Wie die Logistik die aktuelle Situation angeht
Hinter den Kulissen

Wie die Logistik die aktuelle Situation angeht

Patrick McEvily
Zürich, am 18.03.2020
Bilder: Thomas Kunz
Die Profis in Wohlen und Dintikon AG arbeiten unter Hochdruck, damit wir die extreme Anzahl an Bestellungen stemmen können. Im Interview erklärt der Logistik-Chef, welche Massnahmen wir ergreifen und was im Moment unsere grössten Herausforderungen sind.

Hast du schon mal eine solche Situation erlebt?
Michel Boha, Head of Logistics: Nein, das hat glaube ich niemand. Die Lage ist für uns alle aussergewöhnlich. Wir lernen im Moment Tag für Tag dazu. Jede Minute kann Neues hinzukommen. Darum heisst es: flexibel bleiben und offen sein für Verbesserungen und Anpassungen.

Was für Massnahmen haben wir getroffen, um die Mitarbeiter*innen in Wohlen zu schützen?
Wir haben an mehreren Informationsveranstaltungen über die aktuellen Entwicklungen und Massnahmen informiert. Ausserdem haben wir die Reinigung intensiviert und mithilfe der BAG-Plakate und persönlicher Kommunikation für die Hygiene- und Verhaltensempfehlungen sensibilisiert. Dazu gehört auch, dass wir aufgerufen haben, Abstand im Pausenraum zu wahren. Wir haben die Mittagszeiten ausgedehnt, damit Social Distancing gewahrt wird. An den Zugängen sind seit längerem Desinfektionsmitteldispenser aufgestellt. Seit vergangener Woche haben wir zudem breitflächig Reinigungsmittel an den Arbeitsplätzen bereitgestellt. Ausserdem hat jeder Mitarbeitende sein persönliches Handdesinfektionsmittel bekommen. Auch erarbeiten wir laufend neue Massnahmen und halten uns an die Empfehlungen des BAG. Mit sämtlichen Mitarbeiter*innen, die zur Risikogruppe gehören, stehen wir in engem Kontakt und suchen gemeinsam Lösungen. Wer sich krank oder unwohl fühlt, bleibt zwingend zu Hause.

Michel Boha, Leiter Supply Chain Management
Michel Boha, Leiter Supply Chain Management

Wie gross ist das Wachstum an Bestellungen zurzeit?
Am Sonntag haben wir ein Wachstum von 50% gegenüber dem vorhergehenden Sonntag verzeichnet. Und dieser lag ebenfalls schon 50% über der Vorwoche. Gestern und heute haben wir mit über 30 000 Paketen pro Tag bereits Black-Friday-Niveau erreicht.

Liefern wir sämtliche Bestellungen rechtzeitig aus?
Zurzeit ist aufgrund des hohen Bestelleingangs mit Verzögerungen von ca. 2-3 Tagen zu rechnen. Dies kann sich allerdings stündlich ändern. Denn: Obwohl die Lieferketten im Moment aufrecht gehalten werden können, sind wir natürlich abhängig von unseren Lieferanten und der Situation im Ausland. Vor allem aber hängt unsere Lieferfähigkeit in hohem Masse von der Schweizerischen Post ab. Bisher kann sie den Ansturm noch bewältigen. Wir beobachten die Lage hier jedoch ebenfalls sehr aufmerksam.

Was bedeutet die Schliessung unserer Filialen für euch?
Wir rechnen damit, dass die Bestellungen weiter zunehmen werden. Die Bestellungen, die wir bisher über die Shops abwickeln konnten, müssen wir jetzt von Wohlen direkt an die Kunden verschicken. Nun müssen wir diese Lieferungen verpacken. Das war bisher dank des Filialtransfers nicht nötig. Gleichzeitig wird uns aber ein Teil der Shop-Mitarbeitenden in Wohlen unterstützen.

Sind bestimmte Artikel oder Kategorien besonders beliebt?
In der vergangenen Woche haben wir einen besonders grossen Anstieg bei allen möglichen Artikeln festgestellt, die fürs Homeoffice verwendet werden können. Sprich Monitore, Ladekabel, Webcams, Computermäuse u.s.w. Unser Erotik-Sortiment verkauft sich ebenfalls wie geschmiert. Mittlerweile ist aber in fast allen Produktkategorien ein starker Anstieg in der Nachfrage festzustellen.

Kann man die aktuelle Lage mit anderen Phasen vergleichen?
Das Wachstum, das wir bis gestern Abend verzeichnet haben, hat uns bereits in die Sphären des Weihnachtgsgeschäfts gebracht.

Wie handhaben die Mitarbeiter*innen die Situation?
Ich bin extrem stolz darauf, wie im Moment alle zusammenhalten und aushelfen, wo sie können. Es herrscht viel Verständnis für all diejenigen Kolleg*innen, die entweder selbst zur Risikogruppe gehören oder aufgrund familiärer Verpflichtungen im Moment kürzer treten müssen. Die Stresstests, die wir jeweils an Black Friday, Cyber Monday und vor Weihnachten durchlaufen, helfen uns jetzt: Jeder und jede weiss, was zu tun ist.

Massnahmen fürs Social Distancing: Jeder zweite Sitzplatz im Pausenraum ist zurzeit gesperrt.
Massnahmen fürs Social Distancing: Jeder zweite Sitzplatz im Pausenraum ist zurzeit gesperrt.

Wird es einen Rückstau an Bestellungen geben?
Wir planen im Moment mit Hochdruck für einen möglichen Rückstau in den kommenden Tagen und Wochen. Hier im Lager stehen derzeit einige Flächen frei, die wir im Extremfall für die Zwischenlagerung von Artikeln und Paketen nützen können. Ausserdem rekrutieren wir rund 200 neue Mitarbeiter*innen, um das Volumen zu bewältigen.

Wie gehst du persönlich mit der aktuellen Situation um?
Ruhe bewahren und situativ planen ist jetzt angesagt. Ich persönlich bin überzeugt, dass wir mit unserer Mannschaft auch diese Turbulenzen überstehen und das Schiff wieder in ruhigere Gewässer steuern können. Vor allem müssen wir das Rückstandsmanagement weiterhin unter Kontrolle haben und dafür sorgen, dass wir das "First in First out Prinzip" (deutsch: der Reihe nach) einhalten, um alle Kunden weiterhin möglichst gut bedienen zu können.

Diese Pakete sind schon bald auf dem Weg zu euch
Diese Pakete sind schon bald auf dem Weg zu euch

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Patrick McEvily
Patrick McEvily
Communications Manager, Zürich
Ob im Lager in Wohlen, in den Shops oder bei der Finanzabteilung: Als Springer im Digitec Galaxus-Wald schwinge ich mich von Liane zu Liane und leuchte den Dschungelboden nach interessanten internen Geschichten ab.

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