«Arlington Road» Filmkritik: Ein Lehrstück für den Thriller

Luca Fontana
Zürich, am 19.05.2020
Der Nachbar. Dein Freund. Oder Terrorist. Im 1999er-Thriller «Arlington Road» tappt nicht nur Hauptdarsteller Jeff Bridges im Dunkeln, sondern auch der Zuschauer.

Eines vorweg: Im Review gibt’s keine Spoiler. Du liest nur das, was aus den bereits veröffentlichten Trailern bekannt ist.


Es gibt sie, diese Filme. Sie laufen ein paar Wochen im Kino und verschwinden ohne grosse Diskussion. Dann vergehen ein paar Monate. Vielleicht Jahre. Themen, für die damals kaum jemand ein Gehör hatte, erhalten unerwartet aktuelle Brisanz. Plötzlich ist der vergessene Film wieder in aller Munde.

«Arlington Road», 1999 kurz im Kino, ist so ein Film.

Von der Macht der Paranoia

Michael Faraday (Jeff Bridges), eigentlich Professor für Geschichte an der George Washington University, ist auch Experte für amerikanischen Terrorismus. Seine Frau, eine ehemalige FBI-Agentin, ist vor drei Jahren bei einem missglückten Einsatz gegen vermeintliche Attentäter ums Leben gekommen. Seit dem ist die Terror-Forschung Faradays Obsession. Seinem jungen Sohn ist er trotzdem – zusammen mit Faradays neuen Lebensgefährtin – ein fürsorglicher Vater.

Als eines Tages die Familie Lang ins Nachbarhaus an der Arlington Road einzieht, ist Faraday erleichtert. Sein Sohn kriegt nicht nur einen gleichaltrigen Spielgefährten, sondern Faraday endlich einen guten Freund, mit dem er über den traumatischen Tod seiner Frau reden kann: Oliver Lang (Tim Robbins).

Alles scheint gut. Dann aber fallen Faraday immer mehr Ungereimtheiten im Leben Langs auf. Je tiefer der Terror-Experte in die Vergangenheit des neuen Nachbars wühlt, desto mehr scheinen sich seine schlimmsten Befürchtungen zu bewahrheiten:

Ist Lang in Wahrheit ein bombenlegender Terrorist?

Unerwartet komplex und tiefgründig

Warum ich eine Filmkritik über den 1999er «Arlington Road» schreibe? Dank euch. Denn im «Krassesten Film-Enden aller Zeiten»-Trailer-Tuesday habe ich «Arlington Road» nicht aufgeführt. Ich kannte den Film nicht. Das ist vielen von euch aufgefallen. Auch Leser blackhat:

“ Die krassesten Film-Enden ohne ARLINGTON ROAD???? Really? ^^ ”
blackhat, 6. Mai 2020

Mit blackhat habe ich einen Deal gemacht: Ich gucke mir den Film an, schreibe ein Review, dann diskutieren wir weiter. Ihr dürft zur Diskussion gerne dazukommen. Ich bitte sogar darum. Denn ja, «Arlington Road» hat’s in sich, und das Thema ist nicht ganz einfach:

Terrorismus.

Zwar auch 1999 kein unbekanntes Terrain für Amerika. Aber erst mit den fürchterlichen Anschlägen des 11. Septembers hat es dem Land – der ganzen westlichen Welt – gedämmert, was Terrorismus bedeutet. Was die Angst bedeutet, die folgt, wenn die vermeintliche Sicherheit um das eigene Leben im normalen Alltag entrissen wird.

Es ist ein garstiges Gefühl.

Oben: Eigentlich eine Szene aus dem Film. Aber die Bilder sind ziemlich sicher echt.
Oben: Eigentlich eine Szene aus dem Film. Aber die Bilder sind ziemlich sicher echt.
Universal Pictures

Im Film postuliert der von Jeff Bridges gespielte Faraday, dass der Mensch dazu neigt, auf der Suche nach Tätern unbewusst voreilig Schlüsse zu ziehen oder zu handeln, um rasch einen Sündenbock zu finden. Denn: Stell dir vor, du erlebtest tatsächlich eine solch grausige Ausnahmesituation. Was würdest du fühlen, wenn du am nächsten Tag im Fernseher Bilder des gefassten Täters sähest – ob tot oder lebendig?

Erleichterung, so Faraday zu seiner Schulklasse.

Das sei natürlich. Nur so könnte das so dringend benötigte und existenzielle Gefühl der Sicher- und Geborgenheit langsam zurückkehren. Schliesslich wäre der Übeltäter beseitigt, die Gefahr vorüber. Gottseidank.

Aber genau da hakt Faraday nach: Wie sicher können wir sein, dass die Behörden in solchen Fällen angemessen sorgfältig ermitteln? Dass sie nicht bloss im Interesse des Bedürfnisses der Bevölkerung, eine rasche Erklärung zu finden, sondern im Interesse der tatsächlichen Sicherheit gehandelt hätten? Letzteres wäre langwieriger, ergo unpopulär, schon klar. Aber langfristig gesehen wohl die nachhaltigere Variante. Faraday stellt die Frage: Können wir der ermittelnden Behörde je wirklich trauen?

Siehst du sie, die Paranoia?

Von Paranoia und Wahn

Faraday ist besessen von ihr. Denn aus Misstrauen wird bei ihm Verfolgungswahn. Wissentlich und unwissentlich zugleich. Einerseits ist er es, der auf einem Klassenausflug seine Studenten warnt, weil die von Angst getriebenen und darum überhastet durchgeführten Ermittlungen in Bezug auf einen Rechtsextremisten zu falschen Schlüssen geführt hätten.

Andererseits ist seine wichtigste akademische Überzeugung, dass terroristische Ereignisse nie das Werk isolierter Einzelgänger sind. Damit steht er im ständigen Widerspruch zu vielen bereits abgeschlossenen Ermittlungen.

Etwa beim Selbstmordattentat auf ein öffentliches Gebäude in St. Louis*, bei dem auch dutzende Kinder ums Leben gekommen sind. Die Faktenlage scheint klar: Sie deutet auf die Arbeit eines Einzelnen, der bei der Explosion gestorben ist. Faraday aber zweifelt an der offiziellen Theorie. Denn grabte man nur ein bisschen tiefer, käme der Einzeltäter als einzelner Täter gar nicht in Frage: Da draussen, da sind noch andere.

«Aber wir wollen keinen anderen», sagt er zu seinen Schülern. «Wir wollen einen Mann. Einen Namen. Und wir wollen ihn schnell. Das gibt uns unsere Sicherheit zurück.»

Cheryl (Joan Cusack) und Oliver Lang (Tim Robbins)
Cheryl (Joan Cusack) und Oliver Lang (Tim Robbins)
Universal Pictures

Inmitten all dieser Gedanken, die beschäftigen und nicht mehr aus dem Kopf gehen, taucht der neue, ominöse und von Tim Robbins gespielte Nachbar auf: Oliver Lang. Ist er tatsächlich so harmlos, wie er sich gibt? Der geschulte Blick Faradays in Langs Vergangenheit wirft Fragen auf. Lässt an seine Integrität zweifeln. Der heckt doch was aus, der Lang.

Paranoia kann so gefährlich sein.

Es fällt immer schwerer, klar zu sehen. Zu denken. Zu durchschauen. Der Wahn Faradays, der vielleicht auch keiner ist, trübt das Urteilsvermögen. Aus vermeintlichen Tatsachen schliesst nicht nur Faraday die falschen Schlüsse, sondern auch der Zuschauer. Manchmal. Manchmal auch nicht. So richtig sicher ist man sich beim Gucken von «Arlington Road» nie.

Und das ist wunderbar erfrischend.

Hey Hollywood! So werden Thriller gemacht

Es ist ein auf positive Art und Weise perfides Spiel, das Regisseur Mark Pellington und Drehbuchautor Ehren Kruger da mit den Zuschauern treiben. Sie präsentieren ständig Fakten, die unterschiedlich interpretierbar sind. Damit können sich die Zuschauer nie richtig sicher sein, ob sie sich an die richtige Wahrheit klammern.

Die beiden Hauptdarsteller tragen massgeblich dazu bei: Jeff Bridges und Tim Robbins. Sie schultern die gesamte Handlung. Ohne Ausnahme. Denn Actionszenen gibt es kaum. Genauso wenig aufwendige Sets oder überbordende Spezialeffekte. «Arlington Road» ist ein Film, dessen Geschichte alleine ausreicht, um einen unheimlich faszinierenden Sog auszuüben, der von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt. Ein Thriller durch und durch. Schade, gibt es das nicht öfters.

Zwei Schauspieler auf dem Zenit ihres Schaffens.
Zwei Schauspieler auf dem Zenit ihres Schaffens.
Universal Pictures

Erst zum Schluss verlangt die Handlung den Zuschauern eine grosse Portion «Suspension of Disbelief» ab, also der willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit. Wem das gelingt, steht ein Ende mit Knall bevor, das aufwühlender nicht sein könnte. Und da gebe ich Leser blackhat Recht: Jep, der Film hätte auf meine Top-5-Liste der krassesten Film-Enden gehört.


*Übrigens: Der St.-Louis-Anschlag im Film selbst ist fiktiv, basiert aber auf den 1995 tatsächlich stattgefundenen Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City.

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Luca Fontana
Luca Fontana
Editor, Zürich
Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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