Debora Pape
Kritik

«Nova Antarctica»: Das Indie-Game will viel und kann nichts

Debora Pape
6.2.2026

«Nova Antarctica» verspricht eine emotionale Reise durch eine hübsche Postapokalypse. Doch die Realität ist ein knallharter Kampf gegen eine widerspenstige Steuerung und nervige Mechaniken.

Mit Worten, die ich hier nicht wiedergeben möchte, brülle ich den Death Screen von «Nova Antarctica» an und klicke zähneknirschend auf Neustart. Mein Charakter spawnt zum sechsten oder siebten Mal am Beginn des Tutorials. Fluchend und zunehmend frustriert mache ich mich erneut auf den Weg. Wenn ich jetzt wieder erfriere, gebe ich auf.

15 Minuten später: Ich gebe auf.

Normalerweise bin ich bei Spielen hartnäckig, besonders dann, wenn der Trailer und die hübschen Artworks Herzblut bei den Entwicklern vermuten lassen. Und das ist bei «Nova Antarctica» der Fall. Es handelt sich um ein Survival-Indie-Spiel aus Japan, in dem ich ein Kind spiele, das nach dem Ende der Zivilisation den Weg zum Südpol finden muss. Warum? Keine Ahnung.

Der Trailer suggeriert eine emotionale Geschichte, in der ich herausfinde, was mit der Menschheit passiert ist und ob es Hoffnung für sie gibt. Ich erwarte ein herzerfreifendes Spiel wie «Stray» oder «Europa», eingebettet in eine «umwerfend schöne Reise», wie die Steam-Beschreibung angibt.

Allerdings scheitere ich am Gameplay. Immer und immer wieder. Zweieinhalb Stunden lang versuche ich, mich einzudenken. Ich mache gedankliche Kompromisse – «Okay, die Steuerung könnte besser funktionieren, aber das wird schon» – bis ich endgültig die Lust verliere. Damit die investierte Zeit nicht umsonst war, erzähle ich dir, was mich an diesem Game so ärgert.

Im Tutorial komme ich nicht weiter

Ich starte in einem eisigen Canyon, rund 2000 Kilometer vom Südpol entfernt. Das Spiel weist mich an, blauen Fußspuren am Boden zu folgen, um das Level abzuschließen. Sie dienen als Leitfaden für das erste Gebiet, in dem ich die Grundlagen lerne. Dabei sammle ich herumliegende Materialien ein und erfahre, wie ich Hilfsgegenstände und Werkzeuge herstelle.

Der Zeichenstil der Artworks gefällt mir gut.
Der Zeichenstil der Artworks gefällt mir gut.

Die Spielwelt wirkt comichaft reduziert und stellenweise entfährt meinem Spielcharakter ein Bibbern wegen der Kälte. Auch die Artworks, die hin und wieder eingeblendet werden, gefallen mir gut.

Vor der eisigen Kälte schützt mich mein Anzug – jedenfalls, solange er genügend Energie hat. Die leert sich nämlich kontinuierlich. Bei Temperaturen knapp unter Null nimmt die Anzeige nur langsam ab, bei Kältewellen oder in radioaktiv verstrahlter Umgebung geht es dagegen erschreckend schnell. Ohne Energie sterbe ich sofort und muss das Level neu starten. Viel Schonzeit gibt es nicht: Schon nach zehn oder 15 Minuten zieht der erste Schneesturm herauf und ich muss mehrere Ersatzbatterien herstellen, um ihn zu überleben.

Für diese einsame Katze gehe ich gerne einen Umweg.
Für diese einsame Katze gehe ich gerne einen Umweg.

Dank der blauen Spur am Boden komme ich recht schnell zu einer Hütte, die mich ins nächste Gebiet befördert. Oder befördern könnte – denn nahe der Hütte miaut kläglich eine kleine Katze. Ihre Mutter ist verschwunden. Wie könnte ich das ignorieren? Ich entscheide mich, die Katzenmama zu suchen, und folge dazu Pfotenabdrücken am Boden.

Sie führen mich fast den ganzen Weg durch den Canyon wieder zurück zu einer Klippe, die ich überwinden muss. Aus den gesammelten Materialien stelle ich Holzkisten her, die mir als Kletterhilfe dienen. Endlich finde ich die verlorene Katze … und dann geht meinem Anzug die Energie aus. Ich habe nicht genug Ressourcen für eine weitere Ersatzbatterie und erfriere.

Manchmal finde ich Hologramme, die andeuten, was an diesen Orten passiert ist.
Manchmal finde ich Hologramme, die andeuten, was an diesen Orten passiert ist.

Also wird es Zeit, mich genauer mit dem Crafting-System und dem Schutz vor Elementen auseinanderzusetzen. Und da wird es nervig.

«Nova Antarctica» macht vieles falsch

Mein Ziel für das erste Gebiet: Katze retten, alles entdecken, erfolgreich ins nächste Gebiet reisen. So schwer kann das eigentlich nicht sein. Doch die Summe der nervigen Gameplay-Mechaniken verdirbt mir den Spaß.

Wozu die umständliche Steuerung?

Über die Jahrzehnte haben sich bei der Steuerung von Videospielen nicht ohne Grund Standards etabliert. Menüs schließt man in der Regel mit der Escape-Taste. Warum «Nova Antarctica» das anders macht, verstehe ich nicht. Hier schließe ich die Karte, das Inventar und die Tutorialtext-Übersicht mit I, die einzelnen Tutorialtexte sowie eingesammelte Dokumente jedoch mit B. Das Optionsmenü verlasse ich wie gewohnt mit Escape. Für jedes Menü eine andere Taste: Das regt mich auf. Genau wie das umständliche Herstellungssystem.

Manche Gegenstände fertige ich über ein Aktionsrad an, für andere muss ich das Inventar öffnen. Zum Verwenden von Objekten wähle ich sie im Aktionsrad aus und drücke dann U. Oder B, wenn es ein platzierbarer Gegenstand ist. Es dauert Ewigkeiten und drei Wutanfälle, bis ich herausfinde, wo das hergestellte Schutzzelt ist und wie ich es zum Bauen ausrüste.

Was sammle ich da eigentlich auf?

Das Spiel hält es nicht für nötig, mich über eingesammelte Materialien zu informieren. Ich sehe nur Icons, keine Texte. Manches ist selbsterklärend, etwa Holzplanken oder eine Packung mit dem Schriftzug «Meal». Aber was sind der grüne und der schwarze Klumpen, was das eingesammelte elektrische Gerät? Nicht mal im Inventar und im Herstellungsmenü werden mir die Namen von Gegenständen angezeigt. Ich will doch wenigstens wissen, wie das fehlende Ding heißt, wegen dem ich erfriere.

Grüne Klumpen, lila Kleckse (Öl?) und gelbliche Klumpen – was ist das für Zeug?
Grüne Klumpen, lila Kleckse (Öl?) und gelbliche Klumpen – was ist das für Zeug?

Die Ausdauerleiste des Todes

Selten habe ich ein Spiel erlebt, in dem mein Spielcharakter so langsam läuft. Sich im Schneckentempo durch eine so karge Landschaft zu bewegen, macht keinen Spaß. Glücklicherweise kann ich mit der Shift-Taste sprinten und so dem Einschlafen vor dem Monitor entgehen.

Leider verbraucht das Sprinten Ausdauer und die regeneriert sich nicht von allein. Auch der Einsatz von Werkzeugen, etwa der Spitzhacke zum Abbauen von Felsen, erfordert Ausdauer. Deswegen muss ich ständig Ausdauertränke herstellen. Jedenfalls, solange ich genügend Ressourcen dafür habe, und die sind nur begrenzt verfügbar. Fehlt mir etwas, ist das Spiel kompromisslos: Ich kann meine Gerätschaften nicht verwenden und komme kaum noch vom Fleck.

Ausdauer ist also ein kostbares Gut. Umso mehr ärgere ich mich darüber, dass ich die halbe Ausdauerleiste leeren muss, um einen Felsen zu zerhauen. Oder eine kaputte Autokarosserie, die mir …. EINEN (!) STEIN (!?) liefert. Oder was auch immer der gelbliche Blob ist, den ich nach dem Zerlegen der Karosserie aufsammle. Das sagt mir das Spiel ja nicht.

Ständig auf der Suche nach Ressourcen

In «Nova Antarctica» sind Ressourcen nicht nur begrenzt verfügbar, sondern durch die trotz Sprinten langsame Bewegung auch umständlich zu erreichen. Ständig muss ich überlegen, ob ich den Weg zu einer etwas weiter entfernten Kiste antrete oder nicht, denn Laufen fühlt sich wie Arbeit an.

Außerdem ärgere ich mich darüber, dass ich mühsam zusammengesparte platzierbare Gegenstände nicht mehrmals verwenden kann. Etwa das schützende Zelt, in dem ich einen Sturm ohne mehrere Energietränke überlebe. Einmal aufgestellt, kann ich es nicht wieder abbauen und mitnehmen. Das Gleiche bei Kletterhilfe-Kisten. Die werden in den häufigen Stürmen sogar einfach weggepustet und verschwinden also nach wenigen Ingame-Minuten.

Vor Klippen zeigt mein Spielcharakter per Gedankenblase, dass eine Kiste mir weiterhelfen kann.
Vor Klippen zeigt mein Spielcharakter per Gedankenblase, dass eine Kiste mir weiterhelfen kann.

Das führt zu unmöglichen Situationen: Am Anfang des Tutorials gibt es einen Bereich, für den ich zwingend eine Kiste benötige, um weiterzukommen. Die Suche nach der Katzenmama führt mich wieder durch den Bereich hindurch. Und habe ich meine Ressourcen nicht genau abgezählt, stehe ich dann vor einer Klippe, die ich kurz zuvor mit einer Kiste bereits überwunden habe – und komme nicht weiter. Die Kiste ist weg und ich kann mangels benötigter «schwarzer Dinger» (?) keine neue bauen.

Die rein dekorative Holzkiste, die zwei Meter daneben steht, scheint mich auszulachen. Die verschwindet nämlich nicht. Und natürlich lässt sie sich auch nicht für Ressourcen demontieren. Da bleibt mir nur noch das Erfrieren und der Neustart des Gebiets.

All die Tode wären unnötig

Ich soll mich gegen Stürme schützen, aber das geht scheinbar nur mit dem einmal verwendbaren Zelt. Verstecke ich mich in einer Hütte oder einem Container, kühlt mich der Sturm ab. Klar, ein Zelt ist ja auch viel sturmfester als ein Stahlcontainer (ja, das ist Sarkasmus).

Im Container stürmt es genauso wie draußen.
Im Container stürmt es genauso wie draußen.

Während der Stürme können Gegenstände herumfliegen und mich töten. Mit einer herstellbaren Betonsperre könnte ich mich gegen Böen schützen, brauche dafür aber 40 Steine, die ich auch erst einmal sammeln muss. Und so ein Sturm zieht alle zehn bis 15 Minuten auf.

Fallschaden tötet natürlich auch. Dafür reicht schon eine Fallhöhe von geschätzen zweieinhalb Metern oder so. Wie viel genau, weiß ich nicht. Kopfhöhe ist noch okay, etwas darüber bringt mich kompromisslos schon um – und ich muss von vorn beginnen.

Wenigstens einmal will ich das zweite Level sehen. Deswegen verfolge ich bei meinem letzten Versuch schnurstracks die blaue Spur und lasse die arme Katze erfrieren. Dort erwartet mich nach kurzer Zeit ein radioaktiver Sturm. Das Tutorial lässt mich dazu wissen: «Es gibt kein direktes Mittel, der Strahlung entgegenzuwirken». Ich soll einfach aufpassen, dass der Rucksack ausreichend Energie hat. Schön.

Der Sturm setzt ein und anderthalb Minuten lang verringert sich mein Sehfeld immer weiter, während ich verzweifelt Energietränke schlucke. Ich kann nichts gegen den Sturm tun und mein Leben hängt einzig daran, ob ich genug Ressourcen für weitere Tränke habe. Cool cool cool. Macht richtig Spaß. Am Ende sterbe ich wie zuvor auch: Der Rucksack hat keine Energie mehr.

Ich sehe kaum noch was, während die Radioaktivität meine Anzugenergie leert.
Ich sehe kaum noch was, während die Radioaktivität meine Anzugenergie leert.

Weitere nervtötende Kleinigkeiten

Und als wäre all das nicht schon genug, kommen auch noch technische Probleme dazu. Zweimal blieb ich irgendwo hängen und kam nicht mehr weg – tot.

«Nova Antarctica» erscheint ausschließlich auf Steam, wirkt aber nicht konsequent für Maus und Tastatur optimiert. Ich kann mit dem Mausrad nicht durch die Tutorialtexte scrollen. Das hinterlässt einen unfertigen Eindruck.

Hinzu kommen kleinere Unsauberkeiten beim Ton: Bei einsetzendem Sturm wechseln die Soundkulissen teilweise abrupt. Das stört zwar die Atmosphäre, ist spielerisch aber nicht entscheidend.

Du könntest nun einwenden: Steam ist voll mit schlechten Spielen, die irgendwelche Scriptkiddies zusammenkloppen, und «Nova Antarctica» ist einfach eines davon. Der Trailer vermittelt allerdings einen anderen Eindruck. Hinter dem Spiel stehen zwei Indie-Studios, darunter Parco Games, der Publisher von «The Berlin Apartment». Das ist ein Team, das bereits gezeigt hat, dass es liefern kann.

«Nova Antarctica» ist zudem kein günstiges Nischenprojekt, sondern kostet auf Steam rund 25 Euro. Entsprechend hoch sind meine Erwartungen und genau daran scheitert das Spiel für mich.

«Nova Antarctica» ist seit dem 28. Januar auf Steam erhältlich. Das Spiel wurde mir zu Testzwecken von Parco Games zur Verfügung gestellt.

Fazit

Bestenfalls unausgereift, schlimmstenfalls Schikane

Bei «Nova Antarctica» habe ich ein echtes Spiel und eine schöne Story erwartet. Tatsächlich wirkt es aber wie das Ergebnis eines Programmierers auf Crack, der sein eigenes Werk nicht ausprobiert. Oder sieht das Studio die schikanierenden Mechaniken als taktisches Element, um «Nova Antarctica» schwerer zu machen? Bei mir hilft das nicht.

Die umständliche Steuerung, das eher strafende als motivierende Gameplay und technische Probleme hindern mich daran, die «umwerfend schöne Reise» zu erleben. «Nova Antarctica» ist einfach ein Satz mit X.

Pro

  • hübscher Grafikstil

Contra

  • undurchdachtes Gameplay
  • demotivierende Mechaniken
  • technische Probleme
Titelbild: Debora Pape

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Fühlt sich vor dem Gaming-PC genauso zu Hause wie in der Hängematte im Garten. Mag unter anderem das römische Kaiserreich, Containerschiffe und Science-Fiction-Bücher. Spürt vor allem News aus dem IT-Bereich und Smart Things auf.


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