Mein erstes Mal an der Tokyo Game Show
HintergrundGaming

Mein erstes Mal an der Tokyo Game Show

Renato Bosshart
Zürich, am 18.09.2019
Am vergangenen Wochenende fand die Tokyo Game Show statt, eine der grössten Game-Messen der Welt. Dieses Jahr war ich mittendrin. Ein Besuch, der sich viel mehr für die japanischen Eigenheiten lohnt als die Spiele.

Mitten in Tokios Rush-Hour: Zum Bersten volle U-Bahnen, wie man sie aus Horror-Reisegeschichten kennt. Die Stationen sind nicht ganz einfach zu navigieren, aber für 0815-Touristen dennoch einigermassen verständlich. Wenn man weiter aus Tokio herauskommt, wird es schwieriger. Sonderzüge an die Tokyo Game Show gibt es keine. So werden die zusätzlichen Messebesucher einfach in die normalen U-Bahn-Waggons gestopft, bis nichts mehr geht. Nicht empfehlenswert für Leute mit Platzangst.

Der Tagespass kostet 2000 Yen, umgerechnet rund 18 Franken, an der Tageskasse, respektive 1500 Yen – also 14 Franken – für Vorbesteller. Ein fairer Preis, wie ich finde. Auch wenn die Tokyo Game Show leicht teurer ist als die Gamescom, die ebenfalls eine Konsumentenmesse ist. Die Ticket- und Gepäckkontrollen beim Einlass laufen perfekt organisiert ab. Alle stehen gesittet an. Vom Betreten des Messegeländes bis ich in der Halle bin, lege ich bereits die ersten drei Kilometer zurück.

Stehenbleiben verboten!

90 Prozent Japaner, 8 Prozent restliches Asien und 2 Prozent restliche Kontinente. Die Tokyo Game Show ist eindeutig nicht an westliche Märkte gerichtet. Das äussert sich auch in der Sprache. Alles ist auf Japanisch und nur wenige Personen an den Ständen sprechen überhaupt Englisch. Selbst amerikanische und europäische Studios haben meist japanische Leute an den Booths. Mein rudimentäres Japanisch war von Vorteil, aber bei weitem nicht ausreichend. Sogar die offizielle App gibt’s nur in Japanisch.

An der TGS hast du pro Halle zwei bis vier Spuren, welche alle in eine Richtung gehen. Du stellst dich rein und läufst mit. Sehr gewöhnungsbedürftig, funktioniert aber relativ gut. Vor den Bühnen gibt es abgesperrte Bereiche, in denen Stehenbleiben erlaubt ist. An allen anderen Orten ist das nämlich verboten und wird auch kontrolliert. Sitzen ist nur in bestimmten Rest Areas erlaubt. Gewisse Leute haben Klapphocker (eine Pest an der Gamescom) dabei. Allerdings nicht zum Hocken, sondern um draufzustehen, damit sie mehr sehen.

Wenn ich doch mal Freiraum um mich herum hatte, stand ich meist irgendwo, wo ich nicht hätte sein sollen.

Viel VR, viel Anime

Auch bei den gezeigten Games gab es eine ziemliche Überraschung für mich. Ausser am Playstation- und am HP-Omen-Stand gabs keine AAA-Games. Und selbst da gab es «nur» «Borderlands 3» und «Call of Duty Modern Warfare». Dafür sehr viele Smartphone-Games in allen Varianten: RPG, Fighter, Card Games, pinke Plüschbären verschiessen etc. Am zweithäufigsten waren VR-Games und Zubehör vertreten. Darunter Anzüge für taktiles Feedback, Laufsimulatoren, Geruchs-Extensions und Wärmestimulatoren. Coole Ideen, aber wenn die nicht standardisiert werden, was ich nicht glaube, bleiben das teure nutzlose Prototypen. Eigentlich schade. VR-Games waren ebenfalls hauptsächlich japan-orientiert (Samurai-Fighter, virtuelle Haustiere, virtual Boyfriend und virtuelle Anime-Girls). Dafür entdeckte ich einige coole Games, von denen ich noch nie gehört hatte, wie «Evangelion Battlefield», «Boys be dancing!» oder «Cardfight Vangard».

E-Sports ohne die üblichen Verdächtigen

Das ist hier ganz anders als bei uns. Es gibt einige E-Sport Academies, also Schulen für E-Sport. In zwei Hallen standen zudem zwei grosse Bühnen, auf denen aber nicht die bei uns üblichen Games gespielt wurden. Stattdessen zockten die Spieler «Tekken», «Call of Duty», «DoA 6» oder «Dragon Quest.»

Cosplay in Reih und Glied

Cosplay war an der TGS ein eher trauriges Kapitel. Cosplayer dürfen sich nicht verkleidet ausserhalb des Geländes aufhalten. Sie müssen sich auf der Messe umziehen. Dafür gibt es eine Area, die aber nochmals 1000 Yen extra kostet. Ausserdem gibt es sehr strikte Regeln: wenig Haut sichtbar, keine Unterwäsche sichtbar, keine Kostüme aus festen Materialien und keine Gegenstände über 50 Zentimeter. Das ist an anderen Messen viel liberaler und führt zu schöneren Kostümen.

Für die Fotosession haben sich die Cosplayer draussen aufgereiht und die Fotografen bildeten eine Reihe, um sie zu fotografieren. Da es etwa fünfmal mehr Fotografen als Cosplayer hatte, gab es riesige Schlangen. Die Schlangen waren bei den weiblichen Cosplayern wenig überraschend deutlich länger als bei den männlichen Kollegen.

Für Cosplays an den Ständen gab’s keine solchen Auflagen. Dort hatte es einige richtig schöne Cosplays, aber dafür genauso viele knapp bekleidete Booth Babes. Praktisch jeder Stand hatte irgendeine Cosplayerin da, selbst wenn es nur um Gamingstühle ging.

Die TGS hat das Schlangenproblem gelöst

Schlangen sind eines der grössten Probleme der Gamescom. Wenn es Schlangen von drei bis fünf Stunden gibt, braucht das viel Zeit und Platz. An der TGS haben sie das folgendermassen gelöst: Es gibt Slots, in denen du anstehen darfst. Das sind meist Stunden oder halbstündige Slots. Diese werden verlost oder in einer separaten Schlange vergeben. Häufig muss man etwas dafür tun, wie zum Beispiel auf Twitter einem Hersteller folgen oder etwas mit einem Hashtag posten. Bei anderen Ständen hört die Schlange einfach bei einer bestimmten Länge auf. Denn du darfst ja nirgends stehen. Und das funktioniert offenbar.

Strikte Organisation

Alles ist sehr strikt organisiert und die Regeln werden eingehalten. Es gibt öffentliche Bereiche, in welchen nicht fotografiert werden darf und daran hält sich auch jeder. Ebenso werden laufend die Stände kontrolliert, dass sie sich an Lautstärke und Platzvorgaben halten. In Tokio war jeder Indiegame-Stand beispielsweise ganz genau normiert, inklusive Schild.

Müllcontainer sind generell relativ selten in Japan, so auch an der TGS. Trotzdem liegt fast nirgendwo Abfall herum, auch nicht bei Messeschluss. An der Gamescom sieht es dann jeweils ziemlich traurig aus.

An der TGS sind die Stände sehr offen gehalten. Leider hat es wenig Demostationen. Dafür hat fast jeder Stand seine eigene Bühne. Darauf werden Livedemos gezeigt, Cosplayer darauf gestellt oder auch eine J-Pop Girlie Band trällert irgendeinen Popsong. Loot wird keiner in die Menge geworfen. Ich glaube, das würde auch nicht funktionieren in Japan. Die Stände sind alle sehr aufwändig und schön gestaltet. An den meisten Ständen werden viele verschiedene Games präsentiert und meist hat es eine Station pro Spiel. Bei den meisten Ständen werden nach jeder Runde die Controller desinfiziert und gereinigt. Das könnten sich andere als Vorbild nehmen.

Mehr Goodies, als du tragen kannst

Das komplette Gegenteil der Gamescom. Wenn du dich an der TGS nicht wehrst, wirst du am Abend 50 Kilogramm Merchandising-Material mit dir rumschleppen. Meist sind es nur Werbezettel oder Broschüren, aber auch Taschen oder Sichtmappen – die sind hier voll im Trend – werden ausgehändigt. Es hat auch viele Stände, wo du kurz anstehst, vielleicht noch was machen musst, wie App installieren, Twitterpost etc., und dann per Los was kriegst. Das können T-Shirts, Taschen, Rucksäcke, Waifus oder Gutscheine sein. Google hat eine riesige Losmaschine für den Play Store aufgestellt.

Streng, aber lohnenswert

Es war anstrengend, aber definitiv einen Besuch wert. Das Highlight waren die sehr aufwändig gestalteten Stände. Extra nach Tokyo reisen dafür würde ich nicht mehr. Sollte ich nochmal zufällig in der Nähe sein, werde ich sicher wieder hingehen. Und noch etwas besser Japanisch lernen vorher.

22 Personen gefällt dieser Artikel


Renato Bosshart
Renato Bosshart
Software Engineer, Zürich

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren