DIY-Wand-PC: «Das Teil hat mich beinahe um den Verstand gebracht»

DIY-Wand-PC: «Das Teil hat mich beinahe um den Verstand gebracht»

Kevin Hofer
Zürich, am 22.01.2020
Das ist mal ein PC, der aus der Masse heraussticht: digitec-Leser Philipp hat einen Wand-PC der Superlative gebaut, der ihn zwei Jahre beschäftigt und beinahe seinen Verstand gekostet hat. Das ist seine Geschichte.

«Hallo, gibt’s bald mal wieder einen Gaming-Setup-Wettbewerb oder so was ähnliches?» fragt digitec-Leser Philipp per Mail. «Hab da was Verrücktes zusammengebaut.» Er fügt einen Link zu seinem Build-Log auf linustechtips ein.

Wow.

So einen geilen, gut durchdachten Build habe ich selten gesehen – und meine liebste Freizeitbeschäftigung ist es, mir PC-Building-Porn anzusehen. Ich schreibe zurück, am liebsten würde ich ihm gleich einen Preis überreichen. Da wir zur Zeit aber keinen Wettbewerb in petto haben, frage ich ihn, ob er damit einverstanden ist, dass ich einen Artikel über sein Projekt schreibe. Will er, und auf Basis seines Build-Logs und Rückfragen per E-Mail versuche ich, Philipps Beinahe-Niedergang in den Wahnsinn nachzuzeichnen.

Mit vollem Elan an die Sache

Irgendwann im Jahr 2016 zeigt Philipps PC von 2006 erste Alterserscheinungen. Lecks in der Wasserkühlung und Bluescreens sind an der Tagesordnung. Er beschliesst, sich einen neuen PC zu bauen. Da ihn die Geräusche von Lüftern stören, soll der PC passiv gekühlt werden. «Erst wollte ich ein PC-Gehäuse mit kühlender Aussenhaut bauen. Die Idee war, die Seitenwände des PCs aus Kühlrippen zu machen, aber so, dass man den Kühlkreislauf in die Seitenwände einstecken kann. Aber dann fand ich, dass ein Wand-PC vom Design her mehr hergibt.»

Der Entwurf ist schnell gemacht. «Als Architekt habe ich das Know-how im CAD. Zudem war das Projekt zu jener Zeit noch so frisch, dass ich sehr motiviert war.» Ende Februar 2017 macht Philipp seinen ersten Log-Post. Seine Vision: Auf einer transparenten Glasfaser-Platte werden Aluminium-Kühlkörper montiert. Dieses Teil fungiert als passive Kühlanlage. Auf der rechten Seite sollen auf einer entfernbaren Einlage die Komponenten verbaut werden. So kann er seine Komponenten einfach mit auf LAN-Parties nehmen. Dort will er die Einlage in einer Art Reisegehäuse verwenden wo das System mit einem Radiator mitsamt Lüftern gekühlt wird. Auf der Einlage ist ebenfalls die Pumpe und das Reservoir montiert. Die sind über Softtubes und Trockenkupplungen mit den Kupferrohren verbunden, die die Wärme über die Kühlkörper ableiten.

Die Einlage besteht aus drei Teilen. Links ist die wassergekühlte Grafikkarte. Im mittleren Teil befindet sich das Mainboard mit zwei lüfterlosen Netzteilen. Der rechte Teil beherbergt vier SSDs und die Pumpe/Reservoir-Combo.

DIY-Massarbeit

Die meisten Teile macht Philipp selbst: Die Glasrückplatte, die Einlage, die Kupferrohre, die Kühlplatten, Distanzhalter, Wandhalterung und sogar den CPU-Wasserblock passt er an, weil es für das Mainboard keinen gibt. «Ich konnte stark auf die Erfahrung und Unterstützung meines Vaters zählen, der selber auch eine CNC für Metallteile hat. Ohne ihn hätte das nicht geklappt.»

Bereits im Mai 2017 hat Philipp die meisten Teile gefertigt oder gekauft. Ursprünglich will er die Wärme von den Rohren über massive Kupferblöcke auf die Aluminium-Kühlelemente übertragen. Das Kupfer für die Kühlkörper würde aber 70 Kilogramm wiegen und um die 1000 Franken kosten. Zu teuer und zu schwer, um’s an die Wand zu hängen. Die Lösung sind Heizplatten, die bei Bodenheizungen verwendet werden. Die wiegen pro Quadratmeter ein Kilogramm und kosten 40 Franken. Die Kupferrohre werden in die Bodenheizplatten gelegt und geben so die Wärme über Leitbleche an die Aluminium-Kühlkörper ab.

Philipp muss an einiges denken. Damit die Konstruktion möglichst dünn bleibt und da die Fittings breiter sind als die Kupferrohre, muss er nebst Befestigungslöchern mit Gewinden Taschen in die Kühlkörper fräsen. Nur so liegen die Kühlkörper flach auf den Bodenheizplatten auf. Im Juni 2017 fräst Philipp die Glasrückplatte und im August desselben Jahres montiert er die Kühlkörper ein erstes Mal darauf. Danach wird es lange Zeit still im Wand-PC-Log.

Irgendwann war der Drive weg

Im Dezember 2018 – über ein Jahr nach seinem letzten Log-Post – meldet sich Philipp zurück und erklärt, was in der Zwischenzeit alles gelaufen ist. Er baut die Kühlanlage fertig. Da Standard-Kupferrohre nicht perfekt in die Bodenheizplatten passen, hat er Kupferteile gefertigt, damit die Rohre sicher sitzen und die Wärme besser abgeben. Beim Montieren der anodisierten Aluminiumkühlkörper stellt sich heraus, dass die Kupferrohre in der Höhe nicht vollständig in den Bodenheizplatten verschwinden. Die Kühlkörper liegen somit nicht ganz flach auf den Heizplatten. Deshalb fräst er hinten eine Rille in die Kühlkörper. Jetzt liegen sie flach auf und er kann alles auf der Glasfaserplatte montieren. So hat er immer wieder mit Problemen zu kämpfen.

«Ich habe im Geschäft meines Vaters gebaut, wo auch meine CNC steht. Da das zirka eine halbe Stunde mit dem Auto von mir zuhause entfernt ist, kann ich nicht einfach spontan hin, um eine Stunde zu basteln. Oft bin ich auf Probleme gestossen, musste Teile bestellen, Teile zum Eloxieren geben oder auf etwas anderes warten. Und dann hat mich zwischendurch auch die Lust verlassen, weil’s so mühsam war. Es war so viel Arbeit.»

Philipp stellt ebenfalls die Einlage mit den drei Teilen zusammen und verbaut die Komponenten darauf. Trotz aller Planung muss hier und da etwas gebastelt werden. Bei der Grafikkarte kann er nur eine Schraube zur Befestigung verwenden. Er funktioniert kurzerhand die Kühlblock-Abstandshalter um: Die Grafikkarte liegt auf diesen auf und wird von oben durch die einen Schraube an Ort und Stelle gehalten.

«Die grösste Herausforderung war, dass alles zusammenpasst und meinen Designansprüchen genügt. Ich wollte beispielsweise, dass das HDMI-Kabel von vorne nicht sichtbar ist. Also habe ich ein Kabel gesourct, das eigentlich für Drohnen ist, nur zwei Millimeter davon wären sichtbar gewesen. Das Problem: Leider kann es keine 60 Hz bei 4K. Ich habe dann drei weitere HDMI-Kabel ausprobiert, um am Schluss auf Display Port zu wechseln, weil’s nicht geklappt hat. Der Stecker nervt mich noch jetzt mega. Er sieht einfach nicht schön aus.»

Wenn ich Philipps Einträge zum Kabelmanagement lese, werden in mir Erinnerungen an viele Stunden Kabelmanagement wach. Ich kann ihn regelrecht fluchen hören, wenn ein Kabel mal nicht passt. Auch diesen Eintrag von ihm zum Biegen der Acrylglasrohre für den sichtbaren Teil der Wasserkühlung kann ich sehr gut nachvollziehen:

«Ich fokussiere mich darauf, das Projekt endlich zu Ende zu bringen. Ich bin mit der Zeit etwas weniger wählerisch geworden und gebe mich auch damit zufrieden, wenn etwas nicht zu 100 Prozent passt. Die letzten fünf Prozent eines Projekts sind immer die härtesten.»

Im März 2019 ist es dann endlich so weit: Die Einlage mit den Komponenten in der Kühlanlage ist montiert. Aber dann folgt der letzte grosse Dämpfer: Der PC bootet, aber im Furmark Stresstest erreicht der PC nicht die gewünschte Leistung. Philipp vermutet ein Hardwareproblem. Nach Monaten des Testens und Verzweifelns findet er dann des Rätsels Lösung – und zwar bei Furmark selbst: Er hat den Benchmark versehentlich auf höherer Stufe laufen lassen als gewollt. Deshalb hat er auch das gewünschte Ergebnis nicht erreicht.

Ende gut, alles gut

Im Oktober 2019 läuft der PC endlich – und wie. Trotz passiver Kühlung wird die CPU beim simultanen Stresstest mit Furkmark und CPU Burner nach 90 Minuten nur etwas mehr als 80° Celsius heiss. Die GPU wird nicht mal 60° Celsius warm.

Auf den Bildern der Wärmebildkamera ist gut zu erkennen, dass gewisse Kühlkörper nicht heisser werden als die Umgebungstemperatur. Das liegt daran, dass er an diesen die Bodenheizplatten nicht befestigen konnte. Diese Kühlkörper sind daher nur fürs Optische, sie leiten keine Wärme ab. Rund ein Viertel der Kühlfläche wird nicht gebraucht. Umso erstaunlicher sind die guten Werte, die der Wand-PC erreicht.

Geschätzt über 500 Stunden Arbeit und um die 5000 Franken hat Philipp in seinen Wand-PC gesteckt. «Wenn du bis zum Hals im Projekt steckst, denkst du: 150 Stutz fürs Eloxieren? Ja eh! HDMI Drohnenkabel, das es nur auf Amazon Amerika gibt und dafür brauche ich eine Weiterleitungsadresse in Florida? Kostet 100 Stutz? Klar! Nicht, dass ich das Geld rumliegen hätte, aber wenn du seit über einem Jahr dran bist und ein zu 70 Prozent fertiges Projekt steht vor dir, dann ist sowas manchmal egal. Man will es einfach nur noch fertig haben. Buchhaltung habe ich sowieso nicht geführt.»

Philipp spielt jetzt unter anderem «The Witcher 3: Wild Hunt» auf seinem Wand-PC. «Dafür reichen meine Komponenten aus dem Jahr 2017 vollkommen aus. Es geht und ging mir nie darum, ein Powermonster zu bauen, sondern einen Design-PC, der nahezu geräuschlos ist. Es stört mich daher nicht, wenn die Leistung nicht mehr top ist. Der PC hat äussere Werte!»

Das mit der entfernbaren Einlage für LAN-Parties hat Philipp mittlerweile aufgegeben – zu viel Aufwand. Trotzdem ist die Einlage für die Zugänglichkeit praktisch. Obwohl er stolz auf die Früchte seiner zweijährigen Arbeit ist, würde er kein zweites Mal so ein Projekt angehen.

«Ich habe so eine Hassliebe aufgebaut zu dem Teil. Es ist voll geil, aber ich habe sowas von genug davon. Sollte mal ein Fehler auftreten, werfe ich’s gleich aus dem Fenster. Das Teil hat mich beinahe um den Verstand gebracht.»

PS: Alle Bilder und Videos sind von Philipp.

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Kevin Hofer
Kevin Hofer
Editor, Zürich
Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten ist meine Leidenschaft.

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