Der Familienbenutzer: Die Design-Ikone ist zurück
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Der Familienbenutzer: Die Design-Ikone ist zurück

David Lee
Zürich, am 30.04.2019
Der Familienbenutzer ist der Klassiker unter den nutzlosen Produkten. Es handelt sich um ein ... Ding. Für den Herrn, für die Dame, für das Kind. Mehr musst du nicht wissen. Gell?

Der Familienbenutzer ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten, jetzt aber endlich bei uns im Sortiment. Der Design-Klassiker der 60er- und 70er-Jahre besticht durch folgende Key Specs:

  • formschön
  • wetterfest
  • geräuschlos
  • hautfreundlich
  • pflegeleicht
  • völlig zweckfrei
  • gegen Aufpreis auch entnehmbar

Darüber hinaus besitzt der Familienbenutzer viele weitere Vorzüge, die der Hersteller unerwähnt lässt. Zum Beispiel: - 100 % vegan - bleifrei - ohne Aluminiumsalze

Du ahnst es bereits: Der Familienbenutzer besteht aus nichts als Marketing.

Erfunden und vermarktet wurde der Familienbenutzer von einer gewissen gnädigen Frau Direktor Bartels. Deren Gnädigkeit verringerte sich allerdings auf ein Minimum, wenn man ihrer bahnbrechenden Erfindung nicht den gebührenden Respekt zollte.

Preis und Lieferbarkeit

Die Erfinderin des Familienbenutzers wurde von Loriot erfunden und deshalb existieren bislang sowohl der Familienbenutzer als auch seine Erfinderin nur virtuell. Heute, im Zeitalter des 3D-Drucks, lässt sich das glücklicherweise sehr leicht ändern. Genau das haben wir getan. Wir haben den Familienbenutzer ausgedruckt.

Leider sind wir mit unserem 3D-Maschinenpark noch nicht reif für die industrielle Massenproduktion. Um ehrlich zu sein, hatten wir auf der Redaktion nur einen simplen Hobby-3D-Drucker, und auch den nur vorübergehend zu Testzwecken. Und sowieso würde es sich sich streng genommen um eine Fälschung vom Familienbenutzer handeln, was rechtlich heikel ist. Aus diesen Gründen ist das wunderbar zweckfreie und formschöne Produkt leider derzeit nicht lieferbar.

Aber das macht überhaupt nichts, denn wie gesagt geht es nur ums Marketing. Einen realen Inhalt braucht es da nicht. Falls du trotzdem oder gerade deswegen einen Familienbenutzer dein eigen nennen willst, kannst du ihn mit einem beliebigen 3D-Drucker und dieser 3D-Vorlage selbst herstellen. Er kostet dann so gut wie nichts.

Von Frau Direktor Bartels gibt es meines Wissens kein 3D-Modell. Wie schade.

Weitere Produktinnovationen von Loriot

Keiner nahm das spiessige Bürgertum der Nachkriegszeit so gediegen auf die Schippe wie Loriot. Dazu gehörte auch, dass er fragwürdige Produkte und deren Marketing parodierte. So empfiehlt Loriot als Geschenkidee den «automatischen Smokingschleifenbinder Lord mit 0,5-PS-Motor und Fallstromvergaser» und schreibt dazu: «Der hohe Verbrauch an Schmiermaterial macht jedoch die Anschaffung des Apparates unrentabel.» Wie bei ihm üblich, entsteht die Komik erst aus der Verbindung von Text und Bild.

Auch nicht schlecht: Der überaus beeindruckende Familienpanzer SUSI II.

Oder der «Präsident 3000 TS». Nebst seinen hervorragenden Fahreigenschaften bietet das Auto auch Sicherheit: «Insassen-Vollschutz in kritischen Situationen ist das eindrücklichste Merkmal des Präsident 3000 TS. Bei hartem Aufprall mit Geschwindigkeiten über 30 km/h zerlegt sich das Fahrzeug in unschädliche Teilchen von Erbsengrösse. Prellungen und Schnittwunden sind ausgeschlossen.»

Die Beispiele stammen aus diesem Buch.

Und ewig lockt die Pseudo-Innovation

Loriots Komik aus der Nachkriegszeit ist erstaunlich gut gealtert. Sie zeigt, dass absurde Pseudo-Innovationen keineswegs etwas Neues sind. Natürlich gab es diese Produkte nie; aber entsprechende Tendenzen muss es gegeben haben, sonst wäre der Humor damals nicht verstanden worden.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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