Ab wann dürfen Kinder ein Handy haben, Frau Schulz?
Ratgeber

Ab wann dürfen Kinder ein Handy haben, Frau Schulz?

Anne Fischer
28.3.2024

Smartphones gehören zum Alltag – auch zum Alltag unserer Kinder. Aber wann solltest du deinem Kind ein Handy geben? Ich habe bei einer Medienexpertin nachgefragt.

Dass meine Kinder in einer stark digitalen Welt aufwachsen, ist mir durchaus bewusst. Ich merke sogar, dass ihnen die Nutzung meines Handys oft leichter fällt als mir selbst. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass sie irgendwann ein eigenes Gerät besitzen. Denn immer, wenn ich größere Kids am Smartphone sehe, fühlt es sich für mich komisch an. Ich weiß aber auch, dass ich nicht drum herumkomme.

Bisher hatte ich mir geschworen, dass beide kein Handy bekommen, ehe sie 14 Jahre sind. Nach dem Gespräch mit Medienexpertin Iren Schulz weiß ich aber: Ganz so streng muss ich für einen korrekten Umgang gar nicht sein. Und sollte es auch nicht.

Iren Schulz (47) ist studierte Medienpädagogin und arbeitet als Mediencoach für die Initiative «Schau Hin!» des Bundesfamilienministeriums: Dort werden Eltern zu allen Themen der Medienerziehung beraten, können Fragen stellen und an digitalen Elternabenden teilnehmen. Die Mutter einer 13 Jahre alten Tochter lebt in Erfurt.

Frau Schulz, gibt es eine allgemeingültige Antwort auf die Frage: Ab wann darf mein Kind ein Handy haben?
Leider nein. Die Verunsicherung ist groß und viele Eltern wünschen sich diese eine Lösung. Aber so einfach ist es aus verschiedenen Gründen nicht.

Einerseits entwickeln sich Kinder sehr unterschiedlich. Deswegen haben sie ein unterschiedliches Verständnis von digitalen Medien sowie Funktion und Zweck eines Smartphones. Pädagogisch betrachtet sagt man deswegen, dass Kinder unter elf Jahren voll ausgestattete Smartphones gar nicht richtig einschätzen, verstehen und damit gut und sicher umgehen können.

Andererseits zeigt uns die Realität ein ganz anderes Bild, denn mit Schuleintritt wird das Smartphone ein hochrelevantes Thema. Der Kompromiss ist: Wenn schon ein eigenes Gerät, dann erst einmal stark eingeschränkt. Das bedeutet keine Internet-Flatrate, keine Möglichkeit, irgendetwas einzukaufen, keine Anmeldung bei Social Media. Sondern am besten erstmal nur SMS und Telefon. Und dann können schrittweise und von den Eltern begleitet neue Funktionen hinzukommen.

Würden Sie es denn empfehlen, dem Nachwuchs schon im Grundschulalter, also mit sechs, sieben Jahren, so ein Telefon zu geben?
Viele Familien machen das tatsächlich so. Ich finde es wichtig, sehr eingeschränkt zu starten und schrittweise zu erweitern. Wir reden über inhaltliche Überforderung, über Geld ausgeben und auch über Interaktionsrisiken. Also: Wer kann mein Kind über das Smartphone ansprechen und mit welchen Absichten? Ein Kind braucht eigentlich nicht mal Whatsapp, das ist laut DSGVO zurecht erst ab 18 Jahren erlaubt. Denn da stecken eine ganze Menge Ecken und Kanten drin.

Iren Schulz berät als Medienpädagogin Eltern zu diversen Fragen.
Iren Schulz berät als Medienpädagogin Eltern zu diversen Fragen.
Quelle: Foto: Schau hin!//Tanja Marotzke

Meistens statten Eltern ihre Kinder schon früh mit einem Smartphone aus, weil sie sich Sorgen machen – etwa, wenn das Kind den Schulweg alleine geht. Aber dazu braucht es nicht Whatsapp oder TikTok, sondern ein Telefon mit SMS und vielleicht noch die App für den öffentlichen Nahverkehr. Wenn das gut klappt, können schrittweise weitere Funktionen dazukommen. Eine Seite, die für die kindersichere Einstellung von Computern und mobilen Geräten sehr hilfreich ist: www.medien-kindersicher.de. Dort können Eltern Bilderstrecken folgen, um die Geräte bedürfnisgerecht für ihre Kinder zu konfigurieren.

Würden Sie denn sagen, ab elf Jahren ist ein Kind bereit, ein richtiges Handy mit allen Einstellungen zu haben? Oder sollte man auch dann als Eltern noch begleiten?
Die elf Jahre beziehen sich nur auf die kognitive Entwicklung des Kindes. Erst ungefähr dann kann das Gehirn verstehen, wie beispielsweise Bluetooth und die Vernetzung in Social Media funktionieren oder was Influencer-Marketing ist. Oder In-App-Käufe: Das Konzept vieler Handy-Spiele sieht vor, dass man Geld ausgeben muss, um Fortschritte machen zu können. Das sind für Kinder oft noch zu komplexe Themen.

Auch Elfjährige benötigen dann aber noch eine erzieherische Begleitung, wenn sie ein Handy in die Hand bekommen. Trotz technischer Einschränkungen des Geräts, wie etwa mithilfe des Tools Google Family Link, sind aufklärende Gespräche nötig. Eltern sollten das Gerät und seine Funktionen mit dem Kind zusammen anschauen und einrichten. Auch das Besprechen von No-Gos gehört dazu.

Mit den Family-Link-Tools von Google können Eltern die Gerätenutzungsdauer einschränken, Inhaltsfilter festlegen und in Aktivitätsberichten die App-Nutzung sehen. Um von überall auf die Geräte zugreifen zu können, müssen alle Beteiligten ein Google-Konto haben.

Manche Eltern wollen partout nicht, dass ihr Kind vor einem gewissen Alter ein Smartphone hat. Gleichzeitig haben sie Angst, dass das Kind bei Freunden dann den Anschluss verliert.
Eltern haben meistens gute Gründe, sich gegen ein eigenes Gerät für ihr Kind zu entscheiden. Dann bestärken wir von «Schau Hin!» Eltern darin, bei ihrer Argumentation zu bleiben und es den Kindern auch zu erklären. Erziehung bedeutet immer auch, dem Kind Grenzen aufzuzeigen. Und die Sorge, dass die Kinder ihre Freunde verlieren, nur weil sie kein Handy haben, ist unbegründet. Kinder, die in soziale Netze gut eingebunden sind und Freundschaften haben, finden einen Weg.

Einen Umgang lernt man nicht, indem etwas verboten ist, sondern indem man damit umgeht.
Iren Schulz

Es gibt aber auch Eltern, die ihr Kind und dessen Umgang mit Smartphones rigoros kontrollieren. Das ist auch nicht der richtige Weg: Denn einen Umgang lernt man nicht, indem etwas verboten ist, sondern indem man damit umgeht. In unserer Gesellschaft kommt man nicht an Smartphones und digitalen Medien vorbei. Ich finde, das schrittweise Heranführen ist ein besserer Kompromiss als das strikte Smartphone-Verbot bis zum Beispiel 14. Lebensjahr.

In puncto Medien sind Eltern oft unsicher und versuchen, die Entscheidung abzugeben. Gleichzeitig wissen die Eltern, wie weit ihre Kinder sind und was das Beste für sie ist. Als Mediencoach versuche ich, sie darin zu bestärken, sich auch bei diesem Thema dessen bewusst zu werden. Es geht darum, den Familien dabei zu helfen, für sich den besten Weg zu finden.

Woher kommt diese Verunsicherung? Liegt es daran, dass es in der Kindheit der heutigen Eltern noch keine Handys gab?
Ja, auch. Aber viele Eltern kennen auch gewisse Apps nicht und das verunsichert sie. Um Ecken und Kanten einschätzen zu können, muss man allerdings nicht überall angemeldet sein und jedes neue Tool kennen. Diesen maßvollen Abstand und die kritische Distanz zu digitalen Medien haben Erwachsene sowieso viel mehr als Kinder, egal, ob man die Apps kennt oder nicht.

Ich sehe manchmal Kinder, die neun oder zehn Jahre alt sind, und nur auf ihr Smartphone starren, selbst beim Spazierengehen. Als Mutter habe ich Angst davor, dass meine Söhne sich irgendwo genauso verhalten. Was kann ich da tun?
Neun, zehn Jahre – das ist eigentlich die heißeste Phase. Da sind Kinder besonders offen, neugierig und bei der Mediennutzung grenzenlos. Wenn man ihnen sagt: Du darfst eine halbe Stunde gucken und dann legst du das Tablet weg, dann machen sie das nicht. Sie sind so in die Medienangebote vertieft, dass sie keine Distanz haben. Freiwillig legen sie das Handy nicht weg. Das Priorisieren von Hausaufgaben über das Smartphone ist also eher ein Wunsch von uns Erwachsenen. Kinder können ihn rein von ihrer kognitiven Entwicklung her nicht umsetzen.

Deswegen ist es wichtig, Grenzen zu setzen, gerade bei Jüngeren. Hier helfen technische Tools wie Google Family Link oder am Router festgelegte Bildschirmzeiten. Dann ist nach einer halben Stunde Schluss. Kinder merken dann auch, wie die Zeit vergeht. Das ist ganz wichtig für den Anfang. Die Nutzungszeiten des ganzen Gerätes lassen sich festlegen, aber die für einzelne Apps. Man kann zum Beispiel einstellen, dass YouTube ab 18 Uhr nicht mehr funktioniert, Hörangebote aber weiterhin.

Wie sieht es in der Realität aus? Ab wann haben Kinder ein Handy?
Für Deutschland gibt es repräsentative Studien vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest: Die Kim-Studie ist für Kinder und die Jim-Auswertung für Jugendliche. Das Ganze gibt es dann auch noch für Familien mit Kleinkindern. Die Ergebnisse zeigen, dass nicht nur Kinder und Jugendliche eigene Smartphones besitzen, sondern auch Kleinkinder und Säuglinge an Bildschirmen aktiv sind. Sie spüren, wie wichtig uns Erwachsenen diese Dinge sind.

Hier haben wir als Eltern und Bezugspersonen eine ganz große Vorbildrolle. Spätestens im Kita-Alter möchte das Kind ein eigenes Gerät besitzen. In der ersten oder zweiten Klasse sind viele Kinder schon mit einem eigenen Gerät ausgestattet. Deswegen finde ich es so wichtig, dass man einen pädagogisch sinnvollen Kompromiss findet: Diese Geräte gehören zu unserer Familien- und Lebenswelt – aber bitte sicher, begleitet und gut eingegrenzt.

Laut aktueller Kim-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest besitzen mehr als die Hälfte der Kinder zwischen zehn und elf Jahren ein eigenes Smartphone.

Worauf muss man bei der Anschaffung eines Handys für sein Kind achten?
Es gibt auf jeden Fall einen Markt für Kinder-Smartphones. Ich bin aber hin- und hergerissen, denn es kommt darauf an, wie man es einrichtet. Ein abgelegtes Familienhandy reicht auch, aber möglichst eins, das noch System-Updates bekommt, weil sonst die Sicherheitslücken zu groß werden. Gleichzeitig sollte es auch nicht das neuste iPhone sein, weil das finanziell zu überbordend ist. Kinder können damit nicht sensibel umgehen und außerdem wird der Neid anderer Kinder geschürt. Am besten, man startet mit einer Prepaid-Karte und sperrt In-App-Käufe, Drittanbieter und Co., sodass der Draht in die Welt noch nicht so weit reicht.

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Was sollte man als Eltern noch bedenken?
Die Vorbildrolle von uns Erwachsenen ist sehr wichtig. Was wir von unseren Kindern wollen und erwarten, müssen wir ihnen auch vorleben, insbesondere bei der Mediennutzung. Wir können nicht von unseren Kindern erwarten, dass sie irgendwelche Regeln befolgen, an die wir uns selber nicht halten. Es fällt uns Erwachsenen ja auch nicht leicht, das Smartphone mal für eine längere Zeit wegzulegen und auszuschalten. Das kann schon für die ganz Kleinen schwierig werden: Kinder entwickeln im ersten Lebensjahr die wichtigen, sicheren Bindungen fürs ganze Leben. Wenn dann die Bezugspersonen immer wieder einen Bildschirm vor der Nase haben, kann das zu Bindungs- und Verhaltensstörungen führen. Hier finde ich Aufklärungsarbeit ganz wichtig: Eltern ist oft nicht bewusst, wie problematisch es ist, wenn das Smartphone immer wieder die gemeinsamen Aktivitäten und die exklusive Familienzeit unterbricht. Das kann zu Störungen beim Kind führen.

Was empfehlen Sie stattdessen?
Die gemeinsamen Zeiten, zum Beispiel die Mahlzeiten oder Familienunternehmungen, sollten als medienfreie Zeiten deklariert werden. Handys gehören dann in die Tasche oder sollten zumindest in den Flugmodus gehen. Das tut allen gut, auch den Erwachsenen. Man sieht oft bei Familienausflügen, wie genervt die Kinder schon vom Fotografieren sind. Da sollte man sich fragen: Braucht man wirklich von jeder Unternehmung so viele Fotos?

Was halten Sie von der aktuellen Debatte darüber, ob Handys in Schulen verboten werden sollen?
Ich halte das für sehr schwer durchzusetzen. Wie soll man das kontrollieren? Und ich finde es auch nicht konstruktiv. Sinnvoller wäre es festzulegen, wie man Smartphones sinnvoll in den Unterricht einbinden kann und wann sie weggelegt werden. Das kann auch gemeinsam mit den Schülern in einer Hausordnung verankert werden. Zum Beispiel könnten Handys in den Fachunterricht eingebunden werden. In der Pause sind sie aber nicht erlaubt.

Und auch hier: Man lernt nicht damit umzugehen, wenn man es rigoros verbietet. So ein Verbot wird lebenspraktisch nicht funktionieren. Und es wird auch immer Eltern geben, die ihren Kindern dennoch ein Handy mitgeben. Insofern ist es eigentlich immer der beste Weg, mit allen Beteiligten ins Gespräch zu kommen und nach guten, alltagstauglichen Lösungen zu schauen - denn nur so kann man im Sinne der Kinder handeln und sie für die Medienzukunft fit machen!

Vielen Dank für das Gespräch!

Wie stehst du zum Thema Kind und Handy? Schreibe es mir gerne in die Kommentare.

Titelbild: BearFotos/Shutterstock

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