Die Canon EOS R5 kann 8K, aber ich nicht

Die Canon EOS R5 kann 8K, aber ich nicht

David Lee
Zürich, am 24.09.2020
Canons neue spiegellose Systemkamera kann Videos in 8K-Auflösung aufzeichnen. Braucht das jemand? Nein. Aber könnte ich es wenigstens brauchen, wenn ich es wollte? Auch hier lautet die Antwort: nein.

Ich teste gerade die Canon EOS R5. Ihre auffälligste Besonderheit ist die Möglichkeit, 8K-Videos aufzuzeichnen. Doch schnell stellt sich heraus, dass ich ausgerechnet dieses spannende Feature nicht richtig testen kann.

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Erstes Problem: die Aufnahme

Es fängt schon beim Drücken des Record-Buttons an. Auch die schnellste SD-Karte ist nicht schnell genug, um die gigantischen Datenmengen laufend aufzuzeichnen. Genauer gesagt: Sie kann es nur in der schlechtesten Aufnahmequalität. Diese nennt sich IPB. Die Qualitätsstufen All-I und RAW sind mit SD nicht möglich. Das geht nur mit einer Speicherkarte vom Typ CFexpress.

Ich besorge mir also eine CFexpress-Karte. Genauer gesagt: CFexpress Typ B, denn es gibt auch Typ A, und der hat eine andere Bauform. Die günstigste kostet im Moment 275 Franken / 279 Euro. Dazu ein Lappen fürs Kartenlesegerät.

Die 256 GB der Karte reichen im RAW-Format für 13 Minuten. Bei 20 Minuten wäre allerdings sowieso Schluss, weil die Kamera sonst von der Rechnerei überhitzen würde.

IPB, All-I und RAW

Hier ein paar Details zu den Qualitätsstufen:

Bei RAW werden wie im RAW-Fotoformat die Rohdaten des Sensors ausgelesen und gespeichert. Dies ist die höchste Qualität. Sie existiert nur in 8K, weil das die Originalauflösung des Sensors ist. Die anderen Qualitätsstufen sind auch für 4K und Full HD verfügbar.

Bei All-I werden die einzelnen Bilder des Videos komprimiert. Immerhin wird jedes aufgenommene Bild komplett als Bild gespeichert. Das heisst, jedes Bild ist ein Key-Frame, auch I-Frame genannt.

Bei IPB ist das nicht der Fall. Hier wird nur noch jedes dritte Bild vollständig als Key-Frame gespeichert. Die zwei dazwischenliegenden Bilder (P-Frame und B-Frame) werden aus der Differenz der vollständig gespeicherten Bilder berechnet. Das spart Speicherplatz, macht aber den Videoschnitt weniger flexibel.

Beim P-Frame wird die Differenz aus dem vorherigen Bild berechnet, beim B-Frame aus dem vorherigen und dem nächsten Bild.

keine Informationen über dieses Bild verfügbar

Zweites Problem: der Bildschirm

Hätte ich meine CFexpress-Karte bereits, könnte ich nun 8K in hoher Qualität aufzeichnen. Da folgt bereits das nächste Problem: Ich brauche einen Bildschirm mit 8K-Auflösung.

Mein Bildschirm kann nicht einmal 4K darstellen. Wie komme ich an einen 8K-Bildschirm heran? Die Antwort: gar nicht. Es gibt sie zwar, die 8K-Bildschirme, aber keiner davon erreicht die Auflösung, die mit der Canon R5 möglich ist. Denn 8K ist nicht gleich 8K.

Bei 8K verhält es sich im Prinzip gleich wie bei 4K. Schon die Bezeichnung 4K ist nicht eindeutig. Meist ist eine der folgenden Auflösungen gemeint:

  • 3840×2160 Pixel: Das nennt sich auch UHD und ist schlichtweg die Verdoppelung der Pixellänge und -breite gegenüber Full HD (1920×1080).
  • 4096×2160 Pixel: Dies ist das im Kino bevorzugte Format mit einem Seitenverhältnis von 19:10 statt 16:9. Es wird auch DCI 4K genannt.

Bei 8K haben wir nun wieder zwei verschiedene Auflösungen, nämlich die jeweilige Verdoppelung der Pixelbreite und -länge:

  • 7680x4320 Pixel: Das ist die Weiterführung von UHD und heisst UHD-II, bei der Canon EOS R5 heiss es 8K-U.
  • 8192×4320 Pixel: Das ist die Verdoppelung der Pixellänge und -breite von DCI 4K. Bei Canon heisst das 8K-D.

Die Canon EOS R5 kann in beiden 8K-Auflösungen aufzeichnen. Das RAW-Format steht aber nur mit der höchsten Auflösung von 8192×4320 Pixeln zur Verfügung, weil es die native Auflösung des Sensors ist. Und diese Auflösung können zurzeit weder 8K-Fernseher noch 8K-PC-Monitore darstellen.

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Natürlich gibt es keinen grossen Unterschied zwischen 7680 und 8192 Pixeln. Das Problem ist allerdings, dass die 8192 Pixel auf einem UHD-II-Bildschirm interpoliert werden müssen. Dadurch verliert das Bild an Schärfe.

Drittes Problem: der PC

Doch nehmen wir mal an, es gäbe einen Bildschirm, der 8192×4320 Pixel aufweist. Nehmen wir an, ich hätte den auf meinem Tisch. Nehmen wir weiter an, dass die Distanz zwischen mir und dem Bildschirm passt: Nicht zu weit weg, so dass ich den Unterschied zu 4K noch bemerke, aber auch nicht so nahe, dass ich das Bild nicht mehr sehe.

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Dann bräuchte ich eine neue Grafikkarte. Ich bin zwar kein Gamer, aber so eine GeForce 3090 wär schon okay für mich. Natürlich brauche ich auch einen neuen PC. Meiner ist von 2014. Ausserdem eine neue Videoschnitt-Software. Meine kann höchstens in 4K-Auflösung exportieren.

Und ein bisschen Speicherplatz. Immerhin gibt es jetzt SSDs mit 30 TB. Chef, kann ich das auf die Spesenrechnung setzen? Dann nehm ich drei. Denn eine reicht ja nur für 30 Stunden 8K-RAW.

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Viertes Problem: die Internetverbindung

Ich habe bislang immer das günstigste Internetabo gewählt. Für meine normalen Tätigkeiten reicht das aus – aber das hier ist keine normale Tätigkeit. Immer mal wieder ein halbes Terabyte auf Youtube hochladen, dürfte mein Budget an Zeit und Geduld bei weitem sprengen.

Fünftes Problem: Youtube

Apropos Youtube. Schön, dass ich dort überhaupt 8K hochladen kann. Damit bin ich aber noch nicht am Ziel. In Firefox bleibt mein 8K-Video nach zwei Sekunden stehen, wenn ich es in der höchsten Auflösung ansehen will. In Chrome läuft es zwar, ruckelt aber, und selbst auf meinem Full-HD-Bildschirm wirkt es noch unscharf.

Bei einem Kameratest habe ich ganz andere Ansprüche. Da möchte ich dir den Unterschied zwischen RAW, All-I und IPB zeigen. Doch Youtube würde das Material bestimmt komprimieren. Ich bin nicht einmal sicher, was die Einstellung 4320p genau bedeutet. Lässt Youtube die 8192 Pixel oder wird die Auflösung auf UHD-II reduziert?

Sechstes Problem: dein Bildschirm

Selbst wenn von meiner Seite her alle Voraussetzungen erfüllt wären, bringt es letztlich nichts, solange du keinen 8K-Bildschirm hast.

Etwas kann ich dennoch tun

8K-Aufnahmen können auch nützlich sein, um 4K-Videos zu erstellen. Ein aus 8K heruntergerechnetes 4K-Video müsste theoretisch schärfer sein als ein Video, das direkt in 4K aufgenommen wurde. Für ein solches Downsampling-4K braucht es nicht zwingend einen 8K-Bildschirm. Die Videosoftware muss 8K zwar verarbeiten, nicht aber exportieren können.

Falls mir hierzu ein aussagekräftiger Test gelingt, melde ich mich nochmal zu dem Thema. Ansonsten können wir gern in fünf Jahren wieder über 8K sprechen, wenn die ganze Infrastruktur rundherum nachgezogen ist.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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