Essential gibt auf: Kein PH-2 und kein Essential Gem
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Essential gibt auf: Kein PH-2 und kein Essential Gem

Dominik Bärlocher
Zürich, am 13.02.2020
Die Marke Essential stellt den Betrieb ein. Nach einem veröffentlichten Gerät und einem ambitionierten zweiten Entwurf, wirft der Android-Mitbegründer das Handtuch. Mit Essential verschwindet auch Newton Mail. Über die Gründe kann nur spekuliert werden, aber die Vermutung «zu wenig, zu spät» drängt sich auf.

«Trotz unseren besten Bemühungen haben wir keinen klaren Weg, Project Gem an Kunden auszuliefern. Wir haben das Projekt so weit gebracht, wie wir konnten», schreibt das Unternehmen im wohl letzten Blog-Eintrag der Smartphone-Marke Essential.

Given this, we have made the difficult decision to cease operations and shutdown Essential.
Essential.com, 13. Februar 2020

Mit Essential geht einer der wohl innovativsten und mutigsten Smartphone-Macher der vergangenen paar Jahre vom Markt.

Project Gem: Neues Material zeigt das, was nie kommen wird

Project Gem hätte das Smartphone komplett neu erfinden sollen. Erste funktionale Prototypen sind im vergangenen Oktober gesichtet worden, zusammen mit der Vision Essentials.

Von der Vision bleibt aber nur noch etwas: Die Erinnerung an den Launch und Videos, die wohl dereinst hätten publiziert werden sollen. Das Essential Team hat diese in ihrem Abschiedspost veröffentlicht. Sie zeigen ein Gerät, das zwar beeindruckend aussieht, aber nicht wirklich viel Neues oder Grossartiges liefert.

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Project Gem sollte die Nutzung Androids dank einem komplett neuartigen User Interface verändern. Das radikale Seitenverhältnis von etwa 29:9 sollte die Art, wie du Apps verwendest, komplett umkrempeln. Mindestens. Das Problem: Ein Video aus dem Hause Essential zeigt diese neue Nutzung. Sie sieht genau so aus, wie die Apps halt so aussehen, einfach in einem Dark Mode. Einzig die Tastatur ist im Video auf die einhändige Bedienung durch Rechtshänder ausgelegt.

Auch die Kamera lässt Fans der Szene dann doch eher gähnen als aufhorchen. Durch etwas, das wohl eine Art AI Upscaling sein dürfte, soll die Pixelmasse eines Bildes vervierfacht werden. Spätestens hier wird die Sache haarig, denn Essential hat dort bei dem einen Phone, das die Firma rausgebracht hat, dem PH-1, die grössten Mängel gehabt.

Interessanter wird es bei der Stimmeingabe beim Essential Gem. Du hättest den Fingerprint Scanner auf der Rückseite als Knopf verwenden können, der in der Art eines Dictaphones auf einen Voice Assistant hätte zugreifen können. Wenn du eine Message verschickt hättest, dann wäre nicht nur ein Transcript der Mitteilung verschickt worden, sondern auch gleich eine Audiodatei. So spannend das vor ein paar Jahren geklungen hätte, so wenig begeistert das im Zeitalter von Amazon Alexa, Google Assistant und Siri, für die du keine Hände mehr brauchst und die so in etwa dasselbe tun.

Ein Amoled Display und ein hübscher Paint Job hätten das Gem abgerundet.

Das Problem des Gems ist offensichtlich: Es ist zu wenig, zu spät. Unibody Designs kommen im angehenden Zeitalter der faltbaren Phones ohne wirklich guten Grund in der Szene nicht an. Daher dürfte es auch kein Zufall sein, dass die Hiobsbotschaft der Resignation einen Tag nach der grossen Ankündigung des Samsung Galaxy Z Flip kommt.

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Trotzdem: Essential wird auf dem Markt fehlen. Die Marke, gegründet von Android-Mitbegründer Andy Rubin, war ein Aussenseiter auf dem Markt, der immer wieder mit neuen Ideen für Aufsehen gesorgt hat. Nicht nur wegen des modularen PH-1 oder des Gem. Wie im Jahr 2018 bekannt wurde, musste Andy Rubin seine Resignation bei Google einreichen, da der Konzern eine Beschwerde wegen sexueller Belästigung für glaubhaft und erwiesen erachtet hat. Rubins goldener Fallschirm war 90 Millionen US-Dollar schwer und Google hat sich nie zu den Anschuldigungen geäussert.

Ohne Fokus, mit einem Skandal auf dem C-Level und einem Gerät, das der Technologie hinterherhinkt stand Essential unter keinem guten Stern.

Abschiedsgeschenk auf Github

Das PH-1 ist immer noch eines der besten Phones in Punkto Haptik. Kaum ein Phone fühlt sich so gut in der Hand an wie das PH-1. Softwareseitig hat das PH-1 schon zum Launch starke Mängel gezeigt. Die «revolutionäre» Version Androids war im Wesentlichen Stock Android mit einer abgespeckten Kamera-Software, die später verbessert wurde. Aber auch das hat nicht gereicht, der Marke zum Durchbruch zu verhelfen.

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Bei Hackern und Bastlern ist das PH-1 mit seinem Snapdragon 835 und seiner Offenheit nach wie vor beliebt. Software Modder nutzen das PH-1 als Entwicklerplattform. Diesen Entwicklern stellt Essential viel des eigenen Codes auf Github zur Verfügung. Und es soll noch mehr kommen.

For developer fans, a prebuilt of our vendor image and everything else needed to keep hacking on PH-1 will be hosted on our github.
Essential.com, 13. Februar 2020

Das PH-1 selbst wird nicht mehr aktualisiert. Das Update vom 3. Februar 2020 wird das letzte bleiben. Mit Essential fällt auch CloudMagic, Hersteller der Mailing App Newton Mail. Newton Mail wird noch bis zum 30. April funktionieren.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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