Vom Baseball-Feld in die Senior Esports League: Michel Romang im Interview

Vom Baseball-Feld in die Senior Esports League: Michel Romang im Interview

Raphael Knecht
Zürich, am 08.03.2021
Egal, ob offline oder online: In der Schweiz ist Baseball eine Randsportart. Weil sie wegen Corona nicht trainieren dürfen, tauschen die Spieler ihre Sportsachen gegen Controller. Ein Esports-Neuling erzählt, weshalb es Spass macht, virtuell ein Senior zu sein.

Das siebte Inning läuft, 5:6 der Spielstand. Die Nervosität ist spürbar, die Spannung greifbar. Das Scoreboard zeigt ein Out, einen Ball und keine Strikes. Runner stehen auf der zweiten und der dritten Base. Michel könnte ausgleichen und in Führung gehen. Nach einem Disconnect waren seine Los Angeles Dodgers bei Halbzeit noch mit 1:5 in Rücklage. Doch «The Doc», wie ihn seine Freunde nennen, reisst sich zusammen und holt auf. Obwohl sein Gegner erneut vorlegt, gibt Michel nicht auf. So steht es 5:6, zwei Läufer auf den Bases. Der nächste Pitch – ein Cutter. Michel trifft ihn optimal und holt sich die Führung. Ein weiterer Hit verhilft ihm zum 8:6, das er bis ins neunte Inning hält. Sein Kontrahent versucht, das letzte Out mit einem riskanten Run zu verhindern. Doch ein sauberer Wurf von Michels Catcher zur Second Base setzt dem Ganzen ein Ende und sichert ihm den dritten Schlussrang in der Swiss Baseball Esports (Senior) League (SBEL).

Was nach dem amerikanischen Traum klingt, passiert in Wirklichkeit in der Schweiz. Nicht zur Primetime vor 41 339 Zuschauern im vollgepackten Nationals Park in Washington, D.C. Sondern am späten Nachmittag in einem gemütlichen Wohnzimmer in Olten. Keine Teamkameraden, die sich abklatschen und mit Gatorade übergiessen. Alleine vor dem Fernseher, mit dem Controller in der Hand. Der ohrenbetäubende Jubel ist generisch und nur übers Headset hörbar. Denn Michel Romang, aktiver Baseballer und Mitinitiator der SBEL, ist wegen Corona dazu gezwungen, seiner Passion nur noch auf der Playstation nachzugehen. Doch all das spielt in diesem Moment keine Rolle. Er, der seinen Schläger normalerweise für die Sissach Frogs schwingt, freut sich über seinen Win, als hätten er und sein Team soeben die World Series gewonnen.

Michel und sein Siegerlächeln nach dem mit 8:6 gewonnen kleinen Final. Bildquelle: Michel Romang
Michel und sein Siegerlächeln nach dem mit 8:6 gewonnen kleinen Final. Bildquelle: Michel Romang

Für seinen Erfolg musste der 34-jährige Digital Marketing Manager zuerst die Regular Season bestreiten, welche in der Baseball Esports Senior League aus zwei Gruppen à vier Teams und drei Spielen pro Mannschaft besteht. Die besten zwei Teams pro Gruppe qualifizieren sich fürs Halbfinale. Die Gewinner duellieren sich anschliessend um Gold, die Verlierer um den dritten Platz. Obwohl Baseball offline ein Teamsport ist, ist Michel online auf sich alleine gestellt: All seine neun Spieler steuert er selbst – in der Offense und in der Defense. Die Pandemie hat ihm zwischenzeitlich nicht nur seine realen Teamkameraden genommen, sondern auch gleich deren Aufgaben übertragen. «The Doc» erklärt mir, was die Ausnahmesituation für ihn und seinen Sport in der Schweiz bedeutet, wie er zum Senior Baseball Esport kam und weshalb er stolz ist, Teil von etwas Einzigartigem zu sein.

Wieso hast du es nicht in den Final der SBEL geschafft?
Michel Romang: Das Ganze war eine Berg- und Talfahrt. Eigentlich eher eine Tal- und Bergfahrt. Zu Beginn sah es für mich weder nach kleinem noch nach grossem Finale aus. Denn gestartet bin ich ganz schlecht. Meine ersten beiden Saisonspiele gingen verloren. Die zweite Niederlage wäre vermeidbar gewesen, das ärgerte mich zusätzlich. Im dritten Gruppenspiel kam dann die Wende. Keine Ahnung, was ich anders gemacht habe – aber es hat funktioniert. Zum Schluss reichte es dank der besseren Run Difference knapp fürs Halbfinale. Einen Platz unter den besten Vier hätte ich zu Beginn der Season sofort unterschrieben. Mit dem Finale vor Augen änderte sich die Ausgangslage aber. Nahm ich die Qualifikation noch auf die leichte Schulter, bereitete ich mich fürs Halbfinale gewissenhaft und mit regelmässigem Training vor. Doch miserables Base Running und einige knappe Entscheide gegen mich liessen mich als Verlierer vom Platz gehen. Dass ich den kleinen Final dann gewinnen konnte, tröstete mich über meine Leistung aus dem Halbfinale zumindest teilweise hinweg. Und, auch wenn es jetzt nach einer abgedroschenen Floskel klingen mag: Unter dem Strich sehe ich das Ganze nicht als verpasstes Gold, sondern als gewonnene Bronzemedaille.

Wenn Michel «MLB The Show» im Rahmen der SBEL zockt, hat er trotz voller Konzentration auch viel Spass dabei. Bildquelle: Michel Romang
Wenn Michel «MLB The Show» im Rahmen der SBEL zockt, hat er trotz voller Konzentration auch viel Spass dabei. Bildquelle: Michel Romang

Für mich klang das eben so, als wärst du selbst auf dem Feld gestanden. Die Rede ist aber von «MLB The Show», dem Baseball-Spiel für die Playstation. Wie sehr vermisst du das echte Baseball?
Da mir derzeit nichts anderes übrig bleibt, als Baseball auf der Playstation zu spielen, versuche ich auf diese Art und Weise, den Drang nach meinem Lieblingssport zu stillen. Noch lieber würde ich natürlich draussen auf dem Feld stehen, den Schläger in der Hand, von Angesicht zu Angesicht mit dem Werfer und gespannt auf den nächsten Pitch warten. Obwohl Baseball beim Batting eine Einzeldisziplin und Mann gegen Mann ist, ist das nur eine Momentaufnahme. Ich kann zwar so direkten Einfluss aufs Spiel nehmen und das Abschneiden meines Teams beeinflussen, muss aber auch viel Strategisches im Hinterkopf behalten. Je nach Spielsituation lohnt es sich – oder wird vom Coach sogar gefordert –, dass ich mich opfere, um den Runner von der Third Base auf die Home Plate zu bringen. Baseball kombiniert viele Element, sowohl aus Einzel- wie auch aus Team-Sportarten. Es ist ein Mix aus geballter Action und durchdachter Strategie, aus unbändiger Power und taktischer Raffinesse. Das macht für mich den Reiz aus, den ein Konsolen-Game einfach nicht rüberbringen kann. Vielleicht optisch, allenfalls auch akustisch. Aber das Gefühl, das Baseball in mir auslöst, kriege ich nur, wenn ich selbst in die Batters Box schreite. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich vermisse den Duft des Grases, den rauen Sand unter meinen Schuhen und die Rudelbildung mit meinen Teamkameraden nach einem Home Run. Ich muss Baseball spüren, um es in vollen Zügen geniessen zu können. Das schaffen die Playstation und «MLB The Show» nur bedingt.

Bei solchen Szenen möchte Michel möglichst bald wieder live mit dabei sein. Bildquelle: Michel Romang
Bei solchen Szenen möchte Michel möglichst bald wieder live mit dabei sein. Bildquelle: Michel Romang

Wann hast du die Faszination rund um Baseball das erste Mal erleben dürfen?
Ein erstes Mal damit in Berührung kam ich 2006, während meines Sprachaufenthaltes in Kanada. Als ich in Vancouver mein Englisch aufpolierte, lief nebst Eishockey vor allem Baseball im TV. So lernte ich eine für mich damals völlig unbekannte Sportart kennen und lieben. Auch meine Favoriten, die Toronto Blue Jays, entdeckte ich durchs amerikanisch-kanadische Fernsehen. Baseball als Aktiver auszuüben, damit habe ich erst sechs Jahre später begonnen. Als Sportmuffel würde ich mich nicht bezeichnen, aber ich war ziemlich faul und hatte andere Interessen. Doch während meiner Masterarbeit war irgendwann das Verlangen nach Bewegung so gross, dass ich mich aufraffte und entschied, aktiv Sport zu treiben. Mir kamen die spannenden Baseball-Partien aus meiner Kanada-Zeit in den Sinn und für mich war klar: Ich will Baseball spielen. Da dies in der Schweiz eine Randsportart ist, musste ich mir einen Verein in der Nähe suchen. Mir kamen die Zürich Challengers gelegen und ich meldete mich dort für ein Probetraining an. So nahm meine aktive Baseball-Karriere ihren Lauf. Inzwischen spiele ich in der NLB bei den Sissach Frogs und nächstes Jahr feiere ich mein 10-jähriges Sportjubiläum.

«Ich muss Baseball spüren, um es in vollen Zügen geniessen zu können.»

Du sprichst von Karriere. Könntest du in der Schweiz von Baseball leben?
Nein. Baseball zählt in der Schweiz zu den absoluten Randsportarten. Wir haben weniger als 1000 Lizenzierte, da ist der Stellenwert verständlicherweise sehr gering. Ich spiele in der zweithöchsten Liga, unter normalen Umständen trainieren wir zweimal die Woche. Das kannst du mit professionellen Sportlern hierzulande kaum vergleichen. Die Top-Vereine sind in ihrer jeweiligen Region zwar ein Begriff, aber von einem Zulauf wie Fussball-, Unihockey- oder Leichtathletikvereine können wir nur träumen. Bei Swiss Olympic ist Baseball zudem in der tiefsten Kategorie 5 eingestuft. Dennoch geniessen wir, auch dank vorbildlicher Medienarbeit, eine verhältnismässig hohe Anerkennung und kriegen coole Publicity. Obschon die Swiss Baseball and Softball Federation (SBSF) ein reiner Amateurverband ist, sind alle mit sehr viel Leidenschaft, Passion und Herzblut dabei – oder vielleicht gerade deswegen. Für Geld spielt hier niemand. Sondern «for love of the game», wie wir im Baseball zu sagen pflegen.

Wie sieht's mit der SBEL aus? Ist da das grosse Geld zu holen?
Auch hier ist die Antwort klar: Nein. Das wäre völlig vermessen. Da bin ich sowohl zu wenig gut als auch zu alt und wohne im falschen Land. Derzeit sind wir von Preisgeldern wie bei «Dota 2»-Wettkämpfen oder einer Vermarktung à la «FIFA»-Esports meilenweit entfernt. Wie das Ganze allerdings in ein paar Jahren ausschauen wird, kann ich nicht beurteilen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass – nicht nur wegen Corona – der immense Esports Boom weitergeht und auch Randsportarten in den Fokus rücken. Mit der Partnerschaft zwischen der SBSF und Senior Esports haben wir zudem einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Ich war von Beginn weg dabei und sass schon im allerersten Call, zusammen mit René Merkli, dem Gründer von Senior Esports, Sebastian Zwyer, zuständig für Marketing und Kommunikation bei der SBSF, und Livio Bundi, Schweizer Baseball-Nationalspieler und SBEL Coordinator. Aufgrund meiner ehemaligen Tätigkeit bei esports.ch als Redaktions- und Projektleiter durfte ich meine Expertise von Anfang an ins Esports-Projekt mit einbringen.

Senior Esports? Klingt für mich irgendwie nach Altersheim für Gaming-Rentner.
Das habe ich auch gedacht, als ich das erste Mal davon gehört habe (lacht). Nein, Spass beiseite. René Merkli hat uns mit Senior Esports den Weg geebnet, in diesen schwierigen Zeiten zumindest virtuell Baseball spielen zu können. Als sich René bei Sebastian gemeldet hatte, nahm das Ganze so richtig Fahrt auf. Aufgrund meiner Kenntnisse der Branche und meines damaligen Jobs war ich auch mit im Boot. Aber, Branchenwissen hin oder her: Ich wäre sowieso dabei gewesen, weil ich immer für ausgefallene Dinge zu haben bin. Plötzlich ging's dann sehr schnell. Renés Vision am Verbandspräsidenten-Meeting der SBSF gefiel den Vereinen, welche ihm daraufhin das Go für ein Baseball-Esports-Projekt gaben. Sebastian wurde bereits im ersten Lockdown von Home of Esports kontaktiert, um ein ähnliches Projekt zu wagen. Das ist damals aber aus finanziellen Gründen gescheitert. Der zweite Versuch, diesmal mit Senior Esports, wurde durch das Zutun von René, selbst ehemaliger Baseball-Spieler, umgesetzt und wir sind unheimlich stolz, ihn unseren Partner nennen zu dürfen. Ohne Renés Initiative würde ich wohl gelangweilt aus dem Fenster starren und darauf hoffen, endlich wieder draussen Baseball spielen zu dürfen.

Michels Baseball-Ausrüstung ist gewaschen, geputzt und einsatzbereit, sobald die Saison losgeht. Bildquelle: Michel Romang
Michels Baseball-Ausrüstung ist gewaschen, geputzt und einsatzbereit, sobald die Saison losgeht. Bildquelle: Michel Romang

Dann ist die SBEL auch Corona zu verdanken?
Als ich von den Massnahmen des BAG hörte, war ich zuerst sauer, da Baseball als eine der wenigen Teamsportarten – aus meiner Sicht zumindest – durchaus corona-tauglich wäre. Schlussendlich musste ich mir aber eingestehen, dass es unfair wäre, bei anderen Sportarten Abstriche zu machen, während wir weiterhin auf dem Feld herumrennen dürfen. Ich fand es trotzdem extrem schade, dass die Spiele im März und April letztes Jahr ins Wasser gefallen sind. Das ist meine Lieblingsspielzeit. Positiv stimmte mich einzig die Tatsache, dass wir 2020 keine Spiele im Schnee austragen mussten. In den «Genuss» dieses Erlebnisses kam ich 2019 – und wünsche es mir kein zweites Mal. Währenddessen hat mir «MLB The Show» über die baseball-freie Zeit hinweggeholfen. Mein erstes «The Show» kaufte ich 2012, leistete mir die darauffolgenden Versionen aber nur unregelmässig. Bis Corona kam, war ich höchstens Casual Gamer. Ich warf die Playstation vielleicht zwei- bis dreimal pro Monat an. Als Vorbereitung auf die SBEL spielte ich wieder regelmässiger. Zu viert aus dem Verein trugen wir Freundschaftsspiele aus, ungefähr zweimal die Woche. Ab und zu habe ich auch alleine trainiert. Um auf deine ursprüngliche Frage zurückzukommen: René leistete zwar durch gutes Timing und mit cleverem Geschäftssinn den Löwenanteil für die SBEL, aber das Corona-Virus hatte seine Finger ebenfalls im Spiel.

«Ich wäre sowieso dabei gewesen, weil ich immer für ausgefallene Dinge zu haben bin.»

Deinen dritten Platz hast du in der Seniorenkategorie erreicht. Wie fühlst du dich, wenn du das Wort «Senior» hörst?
Mit meinen 34 Jahren war ich theoretisch ein Jahr zu jung für die Swiss Baseball Esports Senior League. Doch die Organisatoren drückten ein Auge zu, weshalb ich mich nicht mit den jüngeren Semestern messen musste. Ich bin froh, dass es mir die SBEL respektive Senior Esports ermöglichen, mich mit Gleichgesinnten zu messen. Dabei geht's nicht primär nur ums Alter, sondern auch um Diskussionsthemen während des Spiels, die Zeiten, wann gezockt wird und vieles mehr. Denn einer der Grundpfeiler von Senior Esports ist der gemeinsame Spass am Spiel. Auch wenn die meisten Leute Gaming und Esports mit einer deutlich jüngeren Zielgruppe verbinden, gibt es Zahlen, die ein völlig anderes Bild zeigen. In Deutschland liegt das Durchschnittsalter eines Gamers beispielsweise bei 37,5 Jahren. Über 15 Millionen Spieler sind gar über 40 Jahre alt. Da diese Gelegenheitszocker oft einen fordernden Beruf, Kinder und andere Hobbies haben, wäre es unfair, sich mit jungen Gamern messen zu müssen, die viel mehr Zeit zum Zocken haben. Senior Esports setzt da an und trifft in dieser Nische anscheinend genau den Nerv. Obwohl ich mich in der SBEL bereits unter die Senioren gemischt habe, fühle ich mich weder alt, noch schäme ich mich für diese Bezeichnung. Im Gegenteil: Ich bin stolz, Teil dieses Projekts sein zu dürfen. Was wir haben, ist europa- und weltweit einzigartig.

Wieso?
Das hat mehrere Gründe. Einerseits ist «MLB The Show» mittlerweile eine langjährige Dynasty. Früher gab es noch 2K, was mir persönlich vom Gameplay her besser gefallen hat. Aber irgendwann scheiterte das Spiel an den Rechten der Spieler- und Team-Namen. Dadurch hat sich «The Show» als Branchenprimus etabliert. In den USA gibt es inzwischen diverse Turniere, an denen mehrere tausend US-Dollar an Preisgeldern zu holen sind. Ganz grosse Beachtung für das Game gab es dann im März 2020. Die Major League Baseball, der offizielle US-Baseball-Verband, entschied, ein offizielles und von der Liga gesponsertes «MLB The Show»-Turnier mit je einem Spieler aus den Major Leagues zu machen. Das war nicht nur in den USA ein grosser Erfolg, sondern gab dem Spiel sowie der Sportart auch in der Esports-Branche einen ordentlichen Boost. Hinzu kam der Mut des SBSF, ein solches Projekt in der Schweiz zu wagen und umzusetzen. Der Schweizer Baseball hat damit ein Zeichen weit über die Landesgrenzen hinaus gesetzt. Schliesslich ist die Senior League der SBEL die erste Online-Baseball-Liga für über 35-Jährige auf der ganzen Welt. Kurz nach dem Start der SBEL in der Schweiz hat der WBSC, der Base- und Softball-Weltverband, Esports als offizielle Disziplin im Baseball anerkannt. All diese Dinge haben dazu beigetragen, dass ich an etwas beteiligt sein darf, das weltweit einzigartig ist. Dass ich in der Seniorenliga auch noch auf dem Podest stehen durfte, macht es umso schöner.

Es gibt Seniors, die gegen junge Gamer bestehen können. Ist die Senior Esports League nicht einfach eine Flucht nach vorne und eine Ausrede, sich nicht mit den Allerbesten messen zu müssen?
Gemäss dem, was ich aus der Community höre, ist dies überhaupt nicht der Fall. Jeder ist froh, auf Gleichgesinnte zu treffen – egal, ob jung oder alt. Da es auch bei den Seniors grosse Unterschiede bezüglich Skills gibt, bleibt es in jedem Turnier und jeder Liga extrem spannend. Wer denkt, dass bei den Seniors alles erwachsen zu- und hergeht, der irrt sich. Gebasht wird auch bei den Ü35ern. Zudem braucht es die Junior League für die Seniors. Die älteren Spieler können von den Jungs noch viel lernen und tun dies auch aktiv. Trotz Konkurrenzkampf und Bashing – beides findest du auch im echten Sportlerleben – geht es in der Online-Welt aber auch um den Umgang mit dem Gegenüber. Ich kommuniziere halt lieber mit Gleichaltrigen als mit einem 12-jährigen Teenie am anderen Ende der Welt. Du hast unterschiedliche Interessen, einen anderen Fokus und tauschst dich auch ausserhalb des Games aus. Das macht für mich das gewisse Etwas der Senior-Esports-Plattform aus. Ich habe daher nicht das Gefühl, vor jemandem zu fliehen. Es ist für mich eher so, dass ich etwas gesucht und gefunden habe, das mir bisher nicht geboten werden konnte. Denn zurücklehnen kann ich mich auch bei den Seniors nicht, wenn ich vorne dabei sein will.

Die erste Baseball-Esports-Saison ist vorbei. Wie geht's weiter?
Geplant ist eine zweite Season. Der Start ist aber noch offen. Er wird in den nächsten Wochen festgelegt und hängt davon ab, wann «MLB The Show 21» erscheint. Sobald sich die Spieler mit dem neuen Game vertraut gemacht haben, geht's los. Des Weiteren habe ich gehört, dass die Idee herumgeistert, die SBEL zu vergrössern und die Vereine noch besser zu integrieren. So soll ihnen zum Beispiel die Möglichkeit geboten werden, sich im Esport einfacher zu etablieren, mit reinen Esports-Spielern für die SBEL beispielsweise. Das ist finanziell jedoch ein ganz anderes Level, noch sehr ferne Zukunftsmusik und es steckt wohl auch viel Träumerei dahinter. Für die zweite Saison werden zudem Partner gesucht, die für die SBEL noch mehr Reichweite generieren. Aber halt auch schon nur, um die laufenden Kosten decken zu können. Denn gewinnbringend ist unser Projekt nicht – noch nicht. Die explizite Erwähnung der SBEL durch den Weltverband ist ein schönes Zeichen, dass Esports auch bei Randsportarten im Trend liegen. Zudem ist es toll, dass wir in der kleinen Schweiz etwas geschaffen haben, das nirgendwo sonst in dieser Form existiert. Auch deshalb stehen die Chancen gut, dass wir in Zusammenarbeit mit Senior Esports ein neues Projekt mit europäischer Tragweite auf die Beine stellen werden. Wie auch immer es mit der Pandemie weitergeht: Dem Schweizer Baseball stehen bei den Esports spannende Zeiten bevor.

Ob mit oder ohne Corona, Michel will in Zukunft wieder vermehrt zum Controller greifen. Bildquelle: Michel Romang
Ob mit oder ohne Corona, Michel will in Zukunft wieder vermehrt zum Controller greifen. Bildquelle: Michel Romang

Und wie sehen deine Zukunftspläne aus?
35 werden, damit ich online endlich auch offiziell zu den Senioren gehöre (lacht). Ich hoffe, dass ich kommende Saison im Finale der SBEL stehe. Weil ich den Dreh langsam aber sicher raus und mehr Lust habe, die Playstation einzuschalten, «MLB The Show» einzulegen und online zu trainieren. Ich habe mir fest vorgenommen, regelmässiger zu zocken. Seit Jahresbeginn ist bei mir leider wieder eine gewisse Faulheit eingekehrt, die ich dringend ablegen muss. Ebensosehr hoffe ich, dass wir offline eine mehr oder weniger normale Saison spielen können. Mit den Sissach Frogs will ich um den Meistertitel in der NLB mitspielen. Unser Saisonstart ist auf April angesetzt, was aber eng werden dürfte. Zudem wünsche ich mir, dass sich weitere Synergien für unseren Sport ergeben, indem der SBSF vom Hoch der SBEL profitieren und auch im echten Leben neue Mitglieder lizenzieren kann. Denn um weiterhin spannende Mann-gegen-Mann-Fights austragen zu können, braucht es im Baseball nebst talentierten Einzelspielern immer auch den Rückhalt des Teams. Egal, ob offline oder online.

Bildquellen Teaser: Youtube/SBSF sowie Michel Romang

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Raphael Knecht
Raphael Knecht
Senior Editor, Zürich
Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne hüglige Cyclocross-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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