«Weg von der Strasse, ihr !»
Meinung

«Weg von der Strasse, ihr

Carolin Teufelberger
Zürich, am 06.12.2018
Manche nehmen es gelassen, manche werden sauer und dann gibt es mich. Bei mir brechen beim Autofahren alle Dämme.

Die Ampel springt von gelb auf grün. Endlich weiterfahren. Aber nein, ich stehe noch. Denn mein Vordermann scheint es nicht besonders eilig zu haben. Noch immer sucht er nach dem Gaspedal, das er schon längst durchdrücken sollte. Zu viel für mich! Mein Puls schnellt in die Höhe, meine Augen verengen sich: «Fahr, du Vollidiot!»

Vom Sanguiniker zum Choleriker in vier Sekunden

Beim Autofahren brennen mir alle Synapsen durch. Wie ein aktiver Vulkan speie ich Fluchtiraden. Jede Kleinigkeit bringt mich sofort in Rage. Die Vergehen anderer Autofahrer stehen in keinem Verhältnis zu meiner Wut. Kommt jemand nur leicht auf meine Spur, wünschte ich diese Person wäre nie geboren worden. Niemand ist vor meiner Wut sicher: Sonntagsfahrer, Drängler, Nicht-Blinker, Ewig-Blinker. Ich finde meine Opfer überall. Meine Emotionen kochen hoch und ich verliere jegliche Hoheit über sie. «Egal, hört ja niemand», rechtfertige ich mich innerlich für meine Ausbrüche.

Ich habe meine Gründe

Woher kommt dieses komplett asoziale Verhalten im Strassenverkehr? Da ist die angebliche Anonymität. Niemand kennt mich, niemand hört mich. Was für Trolle jegliche Kommentarspalten des Landes sind, ist bei mir das Auto. Dort kann ich so richtig schön jeden und alles durch den Kakao ziehen. Die politische Korrektheit lasse ich dabei oft weit hinter mir. Aber das wird man wohl noch sagen dürfen.

Dann ist da aber auch der Zeitdruck – egal ob eingebildet oder tatsächlich. Ich habe die schlechte Angewohnheit das Haus auf den letzten Drücker zu verlassen. Da passen Trödler einfach nicht in mein Konzept. Deshalb würde ich auch nie mit dem Auto zur Arbeit fahren. Mit hochrotem Kopf und Zornesfalten auf der Stirn gewinnst du im Büro keinen Beliebtheitspreis. Aber auch, wenn ich ohne feste Verabredung auf den Strassen unterwegs bin, tendiere ich zum Bleifuss. Ich bin gerne schnell unterwegs, ich hasse Warten. Es raubt mir wertvolle Lebenszeit. Ergo sind mir alle Verursacher von Warterei ein Dorn im Auge. Geduld ist eine Tugend, aber definitiv nicht meine.

Ein nicht zu unterschätzender Teil meiner verbalen Aggression rührt wahrscheinlich auch daher, dass ich gerne fluche. Ich benutze Flüche im positiven wie auch negativen Sinn. Sie befreien mich aus dem einengenden Kostüm der achtsamen Sprache. Im Eiertanzen war ich nie gut. Mir ist es zu anstrengend, dauernd über die Gefühlslage aller Menschen nachzudenken. Dafür funktioniert mein Zensurfilter auch viel zu unverlässlich. Also, «fuck it!»

Wer hat euch einen Führerschein ausgestellt?

Die explosive Mischung aus Anonymität, Warterei und einer gewissen Liebe zu Kraftausdrücken lassen mich zu einem kleinen Monster werden. Wie ein Werwolf bei Vollmond. In meiner Wut-Bubble, und teilweise auch ausserhalb dieser, verstehe ich nicht, wie manche Menschen im Strassenverkehr zugelassen werden können. Der Herr, der aus Prinzip («Es heisst Maximal- und nöd Minimalgschwindigkeit») mit Tempo 80 auf der linken Seite klebt? Raus! Die Dame, die immer wieder abrupt abbremst, weil 1,5 Kilometer weiter vorne ein rotes Licht aufblinkt? Raus! Einfach alle raus, die mich in irgendeiner Art behindern.

Klingt nicht so, als sollte sich jemand, der sich so beschreibt, hinters Steuer setzen. Zu einem Autofahrer sollten einem eher Attribute wie «ruhig», «gelassen» oder «umsichtig» einfallen und nicht «total übergeschnappt». Aber ich fahre wirklich sicher – bis jetzt. Denn mein aggressives Verhalten beschränkt sich immerhin auf verbale Affronts. Ich fahre weder bis zur Stossstange auf, noch rase ich rechts vorbei. Da ziehe ich die Grenze. Die Grenze ziehe ich auch, wenn andere Menschen – wie mein Freund – dasselbe Verhalten zeigen. Dann finde ich dieses unnötig und peinlich. Tja, alle Tiere sind alle gleich, aber manche eben gleicher.

Autofahren

Wie verhältst du dich im Strassenverkehr?

  • Choleriker wirken wie Hundewelpen gegen mich.
    65%
  • Nichts und niemand kann mir meine gute Laune nehmen.
    25%
  • Ich fahre doch nicht selbst Auto!
    9%

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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