«Marty Klimax» von Osann im Test: kühlt kaum, heizt wenig

Martin Jungfer
Zürich, am 10.06.2022

Sauna-Hitze im Auto oder Kühlschrankluft – für solche Extremsituationen soll der Kindersitz mit Klimaanlage von Osann gemacht sein. Was gut gemeint ist, funktioniert in der praktischen Anwendung aber viel zu selten und nicht effektiv.

In den späten 80er-Jahren begannen die Sommerferien für mich immer mit einer zweitägigen Reise im Auto, genauer in einem Mazda 323 Kombi. Mein Vater hatte ein Faible für Griechenland, aber Flugreisen für Eltern und drei Kinder lagen finanziell nicht drin. Also ging es auf die Autobahn über Österreich, das zerfallende Jugoslawien bis nach Griechenland. Es war heiss auf der Balkanroute, wir schwitzten im Auto ohne Klimaanlage. Noch mehr Schweiss floss ob der Anstrengung die Fenster herunterzukurbeln. Ja, kurbeln, so war das nämlich früher.

Das sind meine Gedanken beim Blick auf den «Klimax»-Kindersitz von Osann, den ich testen darf. Der Kindersitz will können, was ich mir damals auf den langen Fahrten gen Süden gewünscht hätte: Er kühlt den Kinderrücken. Wahlweise wärmt er ihn auch.

Flux Klimax (Kindersitz, ECE R44 Norm)
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196.–
Osann Flux Klimax (Kindersitz, ECE R44 Norm)
Marty Klimax (Kindersitz)
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Osann Marty Klimax (Kindersitz)
Sitzerhöhung Junior Klimax Schwarz (Sitzerhöhung, ECE R44 Norm)
119.–
Osann Sitzerhöhung Junior Klimax Schwarz (Sitzerhöhung, ECE R44 Norm)

Ich schwanke gefühlsmässig zwischen «Was für ein Luxus für meine verwöhnte Göre!» und «Ja, das ist genau, was ich für meine Tochter brauche!». Bei der Sonderausstattung fürs Auto bin ich schliesslich auch kein Kostverächter. Das Familienfahrzeug besitzt eine Reihe von Schnickschnack, an den man sich eben leider auch leicht gewöhnt: Sitzheizung, Massagefunktion, Mehrzonen-Klimaanlage. Aber alles nur für Fahrer und Beifahrer. Der siebenjährigen Tochter auf der Rückbank ist solcher Luxus verwehrt. Bisher. Denn sie darf den von Osann zur Verfügung gestellten Sitz mit mir gemeinsam testen.

Was kann der «Klimax»?

Zunächst zur Theorie. Den «Klimax» gibt es in Varianten für alle Altersstufen. Du kannst also Insassen ab einem Alter von etwa einem Jahr oder neun Kilogramm Gewicht gekühlt oder gewärmt transportieren. Auch eine Sitzerhöhung hat Osann im Angebot, davon raten Sicherheitsexperten allerdings ab.

Im Sitz verbaut sind meterweise Kabel. Ein Temperaturfühler stellt fest, wann es zu heiss (30 Grad und mehr) wird und aktiviert dann automatisch die Belüftung. Warme Luft wird abgesaugt und ein kühlender Luftzug soll entstehen. Die Luft wird dafür über je zwei Ventilator links und rechts an den Seiten des Sitzes in Bewegung gebracht und tritt durch kleine Löcher in der Rückenlehne und der Sitzfläche wieder aus.

Umgekehrt springt die Heizung an, wenn der Fühler in der Sitzfläche weniger als 5 Grad Celsius feststellt. Dann erwärmen sich in den beiden Filzmatten verklebte Wärmeleitkabel auf bis zu 60 Grad. Die Sorge, dass du deine Kinder versehentlich durchgaren könntest, ist unbegründet. Wenn der Sensor im Inneren des Sitzes 30 Grad feststellt, schaltet sich die Heizung wieder ab.

Du kannst die aktuell im Sitz gemessene Temperatur auf einem Display an selbigem ablesen. Das allerdings nur, wenn du genau von vorne darauf schaust. Ein Blick über die Schulter vom Fahrersitz aus zeigt einfach immer 88 Grad an, weil das Double-Digit-Display so beleuchtet ist, dass du nicht siehst, was Sache ist.

Für dieses Foto habe ich mich genau auf die richtige Höhe begeben müssen, um die gemessene Temperatur zu erkennen.
Für dieses Foto habe ich mich genau auf die richtige Höhe begeben müssen, um die gemessene Temperatur zu erkennen.

Das Ein- und Ausschalten funktioniert über einen einfachen Knopf direkt am Stecker. Ausserdem schaltet sich der «Klimax» auch aus, wenn der Drucksensor feststellt, dass niemand mehr auf ihm sitzt. «Drucksensor» ist hier allerdings ein grosses Wort der Osann-Ingenieure. Letztlich ist es ein Knopf unter der Sitzfläche, der runter gedrückt wird, wenn jemand drauf sitzt.

Der «Drucksensor» ist nicht viel mehr als ein einfacher Knopf. Daneben ist der Temperaturfühler zu erkennen, der normalerweise ins Plastikgehäuse geschoben ist.
Der «Drucksensor» ist nicht viel mehr als ein einfacher Knopf. Daneben ist der Temperaturfühler zu erkennen, der normalerweise ins Plastikgehäuse geschoben ist.

Damit das alles funktioniert, braucht der «Klimax» Strom. Der kommt über ein Kabel vom Zigarettenanzünder des Autos, also über den 12-Volt-Anschluss (für den Fall, dass du keinen Zigarettenanzünder hast). Es ist über drei Meter lang. Das reicht, um die 12-Volt-Steckdose im Auto zu erreichen, egal ob die in der Mittelkonsole oder sogar im Kofferraum platziert ist. Bedeutet aber eben auch, dass es dann im Auto herumliegt und beim Aussteigen zur Stolperfalle werden kann.

Wie bewährt sich «Klimax» im Einsatz?

Als Vater freue ich mich, dass Osann für den «Klimax» sämtliche relevanten Sicherheitsprüfungen bestanden hat und dies mit entsprechenden Labels belegt ist. Ein Plus für mich als Sicherheitsfanatiker ist auch der Seitenaufprallschutz. Die Flanken des Sitzes sind auf Schulterhöhe weit nach vorne gezogen. Der Gurt von der Rückbank des Autos wird in den Sitz gezogen und hält bei einem Aufprall kleine Passagiere sicher im Sitz. Bei einem der grossen Kindersitz-Tests von ADAC oder TCS hat der «Klimax» noch nicht mitgemacht, weil er zu neu ist.

Montiert ist der Kindersitz dank Isofix-Einführhilfen schnell und einfach. Praktisch ist ausserdem der recht leicht abzunehmende Bezug. Absolute Sicherheit vor Schokoladenflecken oder anderen verunreinigenden Substanzen gibt es nämlich nicht. Der Bezug ist nur mit ein paar Steckverbindungen am Hartplastik festgemacht, die du einfach lösen kannst. Da habe ich bei anderen Herstellern schlimmere Lösungen gesehen.

Das Rückenteil und der Sitzüberzug vertragen eine Schonwäsche in der Waschmaschine bei möglichst niedriger Temperatur. Sie sollten aber weder geschleudert, getrocknet noch gebügelt werden. Ich empfehle dir allerdings ohnehin eine Handwäsche. Manchmal gehen die Flecken auch schon mit einem Mikrofasertuch weg.

Der «Klimax» ist kein Komfort-König

Für meine Tochter ist der Osann-Sitz im Vergleich zu ihrem derzeitigen Cybex-Solution-Modell ein Rückschritt in Sachen Komfort, wie sie mir bei der ersten Testfahrt mitteilt. «Papa, schreib, dass der Sitz eher für Vierjährige ist!» Macht der Papa, weil es stimmt. Der «Klimax» ist ziemlich eng, die Kopfstütze lässt sich zwar in der Höhe verstellen, aber eben auch nicht sehr weit nach oben. In der höchsten Position bleiben nur 45 Zentimeter Platz von den Schultern bis zur Sitzfläche, beim Cybex sind das gute zehn Zentimeter mehr. Das ist für meine Tochter mit 127 Zentimetern Länge ein unschlagbares Plus. Der «Klimax» ist deshalb auch eher für jüngere Kinder geeignet, obwohl er gemäss Beschreibung für ein Gewicht zwischen 15 und 36 Kilogramm ausgelegt ist.

Dem «Klimax» fehlt zudem eine in der Neigung verstellbare Rückenlehne. Der Hebel zum Verstellen der Kopfstütze ist, sobald der Sitz mal eingebaut ist, nur noch schwer zu erreichen. Und wehe, du ziehst die Kopfstütze zu weit nach oben – dann hast du sie in der Hand und musst sie wieder einsetzen. Hier fehlt eine Arretierung, die das Herausziehen nach oben verhindert.

Die Klimatisierug im «Klimax» ist: nicht cool

Bei Komfort und Bedienung ist der «Klimax» eher Durchschnitt. Macht die Klimafunktion den «Klimax» trotzdem zu einer Kaufempfehlung? Klare Antwort von mir: Nein. Sicher ist es vom Hersteller ein guter Gedanke, das Bedienkonzept möglichst einfach zu halten. Das heisst hier: Du hast nur einen einzigen Knopf. Das System ist entweder an oder eben aus. Im Fall von «An» entscheiden letztlich das Wetter und die Temperatur im Auto darüber, ob der Sitz etwas leistet oder nicht.

Im Testzeitraum habe ich es nicht geschafft, den Sitz so zu erhitzen, dass er angesprungen wäre. Deshalb habe ich mir einen Steckdosenadapter mit 12-Volt-Anschluss besorgt und mein Arbeitszimmer zu einem kleinen Testlabor gemacht. Den Temperaturfühler aus dem Sitz habe ich zunächst mit einem Föhn auf über 30 Grad erhitzt, um die Kühlung zu aktivieren. Die beiden Ventilatoren laufen los und bewegen die Luft. Das aber war’s auch schon. Der Luftzug ist beim demontierten Sitz kaum spürbar, erst recht nicht durch das Sitzpolster. Hörbar dagegen ist das Laufgeräusch des Ventilators, denn sie sind fast auf Kopfhöhe und damit nah an den Ohren. Immerhin ist es nur ein leises Rauschen.

Im improvisierten Testlabor habe ich die Polster entfernt. Darunter sind die weissen Filzmatten zu sehen inklusive einiger Meter Kabeln. Föhn und Kirschkernkissen helfen, den Temperatursensor zu erwärmen.
Im improvisierten Testlabor habe ich die Polster entfernt. Darunter sind die weissen Filzmatten zu sehen inklusive einiger Meter Kabeln. Föhn und Kirschkernkissen helfen, den Temperatursensor zu erwärmen.

Nach der Simulation eines heissen Sommertags folgte der eines kalten Wintermorgens. Dafür habe ich den Temperaturfühler zwischen zwei Kühlelemente gepackt. Wie vom Hersteller versprochen, beginnt das System bei unter fünf Grad Celsius zu arbeiten. Langsam erwärmen sich die Filzmatten. Weil der Fühler aber bei Zimmertemperatur schnell wieder mehr als fünf Grad misst, ist’s mit der Heizung auch bald wieder vorbei. Ziemlich ähnlich dürfte sich das im echten Leben auch abspielen, weil du ja zum Beispiel nach einem Skitag das Auto zur Heimfahrt auch ziemlich schnell wieder warm bekommst.

Mein Eiswürfelbereiter simuliert ein durchgefrorenes Kind nach einem Tag mit Schlitten- oder Skivergnügen.
Mein Eiswürfelbereiter simuliert ein durchgefrorenes Kind nach einem Tag mit Schlitten- oder Skivergnügen.

Fazit: Der «Klimax» ist meistens nur ein ganz normaler Sitz

Der Sitz «arbeitet» im Prinzip nur dann, wenn es kälter ist als fünf oder wärmer als 30 Grad. Der Temperaturfühler alleine entscheidet, du kannst ihn nicht selbst aktivieren. Bei meiner Sitzheizung habe ich mehr Freiheit und kann meinen kalten Hintern jederzeit unabhängig von irgendeinem Sensor anwärmen. Und das sogar noch in unterschiedlichen Stufen.

Bewegt sich die Temperatur zwischen 5 und 30 Grad ist der Osann-Sitz auch nur ein ganz normaler Kindersitz. Kein besonders guter, kein besonders schlechter. Er ist solide verarbeitet, punktet mit dem einfach abzunehmenden Bezug, hat darüber hinaus aber das Nachsehen im Vergleich zum aktuellen Cybex-Modell, das ich nutze oder zu einem Maxi Cosi, den ich vorher einige Jahre hatte. Die Polsterung ist eher dünn und verrutscht leicht. Das Display lässt sich schlecht ablesen. Und weil die Rückenlehne sich nicht neigen lässt, ist der «Marty Klimax» für mich vor allem nicht tauglich für die Langstrecke. Gerade da aber würde er seine Stärke ausspielen können: die Lüftung. Wenn diese wirklich effektiv wäre.

So ist der «Klimax» für mich ein interessanter Versuch, etwas Innovatives zu wagen, aber noch nicht so ausgereift, dass ich ihn mir kaufen und dir empfehlen würde. Ein «völlig neues Kapitel in Sachen Sitzkomfort für Kinder», wie es die Werbetexter euphorisch beschreiben, ist es auf keinen Fall.

Da waren meine Eltern früher erfolgreicher und günstiger unterwegs, indem sie uns auf der Fahrt regelmässig mit Glacé versorgt haben. Die hat gekühlt und die Laune gehoben. Und vielleicht auch wunderbare Flecken auf den Sitzpolstern hinterlassen.

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Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln. 


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