Review

Platzspitzbaby Review: Super Story, schlecht erzählt

Stephanie Tresch
Zürich, am 14.05.2020
«Platzspitzbaby – Meine Mutter, ihre Drogen und ich» erzählt vom Leben mit einer drogenabhängigen Mutter. Drogen und Platzspitz klingen nach Spannung und Dramatik, schade, dass das Buch nicht hält was es verspricht.

«Platzspitzbaby – Meine Mutter, ihre Drogen und ich» erzählt die Lebensgeschichte Michelle Halbheers und wurde von der Ghostwriterin, Journalistin und Autorin Franziska K. Müller geschrieben.

Franziska K. Müller beschreibt in dem Buch die Kindheit und das Heranwachsen der Ex-MusicStar-Kandidatin Michelle Halbheer. Michelle ist mit einer schwer drogensüchtigen Mutter aufgewachsen.

«Platzspitzbaby» ist ein Zeitdokument der Schweizer Geschichte. Das Buch ist quasi unser «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo». Es ist Teil der Geschichte einer Bevölkerungsgruppe, die weltweites Aufsehen erregt hat: Ein Park voller Junkies, im Herzen der malerischen Stadt Zürich, die von Behörden toleriert wurden. Das «Platzspitzbaby» zeigt aus erster Hand wie es war mit einer dieser verlorenen Seelen aufzuwachsen.

Das Buch ist historisch signifikant, aber kaum lesbar. Im Buch sind Schreibfehler. Schlimmer noch: Da sind unendlich viele unendlich lange Sätze, die sich in der Hälfte verlieren und nie wieder zum Anfang zurückfinden und am Ende dann irgendwie irgendwo schief in der Gegend stehen. Dazu fehlt der rote Faden, der in einer Chronologie eigentlich offensichtlich sein sollte.

Eine Kindheit, wie sie niemand haben sollte

Michelle wächst in Drogenlöchern auf. Drogen, Hunger, Willkür, Manipulation und Gewalt ihrer jähzornigen Mutter sind ihr Alltag. Schiefe Zähne, Dreck, Flohbisse und Untergewicht definieren ihr Aussehen.

“ Als dreizehnjähriger Teenager passten mir die Klamotten von achtjährigen Kindern, wobei die Hosenbeine an den Knöcheln und die Ärmel der T-Shirts über den Ellbogen endeten. ”
Michelle Halbheer, Platzspitzbaby – Meine Mutter, ihre Drogen und ich, 2013, Wörterseh Verlag

Michelles Mutter ist kurz mal clean, erhält dann aber die Diagnose «HIV positiv». Das Heroin, das Kokain, das Methadon und andere Drogen – im Buch ist die Liste nie abschliessend – kehren zurück.

Ihre Mutter Sandrine lässt sich scheiden, als Michelle sieben Jahre alt ist. Michelle bleibt bei ihr. Den Vater trifft das. Er versteht es nicht. In diese Entscheidung manipuliert, erlebt Michelle die Willkür eines Junkies. Sie schläft auf einer dreckigen Matratze im einzig bewohnbaren Raum ihrer Wohnung. Ihre Mutter glänzt vor Schweiss und stinkt nach Drogen.

Nur zwei Menschen in ihrem Leben geben Michelle Kraft, der Vater und die Oma. Aber auch die sind machtlos gegenüber des langsamen Zerfalls der Familie.

Erst als 15-jährige befreit sich Michelle aus dem Drogensumpf. Sie kommt zu einer Familie, die einer Freikirche angehört. Die haben zwar Geld aber auch ein durch die Religion geprägtes Bild von Frauen und der Welt. Michelle entscheidet sich gegen die Religion und zieht aus.

Ein steter Begleiter im Leben der Michelle ist die Musik. Nicht, dass das im Buch durchgezogen würde, aber die Frau in der Realität hat eine Gesangsausbildung genossen, hat sich an Goa-Festivals die Füsse wundgetanzt und ist in der Casting Show «MusicStar» des Schweizer Fernsehens aufgetreten.

Kein Faden, schon gar kein roter

«Platzspitzbaby» wird bestimmt nicht der schönen Sprache wegen gelesen. Denn sprachlich ist das Buch so ungeniessbar wie Michelles Kindheit.

Selbst wenn «Platzspitzbaby» ein wichtiges Zeitdokument ist, fehlen wichtige inhaltliche Kernaussagen wie:

  • Was geschieht überhaupt?
  • Wer ist daran beteiligt?
  • Wo geschieht das Ganze?
  • Wann geschieht das Ereignis?
  • Wie läuft es ab?
  • Warum geschieht es?
  • Welche Quellen gibt es?

Der rote Faden fehlt in dem Buch komplett. Oft weisst du als Leserin nicht, wo in der Zeitlinie du dich befindest. Oder wo die Geschichte gerade statt findet. Menschen, Tiere, die wichtige Akteure zu sein scheinen, werden nur halb oder gar nicht eingeführt, oder erst, wenn sie zwei Sätze später wieder verschwinden. Ein Beispiel dafür ist Michelles Hund, den ihre Mutter in einem Anfall von Bösartigkeit weggibt, um Michelle weh zu tun. Welchen Hund? Das Liebste, was sie hat soll er gewesen sein. Wie wäre es, wenn Franziska K. Müller den Hund am Tag des Einzugs bei Michelle eingeführt hätte und nicht erst, als er wieder weg war?

Wald bei Zürich. Hat Michelle hier gewohnt?
Wald bei Zürich. Hat Michelle hier gewohnt?

Wichtige Teile Michelles Lebensgeschichte fehlen. Michelles Leidenschaft, die Musik kommt zu Beginn und Ende des Buchs vor. Von lebenslanger Begleitung ist im Buch nichts spürbar. Wir reden hier von Michelle Halbheer, einer Frau, die es in die späteren Runden einer Casting Show geschafft hat. Ohne Talent und Fähigkeit passiert so etwas nicht. Michelle muss unendlich viel Musik gehört und gesungen haben, bis sie an dem Punkt ist. Sie muss gesungen haben während ihre Mutter mit Nadel im Arm neben ihr ihren Trip durchlebt hat. Ein wunderschön tragisches Bild. Im Buch aber wird diese Karriere, diese Leistung, am Rande abgekanzelt.

Mindestens so irreführend wie die Timeline in dem Buch ist der Titel «Platzspitzbaby». Der Platzspitz, oder «Needle Park», findet genau zu Beginn des Buchs kurz Erwähnung. Michelle lebt immer in Häusern – dreckig stinkenden Drogenlöchern zwar – aber von Obdachlosigkeit und dem Platzspitz kann keine Rede sein. Ach, übrigens: Keines dieser Häuser ist in der Stadt Zürich. Ausser vielleicht die Bude am Anfang des Buches, aber so sicher bin ich mir da auch nicht. Das Wort «Zürich» kommt im Buch nie vor, «Zürcher» dafür zweimal in Verbindung mit dem Oberland.

Warum schöne Sprache wichtig ist

Das Problem ist nicht die Geschichte, sondern die Buchstaben im Buch. Lange verwirrende Sätze, die über mehrere Zeilen gehen und komische Zeitsprünge stören den Lesefluss. Das Platzspitzbaby ist im Präteritum geschrieben. Das allein distanziert dich als Leserin der Geschichte schon mal komplett.

Im ganzen Buch kommt das Wort «buk» dreimal vor. Diese Art des Präteritums des Worts «backen» ist komplett veraltet und überholt. Niemand benutzt dieses Wort, ausser Franziska K. Müller und der Duden.

Backen konjugiert., https://www.duden.de/rechtschreibung/backen_herstellen_garen
Backen konjugiert., https://www.duden.de/rechtschreibung/backen_herstellen_garen

Zusätzlich verwirrt die Sprachwahl der Franziska K. Müller. Sie verwendet den deutschen Buchstaben Eszett, also das «ß». Dieser ist nur in Deutschland und Österreich gebräuchlich, aber nicht in der Schweiz, in der das Buch spielt. Das wäre okay, vor allem in Hinblick auf die von Michelle selbst angegebene Strategie, das Buch auf dem deutschen Markt zu verkaufen. Sollte das der Fall sein, dann sind Dinge wie die konsequent falsche Verwendung des Wortes «jeweils» ein No-Go. Denn Schweizer verwenden das Wort «jeweils» als direkte Übersetzung des schweizerdeutschen «amigs» oder «amel». Das ist falsch. Ein Beispiel: «Ich gehe jeweils am Dienstag» wäre korrekt hochdeutsch «ich gehe dienstags». Das ist zwar ein Detail, hilft der Sache aber auch nicht.

«Platzspitzbaby» ist eine wunderbar grauenvolle Geschichte. Eine, die es wert ist zu kennen. Doch weder fühlst du aus der Geschichte Michelle Halbheer, noch ihren Schmerz richtig heraus. Die Buchstaben und deren vieler Kommas verwirren beim Lesen.

Die Ghostwriterin

Ein paar Worte noch zur Autorin. Es ist gut möglich, dass «Platzspitzbaby» nicht ihr bestes Werk ist, dass Franziska K. Müller eine gute und schöne Schreibe hat, die ohne Rechtschreibfehler und grammatische Schwächen auskommt. Das Problem ist, so vermute ich, ihr Geschäftsmodell der Privatbiografien.

Frau Müller bietet ihre Künste als professionelle Autorin auf ihrer Website an. Frau Müller muss daher X Bücher pro Monat schreiben, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Rechnungen müssen bezahlt werden. Fair enough. Das ist Akkordarbeit. Das klingt tough.

“ Ein Buch, das professionellen Kriterien entspricht, spannend erzählt und schön geschrieben ist ”
Franziska K. Müller, privatbiografie.ch

Das bedeutet, dass sie wahrscheinlich nur im Einzelfall einer Geschichte den Raum und die Zeit geben kann, die sie verdient hätte. Eine gute Geschichte aber braucht das. Basierend auf Satzlänge, strukturellen Mängeln sowie Schreibfehler, gehe ich davon aus, dass diese Geschichte nicht nach dem Vier-Augen-Prinzip überprüft wurde. Zeitmangel?

Franziska K. Müller macht Schreibfehler. Ich auch, aber mein Gegenleser versucht diese fleissig raus zu löschen. Sie verhaut den Namen des Musikers Manfred Mann, den sie «Manfred Man» nennt. Google hätte das besser gewusst und jede automatische Rechtschreibkorrektur schlägt hier an. Blieb zum googeln keine Zeit?

Das sind kleine Details, die durch das schnelle Abtippen von Notizen verloren gehen. Die erste Version von meinem Text bekommst du nicht zu sehen, da geht mein Gegenleser noch drüber, damit er hoffentlich alle Tipp-und Kommafehler ausmerzen kann. So sollte es eigentlich immer sein bevor ein Text veröffentlicht wird.

Platzspitzbaby – von «spannend erzählt und schön geschrieben» kann hier keine Rede sein. Schade.

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Stephanie Tresch
Stephanie Tresch
Video Producer, Zürich
Die Welt in 25 Bildern pro Sekunde. Als Journalistin erzähle ich, weil die Welt ist voller Geschichten, die erzählt werden wollen. Ob national oder international, alles was ich dafür brauche, ist Mikrofon und Kamera.

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