Disney-Trickfilm statt Pornos: Was taugt die Circle-Firewall?

Disney-Trickfilm statt Pornos: Was taugt die Circle-Firewall?

Philipp Rüegg
Zürich, am 20.05.2019
Wer wissen will, wo und wie lange sich die Kinder im Internet rumtreiben, kann entweder das Gespräch suchen, oder sich eine Firewall anschaffen. Circle hat in Zusammenarbeit mit Disney an letzterer gearbeitet. Ich hab sie ausprobiert.

Das Disney-Logo auf der Verpackung von Circle Home soll bei den Käufern blindes Vertrauen hervorrufen. Bei mir läuten hingegen die Alarmglocken. Der Megakonzern ist auf dem besten Weg zum Medien-Monopolisten. Dass ich mir eine Firewall ins Haus hole, die in Zusammenarbeit mit Micky Maus entstand, ist mir nicht ganz geheuer. Die Idee dahinter ist aber einleuchtend: Kinder haben immer früher Zugang zum Internet. Neben all den Möglichkeiten, die uns das Netz bietet, hat es auch seine Tücken. Nicht alle Eltern haben die Kontrolle darüber, wo der Nachwuchs den lieben langen Tag rumsurft. Circle Home soll dieses Problem lösen.

Eine Firewall als Babysitter

Circle Home ist ein kleines unscheinbares Böxchen. Es verfügt lediglich über zwei Anschlüsse: Micro-USB für den Strom und einen LAN-Anschluss (1 Gbit), falls du das Gerät per Kabel verbinden möchtest. Ich hab mich für die Wireless-Variante entschieden. Nur 2.4 GHz steht zur Auswahl. Die Einrichtung ist sehr einfach: Circle-App installieren, der Anleitung folgen, Account erstellen und wenige Minuten später ist das Gerät betriebsbereit.

Hinter einer Gummiklappe versteckt sich der LAN-Anschluss.
Hinter einer Gummiklappe versteckt sich der LAN-Anschluss.

Alle Geräte, die im gleichen Netzwerk sind wie Circle Home, können von der App aus überwacht werden. Auf den jeweiligen Smartphones, Notebooks etc. muss keine Extra-Software installiert werden. Sobald sich ein Gerät ins Netzwerk einwählt, taucht es in der App auf. Je nachdem wie viele Geräte im Haushalt sind, kann es etwas mühsam sein, sie alle zu identifizieren. Meistens fehlt eine eindeutige Bezeichnung. Im schlimmsten Fall musst du auf dem jeweiligen Gerät den Namen nachschauen. Anschliessend kannst du das Gerät in der Circle-App umbenennen.

Bei mir wurden alle Smartphones, Notebooks und Konsolen erkannt, ausser die PS4. Die tauchte nicht in der App auf und liess sich somit auch nicht überwachen. In der Circle-App können verschiedene Profile erstellt werden. Beispielsweise für jedes Kind ein eigenes, eines für die Eltern und eines für den gemeinsamen Computer. Für jedes Profil kannst du Zeitlimits, Offline-Zeiten oder Bettzeiten definieren. Danach wird automatisch das Internet gekappt. Es gibt auch einen Pausenknopf. Damit hören die Kinder garantiert, dass das Essen bereit steht.

Die App ist übersichtlich gestaltet.
Die App ist übersichtlich gestaltet.

Du kannst ausserdem Belohnungen verteilen. Drei stehen zur Auswahl: eine spätere Zubettgehzeit und das tägliche Limit oder die Offline-Zeit aufheben.

Unter dem Menüpunkt «Verwendung» wird aufgelistet, welche App oder Webseite wie lange angeschaut wurde. Mit einem Klick auf eine Webseite wird sie gesperrt. Bei Apps kann zusätzlich ein Zeitlimit gesetzt werden.

Die Filter erfordern viel Aufmerksamkeit, wenn sie greifen sollen.
Die Filter erfordern viel Aufmerksamkeit, wenn sie greifen sollen.

Am wichtigsten dürften für viele die Filter sein. Sie sind in fünf Profile unterteilt: Vorschule, Kind, Jugendlicher, Erwachsener und Ohne. Jedes Profile hat unterschiedliche Voreinstellungen, die definieren, welche Inhalte erlaubt sind. Manuell kannst du anschliessend Plattformen wie Twitter oder Instagram erlauben oder sperren. Vorschule hat die strengsten Filter und erlaubt nur wenige Anpassungsmöglichkeiten. Zusätzlich zu den Plattformen gibt es Kategorien wie Social Media, E-Mail, Videos, Online-Games oder News. Bei diesen Filtern musst du leider selber rausfinden, welche Dienste und Websites bei der Aktivierung genau gesperrt werden. Die Kategorie Online-Games sperrt beispielsweise Steam, Uplay, Origin und dergleichen.Wissenschaft und Technik dagegen blockiert zwar The Verge und Engadget, sperrt aber auch den Game-Blog Polygon oder digitec. Du kannst auch eigene Filter für bestimmte Webseiten erstellen.

Handarbeit ist angesagt

Wenn du Circle Home zuverlässig für deine ganze Familie einrichten willst, bleibt dir nichts anderes übrig, als jedes Gerät separat zu konfigurieren. Nur so kannst du sichergehen, dass wirklich alle Seiten und Dienste erfasst sind. Gibt es einen Familiencomputer oder ein Familen-Tablet, das alle nutzen, bleibt dir weiterhin nur die manuelle Kontrolle. Circle kann nicht unterscheiden, wer ein Gerät benutzt.

Wenn Seiten gesperrt sind, tauchen ganz unterschiedliche Meldungen auf.
Wenn Seiten gesperrt sind, tauchen ganz unterschiedliche Meldungen auf.

Auf gesperrten Seiten wird nicht immer die gleiche Meldung angezeigt. Mal erscheint eine Verbindungsfehlermeldung, mal steht, die Webseite ist nicht sicher. Für die Benutzer ist dann unklar, ob ein Fehler vorliegt oder ob Papa das Internet sperrt. Nur wenn du Pornoseiten ansurfst, kommt zuverlässig die Circle-Infoseite. Die erklärt dir, dass diese Seite für dich gesperrt ist. Du erhältst dann eine Übersicht über deine verbleibende Internet-Zeit und siehst Videovorschläge für diverse Disney-Clips. Ich seh’s schon vor mir: Der Sohnemann surft Pornhub ab und wird stattdessen auf die Circle-Seite umgeleitet. Das lässt den hormongesteuerten Nachwuchs sein Vorhaben sofort vergessen und stattdessen schaut er sich einen Disney-Film an. Hmja ist klar. Wahrscheinlicher ist, dass er sich bei den Disney-Prinzessin eine neue Inspirationsquelle holt.

Bei Pornoseiten taucht automatisch dieses Fenster auf. Weiter unten folgen Videolinks zu Disney-Inhalten.
Bei Pornoseiten taucht automatisch dieses Fenster auf. Weiter unten folgen Videolinks zu Disney-Inhalten.

Was auch nur bedingt funktioniert, ist das Überwachen der Game-Zeit. Meine Switch wird zwar von Circle erkannt, allerdings läuft die Verwendungszeit nur bei einem Online-Spiel wie «Fortnite». Das schränkt den Nutzen doch arg ein.

Langsamer und mit offensichtlicher Schwachstelle

Da der gesamte Traffic über die Firewall geht, wird die Internetgeschwindigkeit etwas in Mitleidenschaft gezogen. Am Notebook schaffe ich ohne die Firewall bis zu 380 Mbit/s. Mit eingeschaltetem Circle Home sinkt die Geschwindigkeit auf 280 bis 320 Mbit/s. Beim Surfen habe ich das aber kaum gespürt.

Worauf die Firewall überhaupt keinen Einfluss hat, ist der Mobilfunk. Smartphones, die nicht mit dem WLAN und somit auch nicht mit dem Circle Home verbunden sind, surfen ungehindert weiter. Und wenn jemand einen Hotspot erstellt, kann er auch mit allen anderen Geräten die Firewall umgehen. Das neue Circle Home Plus soll das mit einem Kostenpflichten Abo verhindern können. Dieses Gerät konnte ich jedoch nicht testen.

Fazit: Funktioniert im grossen und ganzen, aber will man das?

Circle Home ist schnell aufgesetzt und bietet zahlreiche Möglichkeiten, die Internetnutzung aller Geräte im gleichen Netzwerk gezielt einzuschränken und zu überwachen. Da bei den meisten Filtern aber nicht klar ist, was genau gefiltert wird, kommst du nicht drumherum, für jedes Nutzerprofil eigene Filter zu erstellen. Eine mühselige Arbeit. Ein entscheidender Nachteil von Circle Home ist zudem, dass es keinen Einfluss auf Smartphones hat, die mit dem Mobilnetz verbunden sind. Dafür nützt es den Kindern nichts, Circle einfach ausstecken. Die Firewall hat einen Backup-Akku, der ein bis zwei Stunden halten sollte.

keine Informationen über dieses Bild verfügbar

Ob du Circle und wohl auch Disney deine Daten anvertrauen willst, musst du selber entscheiden. Obendrein stellt sich die Frage, ob eine Firewall und die totale Überwachung deiner Familie die richtige Lösung ist. Diesem Thema und wie man Kinder den richtigen Umgang mit dem Internet beibringt, gehe ich in einer weiteren Story nach. Falls du das nicht verpassen möchtest, kannst du unten auf «Autor folgen» klicken.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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