Ein Gutschein im Interview: «Viele von uns sind gar nicht wirklich frei»
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Ein Gutschein im Interview: «Viele von uns sind gar nicht wirklich frei»

Martin Jungfer
Zürich, am 22.12.2021

Je näher Weihnachten rückt, desto beliebter wird er: der Gutschein als Geschenk. Doch wie geht es einem, der immer nur dann beliebt ist, wenn den Schenkenden nichts Besseres einfällt? Im Interview gibt ein Gutschein erschütternde Antworten.

Guido Gutschein ist Vorsitzender des «Interessensverband der Gutscheine zu Weihnachten und darüber hinaus» (IdGuzWeiudh). Er vertritt die Interessen seines Verbandes ehrenamtlich gegenüber Politik und Gesellschaft. Hauptberuflich ist er als Gutschein im Onlineshop von Digitec Galaxus tätig.

Vielen Dank, Herr Gutschein, dass Sie sich in dieser für Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen so stressigen Zeit für unsere Fragen nehmen.
Guido Gutschein: Gerne doch, ich bin ja froh, dass sich mal jemand für uns interessiert.

Über mangelndes Interesse dürften Sie sich aber ja eigentlich nicht beklagen so kurz vor dem Fest, oder?
Das schon nicht, nein. Aber die grosse Liebe ist da nie dabei, weder auf Seiten der Schenkenden noch auf Seiten des Beschenkten. Ich erlebe viel Smalltalk, erzwungene Lächeln und Versprechen. Alles nur heisse Luft. Fragen Sie einmal meinen Kumpel Ballon Gutschein, der kennt sich mit dem Thema noch besser aus.

Machen Sie sich da nicht kleiner, als Sie sind? Immerhin sorgen Sie für Friede und Freude zwischen Schenkenden und Beschenkten.
Stimmt, meistens zumindest. Aber ich sehe eben auch die Gesichter der Beschenkten. Ein Kollege, ein Gutschein für eine Schönheitsklinik, erzählte mir mal, dass er fast zerrissen worden wäre, als er von einem Mann seiner Ehefrau überreicht wurde. Das Leben als Gutschein ist voller Gefahren.

Sie übertreiben …
Ganz und gar nicht. Mein Vater zum Beispiel, Znacht Gutschein, liegt seit dem zweiten Weihnachtsfeiertag 2013 in einer dunklen Schublade im Kanton Bern. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Noch schlimmer aber sind die Fälle, die im Altpapier landen. Sie sterben eines viel zu frühen Todes im Krematorium.

Das bedeutet, viele von Ihnen können gar nie Ihre Bestimmung erfüllen?
Genau. Wussten Sie, dass geschätzt mindestens zehn Prozent von uns gar nie eingelöst werden. Niemand fragt danach, niemanden kümmert das. Ein totgeschwiegenes Problem.

Die Geschäfte und Institutionen, die Ihnen erst das Leben schenken, sind gleichzeitig die, die sich am meisten über ein einsames Leben Ihrerseits freuen. Sie verdienen an jedem Gutschein, der eines würdelosen Todes stirbt.
Ja, genau, die Geschäfte … (lächelt süffisant). Die haben uns doch zu den Sklaven gemacht, die wir heute sind. Kaum jemand von uns ist doch noch wirklich frei. Fast jeder von uns muss Kleingedrucktes als Last mit sich herumtragen – Mindestbestellmenge, Markenartikel ausgeschlossen, nicht anwendbar auf bereits reduzierte Produkte, nur gültig für Übernachtungen von Montag bis Donnerstag. Rund 80 Prozent von uns leben als solches Gutschein-Prekariat. Sie müssen sich durchschlagen als «Coupons» und werden im Internet angepriesen wie Sauerbier. Und auf der anderen Seite die oberen ein Prozent, die schicken Plastikkarten mit Guthaben für Luxuskaufhäuser, Streamingdienste oder V-Bucks.

Was würde die Situation verbessern, was wünschen Sie sich von uns als Konsumentinnen und Konsumenten?
(lange Denkpause) Respekt. Den wünschte ich mir. Wir sind mehr als ein Stück Papier mit einer Zahlenfolge drauf. Auch wir haben Gefühle, respektive tragen wir die Gefühle vom Schenkenden an den Beschenkten weiter.

Jetzt habe auch ich ein wenig ein schlechtes Gewissen. Was könnte ich konkret tun?
Es sind die kleinen Dinge. Schicken Sie mich nicht einfach als drögen Zahlencode herum, der dann für die Bezahlung irgendeiner Grafikkarte eingesetzt wird …

Ähm, es gibt eigentlich derzeit gar keine Grafikkarten …
Ist doch egal, es war ja nur ein Beispiel, herrje! Also, wer einen Gutschein verschenkt darf diesen gerne schön einpacken. Geschenkpapier, Schleife, vielleicht sogar in einem schönen Schächtelchen – das würde unser Gutschein-Leben schon sehr viel besser machen.

Ich werde mich bemühen. Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben für meine Fragen. Frohe Weihnachten!

P.S.: Tipps fürs stilvolle Einpacken von Gutscheinen findest du hier:

  • KnowhowBasteln

    5 Wege, Gutscheine auf den letzten Drücker einfallsreicher zu verpacken

P.P.S.: Guido Gutschein und seine Kollegen kannst du bei Digitec Galaxus hier erwerben. Es ist dann leider «nur» ein Zahlencode. Sorry.

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Martin Jungfer
Martin Jungfer

Head of Content, Zürich

Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln.

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