Schlittenbau bei 3R: Wo das Holz die Kurve kriegt

Michael Restin
Zürich, am 30.12.2019
Mitarbeit: Luca Steiner
Eschenholz, Wasserdampf und Handwerkskunst. Wie aus diesen drei Hauptzutaten in Sulgen (TG) Schlitten und Rodel entstehen, erfährst du oben im Video. Zu Besuch bei einem Unternehmen mit langer Tradition.

Heisser Dampf strömt aus dem Rohr, in dem das Holz geschmeidig gemacht wurde. Jetzt muss es zügig gehen. Rausnehmen, einspannen, zwei oder drei gezielte Hammerschläge. Ein prüfender Blick, ein Hebel wird umgelegt. Die Maschine rattert los und biegt das Holz langsam, aber unaufhaltsam in seine neue Form. Was vor gut einem Jahr noch Teil einer aufrechten Esche aus der Region war, hat gerade die entscheidende Kurve hin zur Kufe eines Holzschlittens genommen. Wie schon so viele Hölzer in den vergangenen Jahrzehnten, hier in Sulgen (TG). Die 3R AG setzt eine lange Tradition fort. Seit den 1930er Jahren werden an der Kirchstrasse 1 Schlitten hergestellt.

In der Biegerei wird das Eschenholz mit Dampf geschmeidig gemacht ...
In der Biegerei wird das Eschenholz mit Dampf geschmeidig gemacht ...
... und anschliessend in seine neue Form gebracht.
... und anschliessend in seine neue Form gebracht.

«Der Dampferzeuger ist sogar noch derselbe wie damals», erzählt Erwin Dreier, der den Betrieb 2002 übernommen hat. Der gelernte Wagner- und Schreinermeister produziert mit seinen Mitarbeitern unter anderem den Klassiker schlechthin. Den original Davoser. «Bei uns soll der Schlitten so erhältlich sein, wie ihn früher schon der Urgrossvater kaufen konnte», sagt er. Das Holz stamme aus den Wäldern der Umgebung, die Latten würden sorgfältig eingenutet, an keinem Detail werde gespart. «Diese Qualität wollen wir bewusst beibehalten.»

Kulturgut auf Kufen

Ein original Davoser – swiss made – das sei für viele Kunden schon etwas Besonderes. Ein Produkt, das Emotionen und Erinnerungen weckt. Erste Schlittelpartien mit grossem Herzklopfen auf kleinen Hügeln. Schmerzhafte Sprünge über selbstgebaute Schanzen. Abfahrten mit den eigenen Kindern. Enkel, die vor Vergnügen jauchzen. Alle Generationen können mitreden, bei diesem Kulturgut auf Kufen. Trotzdem ist es erstaunlich, dass der Klassiker immer noch etwa die Hälfte der Schlittenproduktion der 3R AG ausmacht. Schliesslich ist er ein extrem langlebiges Produkt. «Wenn exzessiv geschlittelt wird, ist der Schlitten aus der Kindheit des Grossvaters bei seinen Enkeln vielleicht irgendwann mal durch», sagt Dreier.

Erwin Dreier mit den original Davoser Holzschlitten.
Erwin Dreier mit den original Davoser Holzschlitten.

Die übrige Kundschaft schwelgt sicher auch gerne in Erinnerungen, greift dann aber doch lieber zu einem modernen Rodel mit bequemer Sitzfläche aus Textil und sportlichem Anspruch. Neben einem «Flizzer» oder «Swiss Racer» sieht der original Davoser auf der Piste alt aus.

Altbewährtes und Innovation

Er muss aber auch gar nicht mit dem Zeitgeist mithalten, sondern darf ihm trotzen. So ergänzen sich Altbewährtes und Innovation, denn nur auf die Tradition kann kein Unternehmen setzen. Aber sie hilft. Vor allem dann, wenn man wie in Sulgen das Handwerk mit eigenen Augen beobachten kann. «Wenn ich mit Kunden durch die Werkstatt laufe, habe ich oft schon einen Schlitten verkauft, bevor wir hinten bei den fertigen Produkten sind», erzählt Erwin Dreier. «Es wird nur noch diskutiert, welches Modell es sein soll.»

In der Schreinerei liegt der süssliche Duft von Eschenholz in der Luft. Warm und heimelig ist es, der knarzende Dielenboden mit feinem Sägemehl bedeckt. Gebogenes Holz und gerade Latten warten in Stapeln darauf, von den Mitarbeitern Schritt für Schritt in fertige Schlitten verwandelt zu werden. Im Surren der Sägen und Bohrmaschinen wächst der Respekt für die Arbeit, die in den Produkten steckt.

In jedem Holzschlitten von 3R steckt sehr viel Handarbeit.
In jedem Holzschlitten von 3R steckt sehr viel Handarbeit.

Kein Karbon, kein Krokodilleder

«Unsere Schlitten dürfen etwas sein, das man sich bewusst leistet», sagt Dreier. Es gebe auch viele Leute, die sich vermehrt Gedanken über die Herkunft der Produkte machen würden. «Aber exklusiv wollen wir nicht sein. Wir setzen nicht auf Karbon und Krokodilleder.» Bodenständig zu bleiben bedeutet nicht, sich neuen Ansätzen zu verweigern. So wird in Sulgen zum Beispiel der «Folding Sled» produziert. Das faltbare Modell ist ein Entwurf zweier Londoner Jungdesigner. «Der Schlittenmarkt spricht offenbar viele Entwickler an», erzählt Dreier, der immer wieder entsprechende Anfragen erhält.

Bei aller Tradition muss er die Zukunft im Blick behalten. Das heisst für ihn, langfristig zu planen und trotzdem flexibel zu bleiben. Die Teile sind bis Ende August alle auf Lager. Wurden gesägt, gebogen, getrocknet und präpariert. Doch die fertigen Schlitten werden in der Regel erst montiert, wenn sie verkauft sind. Das spart Lagerplatz und bietet die Möglichkeit, auf Sonderwünsche einzugehen, die Schlitten mit Schriftzügen oder die Sitzfläche mit speziellen Farbkombinationen zu versehen. Bleibt der Schnee aus, gibt es wenig Bestellungen. Und wenn es schneit, wollen die Kunden ihren Schlitten lieber heute als morgen. «Dann müssen wir innert Stunden reagieren können», sagt Dreier. «Wenn alle Gas geben, machen wir 100 Schlitten am Tag.» Trotz aller Unwägbarkeiten, trotz Klimawandel und Plastikbobs ist sich der Unternehmer einer Sache sicher: «Solange geschlittelt wird, wird es auch Holzschlitten geben.»

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Dieser Beitrag erschien erstmals am 5.1.2019.

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Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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