Apple Clock: Wo Apple versteckt arbeitet
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Apple Clock: Wo Apple versteckt arbeitet

Dominik Bärlocher
Zürich, am 04.09.2020
Bilder: Thomas Kunz
Apple-Produkte sind dafür bekannt, dass sie nicht nur funktionieren, sondern sogar extrem gut funktionieren. Da ist eine grosse Ausnahme, an der Apple im Versteckten arbeitet: Die Apple Clock.

Stell dir folgende Szene vor. Es ist morgen. Du liegst im Bett. Eigentlich willst du nicht aufstehen, aber eigentlich müsstest du. Du liegst mit deiner Arbeit diese Woche ziemlich gut im Rennen. Daher liegt noch ein Stündli drin. Doch der Wecker auf deinem iPhone gibt gerade seine tägliche Kakophonie von sich. Auf dem Bildschirm siehst du Folgendes:

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Da «Snooze» nur zehn Minuten oder sowas dauert und keine Stunde, ist es der «Stop»-Knopf, den ich drücke.

So weit, so gut. Ab jetzt geht eine Katastrophe in Form einer User Experience (UX) los, die eigentlich gar nicht sein dürfte. Und, wach betrachtet, ist sie exemplarisch dafür, dass Apple die App «Clock» nicht wirklich allzu gut im Griff hat.

Daher machen wir mal etwas Meckern auf hohem Niveau noch vor der ersten Tasse Kaffee und sehen uns eine App an, an der Apple aktiv arbeitet und die unter dem Radar fliegt.

Der verkehrte Timer

Ich drücke also «Stop», denn ich will eine Stunde schlafen. Und viermal den Schlummer-Timer wegdrücken kommt nicht in Frage. Mein morgendliches, gezieltes Verschlafen ist ein Commitment, kein Diebstahl einzelner Minuten. Damit ich doch eine Stunde später erwache, muss der Timer her. Gleitzeit bedingt kommt ein zweiter Wecker nicht in Frage, da ich mal früher, mal später aufstehe.

Den Timer setze ich schon länger nicht mehr manuell, denn da hat Apple mit Siri ins Schwarze getroffen.

«Hey Siri, set a timer for an hour», murmle ich in die generelle Richtung meines iPhones.

Der Timer läuft, ich schlafe weiter. Sechzig Minuten später scheppert der Klingelton «Radar» los. Das User Interface:

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An und für sich ist es absolut sinnvoll, das so zu halten. Denn die Chance, dass du den Timer auf «Snooze» setzen willst, ist klein. Ich wüsste, noch immer vor der ersten Tasse Kaffee am Morgen, nicht, wie das überhaupt funktionieren sollte.

Der Timer...
Der Timer...
... und der Alarm
... und der Alarm

Das Problem ist der Mensch, der in dem Moment auf den Knopf drücken soll, denn ich weiss irgendwo in meinem knapp wachen Hinterkopf, dass in einer Stunde noch einmal «Radar» hören werde. Denn am selben Ort wo ich vor einer Stunde «Stop» gedrückt habe, drücke ich jetzt «Repeat». So sinnvoll das auf einer technologischen und logischen Ebene auch sein mag, hier hat es Apple mit einem Menschen zu tun, der gerade aufgewacht ist und «Radar» eigentlich unerträglich findet.

Eine Stunde später, in der Regel lese ich dann gerade die News des Tages und trinke eine Tasse Kaffee – schwarz, kein Zucker, the way it's meant to be – und denke an etwas ganz anderes.

«Radar» scheppert los.

Schlimm ist das, wenn ich noch im Stau stehe und gerade nicht am Phone herumdrücken kann. Der Dodge hat kein CarPlay da Mopar nach wie vor auf UConnect setzt und wenn ich auf dem Motorrad unterwegs bin, dann muss ich über «Hey Siri, stop the alarm» oder dergleichen darauf hoffen, dass sie checkt, dass «Radar» seine Schnauze halten darf.

Bitte, Apple, mach doch etwas, damit ich am selben Ort drücken muss, damit ich den Wecker ausschalte und den Timer deaktiviere.

Wo Apple arbeitet

Damit nicht genug. Unter Apples iOS 14 hat der Konzern in Cupertino an seiner internen Uhr-App gewerkelt. Verbessert ist wenig, verschlimmbessert viel. Das Timer-Wecker-Problem besteht schon seit mindestens iOS 13. Sogar früher, wenn ich mich recht erinnere. Mein Hirn vor der ersten Tasse Kaffee ist so eine Sache.

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Die App ist eine Usability-Katastrophe, auch tagsüber. Denn es bedarf zu viele Klicks, um den Wecker zu stellen. Stehe ich heute um 5 Uhr auf – kommt vor – und morgen um 8 Uhr, dann brauche ich folgende Klicksequenz.

  • Clock App
  • Alarm (sofern nicht schon aktiv)
  • Oben links, dort wo sonst der Titel der App steht auf «Edit»
  • Dann auf den Alarm, den ich editieren will

Hier ist Apple derzeit an der Arbeit. Zwischen iOS 13 und iOS 14 Developer Beta 7 hat Apple viel verändert. Die Art, wie die Zahlen beim Wecker eingegeben werden hat sich seither etwa dreimal verändert. Zuerst war da die klassische Version mit den Drehrädern zur Einstellung der Stunde und der Minuten. Dann war da so ein Ding, wo du die Stunde eingeben musstest, dann die Minuten nach einem Antippen.

Aktuell haben wir die bestmögliche Lösung. Du kannst entweder per Drehrad den Alarm einstellen oder den Alarm mit der Zahlensequenz fünf, null, null auf 05:00 Uhr stellen.

Ist das weltbewegend? Nein, keineswegs. Es zeigt, wo Apple arbeitet, Tim Cook und Co. nicht gross darüber reden. Sie reden von Kameras, mit denen Filme geschossen werden, von abgerundeten Pixeln und Sicherheitsmassnahmen. Niemand erwähnt die App, mit der ich und viele andere jeden ihrer Tage beginnen.

So. Fertig. Ich mach jetzt Kaffee. «Radar» sollte demnächst auch losscheppern, glaub ich.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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