New Work in der Natur mit dem Office Caravan

New Work in der Natur mit dem Office Caravan

Patrick Bardelli
Zürich, am 28.09.2021
Auch das Homeoffice ist letztlich nur ein Office: gemütliche Trainerhosen und den eigenen Kühlschrank in Griffweite zwar, aber trotzdem ein Büro. Und seit wann entstehen dort gute Ideen? Darum raus in die Natur, die frischen Wind ins nächste Brainstorming bringt.

New Work: Diese zwei Worte machen zur Zeit die Runde. Spätestens mit der Covid-Pandemie sind sie auch in den Teppichetagen vieler grosser Unternehmen angekommen. Allerdings reduzieren sie viele Vorgesetzte auf zwei andere Wörter, die gerade in aller Munde sind: Home und Office. Dabei ist auch das Büro zu Hause nur ein weiteres Büro, in welchem 8,5 Stunden Präsenz gefragt sind, statt Kreativität und Output. Muss das sein? Nein, muss es nicht, haben sich vor rund zwei Jahren Annina Coradi und Claude Balsiger gedacht und den Office Caravan entwickelt.

Arbeiten wie die Vagabunden

Der Office Caravan ist der erste und wohl auch einzige vollausgestattete mobile Arbeitsplatz der Schweiz. Ganz neu ist die Idee des Büros auf vier Rädern allerdings nicht. Erfolgreiche Innovatoren des 20. Jahrhunderts wie Ford, Edison und Firestone führten bereits Retreats und Workshops in der freien Natur durch und nannten sich «The Vagabonds». Annina und Claude gehen noch einen Schritt weiter und verstehen den Office Caravan nicht nur als Thinktank und Ort von teambildenden Massnahmen, sondern auch und vor allem als handfesten Arbeitsplatz draussen an der frischen Luft.

Die Vagabunden Annina Coradi, Claude Balsiger und der Office Caravan in La Punt.
Die Vagabunden Annina Coradi, Claude Balsiger und der Office Caravan in La Punt.

Annina und Claude, könnte ich diesen Beitrag gleich hier im Office Caravan in La Punt schreiben?
Annina: Ja, absolut. Du kannst nebst dem gesamten Caravan auch einen einzelnen Arbeitsplatz mieten.

Wie ist die Idee dazu entstanden?
Annina: Einerseits wollten wir eine Umgebung kreieren, in der man gut arbeiten kann. Nicht in klassischen Büroräumlichkeiten, die oft sehr traurig sind. Und dann sah ich vor etwa zwei Jahren ein Foto von einem ausgebauten Caravan und dachte, daraus könnte man doch auch ein Büro machen. Es ging also um die Verbindung von einem fixen Arbeitsort mit Mobilität und Flexibilität. Über meine Firma Space Innovators beschäftige ich mich schon länger mit dem Thema Arbeitsräume.

Claude: Entstanden ist die Idee eher als Denkanstoss und weniger als Geschäftsmodell. Wir wollen mit dem Office Caravan nicht in erster Linie Geld verdienen, uns interessieren die Prozesse, die ins Rollen kommen, wenn Menschen draussen arbeiten. Zum Beispiel hier im Oberengadin: Um 10 Uhr mit einem Espresso in der Hand draussen in der Sonne zu arbeiten, löst etwas Anderes aus, als im Grossraumbüro mit Noise-Cancelling-Kopfhörern auf den Ohren in den Bildschirm zu starren. Letztlich geht es um den Zugang zur Natur während der Arbeit, mit der wir einen Grossteil unserer Lebenszeit verbringen.

Der Espresso kommt aus der Siebträgermaschine.
Der Espresso kommt aus der Siebträgermaschine.
Frisch gemahlen natürlich.
Frisch gemahlen natürlich.

Inwiefern spielt Corona eine Rolle: Hatte die Pandemie einen Einfluss auf das mobile Büro?
Claude: Die Idee zum Office Caravan entstand rund ein Jahr vor der Pandemie. Annina war sozusagen der kreative Kopf hinter dem Ganzen, lieferte die Ideen und ich beschäftige mich mit der konkreten Umsetzung. Da hat mir Corona das Leben in den letzten anderthalb Jahren schon sehr schwer gemacht. Bis zum heutigen Tag ist es beispielsweise schwierig, Unternehmen davon zu überzeugen, persönliche Meetings abzuhalten. Viele sind im Homeoffice und treffen sich online. Auf der anderen Seite profitieren wir auch von der Pandemie. Viele Leute kommen auf uns zu und sagen, hey, das ist genau das, was wir in Zukunft brauchen. Die Normen rund ums Thema Arbeit sind in den letzten 18 Monaten extrem aufgebrochen worden. Das spielt zwar unserem Konzept in die Hände, führt aber noch nicht zu übermässig vielen Buchungen.

New Work: bloss Homeoffice oder doch mehr?

Während sich Claude, der hauptberuflich bei Allegra Tourismus Geschäftsmodelle und Masterpläne für Tourismusdestinationen entwickelt, um den nächsten Espresso kümmert, sind Annina und ich beim Thema New Work gelandet. Auf meine Frage, ob sich diese zwei Schlagworte zurzeit auf Homeoffice reduzieren liessen, verdreht sie die Augen, atmet einmal tief durch und meint, es scheine fast so.

Die Expertin für New Work, Innovation und Raumgestaltung mit Doktortitel der ETH Zürich in Technologie und Innovationsmanagement begleitet hauptberuflich Transformationen in die Arbeitswelt der Zukunft und baut agile Organisationen auf. Klingt kompliziert, dabei macht Annina Coradi vereinfacht gesagt ihre Kund:innen fit für die Arbeitswelt der Zukunft. So ist die Mutter zweier Kinder unter anderem auch im Innovations- und Begegnungszentrum «InnHub», das gerade hier in La Punt entsteht, involviert.

Die Sonne glitzert im Teich, der Espresso schmeckt: So geht Arbeit 4.0.
Die Sonne glitzert im Teich, der Espresso schmeckt: So geht Arbeit 4.0.

Wir reden im Zusammenhang mit New Work oft über formale Fragen: Wo wird gearbeitet, wie lange etc. Wäre es nicht wichtiger, über die Arbeit an sich nachzudenken und darüber zu sprechen, wie wir Arbeit in Zukunft definieren? Die Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen war ja ein erster Schritt in diese Richtung.
Annina: Genau so ist es. Ob Homeoffice oder Grossraumbüro ist eigentlich zweitrangig. Wir müssen über die Arbeit an sich reden. Digitalisierung, Globalisierung sind nur zwei Punkte, die da mit hineinspielen. Ich bin mir aber sicher, dass diese Diskussion in Zukunft vermehrt geführt wird. Die Basisfragen drehen sich nun mal um das Umfeld. Wie sieht das in Zukunft aus? Der Office Caravan soll eben auch dazu beitragen, über die Definition von Arbeit an sich zu sprechen und nicht bei der Frage Homeoffice oder nicht hängenzubleiben.

Die Arbeit von morgen ist noch Zukunftsmusik. Der Office Caravan schon heute Realität. Ist das Teil eigentlich ein Eigenbau?
Annina: Auch hier hatte Corona einen Einfluss. Während des ersten Lockdowns waren viele unserer Freunde ohne, oder in Kurzarbeit. Sie haben uns während diesen zwei Monaten geholfen, den Caravan auszubauen.

Einmal zu ...
Einmal zu ...
... einmal offen.
... einmal offen.

Claude: Am Anfang stand ein Konzept von Annina, wie denn so ein mobiler Raum überhaupt aussehen müsste, um als Unternehmen darin arbeiten zu können. Es zeigte sich schnell, dass die Quadratmeterzahl eines solchen Caravans nicht ausreichend war. So war von Anfang an klar, dass wir eben auch den Aussenbereich nutzen wollen. Also mussten wir den Caravan möglichst offen gestalten können, gleichzeitig aber auch genügend Wände haben, um Infrastruktur wie Tische, Bildschirm, Kaffeemaschine etc. unterzubringen.

Ein Schreibtisch kann auch so aussehen. Bild: Office Caravan
Ein Schreibtisch kann auch so aussehen. Bild: Office Caravan

Klingt irgendwie nach der Quadratur des Kreises.
Claude: Du sagst es. Die Planung war eine ziemliche Herausforderung. Anschliessend ging es darum, einen Anbieter zu finden, der sowas baut. Da ging es dann um Fragen wie Zuladung, Achsengewicht, Bremsleistung und noch vieles mehr. Schliesslich wurden wir in Holland fündig und als der Caravan in der Schweiz war, standen wir vor der nächsten Herausforderung.

Die wäre?
Claude: Nun, er war nicht dicht, durch das Dach rann Wasser hinein. Zudem war die gesamte Ausführung total schäbig. Also mussten wir alles nachbessern, obwohl wir davon überhaupt keine Ahnung hatten. Schliesslich sind wir keine Wagenbauer. Und hier kam eben unser Netzwerk zum Zug. Wir sind heute noch extrem dankbar für die Unterstützung, die wir damals hatten. Im Prinzip jagte eine Feuerwehrübung die nächste. Und das hört eigentlich auch nie auf. Es gibt immer was zu verbessern, die Arbeit geht uns nicht aus (lacht).

100 Prozent customized: So gibt's den Office Caravan kein zweites Mal.
100 Prozent customized: So gibt's den Office Caravan kein zweites Mal.

Cowork oder Gruppe

Wie funktioniert der Office Caravan im Detail?
Annina: Der Office Caravan ist modular aufgebaut und bedient mit den diversen Setups unterschiedliche Bedürfnisse. Als Einzelperson kannst du dir einen Arbeitsplatz in der Natur für einen Tag mieten oder als Team eine ganze Seminarwoche darin buchen. Wir hatten auch schon Teams mit über 20 Teilnehmenden. Dabei könnte der Tagesablauf in etwa so aussehen:

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Claude: Wir bieten einerseits drei fixe Standorte an: Rickstrasse in Pfäffikon, Sihlmatt Zürich und in Madulain hier im Engadin. Andererseits kannst du mit dem Office Caravan aber irgendwo hin, ganz egal wohin. Wir haben beispielsweise einen Kunden, der damit wiederum zu seinen Kunden geht. Alles ist möglich. Durch meine Arbeit als Entwickler von Destinationen habe ich natürlich Zugang zu vielen einzigartigen Orten, gerade auch in den Alpen. Von diesem Netzwerk an coolen Standorten profitiert auch der Office Caravan.

Ihr begleitet auf Wunsch die Arbeit im und um den Office Caravan aber auch aktiv.
Claude: Auf Wunsch stellen wir die gesamte Logistik zur Verfügung, das Catering aber auch Coaches, die die Arbeitsprozesse moderierend begleiten.

Annina: Wir bieten in diesem Zusammenhang diverse Pakete an, die thematisch gegliedert sind und von einem Coach begleitet werden. Zum Beispiel das Thema «Zero Waste», hier geht es um Nachhaltigkeit. Oder «Innovatives HR Management», wo unter anderem der Fachkräftemangel im Vordergrund steht. Ein weiteres Paket beschäftigt sich mit «Business Development und Innovation» oder eines mit dem Thema «Corporate Health». Dieses Angebot ist jedoch nicht abschliessend. Wir verstehen den Office Caravan auch als offene Plattform. Neue Coaches mit interessanten Themen sind grundsätzlich jederzeit willkommen. Einfach melden.

Arbeit findet nicht nur vor dem Computer statt

Unterdessen ist der Office Caravan fertig aufgebaut. Das hat vielleicht eine halbe Stunde gedauert. Je nach Setting kann das aber auch mal mehr sein. Das ist übrigens auch eine Eigenheit dieses mobilen und mit eigener Stromversorgung autarken Arbeitsplatzes: Ein Team baut sich seinen Arbeitsplatz für den Tag selber auf und wieder ab. Wo kommt das Whiteboard hin, wer trägt die schweren Beanbags durch die Gegend, wer kümmert sich um den Kaffee? Stehen und gehen, statt den ganzen Tag sitzen. Ein schöner Nebeneffekt für die Gesundheit.

Je nach Setting können bis zu 13 Personen einen Einzelarbeitsplatz buchen, maximal acht im Inneren des Caravans. Für Gruppenarbeiten seien etwa 15 Personen ideal. Und die Kosten? Die variieren laut Claude je nach Aufwand zwischen 700 und rund 2000 Franken für einen Tag. Bei den 2000 Franken handelt es sich dann um das Sorglospaket, wo der Office Caravan mit sämtlichem Material ausgerüstet an einen beliebigen Standort in der Schweiz geliefert und dort auch wieder abgeholt wird.

Ausserdem arbeiten Annina und Claude an den einzelnen Standorten jeweils mit dem lokalen Gewerbe zusammen. Seien es Gastronomen für die Verpflegung, oder der Bauer, der eine Toilette für die kleinen und grossen Geschäfte zur Verfügung stellt. So bleibt die Wertschöpfung in der jeweiligen Region. Big Business lässt sich mit dem Office Caravan jedoch nicht machen.

Arbeit findet nicht nur vor dem Computer statt. Aber auch.
Arbeit findet nicht nur vor dem Computer statt. Aber auch.

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Patrick Bardelli
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Senior Editor, Zürich

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