Hintergrund

Schönheit oder Schandfleck? Stilkritik am Fitness-Spiegel

Michael Restin
09.06.2022
Mitarbeit: Pia Seidel

Seit ich vor dem Fitness-Spiegel Proform Vue trainiere, drängen sich Fragen auf. Eine davon lautet: Spieglein, Spieglein an der Wand, bist du ein Einrichtungsgegenstand?

Er hat etwas von einem überdimensionierten Smartphone. Der Proform Vue ist Spiegel und Touchscreen in einem, mannshoch und mit einem 22-Zoll-Display hinter der glänzenden Oberfläche ausgestattet. Eingeschaltet hat das den Wow-Effekt, dass mein Fitness-Coach im Spiegel auftaucht. Ausgeschaltet bleibt ein mit Fingertapsern verziertes Gerät für Zuhause übrig, bei dem ich mich frage, wo in aller Wohnwelt es eigentlich hingehört. Ist es schön oder ein Schandfleck? Bei mir findet das Ding nur im Keller Platz, die Wohnung ist schon voll. Doch eigentlich zielt es auf zentralere Bereiche. Ein Spiegel will sich nicht verstecken.

Die Standort-Frage ist entscheidend

Ich darf den Proform Vue für einige Wochen testen und laufe damit nicht Gefahr, irgendwann eine teure Tech-Leiche herumstehen zu haben. Ein Gerät, das ich nicht mehr nutze und das mir gleichzeitig ein schlechtes Gewissen bereitet. Die ultimative Niederlage, eine teure Lebenslüge vom regelmässigen Sport in den eigenen vier Wänden. Im Kleinen kennst du das vielleicht auch, falls deine Kurzhanteln irgendwann klammheimlich unter dem Bett verschwunden und nie wieder aufgetaucht sind. Das ist zu verschmerzen. Ein paar investierte Tausender für einen grossen Staubfänger im Wohnzimmer tun dagegen weh.

Zum Verstecken ist der Spiegel etwas zu gross.
Zum Verstecken ist der Spiegel etwas zu gross.

Auf PR-Fotos sieht gehobene Home-Fitness oft so aus: Irgendein Loft mit Designer-Sofa und unendlich viel Freiraum, im Zentrum der Fitness-Spiegel mit einem lächelnd trainierenden Muskelmenschen davor. Natürlich ist das glänzende Hightech-Teil fingertapserfrei. In der Realität ist das selten der Fall und die Standortfrage schwierig zu beantworten. Dabei ist sie entscheidend. Um so ein Gerät über einen langen Zeitraum regelmässig zu nutzen, darf es nicht abgeschoben in der hintersten Ecke stehen. Es muss an einem guten Ort platziert sein.

Weg vom Wohnzimmer

Ich frage unsere Einrichtungsexpertin Pia Seidel, wo sie ein Gerät wie den Proform Vue platzieren würde. «Wenn es irgendwie geht, dann weg vom Wohnzimmer und hin ins Arbeitszimmer oder den Keller, wo Wohnlichkeit zweitrangig ist», antwortet sie und macht aus ihrer Abneigung gegen Kunststoff-Bildschirm-Kombinationen keinen Hehl: «Auf den ersten Blick sieht der Vue wie ein Fernseher aus, der falsch aufgestellt wurde. Und Fernseher finde ich generell rein optisch falsch. Sie sind für mich hässliche schwarze Flecken und gehören bei Nichtgebrauch einfach nur versteckt.»

Das Urteil ihrer spontanen Stilkritik ist wenig schmeichelhaft. Zur Ehrenrettung des Proform Vue muss ich sagen, dass er sich mit seiner verspiegelten Oberfläche für ein Fitnessgerät relativ schlank macht. Dazu lässt er sich drehen und Hanteln dahinter verstauen. Doch insgesamt strahlt er eher Studio-Atmosphäre als Wohnlichkeit aus und wirklich verstecken lässt er sich mit seinem massiven Standfuss auch nicht. Davon kann seine spiegelnde Oberfläche nicht ablenken, die eben doch kein richtiger Spiegel ist, sondern auch etwas von einer Mattscheibe hat.

Halb Display, halb Spiegel.
Halb Display, halb Spiegel.

Das Arbeitszimmer wäre ein perfekter Ort für ihn, sofern es gross genug ist. Um mit Lang- und Kurzhanteln zu trainieren, brauchst du ein paar Meter Platz um dich herum und auch nach hinten, damit du den Spiegel zur Selbstkontrolle nutzen kannst. «Am besten steht er gegenüber von einer ruhigen Wand», sagt Pia noch. «Wenn sich nicht auch noch tausend Dinge darin spiegeln, sorgt das Teil wenigstens nicht ganz so sehr für Unruhe.»

Doppelte Ruhe, doppeltes Chaos

Spiegel verdoppeln die Ruhe, aber leider auch das Chaos – je nachdem, wie sie platziert sind. Das habe ich auch schon bemerkt und im Keller, wo ich trainiere, für Ordnung gesorgt. Das muss sein, denn wenn ich die Anweisungen im Spiegel verfolge und gleichzeitig mich selbst bei der Übungsausführung sehe, verträgt es keine weitere Ablenkung im Hintergrund. Ganz klar: Das Gerät braucht Raum. Und um den Wohnbereich von designaffinen Menschen zu erobern, müsste es anders gestaltet sein.

Vom Spiegel über den Lautsprecher bis zum drehbaren Standfuss ist der Proform Vue vor allem zweckmässig.
Vom Spiegel über den Lautsprecher bis zum drehbaren Standfuss ist der Proform Vue vor allem zweckmässig.

«Der Trend geht dahin, Hardware aus ästhetischen Gründen immer sinnlicher zu machen», erklärt Pia. «Trendforscherin Li Edelkoort hat schon 1998 den Softwear-Trend prophezeit – und sie hat recht behalten.» Ob Google mit seinen Lautsprechern «Nest» im Stoffmantel oder Samsung mit seinem TV «Frame» im Holzrahmen – kreative Köpfe würden alles geben, um uns stilvolle Geräte zu bieten.

Das funktioniere über warme Materialien, sagt Pia: «Was setzt du als Erstes ein, um einen Raum gemütlicher zu machen? Richtig: Textilien. Egal, ob Vorhänge, Dekokissen oder Teppiche – alles ist wohnlicher als noch ein riesiges technisches Gerät neben dem TV.» Für meine Eingangsfrage, ob der Proform Vue als Einrichtungsgegenstand durchgeht, ist das ein klares Nein.

Wie eine wohnliche Variante aussehen könnte

Solange er wie ein riesiges Smartphone aussieht, wird der Fitness-Spiegel kein Wohntraum mit Charakter werden. «Holz oder Messing würden dem Spiegelrahmen guttun», meint Pia. «Dazu sollte die Fläche etwas ovaler und der Ständer weniger basic sein.» Zusammengefasst lässt sich sagen: Er müsste mehr Wärme ausstrahlen und sich wie ein normaler Spiegel in den Raum einfügen. Dann wäre er ein Einrichtungsgegenstand mit verstecktem Mehrwert. Oder siehst du das anders?

Deine Meinung zur Optik

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  • Egal wie er aussieht: Ein Fitness-Spiegel ist nichts für mich.
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Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

Home-Fitness-Geräte haben oft Nachholbedarf, was die Ästhetik angeht. Ob Laufband, Ellipsentrainer oder Rudergerät – bei allen wachsen die Displays und meistens dominiert Hartplastik. Der Fitness-Spiegel verpasst den Sprung ins Wohnzimmer ebenfalls. Dabei hätte er es aufgrund der Bauweise einfacher als andere Grossgeräte, sich attraktiv zu machen. Optisch überzeugt mich der mechanische Ansatz des «Eisenhorn» mehr, dessen Entwickler Mike Schrag dem Grundsatz gefolgt ist: «Ich wollte mein Trainingsgerät kompakt halten und in der Wohnung haben.» Entsprechend ansprechend sieht es aus.

  • Portrait

    30 Jahre tüfteln an der Kraftstation «Eisenhorn»: Ein Mann auf der Suche nach Perfektion

    von Michael Restin

Was beim Fitness-Spiegel noch nicht ist, kann ja noch werden. An smarte Spiegel werden wir uns gewöhnen, sie drängen auch ins Bad und andere Lebensbereiche, um uns mit Infos zu versorgen. Ich bin heute schon gespannt, wie die nächsten Generationen von Proform & Co. aussehen werden. Irgendwann werden sie auf den ersten Blick nicht mehr von normalen Spiegeln zu unterscheiden sein. Ausser vielleicht durch ein paar verräterische Fingerabdrücke.

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Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.


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