das ich seit 20 Jahren erfolgreich verkaufe, aus dem Sortiment nehmen?» Wenn es sich gut verkauft, habe sie einen guten Job gemacht.

Slow versus Fast Fashion

Sowohl ihre Wahl- als auch ihre gebürtige Heimat sind in Sachen Fashion interessant. Paris ist die Modemetropole par excellence. Helsinki ist in puncto Umweltbewusstsein tonangebend, da Skandinavier bewusst grüne Mode konsumieren. Seit 2015 findet hier einmal pro Jahr die Helsinki Fashion Week statt, an der auch Anna ihre Mode präsentiert. Dort dreht sich alles rund um Nachhaltigkeit. Das Ziel der «HFW» ist es, intelligentes Konsum- und Umweltbewusstsein zu fördern. In Paris hingegen fand der erste Circular Fashion Summit, ein Kongress, der sich um das Thema Nachhaltigkeit in der Modeindustrie dreht, erst im September vergangenen Jahres statt. In Umweltbelangen hinkt Frankreich stark hinterher. Hier fangen sie bei null an. Viele Franzosen wissen nicht mal, was Naturfasern sind. «Erst, wenn wir ein gewisses Grundverständnis erreicht haben, wird nach Lösungen gesucht», sagt Anna kopfschüttelnd. «Solange die Franzosen Fast Fashion konsumieren, wird sich nichts ändern.»

«Wir produzieren Plastik, damit Sportmarken daraus vermeintlich grüne Sneakers herstellen können.»

Eines der grössten Umweltprobleme sei der Abfall. «Wir müssen handeln und nicht nur darüber sprechen», warnt Anna. Das ist einer der vielen Gründe, warum sie auf besagtes Made-to-Order-Konzept setzt. Menschen bestellen heute alles online und warten darauf. Bei Möbeln und Auto ist mit längeren Lieferzeiten zu rechnen. Warum funktioniert das nicht auch bei Kleidungsstücken? «Wir müssen die Art und Weise, wie wir Dinge konsumieren, ändern.» Abfall zu recyceln und daraus andere Dinge herzustellen, sei keine Lösung. «Stattdessen sollten wir damit aufhören, Plastikflaschen zu produzieren. Nur damit Sportbrands daraus vermeintlich grüne Sneakers herstellen. Das ist Greenwashing at its best.»

Anna besitzt kein Auto. Ihr Zuhause ist 30 Minuten Fahrminuten von ihrem Atelier entfernt.
Anna besitzt kein Auto. Ihr Zuhause ist 30 Minuten Fahrminuten von ihrem Atelier entfernt.

Auch privat lebt Anna möglichst nachhaltig. Ihre ganze Familie besitzt kein Auto. «Ich wohne im 14 Arrondissement. Die Fahrt zur Arbeit ist für mich ein gutes Workout.» Mit einem Fahrrad trägt sie zu einem positiven CO2-Fussabdruck bei. Ausserdem isst sie kaum rotes Fleisch, konsumiert nur das Nötigste und fliegt so wenig wie möglich. «Da ich Plastik verabscheue, trinke ich nur aus Glasflaschen.» Wenn die Designerin im Supermarkt einkauft, verzichtet sie auf alle Lebensmittel, die unnötig in Plastik stecken. Das sei zwar nur ein Tropfen auf dem heissen Stein, könne aber den Unterschied machen, wenn jeder seinen Beitrag dazu leistet.

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Vanessa Kim
Vanessa Kim
Editor, Zürich
Wenn ich mal nicht als Open-Water-Diver unter Wasser bin, dann tauche ich in die Welt der Fashion ein. Auf den Strassen von Paris, Mailand und New York halte ich nach den neuesten Trends Ausschau und zeige dir, wie du sie fernab vom Modezirkus alltagstauglich umsetzt.

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