Geld, Macht und tote Disney-Helden
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Geld, Macht und tote Disney-Helden

Natalie Hemengül
Zürich, am 24.03.2021
Tyrannei, Manipulation, Gier. Disneys Strategiespiel «Villainous» hat die Prinzessin in mir kurzerhand in einen Dornröschenschlaf versetzt. Und das Böse? Das ist erwacht.

Drei Stunden. So lange dauerte die erste Partie. Wir waren zu sechst. Nur zwei von uns hatten die Spielregeln kapiert und wussten, was sie taten. Ich hingegen fühlte mich so verloren wie Schneewittchen, die mit ihrem mangelnden Orientierungssinn auf der Flucht vor dem Jäger im Wald umherirrt. Spielzug um Spielzug wurde ich wie ich kleines Kind betreut und spielte mit offenen Karten. Und das bei einem Disney-Spiel, das theoretisch schon ab einem Alter von zehn Jahren empfohlen wird.

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Disneys Strategiespiel «Villainous», ein Geburtstagsgeschenk von meinen Freunden, mag nach den ersten paar Zeilen abschreckend auf dich wirken. Aber ich schwöre, der Spass setzt ein. Irgendwann. Später. Zunächst brauchst du aber Geduld. Und Vertrauen. Vertrauen, dass deine Mitspieler*innen das Spiel gecheckt haben. Denn in den ersten paar Spielpartien wirst du so mit dir selbst beschäftigt sein, dass du den Spielzügen deiner Kameraden und Kameradinnen kaum folgen kannst. Nur blöd, dass das genau der Dreh- und Angelpunkt des Spiels ist: alle Bösewichte im Auge zu behalten.

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Spielziel: Geld, Macht und besiegte Helden

In Villainous sympathisierst du mit den Schurken aus dem Disney-Universum und schlüpfst in eine der folgenden Rollen deiner Wahl: Herzkönigin, Käpt’n Hook, Maleficent, Prinz John, Dschafar oder Ursula. Jeder Bösewicht besitzt spezielle Fähigkeiten und verfolgt ein anderes Ziel, das offen kommuniziert wird. Die unterschiedlichen Ziele sind dabei auf die Geschichte der Figuren angepasst.

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Ein Beispiel: Spielst du Prinz John, den geldgierigen Löwen aus Robin Hood, lautet dein Ziel, zu Beginn eines deiner Spielzüge mindestens 20 Machtchips zu besitzen. Bei Dschafar hingegen, dem hinterhältigen Grosswesir aus Aladdin, wirkt die Mission schon etwas komplexer: Zu Beginn eines Spielzugs muss sich die Wunderlampe im Sultanspalast befinden und Dschinni unter Hypnose stehen.

Ich sag's ja, nicht ganz einfach.

Du musst also deine eigenen Ziele und die deiner Mitstreiter*innen präsent haben. Nur so verhinderst du, dass sie ihre finsteren Pläne noch vor dir in die Tat umsetzen und gewinnen, denn: Du kannst ihnen immer wieder Steine in den Weg legen, zum Beispiel indem du altbekannte Helden auf sie ansetzt.

Am Anfang steht das Chaos

Die Komplexität des Spiels wird dadurch verstärkt, dass das Spiel mit viel – wirklich viel – Material daherkommt, das über das Übliche an Spielfiguren und einem Gemeinschaftsbrett hinausgeht. Bei Villainous haben alle Spieler*innen eine individuelle Spielertafel vor sich liegen. Darauf sind unterschiedliche Schauplätze dargestellt, die sich in der Welt des jeweiligen Bösewichts befinden. Ausserdem gibt es für jeden der sechs Bösewichte 30 individuelle Bösewichtkarten sowie ein Schicksals-Kartensatz à 15 Karten, einen Kessel für die drei unterschiedlichen Arten von Chips, Spielhilfe-Tafeln, die die Symbole auf der Spielertafel aufschlüsseln und sechs Bösewicht-Handbücher.

Setzt euch an einen möglichst grossen Tisch, denn an einem kleinen hat das Spiel niemals Platz. Über mehrere Runden hinweg setzt du nämlich rund um deine Spielertafel herum mehrere Kartenstränge an. Ganz zu schweigen von den Ablagestapeln. Je mehr Platz du zur Verfügung hast, desto besser.

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Spielerlebnis

Das Spiel ist also kompliziert und umfangreich. Aber vor allem ist es mit viel Liebe zum Detail konzipiert. Es gibt viel zu entdecken. Vor meinem ersten Spiel habe ich eine halbe Stunde nur damit verbracht, mir alle illustrierten Karten genau anzuschauen. Schlüpfst du zudem in jeder Spielpartie in eine neue Bösewichtsrolle, erlebst du das Spiel immer wieder aus einer anderen Perspektive. Hast du die Rollen satt, gibt’s für Villainous drei ergänzende Sets mit weiteren fiesen Rollen.

Laut dem Hersteller soll ich pro Mitspieler oder Mitspielerin 20 Minuten Spielzeit einberechnen. Nach einigen Partien wird mir klar: Das gilt lediglich für Profis. Plane als Anfänger daher genügend Zeit ein. Vor allem, wenn du dich erst noch mit den Spielregeln und der beigelegten Anleitung vertraut machen musst. Apropos Spielanleitung: Zieh dir lieber gleich das Anleitungs-Video rein, statt dich durch das Booklet zu blättern. Das ist effizienter und du kannst es bei Bedarf immer wieder stoppen, um die einzelnen Schritte vor zu auszuführen. Ausserdem wirst du so beim Vorlesen nicht müde. Das ist wichtig, denn das Erlernen der Spiellogik erfordert viel Konzentration sowie mehrere Partien.

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Mehr als vier Spieler*innen würde ich zum Erlernen des Spiels nicht empfehlen. Die Spielzüge dauern in der Regel lang, weshalb es für diejenigen, die nicht an der Reihe sind, schnell langweilig werden kann. Zumindest bis alle den Bogen raus haben. Ab dann geht der Spass los. Obwohl jeder Bösewicht ein anderes Ziel verfolgt und auch dementsprechend seine Züge mit einer anderen Logik bestreitet, scheint das Spiel durchgehend fair zu sein. Es gibt also keine «einfachen» Rollen. Wenn mir Disney eines beigebracht hat, dann, dass man es als Bösewicht ohnehin nie leicht hat.

Fazit

Du hast einen langen Atem, denkst gerne strategisch und bist in der Disney-Welt zu Hause? Dann dürfte Villainous dein Game sein. Es ist ein abendfüllendes Gesellschaftsspiel, das deine Zeit und Aufmerksamkeit verdient hat. Suchst du hingegen ein Spiel für zwischendurch, das du einer Gruppe in wenigen Minuten beibringen kannst, bist du hier an der falschen Adresse. Dazu beansprucht das Spiel zu viel Konzentration und Einarbeitungszeit. Das Beste – oder besser gesagt das Schlimmste – holst du aus Villainous, wenn du das Spiel regelmässig mit derselben Truppe spielst. Ich möchte es auf jeden Fall noch viele weitere Male spielen und als Maleficent neugeborene Töchter verfluchen.

Die Gang: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann machen sie noch heute Ärger...
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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Editor, Zürich
Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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