
Ratgeber
Brille richtig putzen: Tipps vom Profi
von Michael Restin

Von Baumwolle bis Bambusfaser, von Poloshirts bis WC-Papier – was ihr nicht alles zum Brillen putzen benutzt! Das ist der Stoff, aus dem Fortsetzungsgeschichten sind. Zwei Experten von Carl Zeiss Vision haben weitere Tipps.
Ich habe mir verwundert die Augen gerieben, wie unterschiedlich ihr eure Brillen reinigt. Unter meinem Gespräch mit dem Experten von Optikschweiz hagelte es Meinungen, Beschreibungen von Routinen, zahlreiche Tipps und vertiefende Fragen. Ein glasklarer Fall – da muss ich weiter nachhaken.
Nicht nur ich habe Gesprächsbedarf: Zwei Experten von Carl Zeiss Vision sind ebenfalls der Meinung, dass zu diesem Thema längst noch nicht alles gesagt ist. Mit ihnen verabrede ich mich via Teams zum Interview.
Herr Zehender, sind Sie mit den Reinigungstipps aus meinem vorangegangenen Interview generell einverstanden?
Achim Zehender: Für zu Hause ist die beschriebene Methode – warmes Wasser und eine nicht rückfettende Seife – sicherlich immer noch ein guter Weg, um die Brille dauerhaft pfleglich zu behandeln. Ich würde allerdings Wert darauf legen, dass zum Trocknen stets ein sauberes Baumwolltuch verwendet wird.
Sie spielen auf die «Notfall-Variante» mit dem alten T-Shirt an. Ich bleibe am Begriff «Baumwolle» hängen. Ist die Naturfaser denn besser als spezielle Mikrofasertücher?
Achim Zehender: Mikrofasertücher bestehen aus Synthetik. Also auf Deutsch: Aus Plastik, nur eben in kleinstverwobenen Fasersträngen. Zwischen den Fasern gibt es Raum, der Schmutz aufnehmen kann. Allerdings keine Feuchtigkeit. Ein sauberes Baumwolltuch ist deshalb so sinnvoll, weil es auch die Feuchtigkeit aufnimmt. Damit können Sie die Brille trocken reiben.

Ein Mikrofasertuch bringt zum Trocknen also relativ wenig. Selbst wenn ich in jeder Tasche eines habe, bin ich bei Regen aufgeschmissen.
Achim Zehender: Genau. Aber das Gros der Augenoptiker gibt unheimlich gern ein Mikrofasertuch mit. Es ist abgesehen davon keine schlechte Alternative, sofern ich es ordentlich aufbewahre. Habe ich es in der Hosentasche? Bingo! Da wird es direkt schmutzig. Deswegen ist es schon sinnvoll, das Mikrofasertuch im Brillenetui oder in einem kleinen Täschchen aufzubewahren.
Und dann kann ich ordentlich damit putzen?
Achim Zehender: Putzen schon. Für mich als Schwabe heisst das: Ich schaffe es, den Schmutz so zu verteilen, dass ich durchschauen kann. Aber reinigen kann ich mit einem trockenen Mikrofasertuch eben nicht wirklich.
Neben Baumwolle nutzen die Leute nicht nur Mikrofasertücher, sondern auch alte Poloshirts aus Piqué-Stoff, Bambusfasern, Taschentücher, WC- oder Haushaltspapier – mit dem Argument, dass dieses längst nicht mehr so rau sei wie früher. Alle scheinen mit ihrer Methode zufrieden zu sein. Sind Kratzer heutzutage kein so grosses Thema mehr, Herr Kettler?
Stefan Kettler: Als ich vor 20 Jahren in dieser Branche angefangen habe, da hatte man Kunststoffgläser, die schneller Kratzer bekamen. Doch beschädigte Beschichtungen gehören nach wie vor zu den häufigsten Problemen. Das liegt nicht nur an der Glasqualität, sondern auch am Konsumenten.
Wie lange sollte die Beschichtung denn halten?
Stefan Kettler: Die Schweizerinnen und Schweizer kaufen alle vier bis fünf Jahre mal eine neue Brille. So lange hält eine moderne Beschichtung auch einigermassen gut. Aber der Alltag ist vielfältig, da passiert halt mal was. Die Brille wird Hitze und Kälte ausgesetzt, sie fällt runter oder sie wird nicht ordentlich aufbewahrt, sondern zum Beispiel im Auto einfach abgelegt. Dann scheuert das an der Beschichtung. Genau wie ein ungeeignetes Reinigungstuch.

Scheuern klingt wie das Gegenteil von pfleglicher Behandlung. Warum sind dann trotzdem so viele mit ihren Putzroutinen zufrieden?
Stefan Kettler: Es geht ja nicht nur um die augenfälligen Kratzer, die man im Gegenlicht direkt sieht, sondern auch um Mikroläsionen. Wir sind hier im Nanobereich: Damit eine Beschichtung entspiegeln kann, ist sie halb so gross oder viertel so gross wie die Amplitude eines Lichtstrahls. Eine so dünne Schicht mit einem Hartlack drüber kriegt man schon irgendwann runtergescheuert.
Sie haben Tests durchgeführt und Kleidungsstücke mit Reinigungstüchern verglichen. Das ist sehr interessant, denn bislang argumentieren alle nur mit persönlichen Erfahrungen. Was kam dabei raus, Herr Zehender?
Achim Zehender: Wenn es nur um die Sauberkeit geht, stellt man fest, dass das Glas mit dem trockenen Kleidungsstück im Endeffekt wirklich verschmiert ist. Mit einem feuchten Reinigungstuch wird es sauberer. Das ist mal das eine.
Und das andere?
Achim Zehender: Langfristig verursacht das Kleidungsstück sichtbare Schäden an der Beschichtung. Wir reden von 800 Wischzyklen, was ungefähr 40 mal Brille reinigen entspricht. Wenn man sich dann 1600 Zyklen nähert, bricht das Licht dermassen stark, dass man eigentlich gar nicht mehr richtig durchschauen kann. Mit dem feuchten Brillenreinigungstuch passiert das nicht.


Ich nehme mal an, für die Testreihe haben Sie ein speziell vergütetes und hochwertiges Glas genommen?
Achim Zehender: Unsere härteste Beschichtung heisst DuraVision und die ist bei uns nahezu überall drauf. Bei Gläsern vom Augenoptiker kann man in Europa schon davon ausgehen, dass die Brillen gut beschichtet sind. Dann fallen die Qualitätsunterschiede erst langfristig auf. Aber diese Beschichtung und ihre Verarbeitung machen es letzten Endes aus.
Bei meiner aktuellen Brille habe ich zu allem ja gesagt, was mir vorgeschlagen wurde. Beim Anpassen hiess es, dass sogar die Wimpern langfristig die Beschichtung beschädigen können. Ist das so, Herr Kettler?
Stefan Kettler: Das ist möglich. Aber wenn die Brille so nah am Gesicht ist, dass die Wimpern kratzen können, stimmt ohnehin etwas nicht. Bevor man die Gläser macht, sollte man wissen, wo sie sitzen. Ansonsten würde ich sagen, dass Schweiss das grössere Problem ist. Schweiss ist sehr aggressiv, wenn man ihn auf dem Glas trocknen lässt. Je öfter man die Brille fein säuberlich putzt, desto besser.
Ultraschallreiniger sind für einige das Nonplusultra, wenn die Brille richtig sauber werden soll. Die einen schwören drauf. Die anderen sagen: «Vorsicht, das macht die Beschichtung kaputt!» Was stimmt denn nun?
Stefan Kettler: Es ist grundsätzlich keine falsche Idee, solange sie keine Brille aus Naturmaterialien tragen. Die nächste Frage ist, welches Reinigungsmittel man reinkippt. Manche nutzen Brennsprit – und da müsste man sich dann wieder unterhalten. Ansonsten kann man in der Regel nicht viel kaputt machen.
Ein Restrisiko bleibt?
Stefan Kettler: Bei einem Grosskunden habe ich mal erlebt, dass Gläser plötzlich ganz komische Phänomene aufgewiesen haben. Das waren Polycarbonat-Gläser, die mit der Beschichtungskombination im Ultraschall und den Zusätzen, die wir für andere Gläser vorgeschlagen haben, nicht klarkamen. In seltenen Fällen kann es also zu Problemen kommen.
Welche Flüssigkeiten sollte man beim Reinigen generell meiden? Manche nehmen hochprozentigen Alkohol, andere kommentieren, dass das eine schlimme Sünde sei und die Vergütung der Gläser zerstöre.
Achim Zehender: Da scheiden sich die Geister. Alkohol bricht den Schmutz am besten und trocknet auch sehr schnell. Dabei wird die Brille nicht unbedingt über lange Zeit im Alkohol exponiert – was wiederum mehr den Fassungsmaterialien schadet, als den Brillengläsern und Glasbeschichtungen.
Auch der Nutzen von feuchten Reinigungstüchern wurde in meinem ersten Beitrag angezweifelt. Die Kritik: Man reibe den Staub nur hin und her, die Veredelung werde abgeschliffen wie mit einem Schmirgelpapier.
Achim Zehender: Korrekt angewendet können die Brillengläser und Beschichtungen keinen Schaden nehmen. Ich habe mal auf einer der grössten Augenoptikermessen in Europa einem Optiker gezeigt, wie man es richtig machen sollte. Nachdem ich fertig war, hat er sich die Brille angeschaut. Er meinte, er sei seit 32 Jahren im Job und habe 32 Jahre lang nicht gewusst, wie er die Brille richtig reinige.
Wie beruhigend … wenn er es nicht wusste, weiss es wahrscheinlich kaum jemand. Was war sein Aha-Erlebnis?
Achim Zehender:
(zieht ein feuchtes Reinigungstuch aus der Verpackung)
Wir haben in der Marktforschung festgestellt, dass 99,9 Prozent der Menschen das Tuch gleich aufwedeln. Dabei schreiben wir auf unserer Verpackung, man soll die Brille erst mal mit dem gefalteten Tuch abwischen. Ganz leicht und vorsichtig.
(Nimmt die Brille ab und beginnt zu reinigen)
Wenn ich das so mache, dann ist das Gröbste schon weg und komme auch richtig gut an den Rand unter das Nasenpad. An diesen Stellen sitzt der meiste Schmutz. Zuhause mache ich das unter fliessendem Wasser. Das feuchte Tuch folgt unterwegs demselben Prinzip.
Und nach diesem Schritt?
Achim Zehender: Dann falte ich das Tuch auf und wende es. So kann ich mit der sauberen Seite ohne Staub mein Brillenglas von innen nach aussen reinigen und habe weder Schmiere noch Kratzer. Das ist das ganze Geheimnis, dann kann nichts passieren. Es ist ein mikrofeines Zellulosefasertuch, das feine Staubpartikel aufnehmen kann.
Mal schauen, ob das die skeptische Community überzeugt.
Achim Zehender: Wir verkaufen jedes Jahr Millionen dieser Tücher. Über die letzten sechs Jahre habe ich nur eine Beschwerde bekommen. Wenn man Schmirgelpapier für die Brille nimmt, funktioniert es halt auch nicht. Aber wenn man es richtig macht, passiert nichts.

Dann gibt es noch Reinigungssets mit Spray für unterwegs. Was ist da für ein Zaubermittel drin? Wasser und Seife? Glasreiniger? Oder doch harter Alkohol?
Achim Zehender: It's magic! (lacht) Klar, wir werden die Rezeptur jetzt nicht verraten. Aber es ist so, dass in dem Spray kein Alkohol drin ist. Da geht es rein über die Flüssigkeit, die mit Tensiden versetzt ist und sehr sanft reinigt. Es ist die nachhaltigere Variante, weil wir durch dieses Spray und ein Mikrofasertuch eine Mehrfachnutzung haben.
Was kann ich dabei falsch machen?
Achim Zehender: Auch hier gilt es, zunächst vorsichtig den groben Schmutz und Staub zu entfernen. Danach würde ich nicht direkt auf die Brille sprühen, sondern in eine Ecke des Tuches. Damit schön reinigen und dann mit der anderen Seite sauber machen. Sonst sind wir wieder bei der Thematik, dass Mikrofaser keine Flüssigkeit aufnimmt. Aber bei wenig Feuchtigkeit funktioniert das. So reinigt sich die Brille genauso leicht und schnell wie mit einem feuchten Brillenreinigungstuch.

Zeiss Brillen- und Displayreinigungsset, mikrofasertuch + reinigungsspray
Eine relativ junge Innovation sind die Antibeschlag-Tücher, die mein erster Gesprächspartner unter dem Aspekt der Reinigung etwas provokant als Schmiere abgetan hat.
Stefan Kettler: Es ist natürlich so, dass man etwas aufs Glas aufträgt. Da würde ich ihm Recht geben. Und wenn man sich was aufpoliert, dann hat das einen optischen Einfluss: Das Glas kann ein bisschen stärker reflektieren. Die Antibeschlag-Tücher waren besonders in der Pandemie gefragt. Ich persönlich verwende die Tücher auch für die Schwimmbrille und das funktioniert dann für drei Schwimmgänge relativ gut. Wenn man sie anschliessend mit Wasser abspült, dann ist es auch wieder weg.
Es ist also eine Abwägungsfrage, wann der Nutzen die Schmiere rechtfertigt?
Achim Zehender: Wir gehen Skifahren oder von draussen nach drinnen ins Warme, dann läuft die Brille an. Einfacher und bequemer als mit diesem Antibeschlag-Tuch lässt sich das Problem nicht lösen. Da muss man auch als Optiker nicht immer im Licht den Effekt suchen, sondern vielleicht mal sagen: Augen zu und durch, der Kunde ist zufrieden.
Danke für das Gespräch! Ich blicke nun auch ohne Antibeschlag-Tuch etwas besser durch. Mich haben Sie auf jeden Fall überzeugt, künftig die Finger vom T-Shirt zu lassen.
(beide lachen)
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
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