Hintergrund

Das Abo wird teurer, trotzdem kündigen oft die Wenigsten – warum eigentlich?

Es passiert andauernd: Abo-Anbieter erhöhen Preise, die Kundschaft ist sauer, ein Shitstörmli tobt. Und am Ende kündigen so wenige Leute, dass es sich für das Unternehmen trotzdem gelohnt hat.

Ich bin selbst kein leuchtendes Vorbild. Wirklich nicht. Viele der Abos, die ich nutze, sind in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden. Zum Beispiel zahle ich für ein Druckerpatronen-Abo von HP aktuell 6,90 Franken im Monat. Das war 34 Prozent günstiger, als ich es abgeschlossen habe. Netflix habe ich auch immer noch, und wusste gar nicht, wie viel teurer das geworden ist, bis ich in Lucas’ Beitrag die grausame Wahrheit gesehen habe.

  • News & Trends

    Alle Jahre wieder – Netflix dreht an der Preisschraube

    von Luca Fontana

Zuletzt hat in der Schweiz die Swisscom angekündigt, ihre Abo-Preise für Privatkunden zu erhöhen – fast durch die Bank. Die Erhöhung liegt bei 1,90 Franken im Monat für Internet und Mobilfunk, bei 90 Rappen für TV und Festnetz. Das ist clever: 1,90 klingt eben nach deutlich weniger als zwei Franken. 90 Rappen sind nicht mal ein Franken.

Grund Nr. 1: Schmerzgrenze nicht erreicht

Und hier wären wir also schon beim ersten Punkt, warum die Leute mit Swisscom-Abos ziemlich sicher keine Luftsprünge machen, aber am Ende die Erhöhung wohl doch schlucken: Die Schmerzgrenze dürfte für die meisten höher liegen, sie zahlen ja ohnehin schon zu viel für ihr Abo, wie Vergleichdienste immer wieder konstatieren. Viele Kundinnen und Kunden setzen jetzt gedanklich den Aufwand eines Wechsels in Relation zur vermeintlich kleinen Preiserhöhung. Dabei machen sie einen Fehler: Denn es werden ihnen nicht nur 1,90 Franken pro Monat zusätzlich aus der Tasche gezogen. Wechselten sie zu einem günstigeren Anbieter, könnten sie sich die Preiserhöhung sparen und sogar noch mehr sparen durch einen Tarif, der sogar deutlich unter dem Swisscom-Tarif vor der Preiserhöhung zum April liegt.

  • Firmenneuigkeiten

    Galaxus senkt Preise für Mobile-Abos

    von Tobias Heller

Unternehmen wissen all das natürlich. Sie haben in der Regel Erfahrungswerte, wie viele Kundinnen und Kunden sie bei einer Preiserhöhung verlieren. Auf der anderen Seite haben sie genau kalkuliert, wie viel mehr Umsatz sie mit den verbleibenden machen. Und weil die Rechnung am Ende für sie fast immer aufgeht, werden die Preise eben erhöht.

Grund Nr. 2: Sieg der Trägheit

Wer ein Abo kündigen will, muss aktiv handeln. Das ist anstrengend: Man muss sich mit dem Kundendienst am Telefon herumschlagen oder in den Tiefen des Menüs im Kundenkonto den richtigen Knopf finden. Und sich mit Alternativen beschäftigen. Bei manchen Diensten reden wir uns auch gerne ein, dass es ja gar keine brauchbare Alternative gibt. Gibt es aber eben doch, zum Beispiel Netflix: Wenn ich dort eher wenig schaue, käme ich ziemlich sicher günstiger weg, mir die Serien oder Filme auf Blu-Ray oder on demand zu kaufen. Immerhin lasse ich bei Netflix grad pro Jahr 275 Franken liegen. Aber die Trägheit wird wohl siegen, ich werde auch die nächste Preiserhöhung aussitzen.

Grund Nr. 3: Angst vor Verlust

Kennst du jemanden, der Spotify gekündigt hat? Anlässe gab es zuletzt immer wieder mal. Nicht zuletzt Preiserhöhungen, aber auch eine Flut an KI-Musik, miese Vergütung der Künstlerinnen und Künstler, fragwürdige Investitionen in Rüstungsgeschäfte des CEO, Werbespots für ICE, die US-Einwanderungspolizei. Die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer aber steigt weiter und liegt aktuell bei weltweit über 700 Millionen. Spotify ist für viele Menschen zur Routine geworden, ein Teil des Lebens gar. Mit viel Liebe werden Playlists gepflegt, solche von Freunden und Freundinnen abonniert, man folgt Lieblingskünstlern, kennt die Benutzeroberfläche.

Jetzt zu einem anderen Anbieter zu wechseln, würde den Verlust von Gewohnheiten und Daten bedeuten. Es gibt zwar Tools, die den Wechsel erleichtern und unterstützen. In Deutschland hat Apple zum Beispiel eine Funktion in Apple Music integriert. Aber, siehe Grund Nr. 2, die Trägheit …

Welche Preiserhöhungen bei Abos hast du schon geduldig ertragen? Wo ist deine Schmerzgrenze? Hast du Tricks, mit denen du Verlustangst und Trägheit besiegst?

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Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln. 


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