Dreamworks-Animator Simon Otto: Zu Toothless kam er mit viel Biss

Dreamworks-Animator Simon Otto: Zu Toothless kam er mit viel Biss

Carolin Teufelberger
Zürich, am 18.09.2019
Der Animator Simon Otto hat den Figuren in «How to Train Your Dragon» Leben eingehaucht. Mit dem letzten Teil der Trilogie endet auch seine Zeit beim Animationsstudio: Nun wagt er den Sprung in die Regie.

Majestätisch breiten sich die schwarzen Flügel des Drachens aus und beginnen langsam zu flattern. Die grün-gelben Augen leuchten aufmerksam, die Gesichtszüge wirken leicht angespannt. Toothless, der Drache, ist bereit für seinen ersten Flug mit Reiter auf dem Rücken. Hunderte Meter unter ihm: die Wikingerstadt Berk.

Fliegen bedeutet Freiheit. Unabhängigkeit. Dass ich diese Emotionen so klar wahrnehme, dafür hat Simon Otto gesorgt. Als Head of Character Animation ist er bei Dreamworks fast ein ganzes Jahrzehnt Chef derjenigen Abteilung gewesen, die alle Drachen und Wikinger im Film entworfen hat. Vom Aussehen bis zur Persön­lichkeit.

Jetzt will er sich als Regisseur versuchen.

Von Schneeskulpturen auf die grosse Leinwand

«Schon als kleiner Junge wusste ich, dass ich Animator werden wollte», erzählt Simon Otto am Fantoche Festival in Baden, wo er den dritten «Dragon»-Film vorstellt und den Kleinen die Kunst der Animation näherbringt. Währenddessen zeichnet er kleine kunstvolle Toothless auf den Hellraumprojektor. Otto ist im Element. Er erzählt, dass seine Freunde stets klassische Bubenberufswünsche wie Lokomotivführer oder Feuerwehrmann gehabt haben. Aber mit steigender Anzahl Geburtstagskerzen verblassten diese Träume langsam.

«Bei mir blieben sie. Und zwar bis heute.»

So entsteht der trainierte Drachen Toothless.
So entsteht der trainierte Drachen Toothless.

Noch vor der «Drachenzähmen leicht gemacht»-Trilogie, so der deutsche Titel, hat er an «Prince of Egypt» gearbeitet. Damals, 1997, wurde der in Hollywood unbekannte Schweizer aus dem st.-gallischen Gommiswald direkt von der Animationsschule in Paris angeworben, um im vom Steven Spielberg mitbegründeten Animationsstudio Dreamworks ins kalte Wasser geworfen zu werden. «Es war, als wäre ich als Regionalligafussballer ins WM-Team einberufen worden. Ich musste mich echt am Riemen reissen, um mithalten zu können.» Teil des Portfolios, mit dem er die Studiobosse überzeugte: Schneeskulpturen bauen. «Ich habe im Militärdienst einen Typen kennengelernt, der das professionell gemacht hat. Mich hat das begeistert, also habe ich mitgemacht.»

Zurück in der Heimat, am Animationsfilmfestival Fantoche, wo er den neuen «Drachenzähmen leicht gemacht»-Film vorstellt.
Zurück in der Heimat, am Animationsfilmfestival Fantoche, wo er den neuen «Drachenzähmen leicht gemacht»-Film vorstellt.

Die Schneeskulpturen begeisterten nicht nur ihn, sondern auch Dreamworks Verantwortliche. 13 Jahre lang arbeitet sich Otto über diverse Jobs beim Studio bis zum Head of Character Animation hoch. Kein Schweizer vor ihm ist in Hollywood je so erfolgreich gewesen wie er. Wobei ihm das nicht anzumerken ist. Er antwortet entspannt und ausführlich auf meine Fragen. Dass er wahrscheinlich lieber seine Familie sehen würde, die unten auf ihn wartet, lässt er mich nicht spüren. Im Gegenteil: Wir plaudern sogar noch ein wenig über mein Austauschjahr in den USA.

Eine gute Technik alleine reicht nicht

«Als Animator bist du nichts anderes als ein Schauspieler. Aber anstatt Emotionen mit deiner eigenen Mimik und Gestik zu transportieren, tust du das mit dem Stift für eine animierte Figur», so Otto. Wie der Charakter in der Geschichte funktionieren muss, ist von Regisseur und Drehbuchautor zwar vorgegeben, aber das ganze Innenleben wird vom Animator bestimmt. «Erst das gibt der Figur einen Wiedererkennungswert und lässt sie menschlich wirken.» Das sei dann auch, was eine gute Animation ausmache. «Eine gute Technik alleine reicht noch nicht. Du brauchst Talent und Flair», meint Otto. Solches entdeckt er immer wieder als Dozent an der Hochschule Luzern, wo er jährlich eine Masterklasse für Animation unterrichtet.

Simon Otto erzählt den Kindern von seiner Arbeit als Animator in Hollywood.
Simon Otto erzählt den Kindern von seiner Arbeit als Animator in Hollywood.

Seit seinen Anfängen habe sich technisch viel getan. «Mit den neuen Computerprogrammen bringt sogar mein zehnjähriger Sohn die Figuren in Bewegung.» Ausserdem sind Animationsfilme heute eine viel grössere Sache als noch in den 1990ern. Damals waren Zeichentrickfilme wahnsinnig populär. Dann kam «Toy Story». Otto: «Mit seinem enormen Erfolg an der Kinokasse öffnete der Film einen komplett neuen Markt fürs Kino.»

Zeichnen ist Teil seines Lebens

Das Figurendesign ist beruflich etwas kürzer gekommen, das Zeichnen aber bleibt. «Im Urlaub führe ich eine Art Reisetagebuch, nur mit Bildern statt Wörtern.» Eine Zeichnung sei viel intensiver als ein Foto, weil man sich komplett auf den Moment einlasse. «Wenn ich mir die Bilder später wieder anschaue, kommen sofort Emotionen und Gerüche hoch, die ich in dem Moment wahrgenommen habe», sagt Otto.

Im Familienalltag bleibt das Skizzenbuch aber auch immer mal wieder geschlossen. «Ich musste lernen, abzuschalten. Im Studium habe ich immer und überall gezeichnet, um ein gewisses Niveau zu erreichen. Jetzt haben sich die Prioritäten etwas verschoben.» Und zwar in Richtung seines Sohnes und seiner Frau zu Hause in Los Angeles. «Auch wenn es mich manchmal nervt, dass mein Kind akzentfreier Englisch spricht, obwohl ich schon 22 Jahre in den USA lebe», sagt er und lacht.

Popcorn gehören weniger zu seinem Leben als mehr zu dem der Betrachter seiner Arbeit.
Popcorn gehören weniger zu seinem Leben als mehr zu dem der Betrachter seiner Arbeit.

Mehr Konzeption, mehr Risiko

Nach 22 Jahren ist nun Schluss bei Dreamworks: «Es war der richtige Moment, um zu gehen.» Das Filmstudio wurde verkauft, die Führung wechselte, definitive Entscheidungen für Projekte liessen auf sich warten.

Nun versucht es Otto auf eigene Faust. Als Regisseur. «Ich kann schon viel früher in der Filmproduktion ansetzen – bei der Ideenfindung und Konzeption. Wenn du als Animator ins Spiel kommst, sind solche Sachen schon längst fix.» Zudem sei ihm erst jetzt bewusst geworden, wie viele Filmprojekte scheitern, bevor sie richtig losgehen.

«Eine Rückkehr zu Dreamworks ist nicht ausgeschlossen», sagt der Mann, der sich dennoch vorerst auf die Regie konzentrieren will. Unter anderem arbeite er an verschiedenen Serien und an einer Werbung. Mehr könne er nicht sagen.

Die üblichen Geheimhaltungsverträge.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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