Diese Marke steckt wirklich hinter deiner Designerbrille
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Diese Marke steckt wirklich hinter deiner Designerbrille

Vanessa Kim
Zürich, am 04.03.2021
Es spielt keine Rolle, ob deine Sonnenbrille von Ray-Ban, Prada oder Dolce & Gabbana ist – trotz der hohen Preisdifferenz stammen alle vom selben Hersteller.

Ich bin jedes Mal überfordert, wenn ich beim Optiker meines Vertrauens vor einer Brillenwand stehe. In den Regalen reiht sich eine Sonnenbrille an die nächste. Nicht nur vertikal, sondern auch horizontal. Zum Glück kann ich mich an den bekannten Designerlabels orientieren, die mir eine gewisse Exklusivität und Qualität garantieren. Damit bin ich schon in die Falle von Essilor Luxottica getappt. Von wem, fragst du dich? Vom grössten Brillenhersteller der Welt. Denn nicht überall, wo eine Marke draufsteht, ist besagte Marke drin. Sonnenbrillen von Luxuslabels wie Prada, Dolce & Gabbana und Giorgio Armani sind nämlich nicht das Werk von Miuccia, Donatella und Giorgio selbst, sondern werden von ein und demselben Fabrikanten produziert: besagtem Essilor Luxottica. Aber damit nicht genug: Aus demselben Guss stammen übrigens auch Lifestyle Brands wie Oakley und Ray-Ban, die halb nur so viel kosten.

Die wenigsten Brillenträger wissen, dass sie ein Modell von Essilor Luxottica tragen. Das italienische Unternehmen zählt nebst Safilo und Marcolin zu den Big Playern auf dem Brillenmarkt. Luxottica-Gründer Leonardo del Vecchio ist gemäss Forbes der zweitreichste Italiener – nach Giovanni Ferrero aus dem Nutella-Clan. Doch so rosig wie heute lief es für den Milliardär nicht immer.

Produktionsvorgang in einer Essilor-Luxottica-Manufaktur: Bild Essilor Luxottica
Produktionsvorgang in einer Essilor-Luxottica-Manufaktur: Bild Essilor Luxottica

Vom Waisenkind zum Selfmade-Milliardär

Ein Schicksalsschlag macht den Luxottica-Gründer zu dem, was er heute ist. Leonardo del Vecchio wächst in einem Waisenhaus auf, wo er im Alter von 14 Jahren zum Graveur ausgebildet wird. Knapp zehn Jahr später macht er sich selbstständig und gründet 1961 in der venetischen Gemeinde Agordo die Firma Luxottica. Zusammen mit ungefähr einem Dutzend Mitarbeitern produziert er Teilchen von Brillenbügeln und beliefert damit die Region. Doch Leonardo ist ambitioniert. Er gibt sich nicht als Zulieferer zufrieden und entwirft seine eigene Kollektion, die mässig ankommt. Die Brillenmodelle überzeugen, doch niemand kennt und kauft die Marke Luxottica. Da kommt der Geniestreich.

1988 verhandelt del Vecchio mit dem Modemacher Giorgio Armani und produziert von da an Brillen unter Signor Armanis Namen. Der Erfolg gibt ihm recht. Deals mit weiteren Luxuslabels folgen. Nebst Lizenzen kauft Leonardo auch Optikerketten und Marken auf. Ray-Ban zum Beispiel. Leonardo erwirbt das Lifestyle Label 1999. Obwohl die Brillen des amerikanischen Brands bereits von Persönlichkeiten wie Audrey Hepburn und John F. Kennedy gefeiert wurden, hat er zu diesem Zeitpunkt seine besten Tage weit hinter sich gelassen. Leonardo konnte nicht anders als zuzuschlagen. Da er grosses Potenzial in der heruntergewirtschafteten Marke sieht. Mit neuem Gütesiegel «Made in Italy» und in besserer Qualität legt er die Pilotenbrille ein Jahr später neu auf. Mit Erfolg: Heute zählt Ray-Ban zur meistverkauften Sonnenbrillenmarke. Übrigens auch bei Galaxus, wie mir unsere Einkäufer bestätigen. Spätestens jetzt läuft es rund bei Leonardo. Die Fusion mit dem Brillenglashersteller Essilor im Jahr 2018 ist schliesslich die Kirsche auf der Torte …aber zu welchem Preis?

Erfolgsrezept vs. Problematik

Essilor Luxottica produziert nicht nur Brillengestelle und -gläser, sondern ist auch für den Endverkauf zuständig. Vom Konzern wird jede Produktionsstufe abgedeckt. Indem er Unternehmen aufkauft und sich eine Lizenz nach der anderen sichert, vergrössert der Brillenriese seine monopolistische Marktstellung stetig. Dieses Monopol ermöglicht Essilor Luxottica den Markt zu kontrollieren, Mitbewerber auszuschliessen und die Preise fortlaufend zu erhöhen. Wenn das Unternehmen eine Marke will, dann bekommt es sie auch: Oakley ist ein Paradebeispiel dafür. Anfang 2000 wehrte sich der Brand mit Händen und Füssen gegen seinen Verkauf. (Damals noch) Luxottica nahm Oakley kurzerhand aus dem Sortiment, bis das amerikanische Label nicht anders konnte, als der Übernahme zuzustimmen – zu einem Bruchteil des ursprünglich geforderten Preises.

Zwei verschiedene Lifestyle Labels – ein und dieselbe Manufaktur.
Zwei verschiedene Lifestyle Labels – ein und dieselbe Manufaktur.

Da dem italienischen Konzern auch Optikerketten gehören, kann er Einfluss auf seine Mitbewerber ausüben. Sprich: Was nicht von Essilor Luxottica produziert wird, wird in diesen Läden nicht verkauft. Basta. Unabhängigen oder kleinen Brillengeschäften bleibt nichts anderes übrig, als sich diesem «Regime» zu unterwerfen, wenn es Marken wie Prada & Co. verkaufen will. Mindestbestellmengen sind einzuhalten – auch wenn das Risiko besteht, dass Optiker am Ende der Saison auf den Restbeständen sitzenbleiben. Designerlabels sind im Gegensatz zu No-Name-Brands Selbstläufer und locken Kundschaft in den Shop. Das Ganze könnte restlos aus dem Ruder laufen, wenn der Erhalt einer Luxottica-Brillenfassung zusätzlich an den Kauf von Essilor-Brillengläsern gebunden wird. Nach dem Zusammenschluss könnte dies nur eine Frage der Zeit sein.

Weniger Mainstream

Doch nicht nur die Big Player bereiten den kleinen und unabhängigen Brillenmarken Kopfzerbrechen: «Seit die EU die Fusion zwischen Luxottica und Essilor durchgewunken hat, weht ein rauerer Wind», so Philippe Rieder, Mitbegründer der Schweizer Marke Einstoffen. «Von unseren Partnern in anderen Ländern hören wir immer häufiger, dass die Branchenriesen den Druck verstärken. Gleichzeitig fluten Online-Optiker den Markt.» Dadurch gerät der unabhängige Fachhandel und damit auch die kleinen Marken doppelt unter Druck. «In der Schweiz und in Deutschland, wo der freie Fachhandel und unabhängige Brillenlabels wie Götti, Andy Wolf oder auch Einstoffen traditionell stark sind, ist das Ganze noch vertretbar.» Service und Design werden hierzulande grossgeschrieben. «Zudem sind unsere Brillenmodelle kreativer und fantasievoller als die der Big Player, die sich am Mainstream orientieren müssen.» Brillentrends werden oft von unabhängigen Labels kreiert, die mutiger sind und freier designen können. «Das honorieren vor allem junge und modeaffine Kunden», fügt Philippe hinzu.

Auch die bereits etablierte deutsche Brillenmarke Mykita punktet mit individuellen Designs. Ein weiteres Verkaufsargument: «Wir produzieren handgefertigte Produkte, die auf deutscher Präzision sowie den neuesten Produktionsmethoden und Hightech-Materialien basieren», so der CEO und Creative Director Moritz Krueger im Interview mit dem Online-Magazin The Business of Fashion. Biegsame und nahezu unzerbrechliche Rahmen machen die Modelle zu etwas Einzigartigem und werden vom Hipster bis zum Geschäftsmann gleichermassen geschätzt. Auch mich sprechen die Designs von Mykita und Einstoffen an.\ Da ich dieses Brillen-Monopoly nicht länger unterstützen will, werde ich künftig genauer hinsehen und mich von meinen vermeintlichen Lieblingslabels nicht mehr blenden lassen. Mit der richtigen Sonnenbrille sollte das kein Problem sein.

Drei Sonnenbrillen, die nicht «Made by Essilor Luxottica» sind:

Glücksritter Classic Ebony Silver
89.50
Einstoffen Glücksritter Classic Ebony Silver
Hier findest du weitere unabhängige Sonnenbrillen und eine Liste mit unabhängigen Brillenherstellern.

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Vanessa Kim
Vanessa Kim
Editor, Zürich
Wenn ich mal nicht als Open-Water-Diver unter Wasser bin, dann tauche ich in die Welt der Fashion ein. Auf den Strassen von Paris, Mailand und New York halte ich nach den neuesten Trends Ausschau und zeige dir, wie du sie fernab vom Modezirkus alltagstauglich umsetzt.

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