
Wie ist das mit dem Krebs?
Deutsch, Dagmar Geisler, Sarah Roxana Herlofsen, 2023

Mirjam Lämmle ist CEO der Krebsliga Schweiz. Im Interview erklärt sie, wo es Lücken bei der Versorgung von Erkrankten gibt und wie ihre Organisation dort hilft. Und sie sagt, dass viele Krebsfälle vermieden werden könnten, wenn die Schweiz nicht nur auf Eigenverantwortung setzen würde.
Die Schweiz ist ein reiches Land, unser Gesundheitssystem vielleicht das beste der Welt. Und trotzdem braucht es Organisationen wie die Krebsliga, die sich hauptsächlich durch Spenden finanziert. Warum?
Mirjam Lämmle: Das ist so. Wir springen dort ein, wo es um Leistungen geht, die im System nicht abgerechnet werden können.
Was ist das zum Beispiel?
Grob gesagt alles, wofür man sich Zeit nehmen muss. Die Krebsliga macht ein Angebot an der Schnittstelle zwischen Sozialwesen und Gesundheitssystem. Wir helfen Betroffenen zum Beispiel, wenn sie nach einer Krebsdiagnose wichtige Fragen klären müssen. Dann bieten wir Information und Beratung an. Wir helfen in einer schwierigen Phase.
Diese schwierige Phase beginnt mit der Diagnose. Wie ist es für die Menschen, wenn sie die Diagnose Krebs erhalten?
Es ist der Moment, der das Leben in ein Vorher und ein Nachher trennt. Die Welt gerät ins Wanken, die Betroffenen stellen sich existenzielle Fragen wie: Muss ich bald sterben? Die meisten Menschen, mit denen wir arbeiten, wissen noch alle Details über den Moment, in dem sie die Diagnose erhalten haben.
Für Ärzte und Ärztinnen ist das sicher auch keine einfache Situation.
Absolut. Dazu kommt, dass das Thema im Studium oft zu kurz kommt. Hier bieten wir als Krebsliga für die Ärzteschaft Weiterbildungen an. Wir wissen zum Beispiel aus der Forschung, dass eine Patientin oder ein Patient aus dem Diagnosegespräch ab dem Moment, in dem das Wort «Krebs» fällt, eigentlich keine weitere Information mehr aufnimmt.
Die Fragen kommen also erst später – nachdem der Schock verdaut ist?
Genau. Zum einen geht es um die Krankheit und ihre Behandlung. Zum anderen darum, wie ein Betroffener die Information den Angehörigen mitteilt, dem Arbeitgeber. Was bedeutet die Situation finanziell?
Reagieren die Betroffenen ähnlich? Oder gibt es unterschiedliche Arten, mit der Diagnose umzugehen?
Das ist tatsächlich unterschiedlich. Es gibt diejenigen, die sich auf alle Informationen stürzen, die sie finden können, was den Krebs betrifft, den sie diagnostiziert bekommen haben. Auf der anderen Seite gibt es Patientinnen und Patienten, die ihrem Arzt oder ihrer Ärztin vollständig vertrauen. Und es gibt die Menschen, die teils extreme Schwierigkeiten dabei haben, sich zu öffnen, überhaupt zu erkennen, dass sie sich helfen lassen dürfen.
Woran liegt das?
Eine schwere Erkrankung, womöglich sogar eine unheilbare – das passt oft nicht in unsere Gesellschaft. Wir reden ja viel lieber und offener über Erfolge und Leistungen. Und natürlich ist das Sterben, die Endlichkeit des menschlichen Lebens, immer noch ein Tabu.

Wenn ich mir vorstelle, ich würde eine Krebsdiagnose bekommen, müsste ich es trotzdem auch zum Beispiel mit meiner Tochter im Primarschulalter besprechen. Wie ist es, mit Kindern über Krebs zu sprechen?
Es ist schon einmal richtig, das Gespräch zu führen. Kinder sind sehr sensibel. Sie spüren in der Regel, wenn etwas nicht stimmt, wenn Mami oder Papi etwas bedrückt. Es bringt nichts, so etwas zu verheimlichen. Stattdessen sollte es kindgerecht thematisiert werden.

Wie ist das mit dem Krebs?
Deutsch, Dagmar Geisler, Sarah Roxana Herlofsen, 2023


Es gibt auch Erkrankte, die ihren Weg mit dem Krebs selbst zum Thema und via Social Media quasi öffentlich machen. Oft mit erstaunlicher Resonanz und vielen Followern.
Ich bin überzeugt, dass die Nachfrage nach Echtheit sehr gross ist. Deshalb verfolgen Menschen solche Geschichten. Auf der anderen Seite kann es auch den Erkrankten helfen, wenn sie berichten, wie es ihnen geht, ihre Story erzählen können und nicht von der Gesellschaft einfach abgestempelt werden. Wir merken das auch bei unserer Arbeit: Das Portrait einer Mutter mit Zungenkrebs auf unserer Webseite ist zum Beispiel auf viel Resonanz gestossen. Wir wollen Menschen hinter Zahlen und Statistiken zeigen.
Oh, und jetzt komme ich ausgerechnet mit einer Statistik um die Ecke … Die Schweiz ist gemäss dem aktuellen Public Health Index das Schlusslicht in Europa, wenn es um Prävention geht. Ist das ein Problem beim Thema Krebs?
Für mich ist es absolut unverständlich, dass wir ein so reiches und fortschrittliches Land sind und bei der Prävention so wenig tun. Dabei wissen wir, dass vier von zehn Krebsfällen durch einen gesunden Lebensstil verhindert werden könnten. Das fängt beim Thema Rauchen, geht weiter mit Alkohol und ungesunder Ernährung und hört bei zu wenig Bewegung noch nicht auf.

Ist hier mehr Selbstverantwortung gefordert?
Ja, das Argument ist immer schnell auf dem Tisch. Sie funktioniert hier aber nicht. Die Verführung ist überall, auch in Form von Werbung. Auf der anderen Seite wird Wissen über die Risiken und Gefahren nicht so leicht verfügbar gemacht. Oder diejenigen, die das tun könnten, erhalten nicht mehr die nötigen finanziellen Mittel.
Vielen Dank, Mirja, für das Gespräch.
Die Krebsliga Schweiz informiert Betroffene mit Krebs und bietet ihnen sowie den Angehörigen Beratung, Unterstützung und Information an. Auf der Webseite gibt es einen grossen Katalog mit Informationen, ausserdem das Angebot einer Peergruppe, bei der Expertinnen und Experten mit Erfahrungen ihr Wissen anbieten.
Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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