Altes vs. neues Kassettendeck: Was ist besser?

Altes vs. neues Kassettendeck: Was ist besser?

David Lee
Zürich, am 28.12.2021

Die Blütezeit der Kassette ist seit mindestens 30 Jahren vorbei. Trotzdem kannst du immer noch fabrikneue Kassettendecks kaufen. Ich habe mich gefragt, ob du nicht mit einer alten Occasion besser bedient bist und habe beides ausprobiert.

Dass heute überhaupt noch Kassettendecks produziert werden, ist an sich schon eine freudige Überraschung. Das Medium Kassette ist schon lange so gut wie tot. Es gibt aber natürlich immer ein paar Vereinzelte, die Freude daran haben, sei es um alte Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, oder um der Allgegenwart der digitalen Welt zu entfliehen.

Die Auswahl der Geräte ist allerdings minimal. Es gibt zwei Decks: das Teac W-1200 und das Tascam 202MkVII. Und die beiden sind fast identisch. Denn Tascam ist die Pro-Marke von Teac.

Im Tech-Bereich ist neuer fast immer besser. Hier bezweifle ich das allerdings. Eine Weiterentwicklung der Kassettentechnologie lohnt sich seit über 20 Jahren nicht mehr. Und heute ist keine Massenproduktion der Komponenten mehr möglich. Da dürfte es für den Hersteller schwierig sein, ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis hinzukriegen.

Ich kaufe ein Kassettengerät von 1995

Daher könnte ein gebrauchtes, noch gut erhaltenes Kassettendeck aus den 90er- oder Nullerjahren eine Alternative sein. Ein Blick auf ricardo.ch und ähnliche Plattformen zeigt: Der Gebrauchtmarkt bei Kassettendecks ist sehr vielfältig. Unter den noch funktionstüchtigen Geräten habe ich von 10 bis 3000 Franken alles gesehen. Extrem teuer sind bestimmte gesuchte Modelle oder auch ganze Marken, zum Beispiel das legendäre Nakamichi Dragon. Generell teuer sind auch richtige Oldtimer, die aufwendig revidiert worden sind.

Es finden sich aber auch Geräte mit solider Qualität für unter 100 Franken. Ich habe das Pioneer-Deck CT-W604RS mit Jahrgang 1995 für 50 Franken gekauft. Da ich in der Sache unerfahren bin, mache ich mit einem günstigen Kauf meine ersten Schritte. Trotz des niedrigen Preises hat dieses Gerät Dolby S. Das haben nicht viele, und das war mir wichtig. Dazu komme ich noch.

Das Pioneer-Deck ist auch optisch noch recht gut erhalten.
Das Pioneer-Deck ist auch optisch noch recht gut erhalten.

Vergleich der Features

Die beiden Geräte weisen unterschiedliche Funktionen auf. Das Teac W-1200 kann mit beiden Decks aufnehmen, das Pioneer-Modell nur mit einem. Zudem hat das neue Modell einen Mikrofon-Eingang. Es gibt von Pioneer aber ein fast identisches Modell namens Pioneer CT-W704RS, bei dem genau diese beiden Features ebenfalls vorhanden sind. Ein solches habe ich ebenfalls zu ersteigern versucht, wollte aber nicht mehr als 100 Franken bieten.

Das Teac W-1200 hat eine Pitch Control. Das heisst, die Bandlaufgeschwindigkeit kann feinjustiert werden. Damit verändert sich auch die Tonhöhe; das ist praktisch, um ein Stück der aktuellen Stimmlage eines Instruments oder des Gesangs anzupassen.

Und als modernes Gerät verfügt das Teac W-1200 über einen USB-Anschluss. Der Sound wird digital ausgegeben und kann am Computer ohne Audio-Interface und in guter Qualität aufgenommen werden.

Dem neuen Modell fehlen aber Funktionen, die in den 90er-Jahren Standard waren und die das Pioneer-Deck bietet. Dazu gehört Auto Reverse. Damit ist es nicht nötig, die Kassette nach einer abgespielten Seite umzudrehen. Für die B-Seite wird der Tonkopf einfach um 180 Grad gedreht.

Weiter hat das Teac-Gerät keinen automatischen Suchlauf, mit dem bis zum nächsten Stück vorwärts gespult respektive bis zum Anfang des laufenden Stücks zurückgespult werden kann.

Pitch-Control, dafür kein Musiksuchlauf und Abspielen nur in eine Richtung: Das Teac W-1200.
Pitch-Control, dafür kein Musiksuchlauf und Abspielen nur in eine Richtung: Das Teac W-1200.

Vor allem aber hat das Gerät keine Dolby-Rauschunterdrückung. Es gibt zwar eine Rauschunterdrückung, aber diese ist nicht sehr wirkungsvoll und kann nur zum Abspielen verwendet werden, nicht zum Aufnehmen. Es handelt sich um einen notdürftigen Ersatz.

Dolby im Vergleich

Kassetten rauschen. Du hörst es oft nur in den leiseren Passagen oder in den Pausen zwischen den Stücken – aber es ist da. Die Dolby-Rauschunterdrückung kann das Rauschen stark reduzieren, teilweise sogar unhörbar machen.

Mein Vergleich spielt dir das Rauschen einer Kassette bei Stille ab. Zuerst ohne Rauschunterdrückung, dann der Reihe nach mit Dolby B, C und S. Anschliessend dasselbe nochmals mit dem Anfang eines Musikstücks. Verwendet habe ich dazu eine Kassette, die besonders stark rauscht. Nämlich diese hier.

Ich empfehle dir, das Video mit einem Kopfhörer zu hören. Aber nicht mit Noise Cancelling, weil das ebenfalls rauscht.

Bereits Dolby C unterdrückt das Rauschen sehr effizient. Ein ganz leises Rauschen ist selbst in der Originalaufnahme zu hören und definitiv kein Problem.

Warum bietet das alte Pioneer-Deck gleich drei verschiedene Dolby-Verfahren an? Ganz einfach: Dolby muss immer mit dem gleichen Verfahren abgespielt werden, mit dem es aufgenommen wurde. Sonst klingt es verfälscht. Dolby B ist am weitesten verbreitet, Dolby C immerhin weiter als Dolby S. Darum braucht es alle drei.

Und warum hat das Teac gar kein Dolby? Laut diesem Video liegt es daran, dass Dolby die Technologie nicht mehr für neue Kassettengeräte lizenziert. Warum auch immer. Das Pseudo-Dolby beim Teac-Deck ist ein Ersatz für Dolby B.

Nicht alle lieben Dolby

Dolby S und insbesondere Dolby C können unter bestimmten Umständen dazu führen, dass sich der Sound verändert. Zum Beispiel kann sich die Lautstärke plötzlich kurz verändern, ein sogenanntes Pumpen. Das stört dann wesentlich mehr als das Rauschen. Mögliche Ursachen könnten sein: Eine zu hohe Aufnahmelautstärke oder minimale Abweichungen zwischen Aufnahme und Wiedergabe. Wird die Kassette auf einem anderen Gerät abgespielt, als sie aufgenommen wurde, entstehen diese Probleme besonders häufig.

Darum nutzen zahlreiche Liebhaber von Musikkassetten Dolby gar nicht, obwohl sie es könnten. Wer heute noch Kassetten verwendet, mag wohl den Charme dieses Analog-Mediums, und da gehört etwas Rauschen dazu.

Bessere Kassetten lösen das Problem nicht

Gewisse Kassetten rauschen deutlich weniger als das oben zum Test verwendete Exemplar. Darum vergleiche ich auch das Rauschen verschiedener Kassetten miteinander. Ich will wissen, ob ich mit einer besonders rauscharmen Kassette das Fehlen von Dolby im Teac W-1200 kompensieren kann.

Doch die Antwort ist schnell klar: Nein.

Zunächst einmal: Alle Kassetten rauschen ohne Rauschunterdrückung so stark, dass du es in den leisen Musik-Passagen deutlich hörst. Du kannst also das Rauschen beim Teac mit guten Kassetten nur vermindern, nicht zum Verschwinden bringen.

Der Vergleich zeigt dir

  1. die billige Soundmaster MC90 aus unserem Shop, die im 5er-Pack daherkommt;
  2. die teurere Fox C60 von RTM, die ich bei thomann.de bestellt habe;
  3. eine Sony Metal-XR vom Typ IV.

Wirklich rauscharme Kassetten vom Typ IV (Metal) werden schon lange gar nicht mehr hergestellt. Ich habe meine auf tutti.ch gekauft und vermute, dass sie etwa 30 Jahre alt ist. Beim Typ II sieht es nicht viel besser aus. Oft werden völlig überrissene Preise für die alten Kassetten verlangt.

Ohnehin kann das Teac-Deck Metal-Kassetten nur abspielen, nicht aber korrekt aufnehmen. Aufnehmen ist zwar möglich, doch die Aufnahme muss auf den Bandtyp angepasst sein. Das Pioneer-Deck kann sich selbst sogar auf ein ganz bestimmtes Band einmessen, sodass die Aufnahme optimal darauf abgestimmt ist. Auch das kann das Teac-Deck nicht.

Der grösste Vorteil der Typ-IV-Kassette war in meinem Test ausgerechnet das Zusammenspiel mit Dolby. Bei den Typ-I-Kassetten verringert sich die Lautstärke bei Dolby C und besonders bei Dolby S deutlich. Bei der Metal-Kassette nicht. Die Lautstärke bleibt erhalten. Auch gab es keine Soundveränderungen bei Dolby C und Dolby S. Tatsächlich ist die Aufnahme auf Typ IV und Dolby S nahezu perfekt, kaum vom Original zu unterscheiden.

Die Metal-Kassette hinterlässt etwas Schmutz an Tonkopf und anderen Teilen des Bandlaufwerks. Das liegt wohl daran, dass sie schon viele Jahre alt ist. Schlimm ist es aber bislang nicht.

Die Tücken eines alten Geräts

Das Pioneer CT-W604RS wurde mir als funktionstüchtig verkauft, und das stimmte auch. Doch schon nach kurzer Zeit machten sich Mängel bemerkbar:

  • Das Band wird nicht immer gespult. Ein kurzer Blick ins Innere zeigt: Die Antriebsriemen aus Gummi sind ausgeleiert. Dies ist bei Geräten, die mehrere Jahrzehnte alt sind, fast immer so. Für etwa 20 Hämmer habe ich bei thakker.eu Ersatzriemen bestellt.
  • Wird das Deck 1 rückwärts gespielt (Auto Reverse), klingt es extrem dumpf. Beim Wechsel der Abspielrichtung müsste der Tonkopf um 180 Grad gedreht werden. Hier bleibt er bei schätzungsweise 150 Grad stecken und liegt dann schräg zum Band. Irgendetwas klemmt. Um das zu beheben, müsste ich das Gerät vermutlich komplett zerlegen.
  • Die Tonköpfe sind möglicherweise nicht ganz korrekt ausgerichtet. Es klingt okay, aber die Auffälligkeiten mit Dolby C und Dolby S könnten etwas damit zu tun haben. Das exakte Ausrichten ohne Spezialtools ist knifflig.

Fazit

Rein theoretisch ist ein gutes Deck aus den 1990er-Jahren dem neuen von Teac überlegen. Dolby, insbesondere Dolby S, bringt schon sehr viel, was die Rauschunterdrückung betrifft. Rauscharme Kassetten sind derzeit auch schwierig zu bekommen. Zudem hat das Teac W-1200 kein Auto Reverse und keine automatische Stücksuche, was bei Geräten der 1990er-Jahre Standard war.

Praktisch dürfte das Teac W-1200 allerdings vielfach im Vorteil liegen. Hier kaufst du ein neues Gerät ohne Abnutzungserscheinungen und mit Garantie. Bei alten Occasionen ist die tatsächliche Performance ungewiss. Wenn du wie ich auf gut Glück ein günstiges Teil kaufst, wirst du höchstwahrscheinlich einiges daran optimieren müssen. Hast du keine Lust, selbst zu revidieren und reparieren, empfehle ich das Teac W-1200. Oder, falls es zu einem ähnlichen Preis möglich ist, ein gut revidiertes Vintage-Gerät mit Garantie.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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