«Kevin, chouf dir aständegi Ungerhose»

«Kevin, chouf dir aständegi Ungerhose»

Vanessa Kim
Zürich, am 14.09.2021
Bilder: Thomas Kunz

Das Berner Start-up Flizzer steht für Unterhosen, die nicht nur bequem, sondern auch nachhaltig sind. Gründer Kevin Bucher verrät, was das Geheimnis seiner Schlüpfer ist und warum er damit für weniger peinliche Momente sorgt.

Es hätte eine romantische Liebesnacht werden sollen. Doch Kevin Bucher tritt ins Fettnäpfchen. Ohne sich Gedanken zu machen, greift er vor dem Date mit seiner Herzensdame zu einer verwaschenen und zerlöcherten Unterhose. Für den Liebestöter hat sie kein gutes Wort übrig: «Kevin, chauf dir aständigi Unterhose.» Ihr Wunsch ist ihm Befehl und so klappert der 42-Jährige die Berner Innenstadt ab – ohne fündig zu werden. Weil ihm nichts gefällt und vieles zwickt, legt er 2015 den Grundstein für sein Schlüpferlabel «Flizzer».

Kevin, bist du immer so schwer zufriedenzustellen?
Kevin Bucher: Nein, das nicht (lacht). Bis dahin hatte ich meine Unterhosen bei H&M im Multipack gekauft und mir keine Gedanken über deren Zustand gemacht. Bis mir meine damalige Freundin den Kopf wusch. Um herauszufinden, was eine anständige Unterhose ausmacht, habe ich sämtliche Läden abgeklappert. Erfolglos. Nicht mal das Fachpersonal konnte mir so richtig erklären, was der Unterschied zwischen den einzelnen Modellen und was der Vorteil von Materialien wie Modal, Baumwolle etc. ist. Das hat mich gestört. Darum musste eine Lösung her: Flizzer.

Die Gründung eines Labels ist kein leichtes Unterfangen: Kommst du aus der Textilbranche?
Nein. Ich interessiere mich zwar für Mode und wie sie hergestellt wird, habe aber keine Vorkenntnisse, die mir hätten weiterhelfen können.

Auf die Frage, welche Farbe sich am besten verkauft, antwortet Kevin: «Schwarz alias «Der Gentleman» ist der absolute Bestseller. Leider. Männer bevorzugen dunkle Farben.» Dem 42-Jährigen gefällt das pinke Modell «Der Rebell» besonders.
Auf die Frage, welche Farbe sich am besten verkauft, antwortet Kevin: «Schwarz alias «Der Gentleman» ist der absolute Bestseller. Leider. Männer bevorzugen dunkle Farben.» Dem 42-Jährigen gefällt das pinke Modell «Der Rebell» besonders.

Was hast du ursprünglich gelernt?
Maschinenzeichner respektive Maschineningenieur. Da mich dieser Beruf aber nicht erfüllte, wechselte ich in die Produktentwicklung und später ins Innovationsmanagement bei der Schweizerischen Post. Dementsprechend stand ich zu Beginn von Flizzer ohne ein Netzwerk da.

Wie hast du dieses Problem gelöst?
Ich besuchte die türkische Botschaft in Bern, die Verbindungen zur Textilbranche in der Türkei hat. Auch die Chefeinkäuferin von Schiesser hat mir weitergeholfen. Ursprünglich wollte ich ein zu 100 Prozent schweizerisches Produkt entwickeln.

Woran ist dieser Plan gescheitert?
Ich nahm mit vielen Schneidereien Kontakt auf und realisierte rasch, dass dieses Ziel unrealistisch ist. Hätte ich es durchgezogen, wäre ich mit Flizzer in derselben Preisklasse wie Zimmerli-Unterwäsche à rund 100 bis 120 Franken pro Modell gelandet. Ein guter Kompromiss ist das nahe Ausland, damit die Transportwege kurz bleiben. Nach etwa einem Jahr Suche stiess ich auf einen passenden Produzenten in Baden-Württemberg: Die Firma Comazo ist einer der grössten deutschen Abnehmer von Fairtrade-Baumwolle.

Das Design seiner Unterhosen hat Kevin entworfen. Auch hier fliesst der Slow-Fashion-Gedanke ein: Die Schlüpfer sind zeitlos und zwischen den Beinen doppellagig verarbeitet, so sind sie langlebig.
Das Design seiner Unterhosen hat Kevin entworfen. Auch hier fliesst der Slow-Fashion-Gedanke ein: Die Schlüpfer sind zeitlos und zwischen den Beinen doppellagig verarbeitet, so sind sie langlebig.

Warum ist dir Nachhaltigkeit wichtig?
Männer werfen eine Unterhose nicht weg, nur weil sie verwaschen oder zerlöchert ist. Da sie «niemand» sieht, ist das kein Drama. Das ist auch der Grund dafür, warum alle mehr Geld für eine Jacke, Schuhe oder einen Pullover ausgeben. Das ist jedoch ein völlig falscher Ansatz. Weil die Unterhose direkt auf der Haut liegt, sind Giftstoffe und toxische Schwermetalle fehl am Platz. Darum wollte ich nachhaltige und chemiefreie Unterhosen produzieren, die stylish sind.

Wie lief die Zusammenarbeit mit dem deutschen Produzenten weiter?
Nach einem persönlichen Treffen legten wir mit der Modellentwicklung los. Den ersten Prototyp hielt ich im September 2017 in den Händen. Daraufhin schickte ich ihm meine Änderungswünsche und Schnittkorrekturen, die ich direkt auf der Unterhose einzeichnete, wieder zurück. Fünf Iterationsschleifen waren nötig.

Und wie hast du deinen Traum finanziert?
Ich gründete erst eine GmbH und investierte 20 000 Franken. Schnell merkte ich, dass das Geld nicht ausreicht und zahlte weitere 10 000 Franken drauf. Zusammen mit einem Kollegen setzte ich eine Homepage auf und stellte alles online. Das Ganze generierte einige Verkäufe. Mehr nicht. Nach dem Bericht einer Schweizer Tageszeitung über Flizzer schossen die Verkäufe kurz in die Höhe und gingen wieder zurück. Wie das bei einem Start-up halt so ist. Es ging nicht vorwärts und der Umsatz blieb plus minus bei 50 000 Franken stehen. Was den ganzen Aufwand, den ich in dieses Projekt gesteckt hatte, bei weitem nicht abdeckte.

Kevin arbeitet coronabedingt im Homeoffice. Auch die Produktion «leidet» unter der Pandemie. Statt drei nimmt die Herstellung heute rund fünf bis sechs Monate in Anspruch. Das erschwert die Planung.
Kevin arbeitet coronabedingt im Homeoffice. Auch die Produktion «leidet» unter der Pandemie. Statt drei nimmt die Herstellung heute rund fünf bis sechs Monate in Anspruch. Das erschwert die Planung.

War das der Grund für deinen TV-Auftritt bei Die Höhle der Löwen Schweiz?
Im Jahr 2019 fragte mich ein Bekannter, den ich über sieben Ecken kenne, ob ich mitmachen will. Ich zögerte kurz, da mein Produkt nicht wirklich innovativ ist. Es handelt sich bei Flizzer «nur» um eine qualitativ hochwertige und nachhaltige Unterhose. Bei mir geht es eher um einen Brand und seine Positionierung. Schlussendlich willigte ich ein und habe tatsächlich ein Investment erhalten. Jedes Mal, wenn die Wiederholung der Sendung ausgestrahlt wird, läuft das Geschäft besser.

Kannst du von Flizzer leben?
Nein, ich arbeite nach wie vor bei der Schweizerischen Post. Ich habe aber auf 80 Stellenprozent reduziert. Die restlichen 20 Prozent – inoffiziell ist es etwas mehr (schmunzelt) – arbeite ich für mein Label. Dank der TV-Finanzspritze erhöhe ich die Präsenz der Marke in der Schweiz: Zwei Mitarbeiter helfen mir mit dem Marketing.

Was unterscheidet deine Unterhosen von der Konkurrenz?
Sie fühlen sich aufgrund der nahtlosen Verarbeitung wie eine zweite Haut an – darum auch der Name Flizzer. Gleichzeitig sorgt die Beinlänge dafür, dass nichts verrutscht. Der Bund ist nicht zu steif, so klappt er bei einem allfälligen Bauchansatz nicht nach unten. Der elastische Single Jersey besteht zu 90 Prozent aus Bio-Baumwolle und zu 10 Prozent aus Elastan, das aus einem recycelten High-Tech-Material besteht.

Die Entwicklung des Hosenbunds ist die Königsdisziplin: Es geht darum, wie viel Zug er hat, damit die Unterhose auf den Seiten nicht einschneidet.
Die Entwicklung des Hosenbunds ist die Königsdisziplin: Es geht darum, wie viel Zug er hat, damit die Unterhose auf den Seiten nicht einschneidet.

Sind die Unterhosen zertifiziert?
Ja, das ist mir wichtig: Fairetrade, Global Organic Textile Standard (GOTS), OekoTex und Business Social Compliance Initiative (BSCI). Künftig will ich einen Schritt weitergehen. Mein Ziel ist ein kreislauffähiges Produkt. Wegen Corona und den langen Lieferzeiten muss dieses Projekt vorerst pausieren. Immerhin ist mir das bereits in puncto Verpackung gelungen. Ich arbeite neuerdings mit einer Druckerei im Emmental zusammen. Sie ist eine von zwei Druckereien in ganz Europa, die kreislauffähiges Cradle-to-Cradle-Papier respektive -Karton anbietet. Noch kämpfe ich allerdings mit Gegenwind.

Inwiefern?
Cradle-to-Cradle-Papier ist weiss. Das irritiert meine Kundschaft. Sie beschwert sich darüber, dass zwar die Unterhosen, nicht jedoch die Verpackung nachhaltig sei. Aus diesem Grund lasse ich die zertifizierte und kreislauffähige Verpackung mit biologisch abbaubarer Farbe bedrucken, damit sie nicht nur nachhaltig ist, sondern auch nachhaltig aussieht.

Bei Flizzer ist sämtliches Verpackungsmaterial rezyklierbar. Die Abwicklung des Online-Shops erfolgt durch den «Betrieb B», ein Blinden- und Behindertenzentrum in Bern.
Bei Flizzer ist sämtliches Verpackungsmaterial rezyklierbar. Die Abwicklung des Online-Shops erfolgt durch den «Betrieb B», ein Blinden- und Behindertenzentrum in Bern.

Was sind deine nächsten Projekte?
Eine Boxershorts-Linie, die Ende Jahr auf den Markt kommt. Die Shorts sind aus einem gestrickten Material gefertigt. Darum sind sie nicht so steif wie herkömmliche Boxershorts, die in der Regel gewoben sind.

Gehen Frauen wieder leer aus?
Nein, im Gegenteil. Weil 50 Prozent der Kundschaft weiblich ist und die Nachfrage nach nachhaltiger Damenunterwäsche vorhanden ist, arbeite ich gerade an einer Frauenlinie. Dabei unterstützt mich eine Expertin, die 20 Jahre Berufserfahrung bei Marken wie Beldona und Calida auf dem Buckel hat. Für die Kollektion haben wir einen neuen Stoff entwickelt, der dünn ist, damit er sich unter Kleidungsstücken nicht abzeichnet und sich angenehm anfühlt. Die Linie besteht aus diversen Modellen und Farben.

Work in progress: Das Moodboard zur neuen Damenkollektion.
Work in progress: Das Moodboard zur neuen Damenkollektion.

Sind auch Bügel-BHs geplant?
Nein, wir führen allerdings nicht-gestützte Bustiers. Vor drei Wochen las ich einen spannenden Artikel in der Sonntagszeitung. Darin ging es um die Entwicklung des BHs. Niemand weiss, warum es Bügel-BHs gibt. Es gibt keine logische Erklärung dafür. Abgesehen davon ist er seit Corona und Homeoffice auf dem absteigenden Ast.

Eine letzte Frage: Wie animierst du Männer dazu, sich hochwertige Unterwäsche zu kaufen?
Durch die Kommunikation und die freche Sprache. Ausserdem zelebriert Flizzer seine Community und ruft unter anderem auf Instagram zu gemeinsamen Events auf. Wie morgen zum Beispiel: Da treffen wir uns zum ersten «Aare-Flizzen» beim Freibad Marzili. Schön wäre es, wenn sich 100 Leute in Flizzer-Unterhosen versammeln würden. Der Aufbau der Community liegt mir am Herzen. Danach geht es um den Tragekomfort, den du nach dem ersten Tragen nicht mehr missen willst.

Da kratzt nichts: Das Pflegeetikett ist auf die Innenseite der Unterhosen gedruckt. Kevin produziert keine Unterhose, bei der du etwas abschneiden musst, bevor du sie trägst.
Da kratzt nichts: Das Pflegeetikett ist auf die Innenseite der Unterhosen gedruckt. Kevin produziert keine Unterhose, bei der du etwas abschneiden musst, bevor du sie trägst.

Auf Augenhöhe

Anfang September, einen Tag nach dem Interview, fand bei sonnigen 26 Grad Celsius besagtes Treffen statt. Fotograf Thomas Kunz hielt das erste Aare-Flizzen vor Ort fest. Der ausgelassenen Stimmungen tat es keinen Abbruch, dass statt der gewünschten 100 Leute nur eine handvoll aufkreuzten. Im Gegenteil. Die «Flizzer» hatten Spass und lenkten in ihrem spärlichen Outfit sämtliche Blicke auf sich – die beste Werbung überhaupt. Und der lebende Beweis dafür, dass die Unterhosen alles andere als Liebestöter sind.

Kevin (links) pflegt an Events wie dem Aare-Flizzen den Kontakt mit der Community.
Kevin (links) pflegt an Events wie dem Aare-Flizzen den Kontakt mit der Community.
Der Exot
noch 7 von 9 Stück
50.60statt 59.50
Flizzer Der Exot
Der Gentleman
noch 6 von 9 Stück
50.60statt 59.50
Flizzer Der Gentleman

Hier geht es zum gesamten Flizzer-Sortiment.

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Vanessa Kim
Vanessa Kim

Editor, Zürich

Wenn ich mal nicht als Open-Water-Diver unter Wasser bin, dann tauche ich in die Welt der Fashion ein. Auf den Strassen von Paris, Mailand und New York halte ich nach den neuesten Trends Ausschau und zeige dir, wie du sie fernab vom Modezirkus alltagstauglich umsetzt.

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