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«Digimon Survive» im Test: Tod, Überleben, Monster und sooooo viel zu lesen

PC Games
Fürth, am 10.08.2022

Mit «Digimon Survive» bringt Bandai Namco eine Visual Novel, in der es nicht nur um Digimon geht, sondern auch um den Tod, zwischenmenschliche Konflikte und taktische Kämpfe. Überzeugt das Ergebnis, oder wird hier nur ein bekanntes Franchise gemolken? Hier kommt unser Test.


Dies ist ein Artikel unseres Content-Partners «PC Games». Hier findest du den Original-Artikel von Autor Yannik Cunha.


Lange hat es gedauert, nun ist «Digimon Survive» nach einigen Verschiebungen endlich erschienen und bietet Fans der Marke neues Spielefutter. Jedoch handelt es sich bei «Digimon Survive» nicht um ein klassisches japanisches Rollenspiel, sondern um eine Visual Novel. Das Genre ist hierzulande weniger bekannt, vergleichbar sind solche Visual Novels mit Büchern, in denen ihr Entscheidungen treffen könnt (wie bei den in den 90ern und 80ern beliebten Abenteuer-Spielbüchern, etwa «Die Zitadelle des Zauberers»).

Zum Einsatz kommt diese Spielmechanik oft auch bei Dating-Simulatoren (Beispiele dafür sind unsere Tests zu «Dream Daddy: A Dad Dating Simulator» oder aktuell zu «Hooked on You: A Dead By Daylight Dating Sim»). Bebildert sind solche Videospiele mit Artworks. Heißt im Endeffekt: Wir klicken uns die meiste Zeit durch Dialoge, die hin und wieder durch Suchaktionen oder Kämpfe aufgelockert werden. Der Fokus liegt also klar auf der Geschichte rund um unsere Highschooler-Truppe und deren Digi-Partner. Ob die Story in «Digimon Survive» überzeugt, erfahrt ihr in unserem Test.

Die Digiwelt?

Fans des Digimon-Franchise wissen es schon: Neben unserer bekannten Welt gibt es eine zweite, die Digiwelt. Diese Kenntnisse haben die Menschen in Survive jedoch nicht. Unsere Truppe Schüler wird durch einen alten Schrein in eine Parallelwelt befördert, die wie eine alternative Version unserer Erde wirkt, in der augenscheinlich keine anderen Menschen existieren

Es gibt jedoch Reste verschiedener Gebäude, wieso, ist uns anfangs ein Rätsel. Die Digimon, die wegen japanischer Legenden und der Unwissenheit der Helden als Kemonogami bezeichnet werden, scheinen größtenteils feindlich gesinnt zu sein.

Aber natürlich treffen wir recht früh auch freundliche Monster, allen voran Fan-Liebling Agumon, der von diesem Zeitpunkt an als unser fester Partner dient. Auch unsere Menschenfreunde bekommen jeweils einen Begleiter an ihre Seite, so kämpfen wir uns durch die menschenleere Welt.

Überleben!

Wieso eigentlich der Untertitel «Survive»? Ist der nicht unpassend für ein «Kinderspiel»? Unsere Antwort: Nein! Der Titel ist wirklich Programm. Nahrung und Unterkunft zu finden, ist noch das geringste Problem. Was uns mehr zu schaffen macht, sind wilde Monster und die Tierchen, die sich aus diversen Gründen explizit gegen unsere Gruppe stellen.

Dazu kommen Interessenkonflikte innerhalb der Schüler, alle vollkommen unterschiedliche Charaktere, die wir zu lösen versuchen.

Gelegentlich bringen uns schöne Anime-Sequenzen die Story näher. Das kommt jedoch selten vor.
Gelegentlich bringen uns schöne Anime-Sequenzen die Story näher. Das kommt jedoch selten vor.
Bild: PC Games

Oft müssen wir aber eine Seite wählen, wodurch sich Charaktere vernachlässigt fühlen oder wütend werden. Zuerst dachten wir, es sei egal, mit wem wir wie umgehen – «dann mag uns einer eben und der andere nicht, kümmert mich nicht». Doch da machte uns die Empathie einen glatten Strich durch die Rechnung: Da wir über circa 40 Spielstunden eine Bindung zu unseren Kameraden aufbauen, berührt es tatsächlich, wenn eine Situation aus dem Ruder läuft.

Spätestens dann, wenn die Konsequenzen unseres Handelns bedeuten, dass ein Charakter inklusive seines Digimon vor unseren Augen stirbt. Nicht nur fühlen wir uns schuldig, auch die jungen Erwachsenen um uns werden durch die Tode erschüttert. Manchmal ist es schön, andere Male traurig zu sehen, wie unsere Freunde auf Situationen und Entscheidungen reagieren.

Und die Digimon?

«Digimon Survive» schafft, woran Pokémon seit Jahren scheitert: Unsere Digimon wachsen uns genauso an das Herz wie die menschlichen Figuren. Immerhin können auch die Monster sprechen und verfügen über Charaktereigenschaften, die wir in den unzähligen Dialogen kennenlernen. Natürlich kämpfen wir aber auch mit den Monstern – und war in bester Final-Fantasy-Tactics-Manier.

Bevor wir angreifen, sehen wir genau, was unsere Attacken anrichten - gut zum Aushecken der Taktik.
Bevor wir angreifen, sehen wir genau, was unsere Attacken anrichten - gut zum Aushecken der Taktik.
Bild: PC Games

Die Kampfplätze sind in Felder aufgeteilt, auf denen wir unsere Digimon bewegen, um Widersacher taktisch auszuschalten. Schade dabei: Viele der Maps werden immer wieder verwendet, dadurch wirken die Schlachten eintönig. Zwar bieten die Kämpfe theoretisch viel Tiefe in Form eines Schere-Stein-Papier-Prinzips inklusive verschiedener Elemente, Ausrüstung und Positionierungsoptionen, jedoch brauchen wir höchstens einen Bruchteil davon.

Wir erreichten einfach rasch einen viel zu hohen Level. Anfangs etwa wollten wir beispielsweise nur drei bis vier Digimon fangen, wodurch unsere anderen Monster aber schon so stark wurden, dass das Spiel auf normalen Schwierigkeitsgrad keinerlei Herausforderung mehr bot.

Apropos Digimon fangen: Das funktioniert genauso wie in der «Shin Megami Tensei»-Reihe. Wir können mit Feinden reden und müssen richtig antworten, damit sie sich uns anschließen. Danach können wir die vorher freien Digimon mit Items entwickeln, die Partner der Menschen hingegen digitieren im Verlauf der Geschichte.

Bild: PC Games
Bild: PC Games

Die Präsentation von «Digimon Survive» ist teilweise wunderschön, an anderen Stellen fragwürdig. Die Charaktere etwa wurden unglaublich ausdrucksstark gezeichnet, Menschen sowie Digimon. Oft helfen uns die Gesichtsausdrücke sogar dabei, Entscheidungen zu treffen. Dafür wurden die Digimon in den Kämpfen sehr simpel gehalten, da schreit die Optik förmlich: «Ich bin ein Handy-Game». Obendrauf sind Hintergründe meistens schwammig und verwaschen in 3D animiert, warum diese nicht mit genauso viel Liebe gezeichnet wurden wie die Figuren, ist uns ein Rätsel. In den Umgebungen finden wir viele Items, die Sucherei artet aber aus, da selbst in brenzligen Situationen der Story Items versteckt sind, die wir erst sehen, wenn wir unser In-Game-Handy zücken – das schadet der ansonsten intensiven Immersion extrem und wird spätestens ab der dreißigsten Stunde nervtötend.

Wer mit dem Genre Visual Novel etwas anfangen kann, in dem wir uns nicht bewegen, aber sehr viel lesen, und wer es vermag, sich auf eine dramatische und schöne Story einzulassen, wird mit «Digimon Survive» trotz der Macken eine gute Zeit haben.

Seid ihr jedoch nicht Teil dieser Zielgruppe, solltet ihr dem Titel allerdings fern bleiben. Der Preis von etwa 50 Euro ist zu hoch zum Experimentieren. Die Texte sind alle auf Deutsch, eine gute Vertonung gibt es auch, allerdings nur auf Japanisch.

Überraschend spaßig!

Ich hatte überraschend viel Spaß mit «Digimon Survive». Es ist einfach schön, eine Story mit meinen Entscheidungen in größerem Ausmaß zu beeinflussen, als ich es gewohnt bin. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass ich hier mehr Einfluss auf meine Umwelt hatte als in einem Cyberpunk 2077. Mit einigen der Charaktere habe ich stark sympathisiert, während andere mich genervt haben. So, wie es im Leben eben ist. Dass jemand dabei stirbt, war nur einmal die Intention. Die Geschichte an sich sorgte die meiste Zeit für Spannung, wenn ich gerade nicht dabei war, jedes einzelne Gebiet tausend Male mit der Handykamera abzusuchen. Was ich jedoch unglaublich enttäuschend finde, ist die Präsentation. Wenn ich doch ohnehin hauptsächlich nur lese, sollten doch mindestens die Hintergründe und Kämpfe durchgehend hervorragend in Szene gesetzt sein! Mann! Es gibt nichts, was mich mehr aufregt, als verschenktes Potenzial! Und noch mal drei Ausrufezeichen!!!


«Digimon Survive» wurde bereits 2018 offiziell angekündigt. Vermutlich unter anderem wegen der Pandemie wurde die Visual Novel verschoben und ist vor Kurzem am 28. Juli 2022 für PS4, Xbox One, Nintendo Switch und PC veröffentlicht worden. Die Marke Digimon existiert seit 1997 und entstand ursprünglich als Weiterentwicklung der beliebten Tamagotchi-Spielzeuge. Im Laufe der Jahre folgten mehrere Anime-Serien, Games, Mangas und Spielzeuge.

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