16 Kameras? Worum es bei Smartphone-Kameras geht

Dominik Bärlocher
Zürich, am 11.12.2018
Bis zu 16 Kameras sollen bald in einem einzigen Smartphone verbaut sein. Das ist Unsinn, denn die Bilder werden nicht besser, nur weil da über ein Dutzend Linsen zuschauen. Matchentscheidend ist die Software, die die Bildinformationen verarbeitet.

Huawei hat angefangen. Das P20 Pro ist im Frühjahr mit drei Kameras dahergekommen. Samsung hat im Herbst nachgezogen und einen draufgesetzt: Das Samsung Galaxy A9 hat vier Kameras verbaut. LG setzt da noch einen obendrauf und hat ein Patent eingereicht, das 16 Kameras auf der Rückseite eines Smartphones vorsieht.

LG hat sich 16 Kameras in einem Phone patentieren lassen
LG hat sich 16 Kameras in einem Phone patentieren lassen

Und dann ist da Google. Das Google Pixel 3 hat dreisterweise hinten immer noch nur eine Kamera. Trotzdem gehören Googles Pixel-Kameras nach wie vor zu den besten Kameras auf dem Markt. Der Grund: Es geht nicht um die Anzahl Kameras.

Eine Kamera reicht

Eine Smartphone-Kamera mit einer Spiegelreflex- oder einer Systemkamera wie meiner Sony a7s II zu vergleichen, tut beiden Geräten unrecht. Böse Zungen behaupten, dass Smartphones Fotografen überflüssig machen. Doch die Unterschiede liegen nicht in der Bedienung sondern in der Funktion der Technologie.

Eine Systemkamera wie die a7s II macht genau das Bild, das du im Sucher siehst. Jede Einstellung ist eine, die du gemacht hast. Du arbeitest mit einem Zusammenspiel zwischen Weissabgleich, Schärfe, Blendenöffnung, Licht und Schatten sowie einer Vielzahl anderer Faktoren.

Aufgenommen mit der Sony a7sii und einem Sigma-Objektiv
Aufgenommen mit der Sony a7sii und einem Sigma-Objektiv

Das trifft auf den manuellen Modus zu. Im von den Fotografen oft verpönten Automatik-Modus macht die teure Systemkamera das, was das Smartphone standardmässig macht: Es nimmt dir die Arbeit komplett ab.

Ein Smartphone ist darauf ausgelegt, so gute Schnappschüsse wie nur irgend möglich aufzunehmen. Dazu berechnet es in Sekundenschnelle all die Dinge, die du auf einer Sony a7s II manuell einstellen solltest. Smartphones haben oft keinen manuellen Modus. In einigen Fällen kann der nachgerüstet werden, mit Apps wie Open Camera für Android und das iPhone hat eine limitierte Manual-Funktion seit iOS 8 fix verbaut. Doch auch bei der besten Implementation der Open Camera oder dem Apple Manual Mode macht oft die Hardware einen Strich durch die Rechnung. Oft ist die Blende eine rein mathematische Übung und nur wenige Phones verfügen über eine manuelle Blende. Dasselbe gilt für die Zoom-Funktion. Wenn ein Objektiv technologisch nicht in der Lage ist, zu zoomen, dann kann es schlicht nicht zoomen.

Theoretisch liesse sich das ändern. Doch an meiner a7s II hat es Regler und Rädchen, die allerlei für mich regeln. Auf meinen Smartphones muss ich immer in ein Menü, dann ungenau einen Regler verstellen und aufs beste hoffen. Meine a7s II bediene ich blind, da ich weiss, wo die Regler alle sind. Mein Smartphone betrachte ich immer mit Mühe, wenn ich ein etwas ambitionierteres Bild abseits der Standardeinstellungen schiessen will.

Kurz: Auf einem Smartphone erfüllt eine Kameralinse eine komplett andere Funktion als die Linse an einer Spiegelreflex- oder Systemkamera. Auf einem Smartphone reicht es theoretisch, wenn die eine Linse schnell reagiert und möglichst viele Bildinformationen aufzeichnet.

Den Rest übernimmt die Software.

Die Tricks mit der Software

Es ist die Software, bei der die Smartphones punkten. Denn eine Foto-App ist nicht einfach nur etwas, das so bitzli Fotos macht, sondern da findet in kürzester Zeit eine recht komplexe Serie Berechnungen statt. Nirgends wird das offensichtlicher als bei Nachtaufnahmen.

Nachtaufnahmen mit Smartphones haben mit traditioneller Fotografie nur noch wenig zu tun. Denn die Linse am Phone, die möglichst viele Informationen aufzeichnet, nimmt dann eine Serie Bilder auf, die dann von der Software der Kamera-App zusammengesetzt werden. Dann werden Farbwerte, Helligkeit und all die anderen Bildattribute so errechnet, dass das Bild möglichst viele schöne Details erhält.

Das kann so aussehen.

Aufgenommen mit dem Huawei P20 Pro in Paris
Aufgenommen mit dem Huawei P20 Pro in Paris

Auf den ersten Blick ist an diesem Bild nicht wirklich viel falsch. Videoproduzentin Stephanie Tresch steht um 23:07 Uhr vor dem Hôtel de Ville und ich probiere das damals neue Huawei P20 Pro aus. Ich drücke ab, das Phone zeigt einen Countdown im Kreis an und am Ende, nach kurzer Berechnungszeit, das obige Bild an.

Wenn du ins Bild hineinzoomst, dann siehst du Dinge wie die Fahne vor dem Turm und den Turm selbst.

Das Türmchen gleicht einer Wasserfarbzeichnung
Das Türmchen gleicht einer Wasserfarbzeichnung

Auch bei Stephanies Haar ist sich die Huawei'sche Kamera-App nicht sicher. Sie scheint einen Heiligenschein zu haben.

Stephanies Haar weht im Wind und verwirrt die Kamera
Stephanies Haar weht im Wind und verwirrt die Kamera

Der Schnappschuss mit Stephanie drauf ist in Tat und Wahrheit nicht ein Bild, sondern ein zusammengestückeltes Objekt, das aus vielen Bildern erstellt und von einer AI durchgerechnet wurde. Daher auch die kleinen Auffälligkeiten, die ein Bild zwar social-media-tauglich aber fotografisch nicht besonders wertvoll machen.

Die Entscheidung im Computer

Kein Foto, das aus einem Smartphone kommt, ist das Bild, das aufgenommen wurde. Denn innerhalb von Sekundenbruchteilen stellt eine Kamera-App unheimlich viele Rechnungen an, verschönert und optimiert Bilder. Das trifft auch dann zu, wenn du keine besonderen Filter oder Lichteffekte einstellst.

Ein Smartphone ist darauf ausgelegt, schnell schöne Schnappschüsse für Chat-Nachrichten und Social Media zu liefern. Es ist dem Eifer der Hardwarehersteller und Softwareschmieden zu verdanken, dass diese Bilder immer besser werden und immer mehr an den Bildern der Fotografen dieser Welt kratzen. Den Markt für Kompaktkameras haben sie bereits zerstört. Denn wer braucht schon eine kleine Ixus oder eine Cybershot, wenn das Handy genau gleich gute Bilder liefert?

Pixel 3 (64GB, Clearly White, 5.50", Single SIM, 12.20Mpx, 4G)
Google Pixel 3 (64GB, Clearly White, 5.50", Single SIM, 12.20Mpx, 4G)
P20 Pro (128GB, Black, 6.10", Dual SIM, 40Mpx, 4G)
Gebraucht
380.–
Huawei P20 Pro (128GB, Black, 6.10", Dual SIM, 40Mpx, 4G)

Das Spiel wird in der App, nicht in der Linse entschieden. Daher sind Kamera-Apps heiss begehrt.

Google hat aktuell die Nase vorn. Mit dem Night Sight System entstehen beeindruckende Bilder im Dunkeln. Auf dem Pixel 3 sehen Nachtaufnahmen so dermassen gut aus, dass Coder rund um die Welt sich daran gesetzt haben, die App für andere Hardware als die Google-eigene zugänglich zu machen. Mit Erfolg. Mehrere Dutzend sogenannte App Ports sind gratis zum Download bereit. Damit du einfach im App-Chaos der Seite den Durchblick findest, hat Developer Celso Azevedo eine Liste mit empfohlenen Versionen zusammengestellt. Das heisst aber nicht, dass diese Versionen zwingend auf deinem Phone funktionieren. Genau wie ich musst du dich durchprobieren. Wenn die App nach dem Start abstürzt oder während einiger Zeit keine vernünftige Anzeige oder Performance bringt, dann nimm einfach die nächste.

Generelle Richtlinien für deine App-Wahl:

  • Probier mal ⌘/CTRL+F und dann die Marke deines Smartphones.
  • Wenn da ein kompatibles Smartphone aufgelistet ist, das dasselbe System-on-a-Chip (SoC) wie dein Smartphone hat, dann kannst du das mal probieren. ⌘/CTRL+F und dann Snapdragon, Exynos oder Kirin könnten helfen.
  • Huawei scheint aktuell aufgrund der Handelssanktionen der USA und der Tatsache, dass die Kirin-Plattform dem Snapdragon in vielen Belangen nicht gleicht, das Nachsehen zu haben.

So. Fertig. Ich geh mal rumpröbeln. Viel Spass damit, denn es lohnt sich definitiv. Night Sight ist grossartig.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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