Liebe in Zeiten von Corona
Hintergrund

Liebe in Zeiten von Corona

Carolin Teufelberger
Zürich, am 27.04.2020
Wie sich die Pandemie auf Klopapierkauf und Internetnutzung auswirkt, wissen wir unterdessen. Was aber macht die Krise mit unseren zwischenmenschlichen Beziehungen? Sexualtherapeut Ben Kneubühler redet über Sex und Liebe in Zeiten von Corona.

Covid-19 bestimmt seit einigen Wochen den Alltag von vielen Menschen auf der ganzen Erde. Soziale Kontakte werden auf ein Minimum beschränkt, Grenzen dicht gemacht und vor den Supermärkten bilden sich Schlangen. In der Schweiz sind die meisten Menschen zu Hause. Arbeit und Freizeit findet für alle nicht systemrelevanten Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeberinnen in den eigenen vier Wänden statt. Wer als Paar zusammenwohnt, sieht sich auf einmal ständig. Wer alleine wohnt, ist plötzlich kontaktlos.

Dass sich diese neuen Lebensumstände auf Psyche und Beziehung auswirken können, scheint einleuchtend. Aber tun sie das tatsächlich? Mit dieser und weiteren Fragen habe ich mich an Ben Kneubühler gewandt. Der Sexual- und Paartherapeut arbeitet in einer Praxis in Zürich und berät dort Männer, Frauen und Paare.

Kannst du etwas über deine Arbeitsweise im Bereich der Sexualtherapie erzählen?
Ben Kneubühler, Fachpsychologe für Psychotherapie: Häufige Anliegen meiner Klienten handeln von der Lust – zu viel oder zu wenig davon –, der sexuellen Erregung oder dem zu frühen, zu späten oder dem ausbleibenden Orgasmus. Ich arbeite nicht nur mit dem Kopf, sondern auch viel mit körperlichen Übungen und mit den Emotionen.

Was sind das für körperliche Übungen?
Wenn zum Beispiel Leistungsangst beim Sex zu hoher körperlicher Anspannung führt, die den Körper immer mehr in einen Stressmodus bringt und so eine Erektion verhindert, erarbeiten wir Wahrnehmungs- und Entspannungsübungen. Durch Bewegung und Veränderungen der Atmung kann das Stresslevel ebenfalls gesenkt werden.

Hat sich das Coronavirus auf deine Arbeit ausgewirkt?
Ja, die grösste Auswirkung ist, dass ich nicht mehr in die Praxis gehe, sondern alle Sitzungen ins Online Setting verlegt habe. Dies geht erstaunlich gut, ausser, dass es viel ermüdender ist.

Bekommst du momentan vermehrt Anfragen von Paaren, die mit der neuen Situation Schwierigkeiten haben?
Ja, wobei diese Schwierigkeiten nur vereinzelt die Sexualität betreffen. Es geht eher allgemein um Streitigkeiten und um Umgang mit Nähe und Distanz.

Zum Beispiel bekam ich kürzlich eine Anfrage von einem Paar. Sie macht Homeoffice, er aber fährt weiterhin zur Arbeit. Durch diese Situation wurde das Gefühl von Alleinsein bei ihr verstärkt, wodurch auch alte Verletzungen hochkamen. Als er eines Abends nach Hause kam und etwas falsch verstanden hat, reagierte sie extrem heftig, vorwurfsvoll und wollte sich sogar trennen. Er fiel aus allen Wolken und hat sich dann immer mehr zurückgezogen. Es geht in der Liebe meistens darum wie zugewandt, zuverlässig und emotional engagiert wir uns gegenseitig wahrnehmen und wie akzeptiert wir uns fühlen. In diesem Beispiel wird sie immer lauter und kritischer, er fühlt sich immer weniger akzeptiert und zieht sich zurück. Das wiederum führt dazu, dass sie sich noch einsamer fühlt und noch lauter kritisiert. Ein Teufelskreis entsteht.

Stichwort Nähe. Viele Paare sind seit Ausbruch des Virus auf einmal Tag und Nacht zusammen. Wie kann sich das auf die Beziehung auswirken?
Für manche ist es der Himmel auf Erden. Sie können endlich viel Zeit miteinander verbringen und Dinge gemeinsam tun, die vorher zu kurz kamen. Natürlich können aber Unstimmigkeiten, Verletzungen und Enttäuschungen stärker ins Gewicht fallen, da sie präsenter sind. Teufelskreise können sich verstärkt zeigen, weil es weniger Ablenkungen gibt. Auch Kleinigkeiten können einen plötzlich nerven.

In einem ersten Schritt geht es darum, diese als solche zu erkennen und zu verstehen, dass am Ende beide verlieren und verletzt zurückbleiben. In einem zweiten Schritt geht es darum, herauszufinden, welche tieferliegenden Gefühle und Sehnsüchte bei einem selbst und beim anderen vorhanden sind. Diese sind meistens der Auslöser für einen Teufelskreis, werden aber während einer Eskalation nicht gespürt und mitgeteilt. Sobald wir erkennen, dass zum Beispiel hinter der Kritik zu viel Zeit vor dem Fernseher zu verbringen das Bedürfnis nach mehr Zweisamkeit steckt, haben wir eine Chance auszubrechen. Eine Paartherapie kann dabei helfen, wenn die Situation zu verfahren scheint.

Warum ist es für viele Menschen schwer, so viel Zeit gemeinsam zu verbringen?
Hand aufs Herz: Auch wenn man zwei Wochen mit der besten Freundin verreist, wird man früher oder später von Kleinigkeiten genervt sein. In Beziehungen sind die Erwartungen ans Gegenüber meist höher, so dass es noch schneller zu Streit kommen kann. Dies zu akzeptieren, bewirkt oft schon Wunder und entdramatisiert das Ganze. Eine pragmatische Lösung ist es, sich bewusst Momente zu schaffen, in denen man von niemandem gestört werden soll.

Verstärken sich auch bestehende Probleme in einer solchen Krisensituation wie jetzt?
Ja, es kann sein, dass sich bestehende Probleme verstärken oder auch alte Probleme wieder auftauchen. Wenn es die Partner aber schaffen, sich in der Krise gegenseitig zu unterstützen und sich das Gefühl von Verständnis und Sicherheit zu geben, kann es auch gelingen, die bestehenden Probleme in den Hintergrund zu rücken.

Wie schaffen es Paare, gerade jetzt aufzublühen?
Wer sich gut vom Stress und Sorgen abgrenzen kann und nicht deutlich Mehrarbeit hat, sondern vielleicht sogar mehr freie Zeit, kann diese Momente auch konstruktiv für die Beziehung nutzen.

Bettgeflüster: Es ist wichtig, über Wünsche und Fantasien zu reden.
Bettgeflüster: Es ist wichtig, über Wünsche und Fantasien zu reden.

Hast du als Experte Tipps, wie der Partner in dieser Zeit sexuell spannend und anziehend bleibt?
Zum einen hilft es, sich über Sex auszutauschen, immer wieder von neuem. Was läuft gut, wo gibt es noch Potenzial, was wären Wünsche und erregende Fantasien. Zum anderen beginnt die Lust ja nicht nur beim Partner, und es lohnt sich, immer wieder in sich hineinzuhorchen und zu ergründen, wie es um die eigene Lust steht. Sich selber in einen lustvollen Zustand zu bringen, lässt meistens auch den Partner spannender und lustvoller erscheinen.

Wie entsteht eigentlich sexuelle Spannung?
Sie kann durch einen Gedanken, eine Erinnerung, eine Phantasie, ein Gefühl, eine Körperwahrnehmung und durch vieles mehr entstehen, beispielsweise ein Duft, der einen an guten Sex erinnert oder eine körperliche Berührung an einer sensiblen Stelle.

Die momentane Situation kann also auch eine Chance sein, sich als Paar sexuell neu zu entdecken?
In jeder Situation liegt eine Chance, wenn wir sie anpacken. Sich bewusst Zeiten schaffen, in denen es um Sex geht, hilft nicht nur während Corona. Offen über Fantasien und Wünsche zu sprechen, ist ein Anfang. Es müssen aber nicht immer Gespräche sein. Abwechslungsweise das mit dem Partner zu tun, worauf man gerade Lust hat und sich erst danach darüber auszutauschen, wäre eine Idee.

Es gibt Paare, denen es schwer fällt über Sex oder ihre Fantasien zu reden. Was können die tun?
Ich würde sogar sagen, den meisten Paaren fällt es nicht so einfach über Sex und Fantasien zu reden. Es braucht Mut, denn wir machen uns dadurch auch verletzbar. Eine Möglichkeit, es einfacher zu machen ist, dass beide abwechslungsweise etwas von sich Preis geben.

Und was ist mit Singles, was können sie gegen eventuelle Einsamkeit tun?
In der heutigen Zeit gibt es zum Glück viele virtuelle Möglichkeiten, sich mit Freunden auszutauschen, um sich nicht einsam zu fühlen. Dies gilt auch für sexuelle Bedürfnisse. Natürlich ist es aber nicht dasselbe, wie realer Körperkontakt. Ich finde es wichtig, die körperlichen Bedürfnisse nach Wärme und Geborgenheit anders zu stillen. Sich zum Beispiel selber zu berühren, einzucremen oder ein Bad zu nehmen. Und übrigens zeigen Untersuchungen, dass Singles auch ohne Quarantäne nicht unbedingt jede Nacht geilen Sex mit jemandem haben ;)

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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