Hintergrund

Programmiersprache Rust: schnell und trotzdem sicher

David Lee
3.11.2026

Im Oktober 2026 erregten Gratis-Klone für Adobe- und Microsoft-Anwendungen Aufsehen. Doch gerade die positiven Aspekte des Projekts haben weniger mit Künstlicher Intelligenz zu tun, sondern mehr mit der verwendeten Programmiersprache.

Das Projekt Artcraft klont zahlreiche Adobe- und Microsoft-Anwendungen. Es hat bei mir in mehrerer Hinsicht einen gemischten Eindruck hinterlassen. Ich begrüsse die Möglichkeit, diese Anwendungen auch auf Linux verfügbar zu machen und aus ihren wenig kundenfreundlichen Abo-Modellen zu befreien. Aber ich halte Software-Klone auch für eine Gefahr für alle, die gute Software mit eigenen Ideen entwickeln.

Auch technisch gesehen war mein Eindruck zwiespältig. Einerseits sind die Apps noch unvollständig. Andererseits laufen sie extrem schnell, brauchen wenig Speicherplatz und sind stabil. Es macht den Eindruck, als seien sie solide programmiert – obwohl sie fast ausschliesslich von KI-Agenten geschrieben wurden.

Dass die Apps schnell, stabil und sparsam sind, hat viel mit der verwendeten Programmiersprache Rust zu tun. Was ist an Rust so besonders? Was kann die Programmiersprache, was andere nicht können?

Neues Konzept sorgt für Geschwindigkeit bei hoher Sicherheit

Rust bietet eine hohe Speichersicherheit und ist gleichzeitig schnell. Normalerweise muss man sich für das eine oder das andere entscheiden. Hardwarenahe Programmiersprachen wie Assembler sind schnell, aber nicht sicher, weil du damit direkt auf den Speicher zugreifen kannst. Bei Sprachen mit hohem Abstraktionslevel wie Python oder Java musst du dich nicht selbst um die Speicherverwaltung kümmern. Das verunmöglicht viele verheerende Fehler, aber diese Sprachen sind langsamer.

Ein grosser Teil bestehender Programme und Betriebssysteme ist in C und C++ geschrieben. Diese fallen in die Kategorie schnell, aber nicht speichersicher. Und das ist ein grosses Problem. Laut einem Google-Bericht von 2020 machen Speicherfehler mehr als 70 Prozent aller schwerwiegenden Sicherheitslücken im Chromium-Browser aus. Bei Microsoft war es zwischen 2007 und 2016 ganz ähnlich.

Eine höhere Programmiersprache verwendet zur Speicherverwaltung normalerweise einen Garbage Collector. Dieser erkennt während der Programmausführung nicht mehr benötigte Referenzen und gibt den Speicherplatz dafür frei. Das ist praktisch, bremst aber die Programmausführung, in nicht vorhersehbaren, oft unpassenden Momenten.

Rust hat keinen Garbage Collector. Stattdessen verwendet es ein Konzept namens Ownership. Sobald das Programm den Gültigkeitsbereich der Variable verlässt, wird der Speicher, den diese Variable belegt, automatisch und sofort freigegeben. Bei C und C++, die ebenfalls keinen Garbage Collector haben, braucht es explizite Programmanweisungen dazu, was fehleranfällig ist.

Die Krabbe Ferris ist das Maskottchen der Rust-Community.
Die Krabbe Ferris ist das Maskottchen der Rust-Community.
Quelle: Rustacean.net

KI-Agenten kommen gut mit Rust klar

Beim Einsatz von KI-Agenten muss man besonders gut auf die Sicherheit achten. Rust hat hier einen entscheidenden Vorteil: Programmcode, der zu Speicherproblemen führt, wird gar nicht erst kompiliert. Es kann zwar frustrierend sein, wenn das eigene Programm nicht mal testweise startet, aber es erstickt gefährliche Probleme im Keim.

Ein weiterer Vorteil beim Einsatz von KI-Agenten: Der Compiler gibt nicht bloss eine Fehlermeldung aus, sondern ausführliche Hinweise, wie das Problem behoben werden kann. Dieses Feedback wurde zwar für Menschen gemacht, aber es hilft auch KI-Agenten. Sie passen ihren Code entsprechend an und versuchen es noch einmal. Wenn nötig, auch mehrmals. Der Compiler ist wie ein unnachgiebiger Türsteher, der keinen fehlerhaften Code durchlässt.

Bestehendes wird neu in Rust geschrieben

Die erste finale Version von Rust erschien 2015. Damit handelt es sich im Vergleich zu C (1972) oder C++ (1983) um eine junge Programmiersprache. Trotzdem konnte Rust bereits einige spektakuläre Erfolge erzielen.

Mozilla Firefox und Thunderbird wurden zu Teilen in Rust geschrieben. Was nicht verwunderlich ist, da Rust ursprünglich von der Mozilla Foundation entwickelt wurde. Dropbox hat die Synchronisierung zwischen Desktop und Online-Ordner komplett neu in Rust programmiert. Discord wechselte von Go zu Rust, weil der Garbage Collector von Go störende Latenzen verursacht hat.

Discord-Neuprogrammierung: Bei Rust (blau) fehlen die lästigen Latenz-Ausschläge – diese stammten vom Garbage Collector.
Discord-Neuprogrammierung: Bei Rust (blau) fehlen die lästigen Latenz-Ausschläge – diese stammten vom Garbage Collector.
Quelle: Discord

Amazon hat 2021 die Oberfläche von Prime Video in Rust neu programmiert. Die Entwicklerinnen und Entwickler konnten damit die Frame Time auf einem durchschnittlichen Fernseher von 28 auf 18 Millisekunden senken. Wie das Beispiel von Prime Video zeigt, sind mit Rust auch webbasierte Anwendungen möglich. Denn Rust kann direkt nach WebAssemby (Wasm) kompilieren. Wasm ist ein vom W3C festgelegter Standard für die Ausführung von Apps innerhalb des Webbrowsers.

Alles Rust oder was?

Rust ist im Vergleich zu Python, C++ oder JavaScript immer noch eine eher selten verwendete Sprache. Aber sie liegt im Trend. Dass sie gut mit KI-Agenten funktioniert, dürfte ihr weiteren Auftrieb geben.

Nvidia zum Beispiel will für GPU-Kernel mehr und mehr in Rust programmieren. Der Code für Betriebsystem-Kernel besteht bereits zu einem Teil aus Rust.

Galen Hunt, in der Entwicklung bei Microsoft tätig, schrieb auf LinkedIn, sein Ziel sei es, jede Zeile C und C++ von Microsoft bis 2030 zu eliminieren und durch Rust zu ersetzen. Mit Hilfe von KI soll jeder Entwickler und jede Entwicklerin eine Million Codezeilen pro Monat ersetzen. Diese Aussagen warfen hohe Wellen, unter anderem auch, weil er ein kleines Detail vergass zu erwähnen: Dass es sich um ein experimentelles Forschungsprojekt und nicht um die Strategie von Microsoft handelt. Vermutlich ist das auch besser so. Ob es der Sicherheit förderlich ist, wenn ein einzelner Mensch eine Million Codezeilen pro Monat prüfen muss, wage ich zu bezweifeln. Und zumindest bei Android befindet sich die grosse Mehrheit der Speicherfehler in Code, der weniger als ein Jahr alt ist – einfach, weil der alte Code schon viele Jahre gewartet wurde.

Alles in allem ist Rust sicher kein Wunderheilmittel und auch nicht die beste Sprache für alles. Sie bietet aber in verschiedenen Bereichen grosses Potenzial, unter anderem bei der Programmierung mit KI-Agenten.

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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