alle alten Menschen dieser Welt, die je gefilmt wurden
Meinung

Vom Umgang mit irreführenden KI-Videos

David Lee
11.2.2026

Die erste Welle KI-generierter Videos war noch leicht als unecht erkennbar. Mittlerweile ist das nicht mehr so und wir müssen herausfinden, wie wir am besten damit umgehen. Ich habe keine Lösung, aber ein paar Denkanstösse.

Plötzlich ist Youtube voller Videos von alten Menschen, die ihre Lebensgeschichte erzählen. Manchmal geht es um die Ernährung, mit der sie hundert Jahre alt geworden sind, manchmal um die richtige Einstellung zum Leben, die sie gerne schon mit 20 gehabt hätten und nicht erst mit 90. Solche Erzählungen finde ich interessant, weil da Menschen auf ihre reiche Lebenserfahrung zurückblicken und wichtige Erkenntnisse daraus ableiten können.

Woher kommen all diese alten, bemerkenswert weisen Menschen? Aus dem Nichts. Sie sind nicht real, sondern KI-generiert. Und auch der Text, den sie sprechen, ist entweder von einer künstlichen Intelligenz oder von einer relativ jungen, geistig frischen Person geschrieben worden. Auch wenn die «Inspiration» dazu tatsächlich von alten Menschen stammen mag.

Fiktion versus Verarschung

Mich ärgert das. Warum? Erfundene Biografien gab es schon früher, zum Beispiel in Romanen. Aber mit einem wichtigen Unterschied: Wenn eine Geschichte als «Roman» deklariert wird, weiss ich von Anfang an, dass es eine erfundene Geschichte ist. Es wird mir nicht vorgegaukelt, dass es sich um eine reale Story einer realen Person handelt.

Anders in diesen Videos. Zwar findet sich irgendwo versteckt in der langen, ausklappbaren Beschreibung ein Hinweis, dass die Person KI-generiert ist. Aber weiter oben stehen Dinge, die auf das Gegenteil schliessen lassen. Etwa «We are looking for real stories from real people to feature on this channel. If you have a life lesson, a deep regret, or a near-death experience that changed everything, we want to hear it.»

Die Kommentare unter den Videos zeigen, dass die Leute den gut versteckten Hinweis nicht mitbekommen haben: Sie sprechen die inexistente Person direkt an, bedanken sich bei ihr, wünschen ihr alles Gute.

Die Ersteller haben ein Interesse daran, dass das so bleibt. Denn die ganze Glaubwürdigkeit dieser Videos basiert darauf, dass es sich um eine reale Person handelt. Das Hauptargument für die gesunde Ernährung ist, dass ein Mensch damit über 100 Jahre alt geworden ist. Das Überzeugende und Ergreifende bei den Lebensrückblicken ist, dass jemand im Angesicht des Todes klar sieht, worum es im Leben geht – oder gegangen wäre. Erfahre ich dann, dass diese Person nie gelebt hat, fühle ich mich betrogen. Auch wenn die Ratschläge an sich nicht schlecht sind und so ähnlich auch von lebenden Personen gegeben werden: Hier wird das Publikum verarscht.

Hochgradig ironisch wird es, wenn mir eine KI-generierte Person erzählt, dass ich mir etwas vormache. Es gibt hier nur einen, der mir etwas vormacht: der Ersteller dieses Videos!

Wir haben ein grundsätzliches Problem

Dabei sind diese erfundenen Alten noch ein eher harmloser Fall. Inhaltlich ist es nicht schlecht, was sie sagen, und vielleicht helfen die Videos sogar einigen Leuten. Doch echt wirkende KI-Videos können auch für böswillige Absichten verwendet werden. Etwa zur Verbreitung von Fake News und gezielter Desinformation. Dass sich die Welt diesbezüglich bereits heute in einem kritischen Zustand befindet, muss ich wohl nicht weiter erläutern. Mit den KI-Videos steht den Desinformationstrollen ein weiteres, sehr mächtiges Mittel zur Verfügung.

Vielleicht denkst du, dass du auf so etwas nicht hereinfällst. Ich glaube, du irrst dich. Klar: Wenn du im Voraus weisst, dass ein Video nicht echt ist, siehst du überall Anzeichen dafür. Etwa, dass eine über 90-jährige Frau so lange fliessend und frei sprechen kann, ohne ein Anzeichen von Ermüdung. Dass ihre Ausführungen rhetorisch so geschliffen klingen. Überhaupt diese merkwürdige Konstanz während der ganzen Rede.

Doch es gibt immer Momente, in denen der innere Skeptiker gerade schläft. Es ist wie beim Phishing: Du kannst es hundert Mal erkennen, irgendwann fällst du trotzdem herein. Schöpfst du beim Betrachten eines Videos keinen Verdacht, weil es keinen offensichtlichen Grund dafür gibt, sind viele KI-Videos schon heute gut genug, um uns alle zu täuschen.

In Zukunft werden die Videos noch realistischer. Bedenke, wie gross die Fortschritte der letzten drei Jahre sind. Wir werden schon bald KI-Videos haben, die ein durchschnittlicher Zuschauer nicht von echten Videos unterscheiden kann. Und es werden nicht einzelne sein, sondern Millionen.

Was machen wir jetzt?

Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Es braucht Reaktionen auf der politischen, juristischen und wirtschaftlichen Ebene. Daneben müssen wir uns als Individuen auch Gedanken machen, wie wir ganz persönlich mit dem Problem umgehen.

Die Politik muss den Gebrauch von KI-Videos regulieren. Die EU hat mit der KI-Verordnung einen wichtigen Schritt gemacht. Die Verordnung unterteilt KI-Anwendungen in verschiedene Risikokategorien. Deepfakes gehören nicht in die Hochrisiko-Kategorie, die Regulierung beschränkt sich auf eine Kennzeichnungspflicht.

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Bei Tiktok, Instagram oder Youtube Shorts nützt es nichts, wenn irgendwo tief in der Beschreibung vergraben ein KI-Disclaimer steht. Den sieht niemand. Die Regeln, wie eine solche Kennzeichnung auszusehen hat, müssen noch genauer festgelegt werden.

Was kann ich als kleiner, machtloser User hier und heute tun? Skepsis ist gut, aber auf keinen Fall darf es darauf hinauslaufen, dass ich nichts mehr glaube. Das löst kein Problem, sondern macht alles noch schlimmer. Menschen, die grundsätzlich alles anzweifeln, sind extrem mühsam und zerstören jede sinnvolle Diskussion. Sie lassen sich von nichts mehr überzeugen und zweifeln Dinge an, die das Fundament unserer Zivilisation bilden. Solche Menschen gibt es schon heute nicht wenige, aber ich will keiner von ihnen werden.

Was ich mir vornehme: Nicht mehr gedankenlos durch Videos zu scrollen oder nach dem Zufallsprinzip auf Youtube herumzuklicken. Ich wähle mir in Zukunft die Videos und vor allem ihre Ersteller gezielt aus und schaue diese dafür mit voller Aufmerksamkeit (und eingeschaltetem Hirn). Das scheint mir heutzutage generell einer der wichtigsten Skills: souverän entscheiden zu können, wem oder was man seine Aufmerksamkeit schenkt.

Da Social Media die Tendenz hat, alles durcheinanderzuwürfeln, nehme ich mir auch vor, wieder mehr klassische Medien zu konsumieren. Ich weiss dann besser, woher etwas kommt und was der Kontext ist. Eine gute Sache ist auch, andere darauf hinzuweisen, wenn sie auf eine KI-Täuschung hereinfallen. Aber nur, wenn ich es wirklich weiss – alles und jeden verdächtigen bringt nichts.

Ein hilfreicher Hinweis.
Ein hilfreicher Hinweis.
Titelbild: alle alten Menschen dieser Welt, die je gefilmt wurden

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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