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Reportage Wohnen06

Spieglein, Spieglein an der Wand...

...was macht der Selfie-Stick in meiner Hand? Mit der jährlich ansteigenden Besucherzahl der Mailänder Möbelmesse wächst auch die Selbstverliebtheit ihrer Besucher. Vom Versuch, sich dem Selfie zu entziehen.

Die Möbelmesse «Salone del Mobile» wird immer grösser und erstreckt sich längst nicht nur über die Messehallen ausserhalb der Stadt, sondern über ganze Quartiere inmitten Mailands. Auf zahlreichen Ausstellungen kann ich mich inspirieren lassen. Etablierte Firmen zeigen ihre Neuheiten genauso wie Newcomer. Von Jahr zu Jahr bleibe ich länger dort. Bis ich mir irgendwann die vollen sieben Tage – und damit eine vollkommene Überreizung meiner Sinne – gönnen werde. Und selbst dann werde ich nicht alles sehen können, was mir geboten wird.

Ein Grund, warum ich in Mailand sicher mehr als üblich fotografiere, ist der Überfluss an Eindrücken. Es ist unmöglich, alles in so kurzer Zeit zu speichern. Deshalb fotografiere ich strategisch: zuerst das Objekt der Begierde, dann die Namen der Designer, damit ich später noch den Überblick habe. Das geht schnell. Trotzdem fühle mich irgendwie unwohl dabei, ständig am Fotografieren zu sein.

Brauche ich das Bild von den Menu-Lampen wirklich? Kann ich sie so einfangen, wie ich sie gerade vor mir habe? Stehe ich jemand anderem im Bild, wenn ich einen Schritt zurück mache? Bin ich unhöflich gegenüber meinen Begleitern, wenn ich nochmals durch den Raum marschiere, um einen anderen Winkel einzufangen?

Und schliesslich: stimmt die Balance noch zwischen dem Gewinnen von Eindrücken und dem Festhalten derselben? Denn deswegen bin ich doch nach Mailand gekommen: Um mich inspirieren zu lassen. Nicht, um ständig den Auslöser zu bedienen. Ich führe einen ständigen Kampf, genährt von meiner Angst, die Inspirationen und Namen der Designer am Salone del Mobile nicht festhalten zu können.

Selfies sind ansteckend… und in Mailand kein Zufall

Als ich vor acht Jahren in einem Museum das erste Mal ein Gemälde von Gerhard Richter sah, verweilte ich minutenlang davor. Anderen Besuchern ging das ähnlich. Letztes Jahr träumte ich erneut vor einer Malerei des deutschen Künstlers. Neu war dieses Mal aber, dass ich kurz warten musste, bis eine Besucherin ein Selfie vor dem Kunstwerk gemacht hatte.

Der Selfie-Trend war also auch im Museum angekommen. Der Blick ruht auf dem Bildschirm mit dem eigenen Gesicht statt die Atmosphäre auszukosten. Irgendwie befremdlich. Schliesslich gehe ich ins Museum, um mich von den Künsten anderer berauschen zu lassen. Nicht um selbst Teil eines Stillebens auf einem Foto zu werden.

Die Versuchung zu fotografieren ist bei einmaligen Austellungen wie denen von dem Designstudio Moooi aus Holland oder Nendo aus Japan gross.

Dieses Jahr begegnete mir ein ähnliches Phänomen auch in Mailand. Handys scheinen an den Besucher-Händen festzukleben, oft am Selfie-Stick. Menschen, die jede Gelegenheit nutzen, sich selbst zu fotografieren. Von Mirror-Selfies bis hin zu Posen auf dem neuesten Sofa war ein Grossteil der Besucher mit sich selbst beschäftigt. Statt mit den kunstvollen Inszenierungen.

Jeder Hersteller, der etwas von Marketing versteht kreiert auf Messen «instagrammable» Wände und Interieurs.

Die, die genau darauf setzen, dass wir narzisstischer werden und alles um uns herum dokumentieren, sind klevere Marken und Macher solcher Ausstellungen. Bewusst setzen sie mit «Mirror Walls» Akzente in den Räumlichkeiten, an denen sich ausgiebig Selfies machen lassen.

Diese werden im besten Fall mit den richtigen «Hashtags», die oft direkt auf der Wand vermerkt sind, im Anschluss auf Social-Media-Kanälen geteilt. Spielerisch erreichen die Marken damit eine breite Streuung ihrer Werke im Internet, ohne dass sie dafür einen Franken für Werbung ausgeben müssen. Befeuert und gefeiert wurde diese zeitgenössische Form von Marketing dieses Jahr in Mailand am stärksten vom schwedischen Bekleidungsgeschäft COS. Und das nicht einmal beabsichtigt.

Bild: @studiofairly
Bild: @meinszeneviertel

«Open Sky» ist die siebte Ausstellung, die COS für den Salone del Mobile konzipiert hat. Diesmal hat sich das Kreativstudio mit dem Künstler Phillip K. Smith zusammengetan, um den Palazzo Isimbardi samt Garten mit Spiegelobjekten zu versehen. Sie sollten den Himmel reflektieren und eigentlich dazu verleiten, einen Moment zu stoppen, um ihn genauer zu betrachten. Stattdessen haben Besucher die Spiegel als weitere Bühne für Selbstinszenierungen genutzt. Verpasse ich etwas, wenn ich mich nicht selbst ablichte?

Selfie-Selbstversuch

Weil der Selfie-Boom unübersehbar war, habe auch ich mich anstecken lassen ein Bild von mir zu machen. Die Hürde war in Mailand zwar kleiner, da das alle machen, aber dafür nicht angenehmer. Nach wie vor bevorzuge ich die Bilder, die ich ohne mich gemacht habe und die mir heute als Erinnerung an die inspirierenden Ausstellungen dienen.

Auch ich konnte mich dem Selfie-Trend in der Ausstellung der Innenarchitekten Britt Moran und Emiliano Salci in ihrer Galerie «Dimore Studio» nicht entziehen.

«Transfer» war eine Ausstellung für die Sinne. Sie widmete sich den Entwürfen von Meistern des 20. Jahrhunderts.

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Pia Seidel, Zürich

  • Teamleader Editorial Galaxus
Als Design Cheerleader gehe ich aufmerksam durch die Welt und konsumiere Kunst, Design und Mode wie Süssigkeiten. Besonders liebe ich es auf Reisen in die Magie neuer Orte einzutauchen sowie Trends auf Messen oder den Strassen aufzuspüren. Im Alltag erfreue ich mich an der Gestaltung meiner eigenen vier Wände und Podcasts.

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