32 Stunden bis zum Halleluja Teil 2
Hinter den Kulissen

32 Stunden bis zum Halleluja Teil 2

Patrick McEvily
Zürich, am 11.10.2019
Bilder: Thomas Kunz
In Teil I starteten elf Teams in den ersten digitec Hackathon der Geschichte. Am Schluss gewann das Team mit dem schlüpfrigsten Namen. Davor gab es aber einige Hochs und Tiefs zu bestehen und ein anspruchsvolles Publikum sowie zwei ganz besondere Juroren zu überzeugen.

Donnerstag, 21:20 Uhr: Ich bin auf dem Velo auf dem Nachhauseweg, biege in die Strasse vor meinen Block ein... und bäm! Es ist passiert. Ich hab meine Schlüssel im Büro vergessen. Einmal Rolle rückwärts. Als ich wieder im com.west ankomme, sind sicher noch 20 Personen da. Die ersten Schlafsäcke sind ausgerollt. Meine Schlüssel liegen irgendwo zwischen «Chuchichäschtli» und «Magic Like».

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Tag 2

8:30 Uhr Am nächsten Morgen sieht alles ziemlich back-to-normal aus. Aus den Lautsprechern dröhnt Musik. Die 90’s dominieren. Sweet Dreams, R.E.M, Meat Loaf… Eros Ramazzotti!?

9:38 Uhr: Ein Deployment aus einem anderen Unternehmensbereich führt zu einer zwischenzeitlichen Blockade beim Checkout und der Suche. Ärgerlich, aber nichts total Aussergewöhnliches. Um möglichst effizient arbeiten zu können, haben die einzelnen Bereiche viel Freiheiten. Nach einigen Minuten hat man Kontakt mit den Kollegen aufgenommen und das Problem behoben.

10:20 Uhr: Es ist ruhiger geworden. Man merkt: alle sind konzentriert und wollen ihre Projekte zu Ende bringen.

Krzysztof und Marius sind guter Dinge – oder zumindest besserer als gestern. Vieles funktioniert jetzt. Der «Happy Flow» stimmt. Damit ist der Pfad gemeint, den eine Kundin vom Start bis zum Check-out durchläuft – inklusive sämtlicher Ausweichmöglichkeiten und Zusatzoptionen. All diese Punkte muss Übersetzerin Anne auf Schweizerdeutsch übersetzen. Sie schreibt «Schwiizerdütsch» übrigens mit zwei «ii».

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Christian vom Team Magic Like hat nur kurz Zeit. Sie haben das Modell gestern Abend das erste Mal zum Laufen gebracht. Das war aber mit «gefakten» Daten. Beim «Real Deal» gibt’s noch mehrere Bugs. Trotzdem hat das Team bereits angefangen, an der Präsi für den Pitch heute Nachmittag zu arbeiten.

Gestern Abend hatte ich mich noch mit Michael vom OK unterhalten und ihn gefragt, wer das Rennen mache. «Das ist fast unmöglich zu beantworten. Es wird wohl drauf ankommen, wie viele von den 150 erwarteten Gästen am Pitch aus dem Engineering kommen. Die DG-Browser Extension zum Beispiel ist ein cooles Projekt, aber extern eher schwierig umzusetzen. Den Otto-Normalverbraucher interessiert das glaube ich weniger.»

Als ich rübergehe zum Team DG Browser Extension, zeigen mir die Jungs ihren Entwurf. Wir befinden uns auf der Seite eines Konkurrenten, im Checkout. Da steht doch tatsächlich neben dem Einkaufskorb «Dieses Produkt ist auf digitec für XY» erhältlich. Wow. «Wie ist das möglich?» frage ich. Die Entwickler erklären mir, dass sie relativ schnell die Herstellernummer eines Produkts filtern können.

12:00 Uhr: Endlich komm ich mal noch dazu, mich mit anderen Teams zu unterhalten. Was macht eigentlich das Team DG Careers? Gestern hat mir Tobias ja gesagt, die seien schon im Schlussspurt. Christoph nimmt sich ein paar Minuten für mich. Er erklärt mir zuerst, wie wichtig die HR Seite im Sinne des Employer Brandings ist. «Wollen wir die besten Leute kriegen, muss der erste Aufschlag sitzen.»

Das Team hat darum nicht mal so sehr an ausgefeilten technischen Lösungen gearbeitet, sondern viel mehr am Design rumgeschraubt und neue Features eingebaut. Dafür sind sie sogar eigens kurz ein Video drehen gegangen. Es gibt weitere ansprechende grafische Elemente. Kleine «Pillen» bei jedem Jobinserat sollen anzeigen, welche Skills gerade benötigt werden.

16:00 Uhr: Das Hack-Lab füllt sich nach und nach. Der eine oder andere sieht ziemlich müde aus. Die vielen Stunden Arbeit haben Spuren hinterlassen. Es treffen die ersten Gäste ein. Der Gerstensaft findet reissenden Absatz. Hack-Master Tobias heisst alle willkommen und erklärt, was es zu gewinnen gibt. Da wären einerseits die «Community Preise» für die ersten drei Teams sowie der «Founders’ Prize». Bei ersterem stimmen alle anwesenden Gäste ab. Über zweiteren entscheiden zwei, die sich auskennen: Die beiden Gründer Florian Teuteberg und Oliver Herren.

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In einem kurzen Rückblick erzählen Tobias und OK-Mitglied Alicia, was über die letzten Stunden so los war. Tobias nimmt dabei abermals die Anekdote vom regulären Zwei-Tages Umsatz auf. «Heute Morgen hat uns ein Deployment dazwischengefunkt». Er zeigt auf einen zwischenzeitlichen Taucher zwischen 9:15 und 9:45 Uhr . «Zum Glück konnten wir’s im Tagesverlauf wieder ausgleichen.»

Der Pitch

Meine alten Freunde von Chuchichäschtli kommen gleich als erstes dran. Die Reaktionen sind verhalten. Der Talk ist sehr tech-lastig. «Damit gewinnt ihr keine Blumen», denk ich mir. Mehr Energie! Und dann funktioniert auch noch die Technik nicht. Im Nachhinein werden wir erfahren, dass im Gebäude nebenan grad Wartungsarbeiten durchgeführt wurden und darum einen zwischenzeitlichen Netzwerk-Absturz provozierten. Quel malheur!

Der nächste Referent lanciert den Pitch mit einem subtilen Seitenhieb: «Ich zeig euch jetzt was, das funktioniert». Autsch. Doch auch hier happert’s: Sie kommen nicht ins System. Es kann sich nur noch um Stunden handeln. Von hinten schreien andere Tipps. Der Alptraum eines jeden Präsentierenden. Doch sie kriegen’s hin. Was sie dann zeigen stösst auf Anklang.

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Der Geheimfavorit der Reihe – die DG Browser Extension – kommt als nächstes. Sie teilen die Funktionalität ihres Plugins in drei Regler-Stufen ein. Als sie das Beispiel mit dem Button auf der Seite der Konkurrenz zeigen, explodiert das Publikum.

Das Team DG Careers fängt mit einer Problemstellung ein. Sie haben sich dafür die Analytics angeschaut. «Klug», denk ich mir. Eine nicht zu vernachlässigende Anzahl an Traffic auf unserer Seite geht scheinbar zwischen der ersten Seite und den einzelnen Stellenanzeigen verloren. Alle hören andächtig zu. Ein gutes Zeichen. Am Schluss hat das Team noch eine Zusammenfassung. Mega cool. I think we have a winner.

Chuchichäschtli versucht’s nochmal. Endlich können die Leute auch sehen, woran das Team so hart gearbeitet hat. Bei den ersten Beispielen gibt's dann auch amüsierten Beifall.

Christian, vom Team Magic Like, betont nochmal: «Es ist alles live. Nichts gefaked.» Sie erklären auch gleich noch, wie viele zusätzliche Einkäufe ein solches Tool generieren könnte. In zwei Sprints könnte das gebaut werden, sagen sie. Alle schauen auf die Chefs. Gute Resonanz.

Das Abo-Team – aka shit sells - kommt als nächstes. Ich bin ein Fan davon (auch wenn ich keine Kinder habe). Auch sie zeigen nochmal den Business Case. Zum ersten Mal kommt es zu einem ziemlich schamlosen Aufruf, für sie zu stimmen.

Das Warenkorbfüller schliesst ab. Zara hatte mir gestern gesagt, dass sie das strategisch so geplant hatten. «Die Leute werden sich an die erste und die letzte Präsi erinnern können». Smart Cookie. Das Team bringt die Kundenperspektive richtig gut rein. Sie haben starke Grafiken und Statistiken.

17:15 Uhr: Die Zeitlimite von fünf Minuten hat sich eher als Empfehlung denn als harte Regel erwiesen. Tobias ruft zum Voting via App auf. Was so lange gedauert hat, wird jetzt in kürzester Zeit beendet. Skrupellos. Daumen rauf oder runter. Die Reaktionen während den Präsis waren ein Auf und Ab. Anständiges Desinteresse hat sich mit lautstarker Belustigung und andächtiger Konzentration abgetauscht. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich auf die richtigen Pferde gesetzt habe.

17:20 Uhr: Tobias schaltet das Mikro wieder an und gibt durch: Schluss. Keine Stimmabgabe mehr.

… Trommelwirbel…

and the winner is: Magic Like! 25% aller Stimmen konnte das Projekt abholen. Ich hab’s doch gesagt: Tinder funktioniert immer. Wichtiger als das war wohl aber der Bezug zu den Produkten. Überall im Publikum zustimmendes Nicken. Nichts geht über das Gefühl von ausgeschütteten Endorphinen, bei einem erfolgreichen Einkauf. Das Team hat genau hier angesetzt und eine funktionierende Lösung für unsere Kunden gebaut.

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Auch DG Careers hat's in die Top 3 geschafft. Das Team konnte mit einem fixfertigen Re-Design überzeugen, das auch noch richtig schön aussieht.

Der «Founders’ Prize» geht ebenfalls an das Team Magic Like. Auch die beiden Gründer Florian Teuteberg (CEO) und Oliver Herren (COO) sehen darin Entwicklungspotential. Besonders beeindruckt hat sie die Integration in die bestehende User Journey.

Für den Preis haben sie sich was Besonderes ausgedacht: Florian erzählt von seiner Ferienlektüre im Jahr 2000 in Griechenland: Ein 500-Seiten-Schinken über Access-Datenbanken. Wieder zuhause angekommen, hatten die beiden damals damit angefangen, genau die Datenbank zu bauen, die das Grundgerüst für digitec legte. Aus dem Buch soll ein Wanderpokal werden.

17:45 Uhr: Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber die Brust von Tobias ist noch breiter, das Strahlen in seinen Augen noch heller geworden. Der Event war ein voller Erfolg. Wie geht es weiter? Der Event hiess absichtlich «Version 1». Für Tobias sind mehrere Weiterentwicklungen denkbar. Die Online Shop Area ist nicht alleine im Erstellen unserer Infrastruktur. Das gesamte Product Development Team war dieses Mal noch nicht dabei. Darüber hinaus könnten in weiteren Iterationen auch Externe mit eingezogen werden.

Ein Hackathon ist per Definition etwas Temporäres, das sich in einer anderen Umgebung abspielt (Echt jetzt. Alles wurde in der sogenannten «Dev-Area» gebaut und umgesetzt). Ab Montag gehen wir alle wieder unseren normalen Beschäftigungen nach, und Windel-Abos und Warenkorbfüller gehören der Vergangenheit an.

… oder doch nicht? Tobias gibt mir noch auf den Weg, dass das eine oder andere Projekt in den kommenden Wochen in Management-Sitzungen angesprochen wird. We will see.

18:00 Uhr: Die Zeit ist verdammt schnell vergangen. Schon Freitagabend. Mir fällt ein: Den Freitagabend, den mag ich. Jetzt geht’s ab ins «Friday Beer». Noch so was, das wir bei uns machen.

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Wer noch nicht genug gekriegt hat vom Hackathon, kann sich die 32 Stunden nochmal im Schnelldurchlauf ansehen:

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Patrick McEvily
Patrick McEvily
Communications Manager, Zürich
Ob im Lager in Wohlen, in den Shops oder bei der Finanzabteilung: Als Springer im Digitec Galaxus-Wald schwinge ich mich von Liane zu Liane und leuchte den Dschungelboden nach interessanten internen Geschichten ab.

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