Im Schnitt verhunzt: «Suicide Squad», DCs bisher grösste Niederlage
Hintergrund

Im Schnitt verhunzt: «Suicide Squad», DCs bisher grösste Niederlage

Luca Fontana
Zürich, am 26.03.2019
Chaotisch. So kann die Produktion von DCs «Suicide Squad» in einem Wort zusammengefasst werden. Und wenn der Film wie ein zwei Stunden langer Trailer wirkt, dann, weil er tatsächlich von einer Trailer-Firma geschnitten worden ist.

Für DC Comics hätte «Suicide Squad» das sein sollen, was Marvel Studios Überraschungshit «Guardians of the Galaxy» anno 2014 gewesen ist: Die Geschichte einer dysfunktionalen Gruppe, deren Mitglieder unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber trotzdem zueinander finden müssen, um am Ende das Böse zu besiegen.

Nur, dass die Gruppe in «Suicide Squad» selbst böse ist und sich von den anderen Bösen bloss dahingehend unterscheidet, dass die eigentlichen Bösen einfach noch etwas böser sind. Im Kern ist der böse Suicide Squad also doch nicht so böse. So mittelböse, vielleicht. Klingt spannend. Und ist in etwa auch das, was der mit Queen-Musik aufgepeppte erste Trailer, der am 1. Januar 2016 unter dem Slogan «worst heroes ever» veröffentlicht worden ist, versprochen hat.

Dann haben die Verantwortlichen bei Warner Brothers, dem produzierenden Filmstudio, festgestellt, dass Regisseur David Ayers Vision von «Suicide Squad» deutlich düsterer angedacht war als der anrüchige, aber lustige Trailer. Denn was du vielleicht nicht weisst: Oft werden Filmtrailer geschnitten, während der Film selbst noch im Schnitt ist.

Also griff das Studio ein. Jedenfalls laut anonymen Insidern, die gegenüber dem Hollywood Reporter ausgepackt haben. Darum ist nichts in dieser Story offiziell bestätigt. Denn jene, die die Wahrheit kennen, haben sich entweder vertraglich dazu verpflichtet, nicht darüber zu sprechen, oder sie müssen gute Miene zum bösen Spiel machen. Ihrer eigenen Karriere zu Liebe.

Der Anfang vom Ende: DCs ambitionierte Pläne

Juli 2014. Marvel hat gerade «Guardians of the Galaxy» ins Kino gebracht und lässt sich feiern. Kritiker und Publikum sind sich gleichermassen einig: Wer sprechende Waschbären und Bäume, die nur «ich» und «bin» und «Groot» sagen – und das auch nur in dieser Reihenfolge –, zu etwas formen kann, das mindestens einem soliden Kinofilm nahekommt, der kann eigentlich alles.

Kevin Tsujihara, damaliger CEO von Warner Brothers – mittlerweile ist er wegen einer Sex-Affaire als CEO zurückgetreten –, sieht seine Chance gekommen. Weil zuerst die «Harry Potter»- und dann die «Hobbit»-Reihe zu Ende gegangen sind, braucht das Filmstudio eine neue Einnahmequelle: DC Comics. Inspiriert von Marvels Erfolg kündigt Tsujihara im Oktober 2014 zehn DC-Filme an. Darunter «Suicide Squad», geplant für den Kinosommer 2016, mit David Ayer als Regisseur.

Mittlerweile nicht mehr Warner-Bros.-CEO: Kevin Tsujihara
Mittlerweile nicht mehr Warner-Bros.-CEO: Kevin Tsujihara

Tsujiharas Pläne sind ambitioniert, und das ist das Problem. Erfahrene Regisseure, die für solche Filme besser geeignet wären, lehnen ab, weil sie mehr Zeit fordern, um derart grosse Projekte angemessen zu entwickeln. Üblich sind vier bis fünf Jahre. Zu lange für Warner Brothers. Unerfahrene Regisseure hingegen verlassen sich eher auf ihre Instinkte – und sagen zu, dankbar für die Gelegenheit. Ayer wird das zum Verhängnis.

Angeblich bleiben dem Regisseur sechs Wochen, um das Drehbuch für den Film zu Ende zu schreiben. Und jetzt, da die Öffentlichkeit ein Startdatum kennt und weltweit Deals mit Branding- und Merchandising-Partnern laufen, kommt eine Verschiebung des Projekts nicht mehr in Frage.

Das Chaos ist vorprogrammiert.

Die Rede ist von zwei konkurrierenden Schnittfassungen

August 2015. Die Dreharbeiten, die in Toronto, Kanada, stattgefunden haben, sind zu Ende. Die Post-Produktionsphase beginnt: Regisseur und Cutter schneiden den Film, Computereffekte werden hinzugefügt, Toneffekte eingebaut und Filmmusik komponiert. Gleichzeitig kommt die Marketing-Maschinerie ins Rollen. Plakate, Trailer, Interviews und Making-Ofs. Das ganze Programm. Es ist die entscheidende Phase, in der aus Stunden an gefilmten Material ein Film geformt und das Publikum angefixt wird.

Im Januar 2016 veröffentlicht Trailer Park jenen Trailer zu «Suicide Squad», der mit Queens «Bohemian Rhapsody» unterlegt ist und rasch zum Fan-Liebling wird. Alles ist gut. Dann die Ernüchterung: Als zwei Monate später «Batman v. Superman» ins Kino kommt, wird Warner Brothers mit vernichtenden Kritiken zugeschüttet. Zu düster sei der Film. Zu ernst und zu humorlos. Dann bleiben auch noch die weltweiten Einspielergebnisse mit 873 Millionen Dollar hinter den hohen Erwartungen zurück.

Ein PR-Desaster.

Margot Robbie als Harley Quinn in «Suicide Squad»
Margot Robbie als Harley Quinn in «Suicide Squad»

Warner Brothers steht mit dem Rücken zur Wand. Wenn «Suicide Squad» nicht zum Erfolg wird, stellt das Tsujiharas gesamte DC-Strategie in Frage. Als klar wird, dass David Ayer eine eher düstere Suicide-Squad-Geschichte erzählen will, die so gar nicht zum rotzfrechen Ton des Trailer-Park-Trailers passt, fasst das Studio einen Entschluss: Ayer darf seine Version weiterhin machen, aber Trailer Park soll gleichzeitig eine eigene Version schneiden, die besser zum Trailer passt. Ein ausgewähltes Testpublikum soll dann entscheiden, welcher Schnitt besser ist.

Im April 2015 lässt Warner Brothers seine Schauspieler für umfangreiche Nachdrehs erneut antraben. Der Grund: Sämtliche Witze, die Regisseur David Ayer gedreht hatte, sind bereits im Trailer-Park-Trailer drin. Damit die Trailer-Firma den angeordneten witzigen Film schneiden kann, braucht es also neue Witze.

Zurück auf Anfang: Neue Witze müssen her.
Zurück auf Anfang: Neue Witze müssen her.

Ein Monat später werden beide Schnittfassungen einem Testpublikum aus Kalifornien gezeigt. Die Reaktionen sind laut Hollywood Reporter wenig euphorisch: Während Trailer Parks Version wie ein riesiger, zwei Stunden langer Trailer wirkt, soll Ayers Schnitt ähnlich wie «Batman v. Superman» zu düster sein. Bei Warner Brothers schrillen die Alarmglocken. Und das drei Monate vor dem Kinostart.

Es wird eng.

Und der Gewinner ist… eigentlich niemand

Warner Brothers versucht, aus dem Scherbenhaufen, das «Suicide Squad» mittlerweile geworden ist, das Beste zu machen. Nach den Analysen des Testpublikum-Feedbacks beauftragt das Filmstudio Trailer Park mit einer dritten Schnittfassung. Eine Art Mittelweg zwischen Ayers und Trailer Parks ursprünglichen Schnitt. Und der kommt ins Kino. Ob das Wunder gelungen ist?

Nein. Kritiker und Zuschauer sind sich einig: Der Film ist genauso wirr, wie es die Produktionsgeschichte hat befürchten lassen. Rotten Tomatoes, eine Filmwebseite, die Rezensionen sammelt und vergleicht, gibt beiden Filmen eine Wertung von 27 Prozent. Auf IMDb, einer Online-Filmdatenbank, ist der Metascore von «Suicide Squad» mit miesen 40 von 100 Punkten gar tiefer als jener von «Batman v. Superman», der mit 44 von 100 Punkten nicht viel minder mies bewertet worden ist.

Es wird sogar schlimmer, als ein weiterer Banchen-Insider gegenüber Hollywood Reporter angibt, dass der Film wegen den aufwändigen Nachdrehs und teuren Marketingkampagne 750-800 Millionen Dollar einspielen muss, nur um aus der Verlustzone überhaupt rauszukommen. Aber Warner Brothers hat Glück. Vielleicht genau wegen seiner Marketingkampagne. Denn «Suicide Squad» hat bis heute 747 Millionen Dollar eingespielt. Keine Gelddruckmaschine, aber immerhin auch kein finanzieller Flop.

Ein Geschenk, das vom Himmel gekommen ist, werden sich die Verantwortlichen nach dem ganzen Schlamassel Stirn wischend gedacht haben.

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Luca Fontana
Luca Fontana
Editor, Zürich
Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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