Onyx Boox Poke 3 im Test: Der Raspberry Pi unter den E-Readern

Onyx Boox Poke 3 im Test: Der Raspberry Pi unter den E-Readern

Philipp Rüegg
Zürich, am 26.04.2021
Die E-Reader von Onyx sind vielseitig. Der Boox Poke 3 ist keine Ausnahme. Dank Android-Betriebssystem ist er anpassbar bis zum Abwinken. Das bringt nicht nur Vorteile mit sich.

Ob du zum ersten Mal einen E-Reader kaufst oder deinen alten ersetzen willst, der Boox Poke 3 von Onyx ist ein interessanter Kandidat. Der chinesische Hersteller unterscheidet sich von Tolino, Kindle und Co. durch die Verwendung eines offenen Betriebssystems. Der Poke 3 läuft nämlich mit Android. Dadurch sind App-Installationen direkt aus dem Google Play Store möglich. Auch sonst kann das Gerät auf unterschiedlichste Weise den eigenen Wünschen angepasst werden. Nicht jeder wird sich ab dieser ungewohnten Freiheit freuen.

Schlank und schnell

Der Poke 3 läuft mit Android 10, also mit einer relativ aktuellen Version von Googles Betriebssystem. Die Oberfläche und die Bedienung unterscheiden sich aber deutlich von der eines Smartphones. Auf der Startseite befindet sich standardmässig die Bibliothek. Am unteren Bildschirmrand sind die Menüpunkte für Bibliothek, Shop, Speicher, Apps und Einstellungen. Die Android-typische Benachrichtigungsleiste erscheint, wenn du mit dem Finger vom oberen Rand nach unten wischt.

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Mit dem Qualcomm-Prozessor Snapdragon 636, 2 GB RAM und 32 GB Speicher ist der Poke 3 leistungsmässig vergleichbar mit einem zwei Jahre alten Mittelklasse-Smartphone. Bei der Bedienung ist das E-Ink-Display aber deutlich träger als jedes noch so alte Smartphone. Von der Geschwindigkeit ist der Poke 3 etwas flotter als mein alter Tolino Vision 5 oder Kindle Oasis. Durch die kompakte Bauweise und das Flache 6-Zoll-Display sieht der Poke 3 deutlich schicker aus als die Konkurrenz. Die optionale Hülle von Onyx verstärkt das elegante Design. Damit sieht er richtig schnuckelig aus. Abgesehen von der Ein/Aus-Taste an der Oberseite und dem USB-Anschluss an der Unterseite ist das Gerät schnörkellos. Allerdings bieten die schmalen Ränder nur wenig Grifffläche. Weil der Poke 3 aber gerade mal 150 Gramm wiegt, liegt er trotzdem gut in der Hand.

Ansonsten bietet der Poke 3 alles, was bei einem modernen E-Reader dazugehört. Automatische Helligkeitsregelung, inklusive Farbtonanpassung und mit 1448 x 1072 Pixel ein angenehm scharfes Display. Wörterbücher, Unterstützung aller bekannter Formate wie Mobi, EPUB, PDF etc. Und dank des 1500-mAh-Akku ist das Gerät auch recht ausdauernd. Das hängt aber sehr von der Benutzung ab. Ich lese meist vor dem Zubettgehen eine halbe Stunde. Damit musste ich nach etwa drei Wochen wieder ans Netz. Der Poke 3 ist nicht der ausdauerndste E-Reader, dafür ein sehr funktionaler wie der Rest des Tests zeigt.

Vollen App-Zugang freischalten

Über diese Option schaltest du den Google Play Store frei.
Über diese Option schaltest du den Google Play Store frei.

Der Poke 3 ist nach der ersten Inbetriebnahme theoretisch sofort benutzbar – ganz ohne Account-Pflicht oder dergleichen. Allerdings entfaltet er sein volles Potential erst, wenn du den Google Play Store aktivierst. Ohne diesen Schritt hast du nur Zugriff auf eine beschränkte Anzahl Apps über den Onyx-App-Store. Unter Einstellungen/Anwendungen findest du die entsprechende Option. Dort musst du über die GSF ID (Google Services Framework Identifier) den E-Reader mit deinem Google-Account verbinden. Danach kannst du den Play Store aktivieren. Sobald das erledigt ist, hast du Zugriff auf tausende Apps aus dem Play Store. Apps, die es in beiden Stores gibt, sind identisch und werden nicht doppelt installiert.

Längst nicht alle der verfügbaren Apps sind auf dem Gerät sinnvoll nutzbar.
Längst nicht alle der verfügbaren Apps sind auf dem Gerät sinnvoll nutzbar.

Sollte mal eine App nicht richtig dargestellt werden, kannst du sie über das App-Optimierungsmenü deinen Wünschen anpassen. Pixeldichte, Schriftgrösse, Anzeigeeffekte, Hintergrund sind nur einige der Anpassmöglichkeiten.

Anpassbar bis zum Gehtnichtmehr

Entscheide selbst, welche Bereiche was tun sollen.
Entscheide selbst, welche Bereiche was tun sollen.

Mit dem Poke 3 kannst du Musik hören (via Bluetooth-Kopfhörer), deine Mails checken oder Surfen. Das fühlt sich auf dem trägen E-Ink-Display schlimmer an wie Ende Neunziger mit dem Netscape-Browser. Der Hauptnutzen ist schliesslich auch das Lesen von E-Books. Dabei kommt standardmässig der Neo Reader zum Einsatz. Ein vielseitiger Reader, wo du so ziemlich alles einstellen kannst, was dein Leseherz begehrt. Neben Unmengen an Formatierungsoptionen kannst du dir ein Buch sogar vorlesen lassen oder Diashow aktivieren, sodass die Seiten automatisch blättern. Die deutsche Übersetzung ist dabei teilweise fehlerhaft. So ist beispielsweise die Lautstärke mit Jahrgang beschriftet.

Die Formatierung ist nur eine vieler Einstellungsoptionen.
Die Formatierung ist nur eine vieler Einstellungsoptionen.

Die Navigation beim Lesen kannst du frei bestimmen. Neben sechs definierten Modi kannst du auch selber definieren, wo auf dem Display du tippen musst, um vor- und zurückblättern oder das Menü zu öffnen. Auch eine umfangreiche und ebenfalls anpassbare Gestensteuerung ist vorhanden. Du kannst fast von allen Seite hoch- oder runterwischen, um eine bestimmte Aktion auszuführen. Über die Benachrichtigungszentrale kannst du neben Helligkeit und Farbton auch die Lautstärke einstellen oder zu verschiedenen Optionen wie Bluetooth, CPU-Leistung etc. springen. Ja, auch die kannst du anpassen. Allerdings lohnt es sich aufgrund von Stromverbrauch und Ghosting (sich überlagernde Bilder) kaum etwas anderes als den normalen Modus zu verwenden.

Die Konfigurationsmöglichkeiten sind über so viele Menüs verstreut, dass es schwierig ist, die Übersicht zu behalten, was wo angepasst wird. Oft kannst du in Menüs sogar scrollen, um noch mehr Optionen anzuzeigen. Ein Indikator, wann das möglich ist, fehlt leider.

Die schwebende Symbolleiste kannst du mit Drücken und Halten verschieben.
Die schwebende Symbolleiste kannst du mit Drücken und Halten verschieben.

Dann gibt es auch noch eine optionale, schwebende Symbolleiste. Diesen kleinen Punkt kannst du frei auf dem Display herumschieben. Ein Klick darauf öffnet einen zusätzlichen Menükreis. Dieser ermöglicht es dir, zurück zu navigieren, das Display zu aktualisieren oder Apps zu optimieren. Natürlich lassen sich auch diese Menüpunkte anpassen. Ich habe die Symbolleiste deaktiviert, weil sie mir beim Lesen im Weg ist und ich mit Gesten etc. gut genug klar komme.

Bücher transferieren

Bis die Bücher mal in der Bibliothek sind, kann es etwas dauern.
Bis die Bücher mal in der Bibliothek sind, kann es etwas dauern.

PDFs oder Bücher ohne Kopierschutz kannst du mit verschiedenen Methoden an den Poke 3 senden. Entweder Wireless per QR-Code, Google Nearby Share, USB-C-Kabel, Chrome-Erweiterung, Boox Assistant App oder über die Onyx Cloud-Webseite. Deutlich umständlicher ist es mit E-Books, die du in einem Shop wie Orell Füssli gekauft oder bei einer Online-Bibliothek ausgeliehen hast.

Ich finde den Transfer am einfachsten über die Webseite push.boox.com. Per Drag-and-Drop kannst du dort deine Bücher in die Boox-Cloud laden und anschliessend auf dem E-Reader herunterladen. Nach dem Upload findest du das E-Book auf dem Poke 3 unter Kontoführung/Onyx-Konto/Drücken/Drücken – ja, zweimal. Weil aber Shops oder Bibliotheken ihre Bücher normalerweise mit einem Kopierschutz versehen, wird wie bei Orell Füssli beim Herunterladen aus dem EPUB ein ASCM. Damit kann der Poke 3 nichts anfangen.

Du musst also erst auf deinem Computer Adobe Digital Software installieren und damit deinen Computer und deinen E-Reader (über USB-C) authentifizieren. Dann das Buch mit der Adobe-Software öffnen, wobei es automatisch von ASCM in ein EPUB umgewandelt wird. Anschliessend schickst du es an deinen E-Reader. Funktioniert bei mir leider nicht, da Adobe den Poke 3 nicht erkennt und somit nicht authentifizieren kann. Also habe ich zusätzlich Calibre installiert, eine Gratis-Software, um E-Books zu verwalten und weitere nützliche Dinge anzustellen. Dort importiere ich das zuvor von Adobe umgewandelte Buch und schicke es an meinen E-Reader. Erst dann kann es der Poke 3 lesen.

Lese-Apps

Von Links: NeoReader, Google Play Books, Kindle, Tolino.
Von Links: NeoReader, Google Play Books, Kindle, Tolino.

Das besondere am Poke 3 ist, dass er mehr bietet als ein gewöhnlicher E-Reader. Durch die App-Unterstützung kannst du dir Apps von Tolino, Kindle, deiner Bibliothek oder Lese-Alternativen wie Moon+ installieren. Perfekt ist aber auch keine dieser Möglichkeiten. Wenn du ein lokal gespeichertes E-Book liest, kommt standardmässig der Neo Reader zum Einsatz. Der hat ein paar entscheidende Vorteile. Wie oben erwähnt, bietet er enorm viele Einstellungsmöglichkeiten für die Formatierung, die Navigation oder die Touchbedienung. Die Tolino-App auf der anderen Seite kennt kein Vollbild und lässt die Statusleiste immer eingeblendet, was den Platz für den Text unnötig einschränkt. Dadurch musst du öfters Blättern und das beansprucht den Akku stärker. Die Kindle-App blendet zwar die Statusleiste aus, dafür zeigt sie immer den Buchtitel an. Besser macht es Google Play Books; dort fehlt dafür eine Lesefortschrittsanzeige. Der Neo Reader ist schneller, bietet mehr Optionen und wird auch nie aus dem Zwischenspeicher gekickt, wie es manchmal mit anderen Apps passiert. In solchen Fällen musst du in der App-Übersicht erst die App neu starten und dann dein E-Book wieder öffnen. Das nervt.

Falls du auf mehreren Geräten gleichzeitig liest, kommst du aber um Apps wie Tolino oder Play Books nicht herum. Nur damit wird dein Lesefortschritt synchronisiert. Und der umständliche Umwandlungsprozess fällt auch weg, wenn du in der gleichen App liest, wo das Buch gekauft oder ausgeliehen wurde.

Ein mächtiger E-Reader, wenn du dir die Zeit nimmst

Mit Hülle sieht der E-Reader noch eleganter aus.
Mit Hülle sieht der E-Reader noch eleganter aus.

Der Poke 3 hat mich mehrmals an einen Raspberry Pi erinnert. Ein einfaches Stück Hardware, das schier endloses Potential bietet, aber auch seinen Wegzoll verlangt. Ganz so komplex ist der E-Reader von Onyx nicht. Dank Android-Betriebssystem liefert er aber mehr als genug Anwendungsmöglichkeiten. Du hast nicht nur die freie Wahl, wie und wo du deine E-Books lesen möchtest, du kannst auch gleichzeitig über Bluetooth Musik hören. Noch mehr Anpassungsmöglichkeiten stehen dir in der Navigation, der Menüführung oder bei den Apps zur Verfügung. Der Nachteil dieser Freiheiten ist es, zu finden, was du suchst. Es gibt Dropdown-Menüs, Ausklappmenüs, Navigationsgesten, App-Übersicht und vieles mehr. Da musst du dich erst mal zurechtfinden.

Das Hauptproblem ist allerdings der Umgang mit kopiergeschützten Büchern. Entweder du liest sie in den jeweiligen Apps, wo das Leseerlebnis nicht perfekt ist oder du wandelst sie mühsam um und transferiert sie an den E-Reader. Dann wird aber dein Lesefortschritt nicht synchronisiert.

Trotz gewisser Hürden und einem nicht ganz günstigen Anschaffungspreis ist der Onyx Boox Poke 3 einer der interessantesten E-Reader, den ich bisher genutzt habe. Wenn du bereit bist, etwas Arbeit hineinzustecken, dann wirst du damit viel Freude haben.

Falls du Tipps hast, wie man den Poke 3 noch besser nutzen kann, schreib sie in die Kommentarspalte.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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