Warum versteckt Instagram die Likes?
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Warum versteckt Instagram die Likes?

David Lee
Zürich, am 14.05.2019
Instagram versteckt versuchsweise die Like-Zahlen, obwohl die Fixierung auf Likes einer der wichtigsten Suchtfaktoren bei Social Media ist. Was steckt hinter diesem Vorhaben?

Instagram-Chef Adam Mosseri hat an der Facebook-Entwicklerkonferenz F8 das Gerücht bestätigt, dass Instagram die Like-Zahlen verstecken wird. Vorerst zwar nur in einem Test, der auf Kanada beschränkt ist. Dennoch ist dies bemerkenswert. Denn das Spiel mit den Likes ist vermutlich der Suchtfaktor Nummer eins in den sozialen Medien und damit für die Betreiber extrem nützlich – vielleicht sogar überlebenswichtig.

Die negativen Seiten dieser Verlockungen sind aber schon länger ein Thema. In diesem Beitrag des Guardian von 2017 erklären ehemalige Entwickler von Facebook und Google die Suchtmechanismen von Social Media. Im Nachhinein sehen sie ihre eigenen Erfindungen wie den Like-Button oder den Refresh-Mechanismus sehr negativ und haben ihre Jobs gewechselt. Der Mechanismus «Pull to refresh» (nach oben ziehen, um zu aktualisieren) funktioniere genau gleich wie ein Glückspielautomat, sagt Ex-Google-Mitarbeiter Tristan Harris: Man wisse nicht im Voraus, wie gross die Belohnung sein wird, wenn man zieht. Diese Spannung erzeuge die Sucht.

So wird die Instagram-App für das Testland Kanada aussehen.

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Was will Instagram damit?

Mit dem Verstecken der Like-Zahlen will Instagram angeblich den Fokus stärker auf den Inhalt und die Interaktion mit Freunden legen. Der Stress und der soziale Druck sollen etwas abgebaut werden. Es seien weitere Überlegungen in diese Richtung im Spiel, etwa die Followerzahlen weniger prominent zu zeigen.

Ich bin skeptisch, ob das der wahre und einzige Grund ist. Grundsätzlich tun Social-Media-Betreiber das, was gut für sie selbst ist. Das Wohl der User interessiert sie nur indirekt: Wichtig ist, dass die User bei der Stange gehalten werden. Was also sind die Interessen des Betreibers?

Mit den Like- und Followerzahlen hat Instagram tatsächlich ein Problem. Zahlreiche User setzen automatisierte Tools ein, um Beiträge zu liken, anderen Nutzern zu folgen oder gar Kommentare abzusetzen. Dies untergräbt die Glaubwürdigkeit der gesamten Plattform. Instagram muss einen Weg finden, die Likes authentischer zu machen.

*Social Media Bots:** Die Pest des 21. Jahrhunderts
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Der Ruf der Plattform ist natürlich auch wichtig. Der ständige Vergleich mit anderen, die Frage, wer mehr Likes hat, tut den Usern nicht gut. Das wird in den Medien regelmässig thematisiert. Sollten die User zur Ansicht gelangen, dass Instagram sie eher isoliert als verbindet, werden sie ihre Aktivitäten stark drosseln oder ganz aufgeben. Von daher könnte an der offiziellen Begründung etwas dran sein.

Aber es gibt auch eine andere, zynischere Erklärung. Mit dem Test wird Instagram herausfinden, wie gross das Suchtpotenzial des Like-Wetteiferns wirklich ist. Kanada hat immerhin etwa 10 Millionen Instagram-User. Ein so grosses Testfeld liefert statistisch verlässliche Zahlen. Instagram-Besitzer Facebook könnte daraus Vor- und Nachteile ableiten. Wiegt der Vorteil, dass die Zahlenfixiertheit die User süchtig macht, stärker als die Negativschlagzeilen über psychische und soziale Probleme?

Abwarten, Tee trinken, liken und followen

Auch Twitter testet eine Oberfläche, welche die Likes versteckt. Sie werden erst sichtbar, wenn du auf einen Tweet tippst. Ob tatsächlich eine Trendwende bei Social Media stattfindet, werden wir aber erst sehen, wenn die diese Änderungen tatsächlich an der normalen Benutzeroberfläche vorgenommen werden. Und vermutlich werden wir auch erst dann wissen, ob sie wirklich einen positiven Effekt für die User haben.

Da wir hier noch nicht so fortschrittlich sind wie Instagram, empfehle ich dir, diesen Beitrag zu liken und mir als Autor zu folgen.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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