Alles fair bis auf den Reissverschluss: Mein kleines Problem mit dieser leichten Bike-Jacke
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Alles fair bis auf den Reissverschluss: Mein kleines Problem mit dieser leichten Bike-Jacke

Michael Restin
Zürich, am 04.05.2022

Die Vaude Minaki Light wärmt an den entscheidenden Stellen, schützt gut vor Wind und ausgezeichnet vor Gewissensbissen. Nur der Zipper zeigt von Zeit zu Zeit Zähne. Trotzdem mag ich meine Zwangsjacke.

Ich liebe Ausrüstung, die es mir leicht macht. Sachen, die klein, unkompliziert, praktisch und deshalb immer dabei sind. Die Isolationsjacke Minaki Light von Vaude will so ein No-Brainer sein. Nicht ins Gewicht fallen, aber einen Unterschied machen, wenn der Fahrtwind den Oberkörper auszukühlen droht. Ich bin nun seit einem knappen Jahr mit ihr unterwegs. Dabei hat sie mir gute Dienste geleistet und mich gelegentlich an den Rand der Verzweiflung gebracht. Aber der Reihe nach. Für mich sind bei Outdoor-Produkten zwei Aspekte wichtig: Das Zeug muss zweckmässig sein, klar. Doch auch die Produktionsweise spielt eine Rolle.

Vaude, Woood, Faude?

Vaude ist ein Outdoor-Unternehmen aus Tettnang am Bodensee, bei dem Sport-Kollege Patrick Bardelli und ich uns regelmässig gefragt haben, wie die Marke richtig ausgesprochen wird. Französisch? Deutsch? Egal? Die Antwort ist einer der Gründe dafür, warum die Marke bei mir inzwischen einen Stein im Brett hat. Vaude spricht sich ganz platt deutsch wie v.D., die Initialen der Gründerfamilie von Dewitz. Bis heute ist das Unternehmen in Familienbesitz, und diese Familie gibt ihm ein Gesicht. Seit 2009 ist es das von Antje von Dewitz, die als CEO früher als andere den Mut hatte, voll auf Nachhaltigkeit zu setzen.

Mut steht uns gut! (Antje von Dewitz)
24.–
Mut steht uns gut! (Antje von Dewitz)

Seither hat sie mit ihrem Team Bemerkenswertes geschafft. Eine kleine Auswahl: Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2015, Best-Practice-Award der Fair Wear Foundation 2016, Platz 1 im Ranking der Nachhaltigkeitsberichte 2019, flexible Arbeitszeitmodelle, eigener Unternehmenskindergarten, 60 Prozent Frauenquote, Integration von Geflüchteten, seit 2022 klimaneutral, und, und, und. Mein Eindruck ist: Hier meint es jemand ernst, kommuniziert das sachlich und wedelt nicht in Hochglanz-Kampagnen mit einem grünen Feigenblatt. Vaude ist ökologisch, sozial und erfolgreich unterwegs. Und wie passt der Öko-Kurs zur Kunststoffjacke, die ich in den Händen halte?

Schwarze Jacke, grüne Jacke

Lesefutter ist auch dabei.
Lesefutter ist auch dabei.

Gefühlt ist die Jacke so öko wie eine Palette Coca-Cola in PET-Flaschen. Dunkel, glänzend und aus glattem Kunststoff kommt sie daher, ist aber trotzdem mit diversen Labels dekoriert, die das Gewissen beruhigen: Green Shape, Grüner Knopf, Fair Wear, myclimate neutral. Zusammen wiegen sie wahrscheinlich fast so viel wie die Jacke selbst. Fürs Erste lege ich die Anhänger beiseite und kümmere mich darum, wie sich die Minaki im Einsatz schlägt. Sie begleitet mich beim Biken und auch beim Joggen, wenn es kalt oder feucht wird. Isoliert ist sie nur im Bauch-, Brust- und Schulterbereich – also dort, wo der Wind bei der Abfahrt auf ein nassgeschwitztes Trikot trifft.

Gewärmt wird durch die Minaki Light nur der Torso.
Gewärmt wird durch die Minaki Light nur der Torso.
Bild: Vaude

Alles andere an der Isolationsjacke ist extrem dünn, atmungsaktiv und wasserabweisend. In der Praxis heisst das, dass ich nach 40 Minuten im Nieselregen immerhin noch nicht völlig durchnässt bin. Die Jacke ist angenehm eng geschnitten, hat eine gute Länge und schränkt durch die seitlich angeschnittene Kapuze die Sicht nicht ein. Auf der Haut fühlt sie sich künstlich, aber nicht klebrig an. Die Winddichtigkeit wird mit 80 Prozent angegeben, ein wenig Luftzirkulation bleibt also. Insgesamt macht sie sich ziemlich unsichtbar und wärmt, ohne selbst zur Schweissfalle zu werden. Kurz: Sie erfüllt meine Erwartungen. Wie leicht diese Jacke ist, merke ich, sobald ich etwas in die hinten links platzierte Reissverschlusstasche packe. Das Zusatzgewicht zieht sofort merklich nach unten.

Hinten links hat's Platz.
Hinten links hat's Platz.

Benchmark-Banane und bissiger Zipper

In die Tasche würden mindestens drei Bananen passen, aber ich suche eine bestimmte. «Sie wiegt kaum mehr als eine Banane und braucht noch weniger Platz in deinem Rucksack», heisst es in der Produktbeschreibung der Jacke. Tatsächlich wiegt sie 180 Gramm, was etwa einer mittelgrossen Banane entspricht, wie ich beim Testwiegen lerne.

Eine unschöne Eigenschaft teilen sich Südfrucht und Isolationsjacke allerdings: Kennst du diese widerspenstigen Bananen, die sich einfach nicht öffnen lassen wollen, weil die Schale nur zur Seite wabbelt? Bei der Jacke ist es der Zipper, der mich immer mal wieder zur Verzweiflung bringt. Er verbeisst sich gerne im sogenannten Untertritt – dem feinen Stoffstreifen hinter dem Reissverschluss, der vor Wind schützen soll. Weil mir das leider immer auf Kinnhöhe passiert, bin ich dann in einer Art Zwangsjacke gefangen. Was einigermassen demütigend ist, weil sich das Problem in dieser Lage schwer beheben lässt.

Manchmal dachte ich wirklich, ich muss mich aus der Jacke schneiden. (Szene nachgestellt).
Manchmal dachte ich wirklich, ich muss mich aus der Jacke schneiden. (Szene nachgestellt).

Mehrmals musste ich mir die Minaki Light gewaltsam über den Kopf zerren, um mich herauszuschälen. Das Problem ist bekannt aus Klassikern wie «Zur Hilfe, der Schlafsack klemmt» oder «Verbissene Bettwäsche – ein Reissverschluss macht Schluss». Aber knapp unter dem Kinn hört der Spass endgültig auf.

Und wieder eingeklemmt.
Und wieder eingeklemmt.

Überall, wo extrem dünner Stoff auf Zipper trifft, lauert die Gefahr. Jedes Mal denke ich mir: «Das passiert dir nicht noch mal.» Und dann passiert es wieder. Fair ist das nicht. Andere Dinge dagegen schon.

Fairness- und Öko-Aspekte

Nun krame ich die abgelegten Labels wieder hervor. Denn speziell bei Outdoor-Produkten war die Diskrepanz zwischen zur Schau gestellter Naturliebe und verwendeten Kunststoffen und Chemikalien lange gross. Inzwischen hat sich jede Marke Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Was das konkret bedeutet, ist oft nicht so einfach nachzuvollziehen. Ich probier's am Beispiel der Minaki Light mal kurz und knapp:

S-Café

  • Die verwendeten Materialien der Minaki Light sind zu 100 Prozent recycelt und die Wattierung hat einen S-Café-Anteil. Das bedeutet, es steckt Kaffeesatz darin, der durch ein spezielles Verfahren zu einem schnell trocknenden und geruchshemmenden Stoff für neue Produkte verarbeitet wird.
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    Trikots aus altem Kaffee für den «grünsten Club der Welt»

Eco Finish

  • Wasser- und schmutzabweisend wird die Jacke durch «Eco Finish». Sprich: PFC-frei, ohne schädliche Chemikalien. Das ist seit 2018 Standard bei Vaude.

Fair Wear

  • Fair Wear steht für gute Arbeitsbedingungen, faire Löhne und das Versprechen, beides weiter zu verbessern. Ein Klick zeigt mir, in welcher Fabrik in Vietnam die Jacke hergestellt wurde. Ein Check bei Fair Wear weist Vaude als «Leader» mit 91 von 100 möglichen Punkten aus. Andere bei Fair Wear engagierte Sportmarken sind zum Beispiel Haglöfs (Leader, 83 Punkte), Ortovox (Leader/77 Punkte) oder Mammut (Good/59 Punkte).

Grüner Knopf und Green Shape

  • Dann wäre da noch der Grüne Knopf (unter besonders hohen Sozial- und Umweltstandards gefertigte Textilien) und, als Bonus sozusagen, Green Shape – das hauseigene Aushängeschild, mit dem Vaude einen möglichst nachhaltigen Lebenszyklus seiner Produkte sicherstellen will.
Na, wie sieht eure Ökobilanz aus? Kühe werden inzwischen genauso kritisch beäugt wie die Outdoor-Branche.
Na, wie sieht eure Ökobilanz aus? Kühe werden inzwischen genauso kritisch beäugt wie die Outdoor-Branche.

Bislang nicht vermeidbare Emissionen bei Produktion und Transport werden über myclimate kompensiert. Die Labelflut illustriert das Problem: Es ist Detektivarbeit, sich eine fundierte Meinung bilden zu wollen. Bei Vaude stimmt für mich das Gesamtbild, wenn ich die einzelnen Aspekte genauer unter die Lupe nehme und die Indizien zusammenfüge.

Fazit

Am Ende bleibt ein Gefühl. Bei mir ist es gegenüber Jacke und Marke weitestgehend positiv. Die Vaude Minaki Light ist ein Teil, das du bedenkenlos einpacken kannst. Sie wiegt fast nichts, ist aus recyceltem Material, wärmt und bleibt trotzdem luftig. Nur beim Schliessen musst du kurz nachdenken. Das Zipper-Problem treibt mich von Zeit zu Zeit in den Wahnsinn. Ausserdem würde ich die Jacke zum Verstauen gerne in die Tasche stülpen und verschliessen können, aber darauf ist ihr Reissverschluss nicht ausgelegt.

Die Marke mag ich, weil sie nicht durch grosse Imagekampagnen auffällt und trotzdem alles andere als profillos ist. Wer wert auf Produktionsbedingungen und Öko-Aspekte legt, merkt schnell, dass die Informationen dazu längst nicht so dünn wie die Jacke sind. Für mich ist das ein dickes Kaufargument.

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Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.


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