Tantra-Übungen für Beginner
Knowhow

Tantra-Übungen für Beginner

Natalie Hemengül
Zürich, am 02.06.2020
Die indische Lebensphilosophie beschäftigt sich mit mehr als nur der Sexualität. Tantra-Lehrerin Mahara McKay verrät, mit welchen einfachen Übungen du in deiner Partnerschaft wahre Intimität schaffst.

In meinem letzten Beitrag drehte sich alles um die Frage «Was ist Tantra?». Ein Thema, das sich nur schwer greifen lässt und so facettenreich ist wie das Leben selbst. Dennoch oder gerade deshalb lohnt es sich, einen Selbstversuch zu wagen, findet Tantra-Lehrerin Mahara McKay. Die 39-Jährige lebt zurzeit in Goa und unterrichtet seit Jahren im Rahmen tantrischer Privatsessions und mehrtätiger Gruppen-Workshops das Gefühl vom Einssein. Unter anderem auch in der Schweiz. «In den Kursen lernen die Teilnehmer, wie sie in wenigen Tagen ein Zusammengehörigkeitsgefühl für wildfremde Personen entwickeln. Das ist der motivierendste Aspekt meiner Arbeit und wohl der, der das Leben der Menschen am stärksten verändert», erklärt Mahara. Sie verrät, mit welchen beginnerfreundlichen Paar-Übungen auch du zu Hause schnell einen Effekt spürst.

Was ist *Tantra**?
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Übungssache

Blickkontakt

Das «Eye Gazing» ist eine der bekanntesten und einfachsten Tantra-Übungen. «Durch sie lernst du, wie wenig Aufmerksamkeit du deinem Gegenüber für gewöhnlich schenkst. Wir verbringen zwar viel Zeit mit unseren Liebsten, eine Verbindung über tiefes in die Augen schauen stellen wir jedoch höchst selten her», erklärt Mahara.

Schnapp dir einen Partner – egal, ob deine bessere Hälfte, Mutter, Vater, Freundin, Bruder etc. Setzt euch gegenüber voneinander hin und schaut euch in die Augen. Fokussiere dich dabei nur auf ein Auge. Links oder rechts, was dir lieber ist. Du kannst sowieso nicht in beide gleichzeitig schauen. Versuche nun, den Kontakt zu diesem Auge zu halten. Bei den meisten machen sich währenddessen Gefühle wie Nervosität, Angst oder Unsicherheit breit. «Obwohl du dein Gegenüber wortwörtlich im Auge behältst, geht es im Kern dieser Übung darum, dich selbst genauer zu beobachten», sagt Mahara.

Woran denkst du dabei? Beurteilst du die Person vor dir? Kannst du dich ihr gegenüber öffnen? Versuchst du, etwas in ihr zu lesen oder sie gar zu beeinflussen? Kannst du ganz einfach vor ihr verweilen, ohne irgendwelche Gedanken? Falls dem nicht so ist, musst du dich fragen, was dich davon abhält. Ist es Angst? Und wenn ja, Angst wovor? Kannst du etwas tun, um dieser Angst entgegenzuwirken? Versuche deine Gedanken nicht auf dein Gegenüber, sondern auf dich zu lenken. Achte dazu auf deine Körpersprache: Bist du relaxed oder sind Schultern und Bauch angespannt? Spielst du vielleicht mit den Fingern? Falls ja, versuche die angespannten Partien zu entspannen. Richte anschliessend deinen Fokus auf deinen Atem: Atmest du flach in den Brustkorb oder tief bis in den Bauch? Verlangsame jeden Atemzug. Dadurch dreht sich auch automatisch dein Gedankenkarussell weniger schnell.

Steht dir dein Übungspartner nicht nahe oder ist er dir gar fremd, fallen die körperlichen und gedanklichen Begleiterscheinungen üblicherweise stärker aus. Machst du die Übung mit jemanden, den du gut kennst, wirst du ihn oder sie mit neuen Augen sehen. «Diese Übung ist am effektivsten, wenn du sie mit jemandem durchführst, der dich ein wenig verunsichert», sagt Mahara. Je länger du sie machst, desto besser. Du kannst sie bis auf vierzig Minuten ausdehnen, wenn du das möchtest. Für den Anfang reichen aber auch fünf. Das Spannende: Du kannst die Übung mit verschiedenen Personen durchführen und wirst sehen, dass es sich jedes Mal anders anfühlt. Die Übung klappt übrigens auch über Videocall.

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Ohren auf

Führe diese Übung mit jemandem durch, der dir nahe steht. Eine Woche lang teilt ihr jeden Tag je zwei bis fünf Dinge miteinander, die ihr aneinander mögt oder schätzt. Macht ein kleines Ritual daraus, das immer abends vor dem Essen oder ins Bett gehen stattfindet. Ein Beispiel für eine solche Aussage: «Ich schätze es sehr, dass du heute den Abwasch gemacht hast.» Oder: «Ich schätze die Art, wie du mich heute Morgen angelächelt und mir einen guten Morgen gewünscht hast.» Es können tiefgründige, lustige, simple oder verrückte Dinge sein, die du deinem Gegenüber mitteilst. Wichtig ist nur, dass ihr nicht beginnt, zu diskutieren. Es geht darum, demjenigen, der spricht, voll und ganz zuzuhören und dann die Rollen zu tauschen. «Durch dieses Ritual bringst du deinem Gegenüber Wertschätzung entgegen. Im Alltag geht diese schnell mal unter, weil wir vieles als selbstverständlich ansehen. Am besten macht ihr diese Übung sogar zu einem festen Bestandteil eurer gemeinsamen Tagesroutine», sagt Mahara.

Im Fünf-Minuten-Takt

«Wenn ich dich fragen würde, welcher Teil deiner Fusssohle beim Laufen den Boden zuerst berührt, hättest du höchstwahrscheinlich keine Antwort darauf», sagt Mahara. «Das liegt daran, dass wir beim Gehen ein hohes Tempo drauf haben, wodurch wir kleinen Dingen keine Aufmerksamkeit schenken. Wir spüren nicht in uns hinein, wissen nicht, wie sich unser Körper bewegt oder verhält. Egal was wir tun, ein hohes Tempo steht unserer Achtsamkeit im Weg. Verlangsamen wir die Geschwindigkeit, mit der wir Dinge tun, entspannen wir uns und nehmen mehr wahr.»

Auf diesem Konzept baut die dritte Tantra-Übung auf. Sie ist für dich und deine Liebste respektive deinen Liebsten. Stellt auf einem Smartphone mehrere Wecker, die in Intervallen von fünf Minuten klingeln. Ihr könnt das Ganze als eine Art Spiel betrachten. Dabei entscheidet ihr jeweils abwechslungsweise, was ihr in den nächsten fünf Minuten machen möchtet. Seid kreativ. Mahara empfiehlt, die ersten fünf Minuten mit der «Eye Gazing»-Übung zu beginnen, um im Moment anzukommen. Danach könnt ihr frei entscheiden. Wichtig ist nur, dass ihr alles langsam und bewusst tut. Dabei kannst du zum Beispiel das Gesicht deines Partners fünf Minuten lang ganz sanft berühren, so als wolltest du alle Konturen nachzeichnen. Oder dein Partner verwöhnt dich mit federleichten Berührungen am ganzen Körper. Das Gegenüber fühlt nur und empfängt. Ihr könnt euch auch fünf Minuten lang nur küssen, sonst nichts. Geniesst das Geben sowie Empfangen und beobachtet stets eure Gedanken. Wie fühlt sich das an? Bist du völlig präsent oder bist du mit den Gedanken bei der Arbeit und den Kindern?

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Wenn ihr wollt, könnt ihr beide nach jeder Übung jeweils zwei bis drei Minuten lang erzählen, wie sie sich für euch angefühlt hat. Was hat dir gefallen und was nicht? Einer erzählt, der andere hört zu. Dann wird getauscht. Fühle dich nicht angegriffen, wenn deinem Übungspartner oder deiner Übungspartnerin etwas nicht gefallen hat. Frage stattdessen, was du das nächste Mal anders machen kannst – aber erst, wenn dein Gegenüber fertig ist mit erzählen. Es passiert leider schnell, dass wir jemanden ungewollt unterbrechen. «Das ist ein kleiner Einblick in das Thema Conscious Sexuality. Herausfinden, was dich entspannt, entschleunigt und womit du dich wohlfühlst, um dich öffnen zu können– und zwar im Hier und Jetzt. Alles, ohne dich davor zu scheuen, deine ehrliche Meinung mitzuteilen. Mit diesen bewussten Berührungen lernst du dich und deinen Körper als auch dein Gegenüber besser kennen. Es geht nicht darum, sich etwas vom anderen zu holen, sondern darum, zu erkennen, wie viel Freude das Geben macht und wie wichtig körperliche Nähe für den Menschen ist. Wir vergessen oft, dass jeder Körper anders ist und dementsprechend auch andere Bedürfnisse hat», sagt Mahara.

Wie weiter?

«Mit diesen drei Übungen erhältst du einen kleinen Eindruck davon, wie vielfältig Tantra ist. Du begegnest dabei deinen Sinnen, Emotionen und deinem Bewusstsein in jedem Moment immer wieder aufs Neue», sagt Mahara. «Wer sich tiefer mit der Materie befassen möchte, dem empfehle ich zum Einstieg das Buch 'Tantra' von Daniel Odier und viel Geduld.»

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Fotos: Mahara McKay. Die nächsten Workshops von Mahara finden im Juli und August in der Schweiz statt. Anmelden kannst du dich über Instagram @maharamckay

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Editor, Zürich
Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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