Klima-, Strom- und sonstige Krisen oder wenn ein neues Veloshirt existenzielle Fragen aufwirft

Patrick Bardelli
Zürich, am 06.08.2022

Ich wollte bloss ein neues Veloshirt kaufen. Und jetzt plagen mich existenzielle Fragen zum Leben, dem Tod und unserer Konsumgesellschaft.

Der Tag der Toten. Er hat seinen Ursprung in Mexiko, wird aber mittlerweile in ganz Lateinamerika gefeiert. Wenn ich es richtig verstehe, geht der «Dia de Muertos» zurück zu den Kulturen der Azteken, Tolteken, der Nahua und anderen Völkern, die das Betrauern ihrer Toten als respektlos empfanden. Für diese Kulturen war der Tod eine natürliche Phase im langen Kontinuum des Lebens. Die Toten galten noch immer als Mitglieder der Gemeinschaft und wurden im Geiste und in Erinnerungen am Leben gehalten. Dieses Brauchtum fasziniert mich: Hier wird der Tod ausgelassen gefeiert, er ist kein Tabu. Typisch sind dabei die bunten Calaveras (Schädel) und Calacas (Skelette). Und ich habe wohl einen leichten Hang zum Morbiden.

UNESCO Kulturerbe: Dia de Muertos / Bild: Shutterstock
UNESCO Kulturerbe: Dia de Muertos / Bild: Shutterstock

Ein Veloshirt und seine Folgen

So bin ich in unserem Shop auf dieses Veloshirt gestossen und habe es natürlich sofort bestellt. Auch wenn ich es gar nicht brauche, ich habe schon genug dieser Dinger.

Aber wie gesagt, der «Dia de Muertos» fasziniert mich, bunte Farben ziehen mich magisch an und der Kombination aus Rot und Orange kann ich sowieso nicht widerstehen. Ausserdem passt das farblich zu einem meiner Tattoos. Ja, ich weiss, das ist jetzt ein wenig oberflächlich von mir. Naja.

Kaum bestellt, lag das Shirt auch schon in meinem Milchkasten. Verrückt, in welchem Tempo heute geliefert wird – und die Effizienzsteigerung wird permanent weiter vorangetrieben. Aber das ist ein anderes Thema. So wie ich bin, riss ich das Hemli aus der Verpackung, zog es unverzüglich an, schwang mich damit auf mein Gravelbike und fuhr los.

Totenköpfe und Banane. Passt.
Totenköpfe und Banane. Passt.

Das war an einem Donnerstag und es war heiss. Noch ein Mü heisser als an den Donnerstagen in den Wochen zuvor. Das Thermometer zeigte 38 Grad Celsius und nach ein paar Minuten auf dem Velo erreichte das Klima in meinen schwarzen, hautengen Bibshorts die Stufe tropisch. Dasselbe galt fürs Wasser in der Trinkflasche und ungefähr so schmeckte es dann auch. Klimawandel, dachte ich und fuhr weiter.

Früher träumte ich vom Süden und von Weihnachten unter Palmen. Ich ging allerdings immer davon aus, dass ich zu den Palmen in den Süden müsste. Nun kommen die Palmen zu mir. So kann man sich irren.

Plötzlich überkam mich das schlechte Gewissen. Trug ich mit meinem völlig überflüssigen Veloshirtkauf nicht direkt zur Klimakrise bei? Natürlich. Aber wenigstens wurde das Teil nicht in Shanghai, sondern in Bosnien hergestellt. Da musste es nicht noch zuerst einmal um die halbe Welt geschifft werden. Immerhin. Ich gönnte mir einen Schluck Brackwasser aus der französischen Trinkflasche – trink Patrick, trink, solange es noch Wasser gibt – warf einen Blick auf meinen in Asien produzierten Velocomputer und trat energisch in die Pedale.

Eine Krise jagt die nächste

Velocomputer, schoss es mir durch den Kopf. Auch so ein Gadget, das permanent aufgeladen sein will. Kein Wunder, geht uns der Strom aus, bei all dem Techkram, der dauernd an der Steckdose hängt und unentwegt schreit: «Füttere mich». Stromkrise. Und Energiekrise. Schliesslich verbraucht auch die in Frankreich produzierte Trinkflasche und das in Bosnien hergestellte Velohemd Öl und Gas. Ganz zu schweigen vom Velocomputer «Made in China».

Die Gedanken an die vielen Krisen waren beinahe anstrengender als das Tempobolzen auf Schotterwegen. Deshalb fokussierte ich mich wieder aufs Wesentliche: mein Gravelbike der Marke Giant. Dieser Brand stammt übrigens aus Taiwan. Taiwan? Da war doch was. Ja, genau: Der Besuch der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi auf dem kleinen Inselstaat vor der chinesischen Küste bescherte uns die nächste Eskalationsstufe im Pulverfass China/Taiwan. Scheinbar reichte der Ukrainekrieg noch nicht. Das war der Moment, wo ich umkehrte und nach Hause fuhr.

Unterwegs warf ich nochmals einen Blick auf mein neues Totenkopfshirt. Den Tod ausgelassen feiern, in bunten, fröhlichen Farben. An einem anderen Tag, dachte ich. Oder Ende Oktober/Anfang November, wenn der «Dia de Muertos» auch dieses Jahr in den Strassen Lateinamerikas zelebriert wird. Vielleicht würde ich es dann anziehen und damit eine Runde drehen. Aber für heute liess ich es gut sein mit Totenköpfen und morbiden Gedanken.

Was so ein Design alles auslösen kann.
Was so ein Design alles auslösen kann.

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