Meinung

Gute Seiten, schlechte Seiten: Mein Problem mit den Bildern dieser WM

Michael Restin
29.09.2022

Es gibt noch Papier mit Gesichtern drauf, dem junge Menschen einen Wert beimessen: Panini-Sticker. Allerdings droht eine Inflation. Von 670 Aufklebern im Album und Millionen Bildern im Kopf.

«Nur Schlechte», sagt mein Sohn und wirft den Inhalt der ersten Panini-Packung des WM-Winters auf den Esstisch. Ich muss mich einen Moment lang sammeln und will Hasan Al-Haydos, Abdullah Madu und Jonathan Williams kein Unrecht tun. Deshalb erkläre ich, dass sie so schlecht wohl nicht sein können. Immerhin spielen sie eine Weltmeisterschaft. Ob das gut oder schlecht ist, darüber darf natürlich diskutiert werden. Selbst die bedruckten Papierchen sind politisch geworden. Kaum waren sie auf Galaxus zu kaufen, gab es auch schon die Quittung in der Kommentarspalte. Hat mich nicht überrascht.

Eine «Bewertung» der aktuellen Panini-Bilder aus der Community.
Eine «Bewertung» der aktuellen Panini-Bilder aus der Community.

Bald ist WM. Und wir haben ein kollektives Sammelbilderproblem. Mit Millionen Bildern vor Augen und der Frage, welche davon um die Welt und uns nicht mehr aus dem Kopf gehen. Nur die aus dem Scheinwerferlicht? Oder auch die der Schattenseiten? Es ist nicht schwer zu erraten, welche die besseren Karten haben. Aber dieses Turnier spaltet. Jede und jeder muss sich in den kommenden Wochen dazu verhalten. Hinschauen? Wegschauen? Protestieren? Für sich selbst zu entscheiden, ist relativ einfach. Doch den Kindern erklären, dass Fussball zwar schön, aber so eine WM unguckbar sei? Schwierig. Ich spreche immer wieder an, wie die Lage ist. Schlecht natürlich. Wie es um Menschenrechte, Arbeitsbedingungen und Korruption bestellt ist und was das überhaupt bedeutet.

Die Lage ist schlecht, uns geht es gut

Dass die Lage schlecht ist, hören Kinder im Primarschulalter quasi seit sie denken können. Ihre frühesten Erinnerungen werden irgendwann auch mit Masken, diffuser Angst vor einem Virus, Krieg, Energiekrise und Klimakatastrophe verknüpft sein. Andererseits wachsen sie hierzulande extrem privilegiert auf. In Frieden und mit Ferien, mit Hobbys und der Freiheit, Sackgeld in Panini-Bilder investieren zu dürfen. Die Gleichzeitigkeit der Dinge ist manchmal schwer erträglich, aber dadurch ist diese WM längst zuhause angekommen. Und natürlich werden wir Spiele gucken. Sehr viele werden das tun. Am Ende werden die Einschaltquoten wahrscheinlich eine andere Geschichte erzählen als die Umfragen.

WM in Katar

Sei ehrlich: Wirst du einschalten?

  • Ja, ich schaue die Spiele.
    49%
  • Nein, bei dieser WM bin ich raus.
    28%
  • Ich schaue schon lange nicht mehr Fussball.
    22%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

Die auf den Stickern, also die Spieler, die bei diesem Turnier ein gutes Bild abgeben sollen, haben es schwer. Viele von ihnen waren gerade mal zehn Jahre alt, als 2010 die Weltmeisterschaft nach Katar vergeben wurde. Jetzt sollen sie sich für die Deals derer rechtfertigen, die am liebsten im Hintergrund handeln. Sich positionieren. Werte vertreten. Ihre Reichweite nutzen. Gleichzeitig Sponsoren nicht verprellen, Sanktionen vermeiden und, ach ja, Spitzenleistungen bringen, die am Ende doch wieder alle Missstände überdecken. Selbst wenn auf der Captain-Binde als diplomatische Form der Kritik «One Love» steht.

Auch ein Bild der WM in Katar: Die Binde, die neben Granit Xhaka die Captains von England, der Niederlande, Belgien, Wales, Frankreich, Dänemark und Deutschland am Arm tragen werden. Norwegen und Schweden beteiligen sich ebenfalls an der Aktion, sind aber nicht qualifiziert.
Auch ein Bild der WM in Katar: Die Binde, die neben Granit Xhaka die Captains von England, der Niederlande, Belgien, Wales, Frankreich, Dänemark und Deutschland am Arm tragen werden. Norwegen und Schweden beteiligen sich ebenfalls an der Aktion, sind aber nicht qualifiziert.
Bild: Twitter/@nati_sfv_asf

Die Spieler sind die Abziehbilder für Erwartungen aller Art, was auch nicht fair ist. Vermutlich haben sie vor ein paar Jahren selbst noch Panini-Bilder in Sammelalben für mehr oder weniger korrupt vergebene Turniere geklebt, bei denen die Heilsversprechen für die Bevölkerung der Gastgeberländer und ihrer Gastarbeiter ausgeblieben sind. So wird es auch diesmal sein. Wirklich besser wird das Leben durch so ein Turnier in der Regel nur für Wenige, die weder auf dem Platz noch auf Baustellen stehen.

Die anderen Sammelkarten

Südafrika ist nur ein Beispiel. Die Kosten damals: 1709 Prozent höher als erwartet. Verlust für das Gastgeberland: 2,1 Milliarden Euro. Gewinnsteigerung der FIFA gegenüber 2006: 50 Prozent, natürlich steuerbefreit. Gewinnwachstum der fünf grössten Bauunternehmen des Landes: 1300 Prozent. Die Löhne der CEOs dieser Unternehmen stiegen innerhalb von fünf Jahren um 200 Prozent. Die Bauarbeiter und Bauarbeiterinnen mussten mit 70 000 Beteiligten dafür streiken, dass ihre Löhne wenigstens der Teuerung angeglichen wurden.

Und damit bin ich gedanklich bei ihren Kollegen in Katar – und zurück bei den Sammelbildern. Wann immer ich Panini-Sticker sehe, kommen mir andere Bilder in den Sinn: Die Cards of Qatar. Eine Aktion, für die investigative Journalistinnen und Journalisten die Schicksale und Geschichten etlicher im Emirat gestorbener Arbeitsmigranten recherchiert und in Form von Sammelkarten aufbereitet haben. Gönn’ dem Video einen Klick – bislang sind mehr Menschen gestorben, als der Clip Aufrufe hat.

Zahlen helfen uns, Dinge einzuordnen. Aber sie transportieren keine Emotionen. Deshalb sind solche Geschichten wichtig. Jede davon ist ein kleiner Stich ins Herz. Und doch haben sie kaum eine Chance in Zeiten der multiplen Krisen wie diesen. Die Halbwertszeit der Themen ist kurz und den Kampf um die Bilder des Turniers in Katar wird wieder der Fussball gewinnen. So war es eigentlich immer. Und so bleibt es in einer Welt, die unübersichtlicher geworden ist. Das lässt sich auch anhand der Panini-Bildli aufzeigen, die mein Sohn heute im Akkord kleben muss. Als 1970 das erste WM-Album auf den Markt kam, war alles noch anders.

Inflation der Bilder

Damals hatten wir eine Weltbevölkerung von 3,7 Milliarden Menschen, noch dieses Jahr werden es 8 Milliarden sein. 1970 nahmen 16 Mannschaften an der Endrunde teil, 2022 sind es 32. 1970 gab es 288 Sammelbilder, 2022 sind es 670. Grob gesagt ist die Welt heute doppelt so unübersichtlich wie damals und Panini haut eben noch ein paar Bilder extra ins Album. Für die Schweiz gibt es die Oryx Edition mit 50 «Spezialstickern» sowie «20 Extra-Action-Bildern». Zum Beispiel die «Timeline of FIFA World Cup» mit Bildern aller Turniere, die auch nicht immer als Vorbilder dienten, über die aber das Gras der Geschichte gewachsen ist und auf die verklärt zurück geblickt wird.

Fussball in schwierigen Zeiten gab's auch schon in den 1930er Jahren.
Fussball in schwierigen Zeiten gab's auch schon in den 1930er Jahren.
Panini FIFA World Cup Qatar 2022 TM  - Displaybox (Multilingual)
Sammelkarten
87.20

Panini FIFA World Cup Qatar 2022 TM - Displaybox

Multilingual

88

Schon zum Turnier 1934, als im faschistischen Italien Mussolinis gespielt und für die schöne Propaganda-Show fleissig Stadien gebaut wurden, heisst es bei Wikipedia: «Als Folge des Baubooms verlor die Lira massiv an Wert und den Arbeitern wurden die Löhne gekürzt.» Da sage noch einer, die miese Behandlung derer, die im Schatten arbeiten, habe keine Tradition.

Eine Seite weiter, Argentinien 1978. Ein Land im Griff der Militärdiktatur, in dem gespielt und gefoltert wurde. Schon damals wurde über einen Boykott diskutiert, schlussendlich aber gekickt. Und zu guter Letzt Russland, wo ein gewisser Wladimir Putin den Rest der Welt im Regen stehen liess, der ohne gross zu murren anreiste. Die Macht der Bilder.

Diese Ohnmacht gegenüber den alten Bildern. Wer weiss, was 2026 los sein wird, wenn die USA gemeinsam mit Mexiko und Kanada die Weltmeisterschaft austragen werden. Mit dann 48 Nationen und heute noch nicht absehbaren politischen Situationen. Sicher ist nur: Falls es dann noch Panini gibt, nähern wir uns unweigerlich der magischen Grenze von 1000 Stickern. Die Inflation der Bilder wird weitergehen und ist doch nichts im Vergleich zur Explosion der Inhalte im Netz.

Der König der Bilder

Heute werden alleine auf Instagram täglich um die 100 Millionen Fotos und Videos hochgeladen und der ungekrönte König der Plattform ist: Cristiano Ronaldo mit 483 Millionen Followern, denen er mal eben seine neueste Unterwäschekollektion zeigen, eine Meinung oder sein Selbstbild übermitteln kann. Natürlich wird sein Sticker von acht Zweitklässlern lauthals bejubelt, als er auf der Geburi-Party zwischen all den «Schlechten» aus einer geschenkten Packung strahlt. Endlich. Einer von den «Guten». Oder?

Niemand erreicht mehr als er – und trotzdem ist es schwer, sich ein Bild von ihm zu machen.
Niemand erreicht mehr als er – und trotzdem ist es schwer, sich ein Bild von ihm zu machen.

Auf jeden Fall einer, den man wahlweise als glänzendes sportliches Vorbild und Grossverdiener mit Herz oder als zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilten Steuerbetrüger darstellen kann, der sich wegen Vergewaltigungsvorwürfen verantworten musste und neulich einem 14-jährigen autistischen Jungen das Smartphone aus der Hand schmetterte. Es gibt nicht das eine, das richtige Bild. Weder von Ronaldo noch von der WM in Katar. Jede Aufnahme ist immer nur ein Ausschnitt der Wahrheit.

670 davon sind im Panini-Album. Dabei wissen wir noch nicht mal, wer überhaupt zum Turnier fährt. Vielleicht ist ihr Erfolgsgeheimnis, dass sie so beruhigend und klar strukturiert sind. Gerader Blick, ein Rahmen, auf den Millimeter genau gleich gross. Ronaldo ist eingeklebt, weiter geht's. Nächste Packung, nächste Nummer. Abgehakt. Alles in bester Ordnung. Anders als bei den Millionen weiteren Bildern im Kopf, die wir niemals sortiert bekommen.

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Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.


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