Missratene Gedichte an meine Gadgets
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Missratene Gedichte an meine Gadgets

David Lee
Zürich, am 22.03.2021
Eine Liebeserklärung an ein Gerät? Meine poetischen Ergüsse enden im digitalen Papierkorb. Um dennoch was Brauchbares zu präsentieren, habe ich bei Goethe geklaut. Der konnte das.

Elektronik weckt Emotionen. Um diese passend auszudrücken, greifen romantische Geister schon mal zur Versform. Die Sujets der neuesten digitec-Werbekampagne zeugen davon.

Trotzdem: Liebeserklärungen sind nicht einfach. Poetische Liebeserklärungen sind noch schwieriger, und wenn sie sich an einen RGB-Lüfter richten, wird’s wirklich schwierig. Dennoch versuche ich mein Glück und greife zur Feder. Eine Ode an meinen Computer:

Matt glänzt in der Abendsonne

Dein anodisiertes Aluminium

Ohne Mühe, welche Wonne.

Still bringst du dein Tagwerk um.

Würg. Was für ein dummes Gesülze. Vielleicht klappt’s beim Kopfhörer besser?

Oh magisches Momentum

Trotz deiner Falten lieb ich dich

Du hast so weiche Polster

Und eine schöne Stimme auch:

«Disconnected.»

Hm nein. Das ist Quatsch. Meine Beziehung zu diesen Geräten ist zu wenig emotional. Ich brauche etwas, was meine Leidenschaft entfacht, wofür ich Feuer und Flamme bin. Was könnte da besser geeignet sein als ein Kabel?

Eingesteckt und angeschlossen

Verbindest, was vereint gehört.

Dein Strom reisst uns, Schicksalsgenossen

Vom Hocker wie gestört.

Okay, ich geb’s auf.

Das grosse Vorbild

Ich kann das nicht. Aber ich kann mich bei den grossen Meistern bedienen. Schon Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) hat zahlreiche seiner Gadgets lyrisch gepriesen. Dabei zeigt sich der Early Adopter von einer bislang wenig bekannten Seite. In seiner Elegie schwärmt der Dichterfürst:

Wie leicht und zierlich, klar und zart gewoben

Schwebt, seraphgleich, aus ernster Wolken Chor,

Als glich es ihr, am blauen Äther droben,

Ein schlank Gebild aus lichtem Duft empor;

So sahst du sie in frohem Tanze walten,

Die lieblichste der lieblichen Gestalten.

Es ist völlig klar, dass Goethe mit seiner Lobpreisung nur seine Drohne gemeint haben kann.

Auch an anderer Stelle widmet Goethe seiner Drohne einige liebevolle Zeilen – hier allerdings eher wehmütig und mit einer leisen Enttäuschung über die Akkulaufzeit.

Über allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest auch du.

Selbstverständlich setzte sich Goethe auch mit dem Smartphone auseinander. Und dass wir keinen Tag ohne leben können. Im Gedicht «Wiederfinden» von 1815 kommt dies schön zum Ausdruck:

Wiederfinden

 

Ist es möglich! Stern der Sterne,

Drück ich wieder dich ans Herz!

Ach, was ist die Nacht der Ferne

Für ein Abgrund, für ein Schmerz.

Ja, du bist es! meiner Freuden

Süßer, lieber Widerpart;

Eingedenk vergangner Leiden,

Schaudr’ ich vor der Gegenwart.

Die folgenden Szene der berühmten Ballade vom Urlkönig handelt von der krankhaften Zuwendung zu einem Gadget. Zu welchem ist nicht ganz klar. Es könnte ein Touch-Smartphone sein, aber auch eine Kamera wäre denkbar.

«Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;

Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.» –

Alter, Alter, jetzt fasst er mich an!

Urlkönig hat mir ein Leids getan! –

Auch seinen selbst zusammengebauten Tower-PC liebte Goethe über alles. So heisst es in der Hymne «Ganymed» von 1774:

Ach, an deinem Busen

Lieg ich, schmachte,

Und dein Gehäuse, deine Slots

Drängen sich an mein Herz.

Du kühlst den brennenden

Durst meiner CPU,

Lieblicher Lüfterwind!

Bei so viel Liebe ist auch der Trennungsschmerz nicht weit. Ein letztes Wiedersehen mit der Maus, deren Polling Rate Consistency Goethes Ansprüchen nicht mehr genügte, beschreibt er in der «Trilogie der Leidenschaft»:

Noch einmal wagst du, vielbeweinter Schatten,

Hervor dich an das Tageslicht,

Begegnest mir auf neu beblümten Mausmatten,

Und meinen Anblick scheust du nicht.

Zum Bleiben ich, zum Scheiden du erkoren,

Gingst du voran – und hast nicht viel verloren.

Auf den ersten Blick scheint es, als ob auch der Mac Eingang in Goethes Herz gefunden hätte. Doch das Gedicht ist offensichtlich ironisch gemeint.

Edel sei der Mac,

Hilfreich und gut!

Denn das allein

Unterscheidet ihn

Von allen Geräten,

Die wir kennen.

 

Heil den unbekannten

Höheren Preisen,

Die wir ahnen!

Ihnen gleiche der Mac!

Sein Beispiel lehr uns

Jene glauben.

Nur der Mac sei hilfreich? Ein Gadget-Freak wie Goethe kann so etwas unmöglich ernst meinen. Und im zweiten Vers wird der Spott dann offensichtlich.

Heute geh ich. Komm ich wieder, singen wir ganz andre Lieder. Wo so viel sich hoffen lässt, ist der Abschied ja ein Fest.

Bild: Theobald von Oer: Der Weimarer Musenhof, 1860. Links stehend Schiller, ganz rechts stehend Goethe.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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