Der Weise der Lego-Steine: «Was runterfällt, hebe ich sofort auf.»
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Der Weise der Lego-Steine: «Was runterfällt, hebe ich sofort auf.»

Daniel Ramm
Daniel Ramm
am 23.11.2020
Er hat kein Herz aus Stein, wohl aber ein Herz für Steine: Andreas Reikowski ist ein überzeugter AFOL, ein «Adult Fan of Lego». Selbst nennt sich der 57-Jährige aus dem schwäbischen Stuttgart allerdings lieber «Lego-Künstler» und ist als «Zypper» in der deutschen Lego-Szene bekannt.

Aus handelsüblichen Plastikteilchen setzt er beeindruckende Bauwerke zusammen, die er auf Ausstellungen zeigt – alle seiner eigenen Fantasie entsprungen. Eine Bauanleitung würde der Gründer des Lego-Vereins «Schwabenstein 2 x 4» nie in die Hand nehmen: zu langweilig. Ein Gespräch mit einem über eine Leidenschaft, bei der manchmal kein Stein auf dem anderen bleibt

Sagen Sie, Herr Reikowski, ist Lego nicht eigentlich ein Kinderspielzeug?

Andreas Reikowski: Also… Lego-Steine eignen sich wegen ihrer unendlichen Einsatzmöglichkeiten zwar besonders gut für die Unterstützung kindlicher Fantasie. Da dieser Prozess mit dem Erwachsenwerden aber nicht notwendigerweise abgeschlossen sein muss, gibt es genügend Erwachsene, die weiterhin Freude am Bau und Spiel mit den bunten Steinen aus Dänemark haben – mit aller Vernunft natürlich.

Andreas Reikowski in seinem Atelier (Foto: privat).
Andreas Reikowski in seinem Atelier (Foto: privat).

Was macht Lego so faszinierend für Sie?

Im Gegensatz zum Spruch «Weniger ist Mehr» ist bei Lego das Gegenteil der Fall: Hier ist Mehr wirklich Mehr. In der Umsetzung wird mein Werk nur durch den Steinvorrat begrenzt – in der Vorstellung nicht.

Woher kommt diese Faszination?

Von der bis heute nicht kaputt zu kriegenden Idee der grundsätzlichen Kombinierbarkeit aller Steine – mit denen der eigenen Art und mit allen anderen.

Wie viel Zeit verbringen Sie mit Lego?

Die reine Netto-Bauzeit beansprucht in normalen Zeiten nur ein paar Prozent meiner verfügbaren Wachzeit in der Woche. Den Hauptteil der Beschäftigung mit Lego nehmen ein: die Planung oder besser der Brütvorgang der Ideen, die Konzeption, die Logistik der Bauten, die Beschaffung, Sortierung und Zwischenlagerung des Materials, die Unterbringung von Vollendetem, die Organisation von Ausstellungen mit Anreise und Unterkunft, sowie all die unterschiedlichen Tätigkeiten im Zuge meiner Vereinsarbeit. Nebenbei muss noch eine Erwerbstätigkeit in den Wochenablauf integriert werden – und die Pflege meiner sozialen und familiären Kontakte. Alles in allem: Jede freie Minute dreht sich mehr oder weniger um Lego.

Können Sie sich noch an Ihr erstes Lego-Set erinnern?

Bausatz 605, das schwarze Taxi von 1971. Da war ich acht und begeistert von diesen 14 Teilen.

Was fühlen Sie, wenn Sie einen Lego-Stein sehen? Was geht in Ihnen vor?

Kenn ich den? Hab ich den? Kann ich den für eines meiner Projekte brauchen? Kann er mehr, als er laut TLC, The Lego Company, also dem Lego-Unternehmen, können soll?

Geschätzt: Wie viele Lego-Steine besitzen Sie?

Da antworte ich im Stil des Suppenkaspers: «Ich zähle meine Steine nicht! Nein, meine Steine zähl ich nicht! Ich zähle keine Steine, nein! Die Steine sollen zahllos sein!» Im Ernst: Ich weiß es nicht. Und selbst wenn ich es wüsste: Was wüsste ich damit? Ich habe ein Atelier, in dem die Wände mit Regalen, Schubkästen und transparenten Boxen gefüllt sind. Im Keller lagern etliche Euroboxen mit zusammengebautem Material. Hinzu kommen die Bestände, die ich für unseren Verein bei mir aufbewahre und Interessierten zugänglich mache, damit sie sich mit Nachschub versorgen können. Ständig kommt kistenweise Neues hinzu, ständig fließt kiloweise Material ab. Ich weiß wirklich nicht, wie viele Steine es im Moment sind. Zu viele jedenfalls.

Foto: privat
Foto: privat

Und wie viele Sets besitzen Sie?

Nur die paar Sets, die ich entweder auf Ausstellungen geschenkt bekommen, für Vereinsverdienste erhalten habe oder die mir als irgendeine Prämie zugegangen sind. Ich mache mir nichts aus Sets und kann mich nicht erinnern, dass ich in den letzten Jahren ein Set zum Vollpreis im Laden erstanden habe.

Was bauen Sie am liebsten?

Grundsätzlich alles, was es so noch nicht gegeben hat. Darüber hinaus abstrakte, etwa runde Strukturen und kreisförmige MOCs. «MOC» steht für «My Own Creation«, mein selbstentworfenes Lego-Modell. Es entzückt mich, wenn ich dem eckigen und von Natur aus störrischen Material sanfte, bionische Texturen abgewinnen kann.

Was ist eine besonders reizvolle Herausforderung für Sie?

Einen semitransparenten, offenen Kubus von vier mal vier Metern in Manneshöhe öffentlich während einer Lego-Fan-Ausstellung im Rahmen einer ganztägigen Performance mit Musik und im Kostüm live zu bauen.

Der Künstler baut sich auch selbst in seine Bauwerke ein (Foto: privat)
Der Künstler baut sich auch selbst in seine Bauwerke ein (Foto: privat)

Wann juckt es Ihnen in den Fingern?

Nach einem Tag am Bautisch, wenn ich stundenlang Stein auf Stein gesetzt und festgedrückt habe. Es ist weniger ein Jucken als eher ein Echo der permanenten, tausendfach ausgeübten Belastung der Fingerkuppen. Wenn die Hornhaut nachwächst sozusagen.

Auf welches Bauwerk sind Sie besonders stolz?

Wenn es mir gelingt, insbesondere auf Ausstellungen bei den überwiegend kleinen Besuchern einen Moment der ehrlichen Faszination, des Innehaltens und des Gewahrwerdens des bisher Ungesehenen, des so noch nie Erlebten zu erzeugen: dann bin ich auf jede Lego-Kreation aus meiner Werkstatt stolz. Aber dieser Gefühlszustand ist eher die Ausnahme. Umso kostbarer sind diese Momente.

Welches Ihrer Bauwerke war bislang das größte?

Flächenmäßig mit Abstand: «9x9 auf Neugrau – Zeig dein Gesicht», das aus 100 zum Quadrat aneinander gelegten 48er-Bauplatten besteht. Kommerziell: «der Schießturm und seine Epigonen».

Ein Ausschnitt von 9x9 Neugrau – Zeig dein Gesicht (Foto. privat)
Ein Ausschnitt von 9x9 Neugrau – Zeig dein Gesicht (Foto. privat)

Und welches war Ihr höchstes Bauwerk?

«Der große weiße Murmelturm». Wenn ich die Spitze aufsetzen will, muss ich auf einen Stuhl steigen oder unseren Vereinsvorsitzenden herbeirufen: Der ist 2,10 Meter groß. Eine Kugel braucht genau 27 Sekunden, bis sie den Turm aus voller Höhe durchklickert hat und schließlich die Darth-Vader-Figur auf den Kopf trifft.

Ihr schönstes Bauwerk?

Das muss ich noch bauen.

Hand aufs Herz: In welcher Situation hat Lego Sie schon mal an den Rand des Wahnsinns getrieben?

Wenn sich wieder einmal die mathematische Formel bestätigt: «Steinbedarf ist Steinbestand größer gleich minus eins». Zu deutsch: Einer fehlt immer. Das kommt täglich vor – und dem ist auch mit vierstelligen Vorratszahlen nicht beizukommen.

Foto: privat
Foto: privat

Haben Sie auch schon mal ein wertvolles Lego-Teilchen aufgesaugt?

In meinem Lego-Atelier kommen nur Wischmob, Besen und Handfeger zum Einsatz.

Sind Sie auch schon mal nachts im Dunkeln auf einen Lego-Stein getreten?

Was runterfällt, hebe ich sofort auf. Das hält schlank und beweglich.

Sie haben sich eigens ein Atelier eingerichtet. Wie müssen wir uns dieses Lego-Reich vorstellen?

Mein Atelier ist in einer Zwei-Zimmer-Genossenschaftswohnung untergebracht. Dort stehen ein höhenverstellbarer Bautisch, ein längenverstellbarer Mehrzwecktisch und an den Wänden ist der Materialvorrat untergebracht. Überall liegen – wenn ich sie nicht endlich entweder zerlege oder wegräume - halb angefangene Projekte herum, Ideen, Skizzen, Machbarkeitsstudien. Vorübergehend kommt ein Sortiertisch zum Einsatz, wenn gewaschenes Lego zum Trocknen ausgelegt ist. Ein Hocker und ein Gamer-Sessel stehen noch da, das ist alles. Klingt leer – aber für Großprojekte muss ich nun mal den Boden frei haben, das heißt: ihn ohne viel Aufwand leer räumen können.

Es kam schon vor, dass ein kleiner Besucher, begleitet von seiner Mutter natürlich, für einige Minuten mehr oder weniger erstarrt mit offenem Mund und aufgerissenen Augen im Zimmer stand und – bewegungslos – kein Wort herausbrachte.

Haben Sie ein Ordnungssystem?

(Andreas Reikowski muss laut lachen.)

Ich hatte im März ein neues Regal an die Wand geschraubt, weitere Kleinmagazine bei Aldi besorgt und so meine Lagerkapazität um etliche hundert Schachteln und Schächtelchen etwa verdoppelt. Zwei Tage hatte ich damit verbracht, einigermaßen systematisch den Vorrat einzusortieren. Das hat mich ohne Ende stolz gemacht – bis der erste Abriss kam, die nächste Nachschub-Lieferung – und das gewohnte Chaos recht bald von vorn anfing. Jedes System scheitert bei mir an der schlichten Komplexität der unterzubringenden Materials. Nach Farbe? Nach Form? Nach Häufigkeit? Das sind nur ein paar Kriterien mit nicht wenig Sprengstoff.

Das darf in deiner *LEGO-Werkstatt** nicht fehlen
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Gibt es noch Platz für weitere Bauten?

Im Kopf – immer. Im Zimmer gilt: Jeder Bau bringt automatisch den Platz mit, den er braucht, um Wirklichkeit zu werden. Dann muss eben Anderes weichen.

Apropos: Wie lange bleiben Ihre Bauten denn stehen?

Was lange steht, ist in die Hände des Schutzpatrons aller offen stehenden MOCs überantwortet: dem heiligen St. Aub. Daher bemühe ich mich bald nach Vollendung um Unterbringung in einer leidlich staubsicheren Box. Die ältesten Bauten sind nach meiner Übersiedlung von Berlin nach Stuttgart entstanden und so bis zu sieben Jahre alt. Hin und wieder finde ich eine Skizze, die über zehn Jahre warten muss, um irgendwo in einem MOC den Platz zu finden, der für sie geschaffen ist. Ansonsten bleibt erhalten, wessen ich nicht überdrüssig geworden bin.

Tut der Rückbau weh?

Wenn ich sehr viele Fliesen abzuknibbeln habe: Ja. Da können die Fingernägel schon mal abbrechen und die Kuppen entsprechend wehtun. Ansonsten bin ich schmerzfrei: Wenn was weg muss, dann muss es eben weg. Wenn ich das nicht will, bleibt’s halt stehen.

Besitzen Sie besonders wertvolle Lego-Sets?

Wie gesagt: Ich mache mir nichts aus Sets. Mit einem Set baue ich kostenpflichtig die durch die Marketingmühlen der Lego-Firma verwässerte Idee eines Kollegen nach, nichts anderes. Wozu das, wenn ich genug eigene Ideen haben kann und habe?

Was macht ein Set denn wertvoll?

Seltenheit, Unversehrtheit der Versiegelung, exzellenter Zustand des Kartons, Nachfrage.

Was halten Sie überhaupt von Lego-Sammlerstücken als Anlageobjekte?

Gar nichts. Um das seriös, also mit der Absicht der Gewinnerzielung, zu betreiben, benötigen Sie eine gut und sorgfältig gefüllte Lagerhalle, die unterm Strich über die Jahre mehr Kosten verursacht als dann und wann ein noch so erfolgreicher Verkauf eines Prunkstücks je einbringen könnte. Wegen der intransparenten Set-Politik seitens TLC müssen Sie außerdem jederzeit damit rechnen, dass ein wertvolles Sammler-Set, auf das Sie gesetzt und mit dem sie sich bevorratet haben, durch eine Neuauflage mehr oder weniger entwertet wird.

*Lego**: Seltene Sammler-Sets bei Galaxus
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Worauf hätten Sie noch mal Lust?

Bauen zu können wie ein Kind.

Was fehlt Ihnen noch an Erfahrungen mit Lego?

Nachdem ich schon viel in unseren Nachbarländern Schweiz, Frankreich, Luxemburg und Belgien erfolgreich herumgekommen bin: eine Ausstellung in den USA beschicken und sehen, wie mein kleines Programm beim amerikanischen Publikum ankommen würde.

Gibt es irgendeinen Profi-Tipp zu Lego, den man allen Amateuren mit auf den Weg geben kann?

Professionalität ist ein anderes Wort für Mittelmaß. In diesem Sinne bin ich hoffentlich kein Profi und so gesehen gibt es für mich auch keine Amateure. Es gibt Leute, die mit Lego bauen, und es gibt andere. Den ersteren rufe ich freundlich zu: «Bau mit dem, was du hast, und bau das, was du willst.»

Ergänzen Sie abschließend bitte den Satz: Eine Welt ohne Lego wäre für mich…

...wie Salz ohne Suppe.

Mehr über Andreas Reikowski und seinen Lego-Verein «Schwabenstein 2 x 4» finden Sie hier: www.schwabenstein.com

Und bei YouTube wartet eine Bilderstecke seiner großartigsten Bauwerke: «Zyppers Werke in einer Diashow 1989 bis 2020»:

«Ich kaufe auch mal *30 Kilogramm LEGO-Steine**»
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Daniel Ramm
Daniel Ramm
Autor
Ich bin seit 20 Jahren Journalist und war unter anderem Redakteur eines Wissensmagazins, Textchef eines Nachrichtenmagazins und Chefredakteur eines Jugendmagazins. Für mich können Themen und Texte gar nicht abwechslungsreich und bunt genug sein. Am liebsten jeden Tag etwas Anderes, Neues, Spannendes. Die Menschen um mich herum aber, also jene, die mit mir Tisch, Bett und Badezimmer teilen, die dürften gerne den Rest meines Lebens dieselben bleiben.

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