
Produkttest
Wer braucht schon einen Tangle Teezer? Ich!
von Darina Schweizer

Beruflich teste ich Produkte, privat werde ich Altlasten los. Nach zwei Umzügen und fünf Fehlern habe ich gemerkt: Weniger ist nur mehr, wenn ich Platz für das Richtige schaffe.
Eigentlich bin ich die geborene Minimalistin. Ich bin das einzige Kind meiner Eltern und hörte schon bei 164 Zentimetern auf zu wachsen. «Aufs Beste reduziert», nennt das meine 154 Zentimeter grosse (ja, grosse!) Freundin. Es gibt nur ein Problem: Ich arbeite bei Galaxus. Da ich massenweise Produkte teste (und ja, auch kaufe), stapeln sich diese bei mir zu Hause.
Ich korrigiere: Sie stapelten sich. Denn seit zwei Umzügen in einem halben Jahr ist nichts mehr, wie es einmal war.
«Wie viele Kisten brauchen Sie?», fragt mich der Umzugsservice beim ersten Besuch. «Allerhöchstens 30», schätze ich. 60 sind es. Und da habe ich schon einmal aussortiert. Also tue ich das gleich nochmals.
40 Kisten sind es noch beim zweiten Umzug. Beim Herumhieven übersehe ich einen Drehsessel und knalle dagegen. Ich schnaube. Ständig stehen Dinge im Weg, ich muss entscheiden, was wohin kommt. Ain’t nobody got time for that?! Als ich fluchend über einen Deko-Vogelkäfig stolpere, ziehe ich, getreu dem ehemaligen Restauranttester Daniel Bumann, den Schluss:
«Weg mit der ganzen Scheisse!»
Die Altlasten müssen weg, ein für allemal. Und zwar radikal.
Mein Mann und ich beleben unser verstaubtes Ricardo-Konto wieder. Wir sind überrascht, wie schnell wir unseren verkratzten Kaugummi-Automaten und die Hotdog-Maschine verkaufen. Jeder Fünf-Franken-Verkauf fühlt sich an wie ein Sechser im Lotto! Wir gönnen uns gleich neue Pflanzen, Bademäntel und Küchenutensilien.
Du ahnst es bereits: Wir begehen so manche Fehler.
Obwohl ich einen neuen Bademantel kaufe, behalte ich den alten. Man weiss ja nie, ob man doch mal noch an einem Towel Day teilnimmt. Ha, Dreamer! Monatelang hängen zwei Mäntel an meinem Kleiderhaken und ich trage nur einen: den alten. Ein Exemplar desselben Produkts reicht. Ausser es sind Unterhosen. Wobei man auch die einmal drehen ... lassen wir das.
Tipp: Wenn etwas Neues kommt, muss etwas Altes gehen.
Ein Bademantel ist schön und gut. Blöd nur: Er hängt immer woanders, ich suche ihn ständig. Das minimiert weder meine Zeit noch beruhigt es meine Nerven.
Tipp: Sinnvolle feste Plätze bestimmen.
Nebst den Bademänteln hängen auch die neuen Pflanzen vor sich hin. Zwei klappen ganz zusammen. Das habe ich davon, dass ich sie überstürzt gekauft habe. «Ich bin nicht reich genug für billige Produkte», heisst es so schön. Auch wenn der Preis nicht immer ausschlaggebend ist. Zum Beispiel bei Wasserkochern.
Tipp: Auf Qualität achten.
Als ich in der Besteckschublade nach einem grossen Löffel suche, den ich auch als Schaufel für meine Zimmerpflanzen brauche, fällt mir ein Apfelschneider in die Hand. «Ernsthaft?!», frage ich mich. «Wofür brauche ich den sonst noch?» Die Antwort gebe ich mir gleich selbst: Der Schneider kommt auf Ricardo.
Tipp: Behalten, was ich regelmässig und für verschiedene Aufgaben brauche.
Übrigens: Den Ellipsentrainer als Kleiderständer umzufunktionieren ist vielleicht nicht die beste Idee. Aber den hübschen Yogaklotz als Türstopper? Oder eine Trinkflasche als Lampe?

Beim Ausmisten meiner Deko kristallisiert sich etwas heraus: Alles, was bleibt, hat ein maritimes Flair. Es passt stilistisch zusammen. Was weggeht, ist ein wildes Wirrwarr aus romantisch, vintage und … Kitsch?
Tipp: Stil festlegen und mit Einheitlichkeit Ordnung schaffen.

Okay. Jetzt gehe ich also reduziert, qualitativ, multifunktional und einheitlich vor. So weit, so … unmöglich? Ich stehe vor einer unüberwindbaren Hürde:

Ich muss einsehen: Nicht überall kann ich so radikal vorgehen wie beim Apfelschneider. Ausnahmen sind auch meine Pflanzen und Leuchttürme, die ich als Ungläubige fast schon anbete (welcher Pfarrer würde schon Kirchen abreissen?!). Mancherorts lohnt es sich, moderat minimalistisch zu sein.
Und bei Menschen zumindest selektiv.
Eins musst du nämlich wissen: Minimalismus ist ein Virus. Ist erst einmal deine Wohnung betroffen, zeigen sich plötzlich auch in deinen Freundschaften Symptome. Und du fragst dich, ob sie wirklich in dein Leben passen. Einheitlich müssen sie natürlich nicht sein. Das wäre ganz schön langweilig. Multifunktional? Kein Muss, aber von Vorteil. Qualitativ? Definitiv. Auf die wichtigsten Menschen reduziert? Auf jeden Fall. Trifft das bei mir zu? Moderat.
Mit dieser Einsicht wird es unangenehm. Ich wälze mich im Bett, mache Pro- und Kontra-Listen, höre auf mein schlechtes Gewissen, dann auf mein Bauchgefühl. Mir wird klar: Niemand hat eine minimal überzeugte Freundin verdient. Ich führe einige unangenehme Gespräche. Doch danach kommt die Erleichterung. Alles ordnet sich.
Und die Zeit mit den Freunden, die bleiben? Die verdoppelt sich.
Das ist eines der grössten Geschenke, wenn man Dinge reduziert: Man gewinnt Zeit für das, was zählt. Man kramt nicht fünf verhakte Kämme aus irgendeiner Schublade. Man greift direkt nach dem Tangle Teezer rechts auf der Badezimmerablage.
Minimalismus ist für mich kein radikaler Verzicht. Sondern ein geschärfter Fokus. Übrigens: Den Drehsessel, in den ich geknallt bin, habe ich nie mehr übersehen. Er steht heute in der Wohnung eines älteren Herrn. Ihn erfüllt es, mich erleichtert es. Ein maximaler Gewinn, würde ich sagen.
Was hältst du von Minimalismus? Wie sortierst du aus? Verrate es in einem Kommentar.
Ich liebe alles, was vier Beine oder Wurzeln hat – besonders meine Tierheimkatzen Jasper und Joy sowie meine Sukkulenten-Sammlung. Am liebsten pirsche ich auf Reportagen mit Polizeihunden und Katzencoiffeurinnen umher oder lasse in Gartenbrockis und Japangärten einfühlsame Geschichten gedeihen.
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