Was hat es mit diesen Kurven auf sich?
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Was hat es mit diesen Kurven auf sich?

Pia Seidel
Zürich, am 18.03.2021
Weibliche Körper als ein Interior- oder Fashion-Accessoire liegen im Trend. Und alle, die sich eines zulegen, setzen damit ein Statement. Die Frage ist nur, welches?

Zwei Perlen als Brustwarzen. Ein Rumpf aus Messingdraht. Ich schaue auf Ohrringe, die einen Frauenkörper darstellen. Sie hängen an einem Schmuckständer im Bad einer guten Freundin. It’s a thing, wenn mir etwas nicht mehr nur in meinem Instagram-Feed, sondern auch im Alltag begegnet. Ob Brüste-Blumentöpfe, Popo-Vasen oder Torso-Kerzen, die weibliche Figur ist das Motiv der Stunde im Interior- und Modebereich. Besonders beliebt ist so wie ich das beobachte bei Millennials und Feministinnen. Was steckt hinter dem Trend?

Body-Positivity

Um das herauszufinden, frage ich zuerst bei den Designerinnen Franziska Carnevale und Johanna Widmer nach. Beide haben gerade Kollektionen mitentwickelt, in denen Frauenfiguren zu sehen sind. Franziska entwirft für die beiden Labels Lili Pepper und Na'is. Sie hat kürzlich in Zusammenarbeit mit Tania Bisaz eine T-Shirt-Kollektion lanciert. Die Drucke auf den Shirts zeigen leicht bekleidete Frauenkörper. «Ich habe mich vom Künstler Matisse inspirieren lassen», erklärt Franziska. «Weibliche Rundungen wurden früher regelmässig in der Kunst aufgenommen. Heute transportieren wir viele Botschaften über T-Shirts und Social-Media nach aussen statt mit Malereien.»

Ein T-Shirt von der Kollaboration zwischen Bits & Bobs und Lili Pepper.
Ein T-Shirt von der Kollaboration zwischen Bits & Bobs und Lili Pepper.

Die Motive sind mit dem Scherenschnitt entstanden. Diese Technik eigne sich besonders gut dazu, die Form zufällig aus der Bewegung heraus entstehen zu lassen, erklärt mir Franziska. Auf diese Weise sei sie nicht immer so geplant. Das habe Parallelen zum Frauenkörper: «Die ‘zufälligen’ und unterschiedlichen Formen des weiblichen Körpers sind heute wieder gefragt und werden mit Body-Positivity gefeiert. Das war nicht immer so. Noch vor zehn Jahren musste ich als Designerin beim Entwerfen für fremde Modemarken darauf achten, dass ein Druck oder eine Naht nicht direkt auf der Brust liegen, damit es nicht ‘komisch’ aussieht oder Blicke auf sich zieht. Heute kann ich die Fläche auf dem T-Shirt nutzen, um starke Frauen für starke Frauen darzustellen, die ein gesundes Selbstbewusstsein und ein gutes Verhältnis zu ihrem Körper haben.

Diversität

Johanna vom Label Kollektiv Vier hat mit ihren zwei Partnerinnen Mirjam Huwiler und Eva Zuberbühler gerade eine neue Duschvorhang-Serie namens «Mutter Erde» herausgebracht. «Vor allem im Duschvorhang «Fluss» wird das ‘Frau sein’ zelebriert, sagt Johanna.

Details vom Duschvorhang «Fluss» von Kollektiv Vier
Details vom Duschvorhang «Fluss» von Kollektiv Vier
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Dennoch sollen sich alle von den Motiven angesprochen fühlen. «Wir haben auch eine Figur in der Collage, die genauso gut ein Mann sein könnte.»

«Wir wollen mit unseren Designs eine Umgebung schaffen, in der wir nicht alles vorweg nehmen und Leute etwas fertig denken können. Die nackten Figuren sind von weiblichen Körpern inspiriert. Sie müssen aber nicht zwingend einem Geschlecht zugeordnet werden.»

Malereien für die ganze Kollektion «Mutter Erde».
Malereien für die ganze Kollektion «Mutter Erde».

Die Statements der Designerinnen erklären mir, warum die kurvigen Designs besonders bei einigen Feministinnen beliebt zu sein scheinen. Das sehen nicht alle gleich. Neben den Ohrringen in der Wohnung meiner Freundin habe ich kürzlich die Torso-Kerze am Women-Empowerment-Event von VN Residency – einem Zürcher Co-working Space – gesehen. Kopflose Frauen, die auf einem Beistelltisch vor klugen Köpfen stehen, während Letztere über Feminismus sprechen. So etwas passt für Journalistin Juliane Frisse nicht zusammen. Sie fragt sich in ihrem Artikel, warum die «objektifizierenden Objekte» als feministisches Statement wahrgenommen werden. «Wenn Frauenkörper anderswo kopflos und rein dekorativ platziert werden, etwa in der Werbung für einen Reifenservice oder eine Zeitarbeitsfirma oder für einen neuen Spielfilm, diagnostizieren Feministinnen den male gaze (...)», schreibt sie.

Ihre Kritik widmet sie vor allem der mitunter beliebtesten Po-Vase der Designerin Anisse Kermiche. Ihrer Meinung nach sind diese Proportionen unrealistisch. Der Rumpf habe «einen aussergewöhnlich prallen Po, ein sehr ausladendes Becken und eine absurd schmale Taille» und eine Figur, die keine Frau jemals erreichen könne.

Die Schönheit liegt im Auge der Betrachtenden

Nachdem ich mich mit anderen Beispielen als den Werken von Anisse Kermiche beschäftigt habe, glaube ich, dass Feminismus und «pralle Pos» dennoch zusammenpassen. Die Ideen hinter den kurvigen Designs stammen vorwiegend von Frauen und bei genauem Betrachten finde ich darunter alle möglichen Formen und Kleidergrössen. Ich stosse auf Keramikwerke mit dünnen, aber auch mit speckigen Hüften. Body-Positivity-Vertreterin Mayra Louise präsentiert beispielsweise ihre etwas breitere Po-Vase stolz auf der Kommode. Sie sollte deshalb nicht mehr oder weniger ernst genommen werden. Genauso wie sich alle, die einen Print direkt auf der Brust tragen oder freizügig zeigen, dafür nicht verurteilt werden sollten.

Die «Po-Vase» von Keramikerin Margreet van Schaijck.
Die «Po-Vase» von Keramikerin Margreet van Schaijck.

In den abstrakten Darstellungen sehe ich ein weiteres Statement: die künstlerische Freiheit. Die Körper dieser kurvigen Entwürfe sollen gar nicht der Realität entsprechen. Das ist ja das Schöne daran und gibt den Betrachtenden die Gelegenheit, ihre eigene Fantasie kreisen zu lassen. Eine gewisse Objektifizierung schwingt zwar mit, wird aber von den anderen Botschaften übertönt. Wer sagt denn, dass die Körper all dieser Designs immer einer Frau gehören? Schliesslich haben viele Menschen einen kurvigen Po.

Evie (19cm)
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22.–
Bloomingville Evie (19cm)
Glas-Vase (23cm)
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26.90
HK Living Glas-Vase (23cm)

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Pia Seidel
Pia Seidel
Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein


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